Rumänien: Elitäre Cliquen in weißen Kitteln

Ein Land am Boden. Die Rede ist von Rumänien – es ist in einem maroden, desolaten Zustand. Allgegenwärtig: Korruption, Amtsmissbrauch, Bereicherung. Ein Teufelskreis. Im Südosten Europas nichts Neues? Doch. Einige wenige wehren sich gegen das nationale Dilemma. Unter ihnen auch ein deutscher Arzt, der sich in Rumänien engagiert, für Gerechtigkeit kämpft und erfolgreich praktiziert.

„Ich erzähle ihnen ja nun wirklich nichts neues“, sagt der deutsche Arzt, der weder seinen richtigen Namen noch seinen Wohnort in Rumänien nennen will. Er hat Grund zur Sorge. Aber der Reihe nach. „Korruption ist in Rumänien überall.“ Sie sei wie ein bösartiger Tumor. „Krakenhaft hat das postkommunistische Geschwür Wirtschaft, Wissenschaft, Medien sowie alle Ebenen der Gesellschaft und der Politik befallen. Das Land taumelt ohnmächtig von einer Schmutzkampagne in die nächste“, berichtet er.

Mit welchen Mitteln in Rumänien um Einfluss und Macht gekämpft wird, stellte erst die Polit-Farce des vergangenen Sommers – als Regierungschef Ponta Präsident Basescu per Referendum aus dem Amt befördern wollte – allzu deutlich unter Beweis. Der Imageverlust Rumäniens auf der EU-Bühne war und ist gewaltig. Die Mächtigen Rumäniens schert das indes recht wenig. Außenpolitisch ist man zwar darum bemüht die Wogen zu glätten. Nach innen wird jedoch weiter intrigiert, bestochen, korrumpiert und diskreditiert was das Zeug hält. Wenn man genauer hinschaut, ist das irgendwie auch gar nicht überraschend, genau deshalb aber umso unglaublicher. Mit einer an Größenwahnsinn grenzenden Penetranz gilt in der gesamten Gesellschaft das Postulat der maßlosen Bereicherung. Ganz selbstverständlich. Vor allem im Gesundheitssystem bekommt die Bevölkerung das im wahrsten Sinne des Wortes unmittelbar zu spüren.

„Diese Kultur der selbstverständlichen Bereicherung ist in Rumänien Usus“, sagt der deutsche Arzt. „Zusätzlich für eine Leistung zu zahlen, gehört hier zum guten Ton“, sagt er. Die Leute machen es ganz selbstverständlich. Und die oberen „nehmen“ ganz selbstverständlich. Auch im Gesundheitssystem. „Das ist ganz einfach so“, erklärt er.

Kontrolliert wird dieses System von einer Oligarchie, die im Hintergrund über Wohl oder Wehe ihrer Klientel entscheidet. Sie hält die Fäden in der Hand, kontrolliert Ausbildung, beobachtet Ärzte, das Gesundheitssystem und vor allem, wer wie viel vom Kuchen bekommt. Jeder kennt die Namen der grauen Eminenzen im Hintergrund, niemand traut sich sie öffentlich auszusprechen oder gegen die Schergen auszusagen. Die Angst ist zu groß, von diesen elitären Cliquen in weißen Kitteln, mit besten Kontakten und netzwerkartigen Verbindungen in die Schaltzentralen der Macht, in den Ruin getrieben zu werden. Noch trifft man überall auf eine Mauer des Schweigens. Berufsständische Moralvorstellung und ethische Verhaltenskodexe, zur denen sich natürlich auch in Rumänien die Ärzte per hippokratischem Eid verpflichten, davon ist die überwiegende Mehrheit der rumänischen Mediziner Lichtjahre entfernt. Ohne das gewisse zusätzliche „Etwas“, macht in Rumänien fast keiner dieser Ärzte den Finger krumm. Noch.

Vorzufinden sind indes wahre Prachtexemplare hochkorrupter Mikrokosmen. Mit fatalen Folgen für das Gesundheitssystem. Zwar wird die öffentliche Grundversorgung durch den Staat gewährleistet, die Krankenhäuser selbst sind jedoch in desolatem Zustand. Auferlegte Sparmaßnahmen der EU und selbst – durch Korruption – verschuldete Misswirtschaft verschärfen die katastrophale Situation weiter. Die Menschen haben sogar Angst davor sich in einem der über 400 Krankenhäuser behandeln zu lassen. Wer kann, geht im westlichen Ausland zum Arzt. So, wie die Eliten. Sie verlassen sich schon lange nicht mehr auf ihr eigenes Gesundheitssystem. Sie wissen, dass es marode ist, dass gepfuscht wird.

Ärzte und Pflegepersonal in den Krankenhäusern, sie alle nehmen „Sparga“ (Schmiergeld). Und selbst dann sind Patienten unhygienischen Umständen und der schlechten medizinischen Versorgung hilflos ausgeliefert. Auf die „Warum?“-Frage erntet man nichts als Abwinken. Denn jeder kennt die Antwort. Die öffentlichen Kassen sind leer. Und deshalb kann man es diesen Ärzten nicht einmal übel nehmen, dass sie das Schmiergeld einstecken. Denn sie verdienen fast nichts. Auf 1000 Patienten kommen zwischenzeitlich gerade mal zwei Ärzte, deren monatliches Durchschnittsgehalt bei ca. 300 EUR liegt. Die Folge: Mehrere tausend Ärzte, die Rede ist von alleine 1600 in 2012, haben das Land verlassen. In 2011 waren es gut 2000 Ärzte. Während der letzten fünf Jahre waren es insgesamt ca. 10.000 Mediziner, 75 Prozent von ihnen sind jünger als 40 Jahre. Sie praktizieren in Deutschland, England, Frankreich, Spanien, Schweden oder Italien. Zu deutlich besseren Konditionen. „Medizinisches ausbluten“ könnte man das auch nennen. Wahrhaft grausame Bedingungen in einem Land, in dem knapp 4% des Bruttosozialproduktes für das Gesundheitswesen ausgegeben werden. In Deutschland ist es das Doppelte. Zurück bleibt die rumänische Bevölkerung und eine medizinische Versorgung, die in Wirklichkeit keine ist.

Harter Gegenwind
Wie aber ausbrechen aus diesem System des chronischen Mangels, der Korruption und Bestechung? Geht das überhaupt? Gibt es Ärzte in Rumänien, die für eine faire Behandlung ihrer Patienten einstehen, die sich gegen diese Misere auflehnen?

„Korruption, Bestechung, Missgunst, Neid – all das ist hier in Rumänien auch über 20 Jahre nach der Revolution immer noch sehr stark ausgeprägt“, sagt der deutsche Arzt. „Und wer sich diesem System entziehen will, nach gerechten, sozialen und moralischen Regeln arbeiten und leben will, wer also aufräumen will und damit auch noch erfolgreich ist, dem schlagen Argwohn und Feindseligkeit entgegen.“ Und das bekommt er gerade deutlich zu spüren. „Um es mal vorsichtig auszudrücken: Mir bläst hier gerade ein harter Gegenwind ins Gesicht“, sagt er. „Man beobachtet mich schon eine ganze Zeit lang. Das weiß ich.“ Was sich wie ein Krimi anhört, ist Realität im Leben des Deutschen. Als er Anfang des neuen Jahrtausends eine Praxis in Rumänien eröffnet, macht er sich schnell einen Namen und bildet sich im westeuropäischen Ausland fort. Das Geschäft läuft gut und ruft Neider auf den Plan. Er hat das Aufsehen der etablierten mächtigen Ärzteoligarchie auf sich gezogen. Klar ist: Sie will mitverdienen.

„Ich bin nicht in Rumänien geblieben, um dieses Spiel mitzuspielen. Ich will hier was ändern“, sagt der Familienvater. „Die Cliquen sehen das natürlich anders. Sie sagen: Das war so, ist so und wird so bleiben. Sie sind der Meinung, dass es jetzt für mich an der Zeit ist, etwas zurückzugeben.“ Dabei hat er noch nie mitgespielt und wird es jetzt auch nicht tun. Denn, er glaubt an den Wandel in der rumänischen Gesellschaft und will als gutes Beispiel voran gehen. „Das sind wir unseren Kindern schuldig. Sie sind die Zukunft dieses Landes“, mahnt er. Worten lässt er Taten folgen. Er engagiert sich. Seine Frau engagiert sich. Seine Kinder engagieren sich. Sie stellen freiwillig Sozialprojekte auf die Beine, „in denen die Kinder lernen können, dass sich Werte wie Gerechtigkeit, Freiheit oder Gleichheit, aber auch gewisse zwischenmenschliche Umgangsformen wie Höflichkeit, Hilfsbereitschaft, Wahrhaftigkeit und Respekt für den Einzelnen durchaus lohnen und für alle Menschen in Rumänien schließlich zu einem besseren Leben führen“, ist er überzeugt. „Gerade in der rumänischen Gesellschaft, die immer noch nach archaischen Prinzipien funktioniert, ist dieses grassroot-development, diese Basisarbeit von unschätzbarem Wert für die gesellschaftliche Entwicklung des Landes auf dem Weg zu einer demokratischen Wertegesellschaft mit Substanz“, erklärt er. So wie es jetzt ist, „ist dieses Land von einer Hülle der Demokratie umgeben, die aber leer ist.“

Seine Mitarbeiter ermutigt und unterstützt er bei der Weiterbildung. Und mit seinem Team informiert er in eigenen kostenlosen Initiativen seine Patienten und alle, die Interesse haben, regelmäßig über Hygiene, leistet Aufklärungsarbeit, verteilt kostenlos Hygieneartikel, bietet kostenlose Untersuchungen sowie Behandlungen zu Sonderpreisen an. „Das ist hier dringend notwendig“, sagt er. Denn der Gesundheitszustand der Erwachsenen und Kinder sei katastrophal. Mit 729 Todesfällen je 100.000 Einwohner belegt Rumänien, nach Bulgarien, den zweiten Platz in Europa. Zum Vergleich: Deutschland liegt bei etwa 400 Toten. „Dagegen“, so der Mediziner, „muss man doch etwas unternehmen.“

Die korrupten Ärzteeliten interessiert das alles nicht. Im Gegenteil. Ausschließlich auf ihren eigenen Vorteil bedacht, sehen sie in der Gesinnung des Deutschen eine potentielle Gefahr für ihr System der Selbstbedienung, der Patronage, Bestechung und Geschäftemacherei. Freiwillig soziale Verantwortung zu übernehmen, sich zu engagieren oder gar Transparenz zu etablieren, das alles sind böhmische Dörfer für die Gegner des Deutschen. Deren Motivation sind alleine Geld und Macht, ihr Antrieb die pure Gier. Dafür schrecken sie vor nichts zurück. Und erst recht nicht vor dem deutschen Mediziner. “Einen von der Gegenseite inszenierten Prozess”, so vermutet er, hat er gewonnen. Jetzt schlägt er zurück und verklagte wiederum einen Patienten auf Zahlung seines offenen Betrages. Es ist das erste Mal. Der aber dreht nun den Tatbestand um und wirft ihm “Nichterfüllung” vor. In ein und demselben Prozess. Beim Blick auf die Details tun sich  dem Beobachter wahre Abgründe der rumänische Seele auf. Willkürliche Interpretation der Sachlage zur eigenen Vorteilsname, und das ohne jede rechtliche oder medizinische Grundlage,  das gehöre hier, wie gesagt, zum guten Ton. Mehr will er nicht sagen. „Zu gefährlich.“
Wenn aber selbst Regierungschef Ponta das Zertifizierungsgremium für akademische Titelvergabe (CNADTCU) per Anordnung aushebelt, weil es vorher gewagt hatte des Premierministers Promotionsschrift auf immerhin 85 Seiten als Plagiat zu identifizieren, ihm folglich also den akademischen Grad des Doktors aberkennen wollte, wundert es überhaupt nicht, dass auch auf lokaler Ebene munter drauflos opportuniert wird. So, wie gegen den deutschen Arzt, gerade mal knapp 1500 Autokilometer südöstlich von Deutschland, wo Verteidigungsminister demissionieren, weil sie abgeschrieben haben, wo Bundespräsidenten und Parteisprecher wegen versuchter Einflussnahme zurücktreten. Rumäniens moralfreier Regierungschef Ponta bleibt, Betrug hin, Betrug her, selbstverständlich im Amt. Er entzog dem Gremium schlichtweg die Zuständigkeit. Und Rumäniens Mächtige lachen sich wieder einmal kaputt. Die Liste der Verfehlungen ließe sich unendlich weit fortsetzen.

Auch der Deutsche kennt die Absichten seiner Gegner. „Die wollen mich hier raus haben. Ganz einfach. Am besten gleich aus dem Land“, gibt er zu verstehen. Aufgeben kommt für ihn nicht in Frage. Seine Gegenseite hat das scheinbar so nicht erwartet. Gut für ihn. Dennoch: Die Prozesse kosten Kraft. Und Nerven. „Die Gegenseite behauptet Dinge, die faktisch nicht wahr sind“, sagt seine Frau. Sie macht sich Sorgen um die Familie, die Kinder, ihren Mann, ihre Existenz. Denn sie glaubt noch nicht an eine wehrhafte und unabhängige Justiz. „Solange in Rumänien Richter direkt nach dem Studium ins Amt berufen werden, muss ich das für sehr fragwürdig halten“, sagt sie. Angesichts der auch in der Gerichtsbarkeit weit verbreiteten Korruption hält sie es für möglich, dass das Gericht, egal wie eindeutig die Beweislage ist, trotzdem im Interesse der Gegenseite entscheiden könnte. So ein Gericht ist vor diesem Hintergrund ein gefundenes Fressen für den Klüngel. Schließlich ist es in Rumänien nichts Ungewöhnliches, Druck auf Richter auszuüben. Denn selbst das Verfassungsgericht sah sich während der Staatskrise im Sommer 2012 mit massiven Beschuldigungen des Ponta-Lagers konfrontiert. Sogar von Morddrohungen war die Rede. Bei der EU gingen nach der Urteilsverkündung zur Unrechtmäßigkeit des Amtsenthebungsreferendums regelrechte Notrufe der rumänischen Verfassungsrichter mit der Bitte um Schutz für Leib und Leben ein. Die Autorität des obersten Gerichts blieb unangetastet. Angst machen diese ungeheuerlichen Vorgänge der Ehefrau aber trotzdem. Mit ihrem Mann ist sie sich indes einig: Sie wollen kämpfen. Denn der deutsche Doktor hat nichts Falsches getan. Weder medizinisch noch rechtlich haben sie gegen geltende Gesetze verstoßen.

Öffentlicher Druck als Gegenmittel
Dr. Raed Arafat ist ein enger Freund des Deutschen und seiner Familie. Er hat eine beeindruckende Karriere hingelegt. Seit er die Notfallmedizin in Rumänien revolutioniert hat, gilt er als Volksheld. Innerhalb von zwei Jahren hat er es geschafft die Todesfälle im Landkreis Tirgu Mures um 80% herunterzusetzen. Bis es aber soweit war, mussten sich Arafat und sein auf Privatinitiative gestarteter Notfalldienst SMURD zahlreicher Angriffe erwehren. Auf Grund seiner Sturheit, wie er in einem TedX-Talk-Video selbst von sich sagt, habe er sich gegen nicht enden wollende Anfeindungen durchgesetzt. Mit anhaltendem Erfolg. Wie keinen anderen verehren die Menschen Arafat. Und das machte ihn auch für die Mächtigen aus der Politik zur strategischen Figur. Seine Politiklaufbahn gleicht einer Achterbahnfahrt. Als Staatssekretär im Gesundheitsministerium feuerte Präsident Basescu Arafat – per Telefonanruf und live, vor laufenden Fernsehkameras. Arafat hatte in einer Talkshow das Gesundheitssystem Rumäniens kritisiert. Auf politischen und öffentlichen Druck hin wurde er wieder zurückberufen. Anfang November 2012 bot man ihm dann sogar die Stelle des Gesundheitsministers an, er lehnte aber ab, weil er weiter als Mediziner arbeiten wollte. Es scheint als ob Arafat das Gröbste hinter sich hat. Aber wer weiß das schon in Rumänien, dem Land der „unbegrenzten Möglichkeiten“.

Hat auch seine schönen Seiten: Rumänien.

Dass Arafat sich durchgesetzt hat, halten der deutsche Arzt und seine Frau für ein sehr gutes Zeichen. „Er ist ein Vorbild für die Menschen, ein integerer Mann. Das findet man in Rumänien wirklich selten“, sagen die beiden, aus denen so etwas wie Bewunderung für sein Durchhaltevermögen spricht. Sie wollen da durch, wollen wie Arafat ein Zeichen setzen und gegen Unrecht und für Gerechtigkeit kämpfen. Auch deshalb wären Kontakte zu westlichen Medien goldwert. Und auch deshalb haben sie eine Transparenz-Bewegung ins Leben gerufen. „Einige Ärzte haben uns schon ihre Zustimmung signalisiert und wollen mitmachen“, sagen sie. „Es ist ein Anfang.“ So wie an den Universitäten des Landes. Dort wächst eine junge Generation von Ärzten heran, die nicht unter solchen Bedingungen arbeiten will. „Das alles“, sagt der deutsche Arzt, „macht uns Hoffnung.“

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