Aus dem inneren Kreis

„Das Leben schreibt die schönsten Geschichten“, sagt der Dokumentarfilmer Marc Litz. In seiner Sportdokumentation „Bamberg. Welcome to Freak City“ erzählt er die Erfolgsgeschichte der Brose Baskets und begibt sich auf die Suche nach der Seele des Basketballphänomens „Bamberg“.

Kaum zu glauben: Aber hier, in der dörflichen Idylle des Coburger Landes passiert gerade Großes. Nämlich in einem Ortsteil von Untersiemau, bastelt, schraubt, dreht und feilt der Dokumentarfilmer Marc Litz  derzeit tage- und nächtelang an seinem Projekt. „Am 30. November ist Premiere im Cinestar in Bamberg“, sagt er, und seine Stirn legt sich dabei in Falten. Stress? „Etwas“, antwortet er kurz und knapp und fährt derweil mit der Maus über Tibor Pleiss, der auf der Rückseite eines RED Magazins den Gondoliere gibt und als Mousepad herhalten muss. Aus der Schnittsoftware des Acht-Kern-Rechners – normal sind zwei – flimmern mehrere Bildsequenzen. Litz braucht jede Menge PC-Performance, um die ca. 330 Stunden Rohmaterial ruckelfei bearbeiten zu können. Satte 12 Gigabyte Arbeitsspeicher versorgen seinen Schnittplatz mit viel Kraft für störungsfreie Bildbearbeitung. Gedreht hat der 26jährige natürlich mit einer Profikamera, die direkt am Rechner hängt. Daneben, ganz unauffällig, auch noch zwei schwere Canon Spiegelreflexkameras. Tolles Equipment! Was so ein Film wohl kostet? Litz spricht nicht gerne über Geld. Aber: „Die Brose Baskets  haben mich hier sehr unterstützt und mir Zugang zu ihrem Sponsorennetzwerk gewährt.“ So konnte Litz mehrere Partner für sein Filmprojekt begeistern. „Ohne Productplacement geht’s halt nicht“, sagt er. Aber auch die Bank hat ihm per Kredit bei der Vorfinanzierung geholfen. Ab dem 30. November, wenn der Film ins Kino kommt, muss er nun Geld verdienen.

Hinter Marc Litz liegt bereits über ein Jahr Arbeit, davon ca. sechs Monate tatsächliche Dreharbeiten. Aus dem schier endlosen Bildmaterial gilt es jetzt 90 Minuten zusammenzuschneiden. Die richtigen 90 Minuten selbstverständlich. Dabei hat er die Qual der Wahl:„Ich hab so viel unglaublich gutes und wirklich einzigartiges Bildmaterial. Daraus die richtigen und besten Bilder herauszufiltern ist nun die Herausforderung.“ Und dann muss das ja auch alles noch zusammenpassen, denn, „ich will ja eine Geschichte erzählen.“

Der innere Kreis

Ja genau, die Geschichte! Der Film mit dem Titel „Bamberg. Welcome to Freak City“ erzählt natürlich von den Brose Baskes, von den Coaches, zeigt faszinierende Aufnahmen aus dem „inneren Kreis“ des Teams und liefert tiefe Einblicke in das Herz einer Profimannschaft, die sonst nur jenen vorbehalten sind, die im Team oder eben nahe dran sind. Die Geschichte handelt aber auch und insbesondere von Menschen, die nicht nur auf ihre ganz persönliche Art und Weise mit dem Bamberger Basketball verbunden sind, sondern typisch für das Bamberger Basketballprojekt sind. Ob Kleinsponsor oder Fan: Sie berichten davon wie Basketball seit je her ein Bestandteil ihres Lebens war und bis heute geblieben ist. Und diese Verbindungen sind in der Gegenwart stärker denn je. Denn in seiner über 40jährigen Bundesligageschichte hat der Bamberger Basketball nun mit den Brose Baskets einen historischen Höhepunkt erreicht. Die Erfolge sind beispiellos. Von der nationalen Basketballhochburg der Universitätsstadt hat sich Bamberg im neuen Jahrtausend zu einem Basketballstandort der europäischen Spitzenklasse entwickelt, der auch in den Basketball-Metropolen Moskau, Barcelona, Madrid oder Athen längst ein Begriff ist. Dahinter steht freilich ein professionelles Management, aber auch eine ganze Region mit ihren Menschen, ohne deren Unterstützung und Begeisterungsfähigkeit dieser gigantische Erfolg nie möglich gewesen wäre. Was aber lösen die Brose Baskets in diesen Menschen aus? Was macht die Faszination der Brose Baskets aus?

“Dieses Team
haucht puren
Lebensmut ein”

Marc Litz begibt sich mit seinem Film auf die Suche nach der Seele des Bamberger Basketballs. Und er liefert beeindruckende Antworten. Er lässt ebenso beeindruckende Menschen zu Wort kommen, denen das Leben hart zugesetzt hat, die todkrank sind, aber für den Basketball, für dieses Team direkt aus dem Krankenhaus in die Stechert Arena eilen, um dort nicht nur sprichwörtlich ihr letztes Hemd für ihre Brose Baskets zu geben. „Für diese Menschen sind die Spieler wahre Helden. Dieses Team haucht puren Lebensmut ein“, sagt Litz. Und die Fans geben es zurück. Mit unerschütterlichem Glauben, versetzen sie Berge, wenn alle zusammengenommen ein mit Worten nicht beschreibbares Kraftfeld erzeugen, dessen Energie sich an jedem Spieltag in der Stechert Arena explosionsartig aus 7000 bis zur Heiserkeit schreienden Fankehlen entlädt und mit lautem Donnerknall, so als ob gerade ein Jet die Schallmauer durchbricht, ins Mark und Bein ihrer Helden auf dem Court, den Brose Baskets, eindringt. Zweifellos, es sind große Bilder, voller Anspannung, Freude und unendlich vielen Emotionen, die Marc Litz da zeigt. Auch von der Mannschaft. „Dank Chris Flemings Einverständnis, habe ich wirklich einzigartiges Material sammeln können. Aus der Kabine, beim Training, im Mannschaftsbus. Oder vor Spiel zwei im Finale gegen Ulm, als auf dem ganzen Weg vom Hotel bis zur Halle im Bus wirklich keiner auch nur ein Sterbenswörtchen gesprochen hat. Da hat man wirklich die Anspannung gespürt. Jeder war in sich gekehrt, Tunnelblick, volle Konzentration. Das sind unbeschreibliche Momente“, schwärmt Litz, der mit einem bisschen Stolz erwähnt, dass er der erste „embedded journalist“ war, der im Teambus mitfahren UND filmen durfte.

Von Grund auf elementar
Erst als er schon einige Monate in Bamberg am Film arbeitet, wird Litz wirklich bewusst, welche Bedeutung der Basketball für die Menschen dieser Stadt, dieser Region wirklich hat. „Die Beziehung zwischen den Fans und ihrem Team, den Brose Baskets, ist von Grund auf elementar“, hebt er hervor und fügt an: „Und darum geht es auch in meinem Film.“ „Es ist ein Film über das Team, das Drumherum, aber auch über die Fans und er ist vor allem eines: für die Fans. Sie haben aller ihre unterschiedlichen Geschichten, aber trotz verschiedenster Biographien, der Basketball eint sie alle. Das ist ein wunderbares Beispiel für die Kraft des Sports“, sagt Marc Litz. Der Autodidakt weiß, wovon er spricht. Denn mit „Herzblut“ hatte er vor vier Jahren bereits einen in der Branche und beim Publikum viel beachteten Dokumentarfilm über das Phänomen 1. FC Kaiserslautern vorgelegt. Dass er nun in Bamberg gelandet ist, überrascht vielleicht insofern wenig, als das Kaiserslautern und Bamberg in gewisser Weise gar nicht so unterschiedlich sind. Beides Kleinstädte in der Provinz, die für ihre jeweilige Region von enormer Bedeutung sind und in denen großer Sport geboten wird, der die Menschen begeistert. Ok, hey, aber da ist nun einmal Fussball und dann kommt ja in Deutschland lang nix. Wie und Warum also jetzt Basketball?

„Als Dokufilmer bist Du ja ständig auf der Suche nach neuen Geschichten. Die schönsten schreibt immer noch der Sport. Basketball habe ich regelmäßig auf DSF und Sport1 verfolgt und dort schon gesehen, dass die Spiele in Bamberg etwas besonderes sind.“ Auf dieser Suche ist Litz schließlich bei einem Spiel in der Stechert Arena gelandet. „Es war unglaublich. 7000 Menschen erzeugen so viel Lärm wie 40.000 in einem Fußballstadion. Das hat mich umgehauen. Und ich hab mich gefragt, wie geht das? Und vor allem, warum?“ – Das war der Anfang.

Und jetzt sind es also noch wenige Tage bis zur Premiere. Der Film ist indes noch lange nicht fertig. Litz ist noch am Schneiden und muss sogar noch die eine oder andere Szene drehen. Und als er von der Postproduction zu „Herzblut“ erzählt, bei der er vier Tage vor der Premiere noch mal alles übern den Haufen warf und der Film komplett neu geschnitten wurde, lächelt er ganz entspannt. So, als ob er eh schon ahnt, dass ihm das auch dieses mal passieren wird. „Das ist nun mal der kreative Prozess“, sagt Litz und betont: „Leidensfähigkeit und Leidenschaft liegen da immer ganz nah beieinander.“ Und wer gewinnt? „Bisher immer die Leidenschaft“, grinst er, während man selbst, angesichts des Premierentermines in wenigen Tagen, schon ganz hibbelig wird. Der Film! Der Termin! Die Zeit! Sie rennt! Man würde ihm ja gerne helfen, wenn man nur könnte. „Ach“, sagt Litz mit entspannungsmusikartigem Vibrato, „das wird schon.“ Na gut, er muss es ja wissen. Erst mal müsse er sich um die Location für die Premierenfeier kümmern. Ob ich was wüsste? Hmmmm. Mal überlegen. Die Filmmusik sei aber schon fertig. Aus dem Subwoofer dröhnt ein heftiger Bass, die Kaffelöffel in der leeren Tasse vibrieren im Takt. „Noch `n Tässchen?“ George, Rapper und Frontmann der Crossover-Band Souljam aus Trunstadt, reimt so was ähnliches wie „Wir brauchten keinen Michael Jordan, wir hatten Jens-Uwe Gordon.“ Geil. Das sitzt. Genau so wie die auf den Beat gelegten harten Gitarrenriffs. Der Hals nickt, der Fuss wippt, der Sound geht ins Ohr.

Und was kommt nach der Premiere? „Nächstes Jahr wird der Film wohl auf dem Hofer Filmfest laufen. Die haben schon angefragt.“ Diverse andere Filmfestivals seien in Planung. Ob „Bamberg. Welcome to Freak City“ bundesweit in die Kinos kommt? Einige Filmverlage haben jedenfalls bei ihm angeklopft. „Was dabei rauskommt, wird man sehen“, sagt Marc Litz, der bereits schon für das nächste Filmprojekt plant. Dann wird wieder Großes entstehen. Hier, in der Idylle des Coburger Landes.

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