Jerusalem: Im Rausch der Extreme

Klagemauer

Klagemauer

Jerusalem: So viele Eindrücke, so viele Impressionen. Dem Rausch dieser Stadt kann man sich nicht entziehen. Am Ende des Tages sitzen wir erschöpft auf den Treppenstufen der Zitadelle und beobachten die orthodoxen Juden beim Gang zum Sabbat-Gebet. Und dann haben wir eine Begegnung mit D.C., die uns in den Abgrund führt.

Weniger Stufen, dafür höher steigenWir beginnen mit einem Mauerspaziergang. Eine etwas ungewöhnliche Art, die Altstadt Jerusalems zu entdecken. Für 16 Schekel pro Nase erklimmen wir beim Yaffa Gate die Stadtmauer. Immer wieder geht es steil bergauf und ebenso steil bergab. Dazu sind die Treppenstufen deutlich höher als gewöhnlich. Das liegt möglicherweise daran, dass man früher eben nur einheitliche Steinquader gehauen hat. Denn Quader zu hauen, war damals Schwerstarbeit. Standardisierung war gefragt. Steinsägen? Gab es nicht. Manchmal hat man wirklich Einfälle, wenn man auf einer Mauer läuft …

Die Perspektiven von hier oben sind wirklich einzigartig. Vor allem am Sabbat. Einerseits Hinterhofimpressionen und Idyllen der Ruhe im jüdischen Teil der Altstadt, andererseits das pure Stadtleben im arabischen Jerusalems. Ein Kontrast, der seine Wirkung auch bei uns hinterlässt. Da sitzen zum Beispiel moslemische Arbeiter bei der Mittagspause. Sie essen. Die Wurst auf dem Tisch fällt mir sofort auf. Wurst. Haben wir seit unserer Ankunft in Israel nicht gehabt.

Am Herodes Tor verlassen wir die Stadtmauer und steigen hinunter ins Moslemische Viertel der Altstadt. Wir sind offensichtlich in der “Metzger”-Straße. Ganze Lämmer hängen da im Schaufenster, die Fleischtheken sind prall gefüllt, das Leben auf der Straße ist voll im Gange. Wenn da nicht immer wieder die Schüsse wären. Wir reden uns ein, es seien nur Böller. Sie sollen den Sabbat der Juden stören. Immer wieder sind sie zu hören. Die Menschen bleiben ruhig. Wir tun es auch, schauen uns aber trotzdem mit fragenden Gesichtern an …

Station 1 von Jesu Kreuzgang ...

Station 1 von Jesu Kreuzgang …

Via Dolorosa, der Kreuzweg, Crossroads oder Jesus Christus’ “Walk of Fame” – anders kann man diese Straße, nein, Gasse nicht nennen. Das Menschengedränge wird dichter und dichter. Vor der Station Nr. 1, dem Haus von Pontius Pilatus, wird der erste Höhepunkt erreicht. Bemerkenswert: In unmittelbarer Nachbarschaft plärrt der Muezin und lädt zum Mittagsgebet. Pilgergruppenweise strömen die Menschen hinein. Größtenteils Frauen, die ehrfürchtig Kruzifixe in den Händen halten. Während sie von Station zu Station laufen, singen und beten sie. Auch jene Gruppe, die jetzt das Haus betritt. (Das hört sich jetzt komisch an:) Es wäre unglaublich, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. Dann beginnt der Tumult. In der Kiche, in der Jesus verurteilt wurde. Die Massen schieben sich durch. Foto vom Altar, bekreuzigen, dann schnell wieder raus. Es liegen ja noch 13 Stationen auf der Crossroad vor ihnen. Das war nicht immer so. Die Kirche hat den Kreuzweg kurzerhand ausgeweitet und im 18 Jahrhundert sieben Stationen hinzugenommen. Warum? Marketing? Vielleicht wollte aber auch nur jede christliche Konfession ihren geistlichen Anteil daran haben. Andererseits: Ein Stück weit scheint man sich dadurch auch als Konfession zu legitimieren. Auf deutsch: Da muss man dabei sein, wenn man als handfeste Konfession eine Rolle in dieser Welt spielen will. Gut, wer das damals schon in weiser Voraussich erkannt hat. Jedenfalls haben weltweit alle Kreuzwege nun 14 Stationen. Die Evangelen halten sich da raus. Die Erlöserkirche liegt zwar auf dem Kreuzweg, gehört aber nicht zu den Stationen.

Hört sich komisch an, aber alle wollen ins Grab!

Hört sich komisch an, aber alle wollen ins Grab!

Ob wir wollen oder nicht, der Kreuzweg ist in Jerusalem omnipräsent. Auch Nichtgläubige können sich seiner Magie nur schwer entziehen. Und auch wir staunen. In der Grabeskirche, der letzten Station, kulminiert die Dramaturgie. Orthodoxe, Katholiken, Kopten, Abessinier, Armenier und Syrer strömen zu Tausenden in den sakralsten aller Sakralbauten. Diese sechs Konfessionen teilen sich die Grabeskirche. Sie ist ihr Eigentum. Das Ziel der Gläubigen ist Jesus’ Grab. Gut, er hatte zwar die Aufgabe Menschen zu missionieren, dass es heute aber gleich so viele sind, die sich vor allem in einer für eine Kirche nicht gebührenden Lautstärke unterhalten als seien sie auf dem Markt, hätte er sich sicher nicht träumen lassen. Ian Gillan geht mir durch den Kopf:

Jesus Christ
Superstar
Do you think you’re what they say you are?

Was sich vor unseren Augen abspielt, ist irgendwie auch ein genau durchgetaktetes Event. Das Gedränge vor dem Eingang zum Grab selbst nimmt bedenkliche Ausmaße an. Ich frage mich, was hier wohl an Ostern los ist. Heute hören wir von einem Reiseführer: “It takes three hours to get in”. Die Menschen stört das nicht. Sie wollen alle rein. Und sie stellen sich an. Das Anstellen organisiert ein strenger Priester. Seine Kommandos kommen wie aus der Pistole geschossen. “Open the way, open the way”, ruft er in die Menge, die unmittelbar vor dem wichtigsten Bau des Christentums steht, dabei den Durchgang versperrt und Fotos schießt.

Grabeskirche: Hingabe am Salbungsstein

Grabeskirche: Hingabe am Salbungsstein

Am Haupteingang spielen sich ähnliche Szenen ab. Dort befindet sich der Salbungsstein. Frauen und Männer liegen davor, küssen ihn, streicheln mit Tüchern darüber, manche weinen – es ist zweifellos eine Art Ekstase, in der sich die Gläubigen befinden. Warum nur? Warum tun Menschen das? Es fällt mir schwer das nachzuvollziehen. Ich frage mich, wohin diese Art von beinahe fanatisch praktiziertem Glauben führen soll? Ich habe ein ungutes Gefühl. Was bewegt Menschen dazu so unerbittlich zu glauben? Ich denke, der Wunsch geführt zu werden, spielt da eine große Rolle. Geführt zu werden, von irgendetwas – zum Beispiel einer personifizierten höheren geistlichen Macht wie etwa Jesus, Mohammed oder Buddha. Diese Macht wird als unfehlbar und absolut gerecht erachtet. Sie ist Vorbild, eine Projektion unserer Auffassung eines überzeichneten Ideals, wir schauen zu ihr auf, wir bewundern sie, wir beten sie an. Jesus sagte, “Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.” Mohammed erzählte etwas von den Ungläubigen, dem heiligen Krieg. Der Absolutheitsanspruch dieser beiden und anderer Glaubensrichtungen lässt keine Zweifel, wer die Nummer eins ist. Hier in Jerusalem wird das jeden Freitag und am Sabbat allzu deutlich. Die permanente Konfrontation ist mit den Händen zu greifen. Auch dann, wenn sie nicht offen ausbricht. Sie liegt in der Luft.

In diesem Zusammenhang wundert es mich überhaupt nicht, dass jährlich etwa 100 Menschen am Jerusalem Syndrom erkranken. Syndrome entstehen ja aus Extremsituationen heraus. Zum Beispiel das Stockholm-Syndrom. Da verhält es sich ganz ähnlich. Oder würdet ihr euch in euren Entführer verlieben? Jedenfalls: Das Jerusalem Syndrom ist hier eine anerkannte Krankheit, die in Jerusalem selbst auch im Krankenhaus behandelt wird. Patienten, die unter dem Jerusalem Syndrom leiden, werden von psychotischen Wahnvorstellungen geplagt. Sie behaupten irgendwie alle, irgendwelche Heilge zu sein oder mit ihnen in Verbindung zu stehen oder so. Angesichts der Intensität, mit der u. a. das Leben und die Geschichte Jesus Christus` hier auf einen trifft, überrascht das nicht weiter. Ich persönlich glaube aber, das liegt am Weihrauch. Das Zeug hat es wirklich in sich. Vor dem Grab wedeln zwei Priester ständig damit herum. Hochdosiert steigt der würzige Qualm in unsere Nasen. Ich hab noch nie so guten Weihrauch gerochen. Das schlägt zweifellos aufs Gemüt. Bei manchen positiv, bei den anderen negativ. Vor übermäßigem Weihrauchgenuss sollte man sich also in jedem Fall hüten. Es droht eine Extremsituation. Und wo das enden kann, wissen wir ja nun alle. Diese Stadt ist einfach extrem.

Klagemauer

Klagemauer

Nach dem wir die höchste Hürde der Altstadt bewältigt haben, gehen wir Richtung Western Wall, der Klagemauer. Heute ist Sabbat, also der jüdische Feiertag. Wir rechnen mit dem Schlimmsten, sind aber recht früh dran. Noch ist es nicht allzu voll. Zuerst müssen wir durch einen Checkpoint. Rucksackkontrolle. Dann sind wir drin. Oben machen wir ein Foto. Unten auf dem Platz ist am Sabbat Fotografieren verboten. Auf dem Western Wall Plaza domniert das Wort “No”. “No photo, no photo”, weisen dort immer wieder Aufsichtskräfte die Touristen zurecht.

Die meisten orthodoxen Juden kommen später zur Klagemauer, um das Ende des Sabbats vor dem Sonnenuntergang zu feiern. Wir stehen bei den Frauen, außerhalb der Gebetszone. Dort können wir besser über die Mauer schauen. Unter uns, also innerhalb der Gebetszone, sitzt eine Amerikanerin in kurzer Hose. Eine Jüdin spricht sie recht rüpelhaft an, während sie immer wieder mit dem Zeigefinger an ihre Schulter stößt. Und wieder ein klares “No”. “No good”, sagt sie und deutet auf die unbedeckten Beine. Die Amerikanerin sagt, sie sitze nur hier und erhole sich. Die Jüdin wiederholt, “no good, no good.” Sie lässt nicht locker, bis die Amerikanerin aufsteht und geht, obwohl viele andere Frauen mit ebenso kurzen Hosen oder Röcken an die Klagemauer zum Gebet treten. Wir beobachten die Szenerie und entschließen uns, die Gebetszone nicht zu betreten. Und das, obwohl wir lange Hosen tragen. Komisch, dass viele Glaubensrichtungen sich so viele Gedanken über die Kleidung machen. Insofern haben Islam und Judentum auch ein kleines bisschen was gemeinsam. Und dennoch: Keine 50 Meter Luftlinie entfernt feuern die Moslems immer wieder Böllerschüsse ab. Am Freitag wurde in Jerusalem ein 14 jähriger Junge bei Straßenkämpfen von der israelischen Armee erschossen. Deshalb schlagen die Moslems am Feiertag der Juden wohl zurück. Die Schüsse sollen die Juden hier an der Klagemauer beim Feiern des Sabbats stören. Die lassen sich aber nicht stören. Ignoranz und Hass, sie sitzen hier an diesem historischen Ort tief. Wie soll es da je einen Ausweg geben?

Der Weg führt uns durch das armenische Viertel zurück zum Yaffa Gate. Dort setzt wir uns gegenüber von der Zitadelle auf eine Haustreppe, um uns auszuruhen. Die Füße tun weh. Wir sind müde. Keine 10 Minuten später kommt ein Mann auf uns zu. Es ist D.C. Bezeichnenderweise ein Moslem. Nach dem wir schnell klarstellen, dass wir keinen Tourguide brauchen, dass wir uns alles bereits angesehen haben, kommen wir ins Gespräch. “It is very complicated”, sagt D.C. auf meine Frage, ob es hier jemals Frieden geben wird oder überhaupt geben kann. “You know, it is all about freedom”, fährt er fort. Diese Freiheit fühlen die Moslems nicht und sie haben sie nicht. Das ist Fakt. Ihre Reaktion: Gewalt. Auf der anderen Seite: Israel. Umgeben von Feinden. Aber das hatten wir bereits. Das setzt eine Eskalationsspirale in Gang, die sich immer weiter fortsetzt. Ich sehe keinen Ausweg, es sei denn, die Menschen reißen sich zusammen. Dazu müssen sie aber bereit sein, zu vergeben. Vergebung ist doch ein wesentliches Element in beiden Religionen. Und dieses Prinzip hat doch in Südafrika auch funktioniert. Solange aber der religiöse Absolutheitsanspruch auf das Territorium aufrecht erhalten wird, kann das nicht klappen.

Museum? Nein, armenisches Restaurant

Museum? Nein, armenisches Restaurant

D.C. lässt nicht locker. Er will uns etwas Gutes tun. “Coffee, tea – let me invite you.” Wir lehnen dankend ab. Als er uns jedoch die armenische Taverne empfiehlt, sagen wir nicht nein. Keine zwei Minuten von der Zitadelle entfernt, geht es tief hinunter in ein Kellergewölbe. Das Restaurant sieht auf den ersten Blick eher aus wie ein Museum. So viele Kunstgegenstände armenischer Herkunft befinden sich hier. Wir verabschieden uns von D.C.. Ich stecke ihm eine 10 Euro-Schein zu. Der Kellner empfiehlt uns ein armenisches Gericht. Und das schmeckt wirklich lecker. Eine undefinierbare milchige Soße, die leicht bitter aber würzig schmeckt, dazu Bratkartoffeln und Hackfleisch. (Thanks for bringing us here, D.C.)

Heute schließt sich für uns ein Kreis. Wir verlassen Jerusalem. Es geht wieder zurück nach Tel Aviv. Dort haben wir noch vier Strandtage, bevor es am Donnerstag heißt: Goodbye, Israel. Mindestens einmal melde ich mich noch. Also: Dranbleiben. Es würde mich freuen.

Ganz zum Schluss, noch ein Bilderrätsel: Wie viele Wasserkessel und wie viele Satellitenschüsseln befinden sich auf diesem Bild? Ein Tipp: Auch “halbe” zählen.

Wie viele Wasserkessel und wie viele Satellitenschüsseln befinden sich auf diesem Bild?

Wie viele Wasserkessel und wie viele Satellitenschüsseln befinden sich auf diesem Bild?

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