Wieder England

Wieder EnglandWieder auf die Insel. Wieder nach England. Das Programm: Mächtig. Die Zeit dafür: Knapp. Das Logbuch. Samstag. Verdammt warm, nein, heiß. Gegen 13:00 Uhr geht es auf die Piste. Bei unmenschlichen Temperaturen. D.h.: Trinken, trinken, trinken. An diesem Tag gut vier Liter. Bei dieser Hitze wird auch der Motor heiß. Die Lösung: Heizung an und Gebläse auf. Kein Scherz. Das senkt die Temperatur im Maschinenraum. Geheime Shaolin-Kampftechnik unter Merdcedes-Fahrern. Nur der Abend und die Nacht bringen Abkühlung auf dem Weg Richtung Calais. Sonntagmorgen um 1:20 Uhr geht die Fähre nach Dover. Erste Station: Autobahnraststätte nördlich von London. Dort vier Stunden Schlaf, danach eine Dusche und ein kleines Frühstück.

Cider … das geht gar nicht

Dann: Henlow. Dieses Mal allerdings ohne Übernachtung, denn die Zeit drängt. Von Henlow gleich weiter nach Leicester, Peterborough und Sheffield. Kundenakquise. Von Sheffield über den Snake Pass, © By Paul Anderson, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12955578Snake Pass nach Glosop. Die Strecke ist wunderschön. Hier, im Peak District, einem Naturschutzgebiet der Grafschaft Derbyshire, wechseln sich Hügel und Täler ab. Guter Tipp, hier lang zu fahren. Alles sehr einladend, saftig grüne Natur und zum Wandern und/oder Mountainbiken bestimmt eine sehr spannende Gegend. Allerdings sind die Straßen sehr eng. Mit dem Trailer ist das oftmals eine haarige Angelegenheit. Schließlich gegen halb neun abends Travellodge in Glossop, vor den Toren Manchesters. Check-In und dann schnell in den Pub, Essen fassen. Ich glaube, ich bestelle Bier, als ich auf den Zapfhahn mit der Aufschrift „Golden“ deute. Es kommt … Cider. Das geht gar nicht. Schmeckt wie Essig oder “umgekippte” Weinschorle. Missverständnis. Ich zahle das Cider, lasse das volle Glas stehen und bestelle Bier. Besser is’ das.

Dienstag: Besuch bei Glenn. In Preston. Glenn (thanks a lot for guiding us and for the shirt, Glenn!) verkauft britisches Bier und ist Scout für den F.C. Everton. Ein Mann wie ein Baum. Dazu glänzt seine Glatze im Sonnelicht. Man könnte Angst bekommen. Aber, wie so oft im Leben, der erste Eindruck täuscht. Glenn ist saunett. Und oft in Deutschland. Auch in Bamberg. Jedenfalls: Besichtigungstermin. Denn Glenn kennt leerstehende Pubs. Insgesamt sind es vier. Mit Glenns Ford Focus richtig flott durch Preston, von Pub zu Pub, während er ständig Anrufe von Coaches oder anderen Scouts wegen irgendwelcher Spieler bantwortet. Das macht Spass! Die Gegend schön, genauso wie manche Pubs – und manche Pubs eben nicht.

Am Tresen kommt man mit den Menschen ins Gespräch.

Weiter nach Burnley und schließlich nach Southport, zu Peter Bardsleys Beer Shop auf der Lord Street. Ausladen. Dann: Freizeit. Z.B. bei zwei Pints jener Biersorte, die Peter Bardsleys Bruder selbst braut. Lecker. Am Tresen kommt man mit den Menschen ins Gespräch. Über, klar, Bier und darüber, was man so im Leben „for a living“ gemacht hat oder noch machen will. Nette Leute. Auch Colin, vor allem ein eingefleischter ManU-, aber auch Bierfan. Bei seinem Besuch in Bamberg vor wenigen Wochen hat er über 30 Seidla-Krüge gekauft. Beachtlich, so viel Leidenschaft für „Biergüter“. Lakeside Inn, Southport Lakeside Inn, SouthportWir treffen uns am Abend erneut. In Englands kleinstem Pub: dem Lakeside Inn, in Southport. Und quatschen. Und trinken. So ist das hier in England. Schnell erfahren wir: Liverpool geht gar nicht. Das liegt am Fussball. „Die Reds sind eine Schande“, sagt Colin. Oder so ähnlich. Seine Miene verzieht sich so, als ob er gerade etwas Ekliges gegessen hat. Er schneidet wirklich üble Grimassen, wenn die Rede auf Liverpool fällt. Pure Verachtung. Ich wollte ihn noch fragen, wie das denn sei, wenn all die und noch mehr Clubs, die er so hasst – denn, anders kann man Colins Form der Geringschätzung nicht nennen – gar nicht mehr in der Premier League spielen würden? Dann hätte Manchester keine Gegner mehr und es gebe keinen Grund, Fantrikots und Dauerkarten zu kaufen. Nun, ich hab es nicht getan, denn irgendetwas an diesem Abend sagte mir, stelle einem ManU-Fan nie solche (philosophischen) Fragen. Colin ist aber insgesamt sehr nett. Abstriche bei der Toleranz kann man hinnehmen, wenn man persönlich kein Liverpool-Fan ist, obwohl die Fans so schön „You’ll never walk alone“ singen … (da hat mich Colin richtig böse angeschaut! Uiuiuiui!)

Zum Be- und Entladen der Schiffe benutzt man in Liverpool jetzt automatisierte Krans. Zu tausenden verlieren die “Docker” ihren Job.

Sehr bekannter Pub in Liverpool: Ship & MitreLiverpool. Bierlieferung im “Ship & Mitre”, einer der bekanntesten Pubs der Stadt. 2008 war Liverpool Europas Kulturhauptstadt. Hört, hört! Und: Liverpool ist schön. Überraschend schön, weshalb die Stadt an der Wesküste Englands vor gut 5 Jahren auch, richtig, Europas Kulturhauptstadt war. Denn, klassischerweise denkt man bei Liverpool an eine typische englische Hafen- und Industriestadt. Schäbig, schmutzig, schmuddelig. Mir ging es jedenfalls so. Ganz unrecht habe ich damit nicht. Zumindest in der Vergangenheit. Da hatte man hier wenig Wert auf ein sauberes und ansehnliches Stadtbild gelegt. Aber seit 2008 hat sich Liverpool fein gemacht. “Alles glänzt. So schön neu!” Steht der Stadt gut zu Gesicht. Ich sehe viele alte Gebäude, teilweise sogar römischer Prägung. Klar: Entlang der heutigen englisch-schottischen Grenze markierte der Hadrianswall die nördlichste Grenze des Römischen Reiches. Und wie sollte es anders sein: die UNESCO griff sich den Hadrianswall und ernannte ihn zum Weltkulturerbe, bevor es der sich anders überlegen konnte!

Direkt an der schönen Liverpooler Waterfront gibt es ein Museum, in welchem auch die Liverpooler schlechthin “zu Wort kommen”: Nein, nicht die Beatles, sondern die Dock-Arbeiter – oder einfach nur „Docker“, wie der Liverpooler sagt. Es ist eine typische Geschichte, die da erzählt wird. Hier in England, der Wiege des Kapitalismus, fallen schließlich auch die „Docker“ diesem Wirtschaftssystem zum Opfer, welches nur so lange durch und mit menschlicher Arbeit funktioniert, solange Arbeitskraft billiger ist als Technologie. Mit anderen Worten: Durch das Aufkommen der modernen Containerschifffahrt, folgen Entlassungen der Dockarbeiter. Zum Be- und Entladen der Schiffe benutzt man jetzt automatisierte Krans. Zu tausenden verlieren die Docker ihren Job. Über 10.000 Männer müssen zwischen den 1960er und 1980er Jahren ihre Arbeit aufgeben. Keiner scheint zu fragen, was aus ihnen und ihren Familien wurde. Und doch wird ihre Geschichte im Museum erzählt. Zahlreiche Exponate und Biographien berichten von der Historie der „Liverpool Docks“. Heute ist man stolz auf die Dockarbeiter und deren Vergangenheit. Sie gehören zu  dieser Stadt. Immer noch. Genauso wie die Beatles. Oder der Song „Liverpool Docks“ von Smokie, der mir dazu einfällt. Der erzählt davon, wie es manchmal in den Docks zuging, welche Menschen dort lebten. Es war nicht ungefährlich dort. Ob das Lied allerdings von einen Dockarbeiter handelt, der seinen Job verliert, daran verzweifelt und zu allem bereit ist … man weiß es nicht. Beim Lesen des Textes könnte aber genau dieser Eindruck entstehen, wenn man bedenkt, dass der Song aus den späten 1970er Jahren stammt. Es waren auf jeden Fall harte Zeiten, damals in Liverpool.

Once knew a man who thought he was another guy, he was livin’ a lie.
He took a chance by roaming the streets in the night,
Till he learned how to fight.
He met trouble one night, another man with his wife.
So he brought out his knife,
didn’t mean to take his life.
Now he’s got to get away, hear him say.

I’m going down to the Liverpool Docks,
Try to hitch a ride, ain’t gonna break no rocks.
And I never had a friend, I never needed one.
I’m going down to the silvery sea,
I’m gonna go some place where they won’t find me.
And maybe I can go where I won’t ever have to come
back again.

Und es gibt noch viele Songs, die über Liverpool geschrieben wurden. Den Welterfolg “Ferry cross the Mersey” aus dem Jahr 1965 – der “Mersey River” mündet bei Liverpool ins Meer – beispielsweise, von Gerry and the Pacemakers, kennt jeder. 1989  wurde der Song zu Gunsten der Opfer der Stadionkatastrophe von Hillsborough neu aufgenommen. Aus der Feder von Gerry Marsden stammt übrigens auch die Fußballhymne “You’ll never walk alone” (Sorry again, Colin).
Liverpool Downtown. Ich bummle durch die Straßen. Dabei komme ich auch im „Liverpool F.C“ Fanshop vorbei. War ja klar. Gigantisch, was und wie viel die hier verkaufen. Colin erzähle ich besser nichts davon.

Industriehalle in der Hulme Street

Tag 3: Fahrt nach Cardiff. Mehrere Zwischenstopps in und um Manchester unterbrechen die Reise. So auch der Halt in Salford, einem Stadtteil Manchesters. Erst spät „entdecke“ ich diese alte Industriehalle (oder Werkstatt) und luke vorsichtig durch das halboffene Tor. Graffitis an den Wänden, das Dach ist längst kein Dach mehr, ganze Bäume wachsen im Inneren, und ein Graben zeugt davon, dass in dieser baufälligen Halle früher wohl auch Trucks gewartet wurden. Ich schieße ein paar Fotos, denn die Halle hat irgendwas. Ich weiß nicht was … verlassen, verfallen, beinahe mystisch … vielleicht liegt es aber einfach nur an den Graffitis. Weiterfahrt. Bis ins hübsche Städtchen Stroud. Hier ist, nach langem Suchen, einfach kein freies Bed’ n Breakfast zu finden. Also zum nächsten Rastplatz auf der Autobahn. Schnell noch was bei KFC essen, danach zwei Bier und dann: Schlafsack. Im Auto. Geht auch. Und das sogar sehr gut.

Im “Chapter” läuft das Geschäft mit fränkischem Bier”

Chapter, Cardiff Cardiff. Bei Dave und Paul im „Chapter“. Ich kenne die beiden schon von der letzten Tour. Wirklich nette Jungs. Und das Geschäft mit dem fränkischen Bier scheint zu laufen, denn auch dieses Mal bleibt der Großteil der Ladung in Cardiff. Und die nächste Bestellung fürs „Octoberfest“ ist schon in trockenen Tüchern. Nach dem Entladen und wieder Beladen, sind Anhänger und Van wieder voll. Mit Leergut. Noch eine Kleinigkeit essen (Thanks a lot Dave, for the lunch at Chapter!) bevor es zurück Richtung Dover geht.

Coastguard, Dover Um 7 Uhr abends dann „Coastguard“. Ein lauer Abend an der englischen Küste. Der Laden ist voll. Nach getaner Arbeit esse ich zu Abend und lege mich dann auf eine Bank am Beach. Schöne Stimmung. Eine warme Brise weht vom Meer herein, ich auf der Bank, das Rauschen der leichten Brandung. Sommer in England. Gibt es auch. Es braucht nicht viel um zufrieden zu sein. Und um einzuschlafen.

Die Fähre wartet. Übersetzen. Fahrerwechsel bis zur deutschen Grenze, dann übernehme ich wieder. Nach Köln dann: Stau. Ein dicker Stau. Drei Stunden fast Stillstand. Es ist jetzt Mittag und die Hitze ist gnadenlos. Der Asphalt flimmert. Ich schätze 40 Grad. Locker. Und: Wieder wird der Motor heiß. D.h.: Wieder Heizung an. Und trinken, trinken, trinken, irgendwie bis Bamberg durchschlagen …

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