Türkei: Jenseits des Angst-Levels

Mutige Aysim ...

Mutige Aysim …

Es ist lange her seit Aysim Altays letzter Kontaktaufnahme. In der Türkei ist seither viel passiert. Der Gezi Park wurde wieder eröffnet. Dabei kam es wieder zu Polizeiübergriffen auf die Demonstranten. Tränengaspatronen wurden auf die Menge abgefeuert, Wasserwerfer kamen zum Einsatz. Stoppen lassen sich die Demonstranten dadurch nicht. Der Protest geht weiter. Im Fastenmonat Ramadan treffen sich die Türken an öffentlichen Plätzen zum gemeinsamen Fastenbrechen und bringen so ihren Protest zum Ausdruck. Auch Aysim ist unter ihnen. Im Interview mit ennsspheres.net äußert sie sich zu Erdogan, seinen Wiederwahlchancen und darüber, was in den letzten Tagen und Wochen in Istanbul und der Türkei passiert ist.

? Aysim, Du hast mich während der vergangene Wochen über facebook mit Informationen aus Istanbul versorgt. War das für Dich persönlich gefährlich?

Aysim: Es hätte gefährlich sein können und kann es immer noch sein. Die Regierung will alles kontrollieren, auch das, was jeder einzelnen in der Türkei sagt und schreibt. Sie gehen auch gegen die Social Medias wie Twitter und Facebook vor. Viele Menschen wurden beispielsweise wegen ihrer twitter-Postings verhaftet.

? Du warst auch unter den Demonstranten. Wie war das? Was sind Deine persönlichen Erfahrungen?

Aysim: Wie Du sicher weißt, ging bei den Protesten ursprünglich um ökologische und architektonische Fragen. Die Menschen waren im Gezi Park, um die Behören daran zu hindern die Bäume zu fällen und gegen den Bau der Shopping Mall zu demonstrieren. Daraus ist jetzt ein Protest gegen die antidemokratische Regierung und die Einschränkung von persönlichen Freiheiten geworden. Ich war einer dieser Demonstranten, die gegen die Regierung und für unsere Freiheit eingetreten sind. Was ich gesehen habe war, daß Menschen mit unterschiedlichem Glauben, mit verschiedenster politischer Gesinnung, jeden Alters und aus unterschiedlichsten Landesteilen gegen all das demonstriert haben. Und ich habe gesehen, dass die Polizei gegen all diese Menschen mit Gewalt vorging, ob Sie nun singend, laut schreiend, still stehend, lesend oder gar Blumen verteilend demonstrierten. Menschen wurden ohne jeden Grund verhaftet. Selbst wenn man eine Gasmaske getragen hat, um sich vor dem Tränengas zu schützen, wurde man einfach verhaftet, manchmal hat auch das Tragen einer türkischen Flagge ausgereicht. Sie haben behauptet, das diese Mensche Terroristen seien. Aber es waren einfache Menschen wie Du und ich auf dem Taksim Platz und im Gezi Park. Wir sind keine Anhänger einer illegalen Gruppe. Das einzige, was uns antreibt, ist unser freier Wille. Und ich bin Augenzeuge dessen, was ich hier sage.

? Die Türkei erscheint dieser Tage als ein gespaltenes Land. Auf der einen Seite die Erdogan-Anhänger, auf der anderen Seite die “Generation Gezi”. Wie wollen die Gezi Park Anhänger die anderen davon überzeigen, dass ihr Weg der richtige und gute Weg ist?

Aysim: Das stimmt. Das Land ist geteilt in zwei große Gruppen. Wahrscheinlich sind es sogar noch mehr. Welchem Glauben man angehört, ob man an den säkularen Staat glaubt oder, ob man Atatürk-Anhänger  ist oder nicht, all das spielt im Grunde eine Rolle. Momentan sieht Erdogan aber nur jene, die ihn unterstützen und jene, die das nicht tun. Er hat die aktuelle Teilung der Türkei selbst forciert, indem er immer wieder Lügen über das, was seit Ende Mai in Istanbul und anderswo in der Türkei passiert ist, kommunizierte. Selbst wenn das Gegenteil bewiesen wurde oder bewiesen ist, er setzt seine Strategie der Lüge ohne Zögern fort. Er nannte uns „Capulcu“ (Plünderer) und sprach immer nur von „ihnen“, „denen“ oder „sie“. So trennte er die Demonstranten von seinen Anhängern und zog eine „ideologische Grenze“ durchs Land, die auf Lügen basiert. Diese Lügen versuchen wir nun aufzudecken, indem wir jedem Menschen, den wir erreichen, erklären, was tatsächlich passiert ist und dass Menschen ohne jeden Grund verhaftet wurden, dass Menschen getötet wurden. Wir kaufen Zeitungen, die nicht zensiert sind und legen sie an öffentlichen Plätzen aus. Wir organisieren Diskussionsforen und laden die Menschen dazu ein, ihre Fragen dort zu stellen und zu diskutieren. Wir stellen Eingaben an Behörden. Darin berichten wir von Tatsachen und fragen immer wieder nach unseren Rechten. Wir organisieren öffentliche Abendessen in den Straßen und laden Menschen an unsere Tische ein. Während des Fastenmonats Ramadan praktizieren wir gemeinsames „Fastenbrechen“ – in der Öffentlichkeit. Wir schreiben Protestsongs, wir dokumentieren alles auf Video und stellen das Material auf Youtube der Öffentlichkeit zur Verfügung. Das ist besonders wichtig. Denn viele Zeitungen und TV-Stationen sind in der Hand der Erdogan-Partei AKP und werden zensiert. Sie nutzt ihre Macht aus, ohne Zögern.

? Bei den Demonstrationen ging is ja nicht mehr alleine um die Gezi Park-Bebauung. Der Gegenstand der Proteste war ja im weiteren Verlauf viel breiter angelegt. Die Menschen demonstrieren nicht mehr nur für den Erhalt des Gezi Parks, sondern für generelle Freiheiten. Wieso haben die Menschen dann Erdogan abermals gewählt, obwohl er die allgemeine Deutungshoheit über alle politischen Inhalte für sich beansprucht, Medien zu linientreurer Berichterstattung zwingt und persönliche Freiheiten per Gesetzt einschränkt ? Hätte so ein Konflikt wie dieser nicht lange vorher vermieden werden können?

Aysim

Aysim

Aysim: Ich denke, ja, der Konflikt hätte vermieden werden können. Aber es gibt viele Gründe, warum es so passiert ist, wie es passiert ist. Es gab viele, ich nenne es mal „abnormale“ Situationen, die vor und während der Wahlen passiert sind. Stimmen wurden gekauft, indem beispielsweise im Winter kostenlos Kohle oder Nahrung an arme Menschen verteilt wurde. Und, es ist kaum zu glauben, selbst geisteskranke Menschen wurden für die AKP instrumentalisiert und haben ihre Stimme – natürlich für Erdogan – abgegeben. Wer tut sowas? Erdogan macht vor nichts Halt. Auch tote Menschen ließ er für sich wählen. Und es ist sogar von merkwürdigen Zufällen während der Wahlen die Rede, die das Ergebnis beeinflusst haben sollen. Plötzliche Stromausfälle sollen eine Auszählung für die AKP begünstigt haben.
Und neben all diesen abstrusen Vorkommnissen hat er die Religion für seine persönlichen politischen Absichten genutzt. Er nannte Menschen, welche die Trennung von Staat und Kirche befürworten, Atheisten, was natürlich völliger Quatsch ist. Aber, so hat er es geschafft die türkische Gesellschaft zu teilen. In eben jene „Atheisten“ und jene religiösen Menschen. Offensichtlich waren die Menschen naiv genug zu glauben, dass Erdogan ein Demokrat ist. Und es gibt immer noch Diskussionen darüber, ob das eingesetzte elektronische Wahlsystem tatsächlich fair ist.

? Im Umgang mit der neuen protestierenden Generation in der Türkei stellt Erdogan sich recht ich nenne es mal ungeschickt an …

Aysim: Du kannst Dir nicht vorstellen was auf den Straßen passiert. Es gab endlos viele gewaltätige Übergriffe auf die Demonstranten. Sie wurden brutal geschlagen. Es wurden sogar Chemikalien eingesetzt, die Verbrennungen hervorrufen. Davon existieren viele Videos und Fotos.

Tote bei Gezi Park Protesten

Tote bei Gezi Park-Protesten (Foto: occupygezipics.tumblr.com)

? Vor mehreren Tagen ist Ismail Korkmaz, der in Eskisehir von der Polizei angegriffen wurde, aus dem Koma nicht mehr erwacht und gestorben. Medienberichten zu Folge hätten die Toten und Verletzten, die im Zuge der Demonstrationen zu beklagen waren, vermieden werden können, wenn Erdogan das Zugeständnis eines Referendums zum Gezi Park rechtzeitig geäußert hätte. Glaubst Du das auch? Oder wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen, wann die Menschen auf die Straße gehen und dort auf die Polizei getroffen wären?

Aysim: Die Toten und Verletzten hätten alle ganz einfach vermieden werden können, indem man zunächst einmal unschuldige Menschen, die in ihren Zelten geschlafen haben, nicht attackiert hätte. Und: Indem man keine „illegalen“ Gebäude im Gezi Park baut. Ich verwende bewusst das Wort „illegal“, denn eine Gerichtsentscheidung, die eine Bebauung des Gezi Parks für nicht rechtens erklärt, gab es längst – weit vor dem Ausbruch der Polizeigewalt. Dieses Gerichtsurteil wurde vor der Öffentlichkeit geheim gehalten. Vor diesem Hintegrund waren die ganze Polizeiaktionen natürlich völlig unangemessen und sie befanden sich ausserhalb jeder Legalität. Ein Referendum wäre insofern natürlich keine Lösung gewesen. Das Gericht verbietet es, im Gezi Park ein Gebäude zu errichten. Punkt.

? Was für ein Mensch ist Erdogan? Wie schätzt Du ihn ein?

Aysim: Er ist arrogant und er ist zweifellos mit einem großen Ego ausgesattet. Er verschließt sich jeder Kritik oder Idee, die von außen an ihn herangetragen wird. Ich denke, er fühlt Hass. Er liebt es, immer Recht zu haben und er ist ein Kontroll-Freak. Scheinbar hat er schwere psychologische Probleme. Vielleicht hat er nie genug Liebe erfahren. Deshalb kann er so etwas auch nicht fühlen. Und deshalb geht er so herzlos gegen die Türken vor.

? Du hast von dem Gerichtsurteil gesprochen, welches die Bebauung des Gezi Parks abgelehnt hat. Wie kam es zu dieser doch Erdogan-feindlichen Entscheidung?

Aysim: Glücklicherweise gibt es noch Gerichte, die Entscheidungen fällen, die nicht Erdogans Politk favorisieren. Die Wahrheit könnte auch eine andere sein: Die Richter haben nicht mehr so große Angst vor ihm, als vor den Protesten.

? Ist das vielleicht der Anfang vom Ende der Regierung Erdogan?

Aysim: Irgendwie sieht es so aus, als ob er Macht verliert. Noch aber hebelt er jede Institution, die ihn und seine Politik blockiert, aus, indem er ihr per Gesetzt das Recht und die Macht entzieht – so, wie der türkische Anwaltskammer.

? Welche Konsequenzen für ihre zukünftige Arbeit zieht die “Taksim Solidarität” aus der Rettung des Gezi Parks ? Wie geht es weiter?

Aysim: Richtig, es sieht so aus, als ob der Gezi Park gerettet ist. Aber anderswo in der Türkei werden in Parks immer noch Bäume gerodet. Und tagtäglich passieren immer wieder Ungerechtigkeiten. Menschen werden einfach so festgenommen. Vor allem die Mitglieder der „Taksim Solidarität“ sind das primäre Ziel der Polizisten. Sie werden rechtlich wie Terroristen behandelt. Das hat Methode. So kann die Polizei Mitglieder der „Taksim Solidarität“ einsperren. Das ist schon mit mehreren passiert. Die Menschen verschwinden in den Gefängnissen. Die Aussicht als „Terrorist“ ins türkische Gefängnis einzuwandern soll jene, die noch protestieren, davon abschrecken auf die Straße zu gehen. Aber die Menschen sind zwischenzeitlich über dieses Angst-Level hinaus. An vielen Universitäten protestieren die Studenten gegen die Regierung und gegen Erdogan.

? Stichwort “Ziviler Ungehorsam”: Ob Türkei, Brasilien oder Ägypten, er scheint das weltweite Korrektiv gegen autoritäre oder korrupte Regierungen zu sein.

Aysim: Der Glaube, dass wir, dass Menschen wie du und ich etwas verändern können, ist eine gemeinsames Merkmal der „Generation Y“. Wir, die ältere Generation, zu der ich mich auch zähle, schulden diesen jungen Menschen viel. Und wir werden mit ihnen sein. Ganz gewiss.

? Gibt es eine Zukunft für die Erdogan-Regierung? Mit welchem Ergebnis rechnest Du bei den nächsten Wahlen?

Aysim: Wenn es eine faire Wahl geben wird, hat Erdogan keine Chance!

? Aysim, wie werden die Proteste für dich persönlich weitergehen? Wirst Du wieder raus auf die Straße gehen?

Aysim: Sicher. Ob auf der Straße, um die Demonstranten zu unterstützen, ob abends beim öffentlichen Fastenbrechen oder, um einfach nur mit Menschen zu sprechen oder einfach, um darüber zu schreiben, so wie ich Dir geschrieben habe – ich werde auf jeden Fall mit meinen Leuten, mit meinem Volk raus gehen. Erst heute morgen hat die Polizei bei Hausdurchsuchungen gut 30 Personen festgenommen, die meisten von ihnen Studenten. Der Grund: Sie haben Kinder unterrichtet. Und das duldet Erdogan nicht. Er will keine andere Stimme hören, als seine eigene. Deshalb gehe ich auf die Straße.

? Vielen Dank für das Gespräch, Aysim, und pass’ auch Dich auf.

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