Shalom Tel Aviv, goodbye Israel!

Brav: Hund schaut Herrchen am Strand von Yafo beim Surfen zu - und wartet.

Brav: Hund schaut Herrchen am Strand von Yafo beim Surfen zu – und wartet.

Seit Sonntagabend sind wir zurück in Tel Aviv. Wir haben Jerusalem, den See Genezareth, das Tote Meer und damit auch ein großes Stück Menschheitsgeschichte hinter uns gelassen. Zeit für ein Kontrastprogramm. Tel Aviv kommt uns da gerade recht. Die israelische Metropole an der Mittelmeerküste repräsentiert nicht das Israel von gestern. Sie steht für das Israel von heute. Wer nach Tel Aviv kommt, fühlt sich oftmals wie auf einem anderen Planeten. Das ist nicht Israel. Das ist Tel Aviv. Und hier wollten wir uns eigentlich die letzten vier Tage von unserer Rundreise erholen. Schnell wird klar, Erholung sieht anders aus. Bilder

Nach unserer Ankunft gehen wir abends noch schnell etwas essen und planen dabei unsere letzten vier Tage durch. Wollen wir uns nicht erholen? Na ja. Es gibt viel zu entdecken in Tel Aviv. Eine außergewöhnliche Stadt. Jung, pulsierend und verdammt durchtrainiert. Also alles das, was ich nicht (mehr) bin. Beinahe überall begegnen einem Sportjunkies, die entweder joggen oder sonst irgendeinen Work-Out durchziehen, um ihren Körper in Form zu halten. Da kommt man sich sehr schnell sehr, sehr “underperformed” vor.

Dennoch find’ ich Tel Aviv klasse. Wenn ich hier leben würde, dann würde ich zuerst surfen lernen. Die Frechheit ist, wie die Youngsters hier locker, lässig mit dem Surfboard unter dem Arm – oder wahlweise ans Fahrrad montiert – zum Strand cruisen und sich in die Wellen werfen. Als ob es das Normalste der Welt ist. Ich rede mir ein, auch da wo ich wohne, gibt es Vorteile, welche die Tel Aviver möglicherweise auch gerne wahrnehmen würden. Zum Beispiel Bier, Brotzeiten, Bierkeller, Winter, Kälte, Schnee, Eis, Regen, schlechtes Wetter … keine Chance, gegen Tel Aviv anzustinken. Dennoch: So schön und so verdammt cool diese außergewöhnliche Stadt auch ist, ich möchte nicht hier leben. Mit dem Auto mal in den Libanon ans Meer, nach Ägypten, nach Jordanien? Keine gute Idee, kann ich mir vorstellen. Israelische Kennzeichen dürften dort nicht gerne gesehen sein. Um mal rauszukommen, muss man schon ins Flugzeug steigen. Wahrscheinlich ist das auch ein Grund dafür, weshalb Tel Aviv so unheimlich kreativ ist. Die Menschen schaffen sich ihre Nischen. Kreativität kann niemand aufhalten. Der Geist ist frei. Das zeigen die unzähligen Galerien mit Bildern, Skulpturen, Schmuck und anderen Kunstwerken. Sie gehören hier zum Straßenbild, wie bei uns Supermärkte, Baumärkte oder Jack Wolfskin Läden.

Piazza in Yafo, Tel Aviv

Piazza in Yafo, Tel Aviv

So auch zum Beispiel in Yafo. Der Stadtteil ist sozusagen die Altstadt von Tel Aviv. Von hier aus wurde die ursprüngliche Siedlung zu dem Tel Aviv, das es heute ist. Oben auf einem kleinen Hügel gelegen, streunt man durch enge Gassen und kommt schließlich auf einen große Platz mit Cafés und Souvenir-Shops. Ein beschauliches Fleckchen Erde, hübsch, herausgeputzt und offensichtlich ganz auf den Tourismus ausgerichtet. Weil aber hier während der Nebensaison deutlich weniger los ist, lümmeln wir uns in die Lounge Möbel eines Cafés und erledigen unsere Urlaubskorrespondenz. Muss auch sein.

Beeindruckende Titelsammlung: Maccabi Tel Aviv ist u. a. 51x israelischer Meister ....

Beeindruckende Titelsammlung: Maccabi Tel Aviv ist u. a. 51x israelischer Meister ….

Am Abend wollen wir zu einem Maccabi Spiel gehen, wissen aber noch nicht, ob es mit den Tickets klappt. Mein Freund aus Bamberg hat mir hier in Tel Aviv einen Kontakt gegeben, der uns weiterhelfen soll. Es stellt sich heraus, dieser Kontakt ist gerade in den USA. Wie praktisch. Aber, so versichert er uns, er versucht von dort aus Tickets zu organisieren. Abends an der Nokia Arena kommen wir dann erstaunlich einfach hinein. Wir geben einfach den Vornamen an und schon sind wir drin. Dachte, das läuft in diesem Hochsicherheitstrakt von einem Land nun mal ganz anders. Das Spiel ist schnell erzählt. Der 51fache israelische Meister Maccabi Tel Aviv – man stelle sich das vor: 51 mal; das Land selbst gibt es gerade mal erst seit 1948! – gewinnt erwartungsgemäß mit 20 – oder waren es dreißig? Egal – gegen Naharia, den aktuell Tabellenletzten der israelischen Liga. Dennoch, als Court- und Groundhopper war es eine Ehre für mich, bei diesem Spiel dabei zu sein. Egal, wie es ausging oder wer da spielte. Wurscht. Wir haben Maccabi gesehen. Übrigens mit Jeremy Pargo, einem erstklassigen Guard, für den sich auch mal Bamberg interessiert hat, soweit ich weiß. Er war aber zu teuer.

Bauhaus and what it's all about: Form follows function.

Bauhaus and what it’s all about: Form follows function.

Tel Aviv ist Bauhaus-Stadt. Die Metropole entstand in den 1930er Jahren quasi vom Reißbrett. Jüdische Architekten kamen nach Israel, allen voran Erich Mendelssohn, ein Schüler der Bauhaus-Ikonen Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius, liest Micha aus dem Reiseführer vor. Die Bauhaus Architekten, die nach Israel auswanderten, konnten sich hier nach Lust und Laune austoben, ohne zu wissen, dass ihr Werk gut 80 Jahre Später ein Vermächtnis darstellt, das es heute in dieser Form nirgendwo anders auf der Welt gibt. Über 4000 solcher Bauhaus-Gebäude befinden sich heute noch in Tel Aviv. Lange Zeit ließ die Stadt die Bausubstanz der vergangenen Jahre verfallen. Heute hat man erkannt, welchen Wert und welche Bedeutung dieser Baustil für die Metropole und für die Baugeschichte insgesamt hat. Aus diesem Grund lassen die Behörden und private Investoren mit teils sehr aufwendigen Baumaßnahmen die Gebäude wieder in Schuss bringen. Die Mühe hat sich gelohnt.Zwischenzeitlich ist Tel Aviv ein UNESCO Weltkulturerbe – der verdiente Lohn für die Kreativität der vergangene Jahre. Es entstanden Gebäude mit runden Balkonen und einer geschwungen, aber klaren Linienführung. Form follows function – dieses Prinzip zieht sich als roter Faden durch die gesamte Bauhaus-Architektur der Stadt.

Weißes Gebäude, weiße Stadt, eine Funktion: Schutz vor Hitze.

Weißes Gebäude, weiße Stadt, eine Funktion: Schutz vor Hitze.

Prägend sind die nach außen klein wirkenden Fenster. Durch eine intelligente Anordnung der Balkone konnte man allzu starken Sonnenlichteinfall vermeiden, ohne dabei auf lichtdurchflutete Räume verzichten zu müssen. Die Sonneneinstrahlung musste so gering wie möglich gehalten werden, um den Innenraum nicht aufzuheizen. Vor 60 oder 70 Jahren gab es nämlich noch keine Klimaanlagen. Ein weiterer Aspekt: Die Häuser sind alle weiß. Auch eine Maßnahme, um sich bei hohen Temperaturen gegen die Hitze zu schützen und drinnen eine angenehme Kühle zu gewährleisten. Und ein Grund, warum man Tel Aviv auch als die weiße Stadt bezeichnet.

So stand der gestrige Tag ganz im Zeichen der Bauhaustadt Tel Aviv, deren Skyline von ultramodernen Hochhäusern dominiert wird. Erst zwischen Shalom Tower, King David Tower, Opera Tower und den vielen anderen Towern befinden sich – beinahe versteckt – diese Schätze. Wenn man sie aber bewusst wahrnimmt, dann entdeckt man hier – übrigens auch als Architektur Novize – wahre Kostbarkeiten. Wer hätte das gedacht!

Wir haben Spaß daran, die Gebäude zu fotografieren und uns eine ganz eigene Meinung über die Bauwerke zu bilden. In den zahlreichen Cafes auf dem Rothschild Boulevard, in der Sheinkin Straße, am Carmel Market im Künstler Viertel Neve Zedek oder gleich neben unserem Hotel auf der Hayarkon lassen wir die Wohnhäuser auf uns wirken, bevor wir uns an der nächsten Rent-a-Bike-Station ein Fahrrad mieten und uns auf den Weg zum nächsten Bauhaus-Highlight machen.

Gut unterwegs in Tel Aviv mit grünem Rent-a-Bike

Gut unterwegs in Tel Aviv mit grünem Rent-a-Bike

Die grünen Miet-Fahrräder sind dazu ein ideales Fortbewegungsmittel. Man kann sie in der ganzen Stadt mieten und wieder abgeben. Überall sind die grünen Leih-Stationen zu finden. Und wenn man die Leih-Prozedur mal verstanden hat – das englische Manual ist leider nicht an allen Leihstationen verfügbar -, dann funktioniert das ganz prima. Uns hat jedenfalls eine nette Tel Aviverin geholfen. Danke nochmals dafür! (In case you read this somhow, at some time: Thanks a lot to the lady, who helped us at Frishman Beach with the Bike-Rental!)

Am Abend nehmen wir erschöpft in einem Restaurant an der Dizengoff Platz. Wir sind müde und hungrig. Dann sehen wir auf einem Plakat: Heute ist Nightrun in Tel Aviv. Dank der wirklich ausgezeichneten WiFi-Bedingungen recherchieren wir im Netz und finden heraus: Gut 30.000 Läufer nehmen daran Teil. Allerhand! Und Sie kommen auch an unserem Restaurant vorbei. Wie praktisch. Bei gutem Essen und israelischem Rotwein genießen wir die Szenerie. Es dauert gut zwei Stunden, bis alle Läufer durch sind und der Besenwagen hinter dem letzten übergewichtigen Starter her rollt – ob der sich damit einen Gefallen tut? Sollte er nicht erst mal langsam anfangen? Mit walken oder so?

Unser letzter ganzer Tag in Tel Aviv soll ein Strandtag werden – also das, was wir uns eigentlich für den Abschluss unserer Rundreise ursprünglich vorgenommen hatten. Aus drei ganzen Strandtagen ist jetzt einer geworden. Micha liegt bereits in der Sonne, während ich in der Lobby sitze und diesen Blog tippe. Was bleibt als Fazit? Endlose Sonnentage, blauer Himmel, Geschichte – viel Geschichte – Konflikt und Kontrast – davon ist dieses Land gekennzeichnet wie kein anderes. Dennoch fasziniert es ungemein. Es ist interessant, manchmal auch spannend und oftmals einfach nur schön. Wir haben nette Menschen getroffen – Palästinenser und Israelis. Nun müssen sich diese beiden noch irgendwie treffen. Nicht mit Bomben oder mit Hass, sondern mit Worten, mit Offenheit, mit Vertrauen, Vergebung und Versöhnung.

In der International New York Times habe ich gestern einen Artikel einer Palästinenserin gelesen, die in Amerika lebt und mit einem Juden verheiratet ist. Sie berichtet von ihrem Israel-Aufenthalt und den Erfahrungen, die sie diesen Sommer dabei gemacht hat. Sie sagt: “Israel needs a civil rights movement.” Ich wünsche diesem Land dabei alles erdenklich Gute. Alle Menschen, die hier leben, haben es sich wirklich verdient.

Shalom Tel Aviv, goodbye Israel !

J.

So rum ist's richtig .... glaube ich ...

So rum ist’s richtig …. glaube ich …

P.S.: Ich bin noch die Auflösung des Bilderrätsels aus Jerusalem schuldig. Schokoriegel 1 ist richtig. Glaub ich. Denn das Preisschild war auch so rum. Mit großer Wahrscheinlichkeit in Indiz dafür, dass die hebräische Schrift dann auch so rum korrekt ist …

2 Kommentare

  1. Danke für die tollen Berichte. Man hat beim lesen hat man fast den Eindruck man wäre live dabei.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.