Absichtlich nach Tallinn

Unterstadt, Tallinn

Unterstadt, Tallinn

Auf „Planlos nach Riga“ folgt jetzt also „Absichtlich nach Tallinn“. Die Stadt hält so manche Überraschung für seine Besucher bereit. Fakt ist: Noch immer ist diese Perle des Baltikums tatsächlich so etwas wie ein Geheimtipp. Bevor das UNESCO Welterbe also vollends zum Objekt touristischer Massenvermarktung mutiert, sollte man sich sputen und das ruhige, idyllische und „junge“ Tallinn besuchen. Eine gute Reisezeit dafür ist der Herbst. Dann ist es tagsüber noch hell und die Preise sind günstig.

Jetzt also doch Tallinn. Weil wir nach unserem planlosen Trip nach Riga endlich einen Flug bekommen haben, der bezahlbar war. Auch noch mit Lufthansa. Ohne Umsteigen in Riga wie es bei den airBaltic Flügen ins Baltikum sonst immer der Fall ist.

Wie immer: Frankfurt. Von dort geht’s los. Dass wir unser Auto aus Kostengründen außerhalb des Airports parken, dürfte klar sein. Wer es genau wissen will: Die Google-Keywords „günstig parken am flughafen frankfurt“ oder so ähnlich, verraten mehr.

Anreisefazit: Das LH-Bodenpersonal ist … nett!

Die insgesamt reibungslose Anreise endet noch im Frankfurter Terminal ganz plötzlich, als wir vor dem auf der Bordkarte angegebenen Gate B01 feststellen, dass dies gar nicht unser Gate ist. Das habe sich kurzfristig geändert, teilt uns der freundliche Mann vom LH-Bodenpersonal mit. Ein Blick auf die Uhr, dann Schock und sich ankündigende Schnappatmung. Gegen diesen Zustand gibt es, wie sollte es auch anders sein, eine App. Nämlich die Lufthansa-App. Ein rechtzeitiger Blick dort hinein – „Einfach Flugnummer eingeben und schon werden die aktuellsten Flugdaten angezeigt.“ Schlaumeier! Klugscheißen, auch wenn’s freundlich ist, hilft uns jetzt gerade auch nicht weiter –  hätte uns vor dem, was dann passierte, bewahrt. Tja. Da gibt es nur eine Alternative: rennen. Wir müssen rüber zu A irgendwas. Egal.

Flug nach Tallinn

Geschafft: Wir sind drin!

„Das ist weit“, warnt uns der LH-Mitarbeiter beruhigend – wie süß, er macht sich Sorgen. Wir sprinten los. In 15 Minuten müssen wir einmal quer durch den Terminal. D.h.: Nach mehreren Intervallläufen unter erschwerten Bedingungen – Handgepäck! Micha mit hohen Schuhen! Ich mit null Kondition und leichtem Übergewicht! – erreichen wir leicht hyperventilierend und komplett durchgeschwitzt das Gate. Wir sind die Letzten. Das aber in Rekordzeit. Für diese Strecke! Geschafft ist geschafft! Ab jetzt haben wir zwei Stunden Zeit uns zu erholen.

Bemerkenswert: Schon Der Flughafen in Tallinn ist … putzig? Das meine ich jetzt überhaupt nicht abwertend oder so. Im Gegenteil. Irgendwie so … chalet-mäßig? Denn wo uns sonst Glaskonstruktionen und Alu-Optik Transparenz vorgaukeln, lächelt uns eine warme, holzähnliche Applikation an, die, auf Grund großer Glasfronten, aber deutlich sympathischer rüberkommt als das sich für schick haltende, tatsächlich aber kalte und langweilige Flughafengebäudeeinerlei. Hübsch. Und vom Design her ganz weit vorne. Das überrascht nicht. Dazu später mehr. Und selbstverständlich gibt es hier in Estland, dem Mutterland des Wifi‘s, nicht nur im Flughafengebäude eine kostenlose Internetverbindung für mobile Endgeräte. Das ist daran zu erkennen, dass wartenden Passagiere sich an sogenannten Mobile-Ports versammeln, dort ihrem Endgerät kostenlos wieder Energie zuführen, um ja nicht aus der digitalen Welt verbannt zu werden. Auch sonst hat man in Estland im Allgemeinen und Tallinn im Besonderen überall besten Wifi-Empfang. Deutschland hat in dieser Hinsicht noch viel aufzuholen.

Vorsicht! Gute und Böse Taxis!

Taxifahren in Estland ist dagegen so eine Sache. Es gibt die „guten Taxis“ und die „bösen Taxis“, sprich: die Abzocker. Wer mit den gelben Taxis von „TALLINK TAKSO“ unterwegs ist, der fährt prinzipiell gut. Bei allen anderen, würde ich aus eigener Erfahrung 100% Vorsicht walten lassen. In jedem Fall würde ich den Taxifahrer vor der Fahrt fragen, was das Taxi zum gewünschten Ziel kostet und erst dann, wenn der Preis stimmt, einsteigen. Für eine Fahrt vom Flughafen ins Zentrum haben wir etwa 12 Euro bezahlt. Das ist ok. In der Stadtmitte ist man dann recht flott, nach ca. 15 bis 20 Minuten. Wie gesagt, hier ist alles eine Nummer kleiner –  eben auch die Entfernungen. Oder größer. Wie zum Beispiel der Preis für eine Fahrt mit einem „bösen Taxi“, die ähnlich weit ging wie vom Flughafen in die Stadtmitte – bei meinem ersten Tallinn Besuch mussten wir vom Zentrum raus zur Basketballarena. Das kostete uns – Branden und mich – unverschämte 50 Euro! Halunken!

Hotel und ein Schuh-Tipp für die Altstadt in Tallinn

Blick aus unserem Hotelzimmer

Blick aus unserem Hotelzimmer

Zum Hotel: Wir haben das „My City Hotel“ in der Vana-Posti 11/13 gebucht. Das Drei-Sterne-Haus liegt in der südlichen Altstadt. Die Sehenswürdigkeiten des historischen Zentrums sind binnen weniger Minuten bequem zu Fuß zu erreichen. Auch für die außerhalb gelegenen Highlights von Tallinn liegt das Hotel sehr günstig. Entweder reicht ein kurzer Spaziergang dorthin, ansonsten dann mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Touri-Bus. Ein Tipp: Gutes, stabiles Schuhwerk. Denn die Straßen der Altstadt bestehen ausnahmslos aus altem, „buckeligem“ Kopfsteinpflaster. Highheels, Sandalen oder allzu dünn besohlte Sneakers sind da nicht so günstig. Eure Füße werden es Euch danken.

Sehr schön war unser Zimmer. Wir hatten 501. Kleine Finesse dabei: das Dachflächenfenster. Es liegt unerreichbar hoch. Über einen Schalter hinter dem Fernseher kann lässt sich das Fenster mit einer automatischen Jalousie verdunkeln. Gut, wer das weiß. Wir mussten etwas suchen. Das Frühstück: super! Es gibt Eier, Wurst, Käse, Croissants, Müsli, Obst usw. usf. Kleiner Malus, der das ansonsten tadellose Bild des Hotels etwas schmälert: Die merkwürdige Preispolitik für die „Sauna“ – bis 18 Uhr 20 Euro/Stunde, ab 18 Uhr 30 Euro/Stunde!! Hallo? Ignoriere ich einfach. In der unmittelbaren Nachbarschaft befindet sich das Capitol, ein ehemaliges Kino, das heute u. a. als Nachtclub genutzt wird. D. h.: Es kann insbesondere am Wochenende mal lauter werden, ist in so manchen Buchungsportalen zu lesen.

Tipps zur Zimmerbuchung

Bei der Buchung – wir buchten bei booking.com – immer angeben, dass man

  1. ein ruhiges Zimmer (z. B. nicht zur Straßenseite, sondern nach hinten heraus) haben möchte und
  2. dieses sich dieses Zimmer möglichst am Ende des Ganges (Aufzug! Vorbeigehende Hotelgäste!) befindet.Klappt nicht immer, aber in unserem Fall hat es das. Insgesamt waren wir mit dem Hotel sehr zufrieden.

Reiseliteratur und der Teufelskreis des Reiseführergeschäftes

Für Micha ist es der erste Besuch in Tallinn, für mich der zweite. Nach dem ich mit Brendan bereits die estnische Hauptstadt in Sachen Basketball bereist habe, steht mit Micha nun die Stadt als Hauptsache im Fokus. Unser Reiseführer aus dem Hause Marco Polo heuchelt uns mit Insider-Tipps, die so „inside“ ja nicht mehr sind, Exklusivität vor. Das ist insoweit Blödsinn, weil die uns vorliegende Reiseliteratur nicht gerade die aktuellste ist. Eine gewisse Streuung dürfte da bereits stattgefunden haben. Dem Werkt täte also ein Update mit neuen Geheimtipps gut, die sich dann wieder wie ein Lauffeuer verbreiten können. Ein elendiger Teufelskreis, das Reiseführergeschäft! Trotzdem erfahren wir zum Beispiel: Tallinn ist eine Design-Hochburg. Aha. Micha und ich wollen uns deshalb ein Bild von der kreativen Kompetenz der Stadt und ihrer Menschen verschaffen. Für das kreative Tallinn haben wir einen ganzen Tag eingeplant.

Grundsätzlich ist Tallinn so … erfrischend anders. Anders als Riga. Denn Riga ist vielleicht … „russischer“? Zweifelsohne ist es größer. Tallinn ist dafür „jünger“, logischerweise kleiner, dafür aber kreativer. Es scheint als ob hier in den engen, romantischen Gassen der Altstadt sowieso, in den Kreativzentren außerhalb der Altstadt erstrecht, jeder vor sich hinwurschtelt und werkelt. Irgendwie. In den Büros, Werkstätten, Ateliers, Agenturen und Schneidereien entsteht dabei immer Neues, Gutes, Überraschendes! Alles scheint den Menschen hier locker von der Hand zu gehen, jeder ist freundlich, jeder lächelt. Man mag, was man tut. Eine Stimmung, die auch uns erfasst und regelrecht durch uns hindurch strömt. Warum ist das so? Eine Erklärung könnte sein, dass die in den 1990er Jahren neu gewonnene Freiheit Estlands sich in dieser überschäumenden, gestalterischen Vielfalt, diesem ureigensten Drang der Menschen, sich auszudrücken  – sei es künstlerisch oder technologisch – äußert. Diese Stadt im hohen Norden, wo im Oktober bereits um drei Uhr nachmittags die Nacht beginnt, sie ist ein Kleinod der coolen, kreativen Warmherzigkeit!

Warum ausgerechnet die Menschen in Skandinavien oder im Baltikum so erfinderisch sind? Keine Ahnung. Es fällt jedenfalls auf, dass sie es sind. Man denke an die Musik (ABBA, Aha, Ace of Base, Roxette, Europe etc.) ans Internet (Skype, Kazaa), an Ericsson oder Nokia, an die Dänen- und Schwedenkrimis, von denen selbst die „Godfathers of Storytelling“, die USA, so manche kopierten. Mitten drin: die Esten, die sich, so vermute ich, wahrscheinlich sowieso eher als Skandinavier fühlen, denn als Balten. Immerhin gehört ihre Landesprache, das Estnische, der finno-ugrischen Sprachfamilie an. Apropos Skandinavien. Dazu fällt einem möglicherweise nicht auf Anhieb Finnland ein. Dessen Hauptstadt Helsinki liegt trotzdem nicht einmal eineinhalb Stunden von Tallinn entfernt. Mit dem Jetboat fliegt man förmlich mit 70 Sachen quer über den Finnischen Meerbusen drüber. Eine durchaus angenehme Vorstellung. Wir haben uns sagen lassen, Helsinki sei ebenfalls ein zauberhafter Ort. Deshalb haben auch wir lange hin- und herüberlegt, uns dann aber, weil das Wetter so schön war, dafür entschieden, in Tallinn zu bleiben. Diese Stadt fühlte sich einfach zu gut an.

Tag 1 – die Basics: Tallinn, Altstadt

Wir beginnen, wie sollte es anders sein, mit den Basics, d.h.: der Altstadt. Sie ist klein, fein und sehr, sehr schön. Der historische Stadtkern teilt sich in die auf einem Hügel gelegene Oberstadt – u. a. mit dem Regierungsviertel – sowie auf die Unterstadt, in deren Zentrum sich der große Marktplatz, das Rathaus, die Olde Hansa oder die Nikolaikirche befindet.

Toompea Schloss und estnisches Parlament

Toompea Schloss und estnisches Parlament

Politische Institutionen wie das Parlament, verschiedene Ministerien, zahlreiche Botschaften und die russisch-orthodoxe Alexander-Nevski-Kathedrale spielen in der Oberstadt die Hauptrollen. Estlands Volksvertreter etwa debattieren im Toompea Schloß, einem spätbarocken Bau, der in der Zeit von 1767 – 1776 auf den Grundmauern der alten Toompea-Festung aus dem 14. Jahrhundert errichtet wurde. Teile der Stadtmauer sowie u. a. die Türme „Kiek in de Kök“ und „Der lange Herrmann“ blieben von der alten Festung erhalten. In Toompea ließen sich stets die Herrscher nieder. Sie bebauten diesen Ort ganz nach ihren Vorstellungen. Auch heute residieren die „Herrscher“ hier oben. Ihre demokratisch legitimierte Macht ist aber keineswegs absolut. Sie können also nicht das tun, was ihnen gerade in den Sinn kommt. Gerade die Esten nehmen das sehr ernst. Zu lange waren sie nur Spielball fremder Mächte, mussten sich fügen und unterwerfen, bevor sie mit dem politischen Kollaps der Sowjetunion endlich in die Selbstbestimmung entlassen wurden.

Während also z. B. in Berlin Millionen von Touristen durch das gigantische Regierungsviertel geschleust werden, ist man in Tallin beim Gang durch das politische Zentrum Estlands fast alleine. Lediglich auf den drei Aussichtsplattformen, von denen man wirklich einen herrlichen Blick auf die Unterstadt und den Hafen hat, treffen sich die Touristen zum Schauen und Knipsen. Wirklich viele sind es aber auch hier nicht. Es geht in dieser Jahreszeit insgesamt sehr ruhig zu. Weit und breit keine Sicherheitskräfte in Sicht, keine flott um die Ecke biegenden Staatslimousinen, keine bebrillten Männer in Anzügen mit dicken, unter den Arm geklemmten Aktenordnern, die konzentriert zu irgendeiner Ausschusssitzung eilen, einfach keine Hektik und sehr gechillt alles – das hat was. Wir schlendern durch erfreulich leere Gassen, von Aussichtsplattform zu Aussichtsplattform. An den Häusern sind oft Info-Tafeln montiert, die über die Geschichte der Gebäude informieren.

Versteht auch jeder deutschsprachige Mensch ...

Versteht auch jeder deutschsprachige Mensch …

Auch Tallinn war, das wird nach dem Studium der Texte auf den schicken, transparenten Plexiglas-Displays jedem sehr schnell klar, stark von deutschem Einfluss geprägt. Dort tauchen immer wieder deutsche Namen auf. Überraschend ist das nicht. Vom 14. bis ins 16. Jahrhundert herrschte hier der deutsche Orden. Damals hieß Tallinn noch „Reval“ und gehörte zum Handelsverbund der Hanse. Gemeinsam mit den Hansestädten Riga und Pernau formierte Tallinn das zentrale Handelsdreieck des „Livländischen Drittels“, wie das Baltikum zu dieser Zeit genannt wurde. Erst ab dem 16. Jahrhundert übernahmen die bei den Esten chronisch unbeliebten russischen Machthaber. Ein Regime, das, mit wenigen Unterbrechungen, bis ins späte 20. Jahrhundert andauern sollte.

Geschichte Estlands zum Anfassen im Okkupationsmuseum

Vor dem Okkupationsmuseum in Tallinn: Installation erinnert wohl an Flucht, Mord und Deportation.

Vor dem Okkupationsmuseum in Tallinn: Installation erinnert wohl an Flucht, Mord und Deportation.

Gerade die verschiedenen Phasen der Okkupation sind in Estland omnipräsent. Deshalb gibt es auch in Tallinn ein Okkupationsmuseum (http://www.okupatsioon.ee). Es liegt am äußeren Rand der Oberstadt, zu Füßen des Toompea Schlosses. Die Ausstellung wirft einen Blick auf die dunklen, leidvollen Zeiten dieses Landes. Dem Museum gelingt es auf sehr beeindruckende Art und Weise, die historischen Phasen der Unterdrückung ins Hier und Jetzt zu transportieren. Geschichte zum Anfassen. Es gab Tote, es floss viel Blut.

Besonders packend war jedoch ein Film über die Musikszene Tallinns und Estlands, als das Land noch Sowjetrepublik war. Wahrscheinlich deshalb, weil das Thema für mich … „greifbarer“ ist? Rockmusik als Widerstand gegen das Establishment, das ist für den Musik-Fan aus dem Westen grundsätzlich nichts Neues. Sich aber mit Rockmusik gegen eine gewaltbereite Diktatur zu stellen, das kann dann doch sehr schnell lebensgefährlich werden. In Estland gab es während der späten 1960er, 1970er und 1980er vielleicht eine Hand voll Rockbands. Es war ihnen fast durchweg verboten aufzutreten. Und auch wenn die Musikszene „überschaubar“ war, mit Rockmusik brachten die Bands ihren eigenen UND den Protest der Massen, die zu den teils spontanen Konzerten strömten, kraftvoll zum Ausdruck. Selbst eine estnische Hippie-Bewegung formierte sich zu dieser Zeit. Nur, alternative Lebensformen und Rockmusik waren eben nicht kompatibel mit der sowjetischen Weltanschauung. Die Ausstellung im Okkupationsmuseum thematisiert diesen Konflikt in einem sehr schönen Film. Grobkörnige Bilder und Konzertmitschnitte ermöglichen einen authentischen Einblick in diese Zeit. In O-Tönen äußern sich außerdem Zeitzeugen und Bandangehörige und erzählen von damals. Sehr sehenswert! Es gibt auch einen Film über die Geschichte der Hippies in Estland. Er wird aber nicht im Okkupationsmuseum in Tallin gezeigt, sondern ist ein Projekt des Estnischen Nationalmuseums in Tartu. Dort waren wir leider nicht. Vielleicht das nächste Mal.

Die Links zu den Film-Trailern:
Rockmusik in Estland
Hippies in der Sowjetunion und in Estland

Im Keller des Gebäudes stellt das Museum dagegen die demontierten Insignien, Symbole, Denkmäler und Statuen der Sowjetunion bzw. das, was von ihnen übrig geblieben ist, aus. Dazu gehört neben den obligatorischen Lenin- und Stalinbüsten übrigens auch ein Monster von Abhöranlage, mit der sich der KGB wohl die eine oder andere Information beschafft haben dürfte. Die Message ist klar und eindeutig: Im fensterlosen Keller sollen diese Exponate nie mehr das Tageslicht erblicken. Dahinter vermute ich doch einen gewissen Zynismus der Esten im Umgang mit ihrer eigenen Geschichte. Deshalb hat man genau diese historischen Überbleibsel exakt an diesem Platz auf-, nein, abgestellt, wo sie, nach Auffassung der Esten, nun mal hingehören  – nämlich neben die Klos.

Es ist nur eine Facette, die das historisch stark belastete Verhältnis zwischen Esten und Russen beschreibt. Fakt ist: Seit der Revolution der 1990er Jahre fühlen sich viele Russen gewissermaßen als Esten zweiter Klasse. Die Dynamik der Auflösung der Sowjetunion und die Erklärung der Souveränität der baltischen Staaten waren der Anfang einer einsetzenden Demokratisierung westlicher Prägung, in deren Überlegungen alles „Russische“ nun mal komplett ausgeklammert wurde. Es dauerte fast 20 Jahre bis sich die gekränkte russische Seele in Estland wieder zu Wort meldete – das dann aber gewaltig. Ausgelöst durch die Verlegung eines russischen Denkmals, kam es in Tallinn 2007 nämlich zu Auseinandersetzungen zwischen der jüngeren russischen Bevölkerung und der estnischen Staatsmacht. Ein Russe ließ bei den Krawallen sogar sein Leben. Der Konflikt hat sich seither zwar wieder beruhigt, unter der Oberfläche schwelt er aber irgendwie dennoch immer weiter. Ein sehr gefährlicher Zustand.

Ein Interview des Jugendmagazins „Jetzt!“ der Süddeutschen Zeitung mit jungen Esten und Russen verdeutlicht die schwierigen Positionen. Charakteristisch dabei: die pathologische Panik der Esten vor einer erneuten Besetzung durch die Russen, die sich selbst wiederum als eine nicht gerade friedliebende Großmacht gebären. Das internationale Auftreten, z. B. in der Ukraine oder Syrien, spricht eine unmissverständliche Sprache. Angesichts dieser geopolitischen Entwicklungen blieb die Reaktion der Esten nicht aus. Die bei der Bevölkerung sehr beliebten Freiwilligenverbände der Streitkräfte, die sogenannten „Kaitseliit“, erhielten regen Zulauf. Das war und ist eine klare Botschaft: Wenn es nämlich hart auf hart käme, dann würden die Esten ihre nur 4000 Mann starke Armee im Kampf unterstützen.

Die deutsche Okkupation durch die Nazis von 1941 bis 1944 war dagegen vergleichsweise kurz. Dennoch ermordete der Tötungsapparat des Hitler-Regimes in dieser Zeitspanne etwa 10.000 Juden in den KZs des Landes. Und das Morden ging auch im Sozialismus weiter. Unter der nach dem zweiten Weltkrieg fast 50 Jahre dauernden russischen Besatzung wurden knapp 11.000 estnische Regimegegner in die sibirischen Gulags der sowjetischen Machthaber deportiert. Nur etwa die Hälfte von ihnen kehrte zurück. Noch heute ist dieses Trauma tief in der estnischen Seele verankert. Ein Gefühl, dass man hier im Museum allzu gut nachvollziehen kann. Dieses Volk musste viel Leid ertragen. Schlimme Zeiten.

Nach dem historisch gehaltvollen Museumsbesuch suchen wir uns einen Pub. Stimmungswechsel. Es ist Rugby-WM. Heute spielt Frankreich gegen Neuseeland. Dafür ist das St. Patricks genau richtig. In der Kneipe dominieren die Franzosen, auf dem Feld des Millennium Stadiums zu Cardiff die All Blacks. Die Stimmung ist gut. Als Frankreich der erste Versuch gegen die übermächtigen Kiwis gelingt, sind die Fans kaum noch zu halten. Ein schöner Tagesausklang. Wir freuen uns mit Frankreich und stoßen mit dem ein oder anderen Bierchen auf den Sieg Neuseelands und das gute Spiel an.

Tag 2 und 3: Olympisches Dorf, Linnahall, Kardriorg, Roterman-Viertel

Im Touri-Bus, Tallinn

Im Touri-Bus, Tallinn

Für die nächsten beiden Tage haben wir uns Tickets für den roten Doppeldeckerbus von „Tallinn City Tours“ oder so ähnlich gekauft, der die Sehenswürdigkeiten außerhalb der Altstadtstadt anfährt. Das Zwei-Tage-Ticket kostet 23 Euro. Ein Audioguide in deutscher Sprache begleitet die Besucher auf der Stadtrundfahrt. Wir steigen an der „Mere Pst“ ein. Ziemlich genau an der Ecke zur Vana-Viru befindet sich diese gleichnamige, zentrale Haltestelle, die neben den öffentlichen Verkehrsmitteln auch die verschiedenen Anbieter der Bus-Rundfahrten nutzen. Unser Bus bietet insgesamt drei Routen, eine blaue, eine rote und eine grüne, an, die sich an verschiedenen Sehenswürdigkeiten kreuzen. So kann man an diesen Punkten auszusteigen, um später dann mit einer anderen Linie weiterzufahren. Die Mere Pst ist für alle Touren auch die Endstation.

Wir nehmen für den Anfang die rote Tour. Sie führt uns u. a. vorbei an der Sängerbühne, wo alle fünf Jahre das berühmte Tallinner Sängerfest stattfindet – das nächste übrigens 2019 –, sie streift die Wald-Rennstrecke Pirita-Kose-Kloostrimetsa (oder: Kalevi Circuit), die nicht nur durch die Motorradlegende Joey Dunlop, der am 2. Juni 2000 bei einem Rennen in Tallinn tödlich verunglückte (Video), einen zweifelhaften Ruf genießt, und sie bringt uns schließlich ins ehemalige olympische Dorf. Tallinn war 1980 nämlich Austragungsort der olympischen Segelwettbewerbe, die ja, wie die Spiele in Moskau selbst, von so gut wie der gesamten westlichen Welt boykottiert wurden –  in Tallinn selbstverständlich auch von den westdeutschen Booten. Das Dorf selbst ist unspektakulär. Für die Sportler aus dem Westen war der Boykott natürlich sehr hart, wenn man bedenkt, dass es für viele wohl die einzige Chance war, jemals an einer Olympiade teilzunehmen. Aber, auch als westdeutscher Athlet hatte man sich der politischen Großwetterlage unterzuordnen. Zwang war also nicht nur ein politisches Mittel des Kommunismus wie man sieht.

Linnahall, Tallinn

Linnahall, Tallinn

Sehr beeindruckend kommt dagegen immer noch die Linnahall, eine Multifunktionshalle, die ebenfalls zu den olympischen Spielen im Jahre 1980 eröffnet wurde, daher. Um sie zu erreichen, müssen wir am Hafen beim Passagierterminal aussteigen und die restliche Strecke von einem halben Kilometer zu Fuß zurücklegen. Auch wenn dieses stattliche Bauwerk heute deutlich Patina angelegt hat, seine mächtigen Ausmaße hinterlassen beim Betrachter dennoch Eindruck. Mit einer geschätzten Länge von 400 Metern – inkl. Promenade – und einer Breite von vielleicht 200 m steckt in dem Bauwerk natürlich auch ein gewisses politisches Statement der einstigen sowjetischen Machthaber. Die Breschnew-Regierung traf zu dieser Zeit die blockweiten Ansagen und gab vor, was die Sowjet-Satelliten zu tun und zu lassen hatten. So auch die Linnahall. Bau-Befehl. Ausführung. Fertig. Die Linnahall … sie IST einfach. Unverrückbar, ewig, komme, was wolle, buchstäblich wie ein Fels in der Brandung, der sie aber nicht sein durfte, denn sonst hätte sie den Blick vom Meer auf die Altstadt gestört. So viel Feingefühl hatten selbst die Parteibonzen der KPdSU. Es war also durchaus eine architektonische Herausforderung, die sich den Planern stellte. Gelöst wurde sie durch das flache, verbaute Design. So konnte man vom Meer aus weiterhin den Altstadtblick bewahren. Erst bei genauerem Hinsehen lässt sich feststellen, wo die Halle aufhört und wo sie anfängt. Sie war gewissenmaßen „failed architecture“, wie das auch die Macher der gleichlautenden Website sehen. Dort finden sich seltene Aufnahmen, die zeigen, wie das Ding von innen aussah. Beim Betrachten der Fotos lässt sich dennoch eine gewisse Ästhetik nicht leugnen.

Aber, bleiben wir auf dem Boden der Tatsachen: Aus dem sozialistischen Klotz spricht trotzdem irgendwie eine …. penetrante Unverfrorenheit! Man kann es drehen und wenden wie man will: Er stört einfach. Alleine schon wegen seiner Geschichte. Auch deshalb wird über den Fortbestand der Halle immer noch heftig gestritten. Dabei wird Sie seit 2009 nicht mehr genutzt. Man nahm den Bankrott des örtlichen Eishockey-Clubs, der bis dahin seine Spiele in der Linnahall austrug, zum Anlaß, damit auch der Linnahall ein Ende zu bereiten. Das neue Hockey Team bekam eine eigene, neue Arena. Und die saku suurhall, eine moderne, historisch unbelastete Multifunktionsarena, ist für alle weiteren Sportevents und Veranstaltungen da. Wenn der alte Leonid aber wüsste, dass die Linnahall seinen Tod, das Wirken vieler, auf ihn folgender Präsidenten und den Systemwechsel überlebt hat, er würde vor Freude möglicherweise von den Toten auferstehen. Ein Gedanke, gegen den sich viele Esten selbst in ihren kühnsten Träumen erfolgreich wehren. Selbstverständlich!

Linnahall in Tallinn: "Macht ein Mahnmal daraus"

Linnahall in Tallinn: „Macht ein Mahnmal daraus“

Dabei wäre es so einfach: „Macht ein Mahnmal daraus“, denke ich mir, während sich vor uns dieser Gigant von einer Promenade aufbaut. Ich gehe zuerst über zugegebenermaßen imposante Steintreppen hinauf und dann wieder hinunter bis zum Wasser. Heute legen hier die Jetboote nach Helsinki ab und die Tallinner Jugend trifft sich an diesem Ort, der einst von den so verachteten russischen Unterdrückern errichtet wurde, vermutlich gerade deshalb gerne zum Sundowner. Auch ein politisches Statement?

Tapetendesign im Cafe Klaus, Tallinn

Tapetendesign im Cafe Klaus, Tallinn

Nach der Linnahall machen wir eine Pause im „Cafe Klaus“ (Kalasadama 8, klauskohvik.ee), wo wir uns einen Cappuccino genehmigen. Das „Klaus“, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Linnahall, ist ein wirklich sehr hübsches Cafe, in dem sich moderne, bunte Tapetendesigns, die irgendwie an Ikea erinnern, mit einer abgefahrenen Innenausstattung und der Architektur dieses historischen Hafen-Gebäudes, in dem sich das Klaus befindet, perfekt ergänzen. Wieder ein Beweis für die hohe Designkompetenz der Esten. Nicht weiter erwähnenswert wäre das Wifi, wenn ich es nicht so sensationell geil finden würde, dass das hier wirklich überall einfach so zu haben ist. Auch im Klaus. Ohne Wifi geht in Tallinn sowieso nichts. Bargeldloses Bezahlen mit dem Handy? In Estland längst Standard. Selbst die öffentliche Verwaltung ist so modern organisiert, dass sich der bundesdeutsche Urlauber sehr schnell sehr, sehr rückständig vorkommt. Nur so viel: Für einen Personalausweiß geht in Estland niemand mehr ins Rathaus. Steuererklärung? Für all das gibt es eine App, was sonst. Na ja. Jedenfalls: Der Art- und Design-Shop neben dem „Klaus“ hat dagegen leider geschlossen. Deshalb können wir die stylischen Produkte nur im Schaufenster betrachten. Schade.

Kanonenturm "Dicke Margarete" in Tallinn

Kanonenturm „Dicke Margarete“ in Tallinn

Den Weg zurück in die Altstadt erledigen wir zu Fuß. Dabei müssen wir an der „Dicken Margarete“, einem Kanonenturm, der sich mit seinen 25 Metern Durchmesser dieses Attribut auch wirklich verdient, vorbei. Der Turm schützte Tallinn einst vor Angriffen vom Meer, lesen wir. Unmittelbar an den Turm schließt sich die „Pikk“ an. Es ist die Hauptstraße, die eigentlich eher einer Gasse gleichkommt, in der unteren Altstadt. Auf der Pikk befinden sich auch die „Drei Schwestern“, drei nebeneinanderstehende Häuser, die sich auch noch sehr ähnlich sehen – daher der Name. Sie stammen aus dem 15. Jhd. und dienten den Kaufleuten als Wohnhaus und Speicher, sagt Marco Polo. Jene Kaufleute, die jung und unverheirateten waren, gehörten der Bruderschaft der Schwarzhäupter an. Neben Riga ist Tallinn nämlich die einzige Stadt weltweit, in der es diese Vereinigung gab und die über ein Schwarzhäupterhaus verfügte. In Größe und Optik überragt jenes aus Riga das aus Tallinn aber um Längen. Auch eine Form des Understatements, das ich bei den coolen Esten auch irgendwie erwartet habe. Hier weiß man einfach, was man kann, man muss es nicht zeigen. Protzen ist die Sache der Esten nicht! Tatsächlich könnte die vergleichsweise unspektakuläre Architektur des Gebäudes aber auch auf den Platzmangel zurückzuführen sein. Die Altstadt bietet halt nicht viel Raum für extravagante Gildenhäuser a la Riga! Wie auch immer. Ich mag die Esten.

Mit der Tram (Linie 1 oder 3) lassen wir uns nach Kardriorg (Katharinental) bringen, dem nach dem gleichnamigen Schloss benannten Stadtteil. Hier wohnen Menschen, die Geld haben. Das sieht man an den Villen, von denen viele aus Holz errichtet wurden, wie wir lernen. Eine nicht nur in den baltischen Ländern weit verbreitete Bauweise. Wir wollen uns hier aber nicht die Häuser reicher Esten anschauen, sondern das Schloss und, in dessen direkter Nachbarschaft, die Residenz des Präsidenten. An der Haltestelle „Poska“ steigen wir aus. Der Weg bis zum Schloss führt durch die Grünanlagen des Kardriorg Parks. Das Schloss, im frühen 18. Jahrhundert von Zar Peter I. erbaut, ist dann überraschend klein. Ganz anders als auf den Bildern der üblichen touristischen Informationsquellen. Eher ein Schlösschen. Dennoch leitete der Bau eine Entwicklung ein, die diesen Teil Tallinns, der damals von der eher armen Bevölkerung bewohnt wurde, in eine mondäne Wohngegend mit Seebad und großer Parkanlage verwandelte. Als die drei Töchter des Zaren schließlich erstmals nach Kardriorg in die Sommerfrische kamen, war der Aufstieg des Viertels nicht mehr zu stoppen, ist zu lesen. Heute hat das Museum für ausländische Kunst im Schloss seine Heimat gefunden. Der Lebensgeschichte Zar Peters widmet sich eine Ausstellung in seinem eigentlichen Wohnhaus, das schräg gegenüber des Schlosses liegt. Hier verbrachte er also die meiste Zeit. Wozu dann bitte überhaupt ein Schloss? Weil er es konnte! Ganz einfach.

Präsidenten-Residenz im Kardriorg Park

Präsidenten-Residenz im Kardriorg Park

Die Residenz des estnischen Präsidenten sieht aus wie die Residenz eines Präsidenten halt aussieht. Klassisch, schlossähnlich, repräsentativer Eingang, Grünanlagen und Fahnenmasten. Ich wundere mich, dass mich kein Zaun und erstrecht keine Sicherheitskräfte vor dem Betreten des Parkplatzes direkt vor dem Haupteingang hindern. Zwei hübsch, traditionell verkleidete Wachsoldaten bieten die übliche Show aus „Präsentiert das Gewehr“, „Still gestanden“ inkl. Wachablösung. Das war‘s auch schon. Wir sind auch hier alleine und können uns frei bewegen. Wenn wir beim Präsidenten klingeln würden, würde man uns wahrscheinlich zu einem kleinen Plausch hereinbitten. Unfassbar. Ich habe mal in Berlin am Holocaust Mahnmal kurz neben der amerikanischen Botschaft mit dem Auto gehalten, da kam nach wenigen Sekunden ein fuchsteufelswilder G.I. auf mich zugeRANNT und schrie: „Move your car away from here. Now!“ Und in Tallinn? Nichts. Niemand. Alles cool. Bela Rethy (WM 2014: „Holland ist nicht Deutschland“) würde sinngemäß sagen: „Tallinn ist nicht Berlin.“

Nicht zu fassen: Würfel, die auf alten Fabrikhallen gelandet sind - Roterman Viertel

Nicht zu fassen: Würfel, die auf alten Fabrikhallen gelandet sind – Roterman Viertel

Vor dem Abendessen, das wir im „Sfäär“ einnehmen wollen, laufen wir durch das Rotermann Viertel. Es liegt einfach auf dem Weg. Den ehemaligen Industriekomplex nutzen heute Restaurants, Geschäfte, angesagte Cafes, Bars, Clubs und Büros estnischer Start-Ups. Es ist ein Ort, an dem sowas von „ultrahippe“ Architektur und Industrieklassik regelrecht … aufeinander krachen. Die super-modernen, transparenten und nachts in dezentem rot und weiß ausgeleuchteten Kuben sind das zu Hause der IT-Eliten und der Digital Natives. Die Bürowürfel sind einfach auf das Dach einer alten Fabrikhalle … montiert worden. In diesen Symbolen des Fortschritts haben sich Nerds, Geeks und Freaks genau ihm verschrieben. Sicher ist: Die Würfel sind wie Tempel. Sie wirken so als ob sie mit einem gehörigen Maß an Selbstbewusstsein auf den Dächern der historischen Industriehallen … gelandet sind. Ihre Botschaft: alles in Frage stellen. Beim Versuch dieses visuelle Ereignis irgendwie erfassen und verstehen zu wollen, fallen mir die Borg-Kuben aus Star Trek ein. Die hier sind halt rot und weiß. Und dass die Idee von fliegenden Würfeln schon auch irgendwie ganz schön schräg war. Gut, das war Fiction. Das hier ist echt und kaum zu glauben, wenn man nicht davor stehen würde.

Die Borg in Tallinn

Die Borg in Tallinn

Mit offenem Mund fragt man sich, welche bewusstseinserweiternden Substanzen der Architekt eingeworfen haben muss, um einen derart fundamentalen Stilbruch künstlerischer und stilistischer Konventionen tatsächlich auch nur ins Auge zu gefasst zu haben, geschweige denn, es zu wagen, dieses optisch wie ein Faustschlag ins Gesicht anmutende, aberwitzige Projekt tatsächlich auch zu realisieren. Liebe Kleingeister, zu denen ich mich in diesem Fall auch zähle, dieser hat es offensichtlich getan. Einfach so. Rot leuchtende, gläserne Kuben auf historischen, alten, steinernen Fabrikgebäuden. Das ist Fortschritt. Und es sieht schon verdammt geil aus. Live long and prosper! So viel zu estnischem Design. Ich habe Hunger.

Im "Sfäär", Tallinn, Roterman Viertel

Im „Sfäär“, Tallinn, Roterman Viertel

Dafür ist heute Abend das Sfäär“ zuständig. Es liegt ebenfalls im Rotermann-Viertel, allerdings muss man das „Sfäär“ über die Mere Pst betreten. Bemerkenswert: Das Lokal ist gleichzeitig auch ein Klamottengeschäft. Kein Witz. Ein Konzept, das mich quasi „kubenhaft“ überrascht, aber durchaus zu funktionieren scheint: essen, trinken, shoppen – drei Grundbedürfnisse, die an einem Ort befriedigt werden können. Bei vielen Männern in meinem Alter sind’s, ganz wertfrei gesagt, immerhin noch zwei – shoppen ist jetzt nicht so meins –, wobei dann für diese Zielgruppe das Konzept nicht mehr aufgeht. Aber vielleicht muss es das ja auch gar nicht.
Egal. Hunger. Brendan und ich hatten bereits das Vergnügen, die exquisite Küche im „Sfäär“ zu testen. Dieses Mal werde ich jedoch leider etwas enttäuscht. Es liegt wahrscheinlich daran, dass Micha und ich das „Sfäär“ unter der Woche besucht haben. Wir waren die einzigen Gäste. Die Gerichte machten auf mich daher nicht den frischesten, dagegen aber einen mikrowellenaufgewärmten Eindruck. Mit Brendan, so erinnere ich mich, war ich an einem Freitag oder Samstag hier – mehr Publikum, mehr Durchsatz, frischere Zubereitung also? Die Formel klingt plausibel. Gut, unser Essen – ich: Tomatensuppe und wieder Zitronen-Hühnchen; Micha: Tomatensuppe, Fisch-Pasta – war auch ok, aber halt nicht so der Knaller wie damals. Deshalb will ich das „Sfäär“ trotzdem nicht von meiner Empfehlungsliste streichen. Alleine aus dem Grund, weil – Achtung Design-Beweis – das Interieur so verdammt cool-weiß gehalten ist, dazu das dunkle Schiffsbodenparkett und weil das „Sfäär“ sich eben in einer dieser alten Industriegebäude des Rotermann-Viertels befindet.

Tag 4 – Tag des Designs: Museum für angewandte Kunst und Design, Creative City

Zuerst wollen wir uns das Design-Museum (Estnisches Museum für angewandte Kunst und Design, Lai 7, www.etdm.ee) anschauen. Hier sollen u. a. viele Textil-Entwürfe ausgestellt sein, deren Grundstruktur man heute noch in vielen Produkten wiederfindet. Uns begeistern die Teppich- und Tapetenmuster. Die klaren, geometrischen Formen sind in 70-Jahre-Farbkombinationen gehalten. Braun-Grün, Orange-Braun, Rot-Blau, Blau-Lila – die Designs wirken wie aus einer anderen Welt. Vor allem dann, wenn Fotos zeigen, wie und wo sie eingesetzt wurden. Da sind Cafes und Restaurants von vor 40 Jahren zu sehen, mit schrillen Tapeten an den Wänden und verrückten Teppichen auf den Böden. Davor rauchende Menschen mit langen Haaren und Schlaghosen buchstäblich aus einem anderen Jahrtausend. Überhaupt: Teppich, niemand tut sich das heute noch an. Englische Pubs bestätigen zwar auch heute noch als Ausnahme die Regel. Und kanadische Flughäfen (Vancouver). Wie gesagt, es war eine andere Welt. Mancherorts ist sie es noch heute.

In den Möbelentwürfen erkennt man dagegen den Versuch wieder, sich von sozialistisch geprägten, funktionsfokusierten Ansätzen zu lösen und eigene Wege im Design zu entwickeln. Man wollte sich über dieses gestalterische Korsett wohl hinwegsetzen, man wollte buchstäblich Grenzen sprengen. Kreative Kraft entsteht schließlich immer im Kopf und sie lässt sich nicht einsperren. Oft zeigt sie sich in Gestalt eines Gegenentwurfs zur menschlichen Wahrnehmung. Es ist stark anzunehmen, dass die Quelle der Inspiration, dieses Streben nach dem „Anders-Sein-Wollen“, ein Weg des Protests gegen die Designlehre des sozialistischen Sowjet-Regimes war: groß, mächtig, z. B. wie die Linnahall. Dagegen wurden runde, überdimensionale, die Proportionen sprengende, aber auch geradlinige Designkonzepte gesetzt.
Zu sehen gibt es demzufolge wegweisende Entwürfe, die sich durch Flexibilität und Individualität auszeichnen – zwei konzeptionelle Säulen, die sich in allen Exponaten wiederfinden. Charakteristisch sind dabei die visuellen Gestaltungselemente. Straight, aber dennoch harmonisch, eben mit abgerundete Ecken und Kanten, verleihen sie den Werken ihr außergewöhnliches Design, das man auch Jahrzehnte später in vielen Produkten wiederfindet. Beachtlich.

Creative City, Tallinn, Telliviski

Creative City, Tallinn, Telliskivi

Nach unserer Designreise in die Vergangenheit Estlands möchten wir auch aktuelle, praktisch angewandte Ideen und Produkte sehen. Dafür, so erfahren wir, ist die „Creative City“ in der Telliskivi der ideale Ort. Um dorthin zu gelangen, müssen wir zunächst den Bahnhof durchqueren. Direkt im Anschluss, hinter dem Bahnhof, betreten wir den „Russenmarkt“, wo, wie der Name schon sagt, überwiegend Russen ihren Waren anbieten, die auch überwiegend von Russen gekauft werden. Lebensmittel, feinste Polyestertextilien bis hin zum Grabstein – das Warenangebot bietet hier wirklich alles, was das russische Herz beTelliskivigehrt. Wir durchqueren den Markt direkt neben den Gleisen und streifen Kalamaja, das Wohnviertel der Kreativen. Der Weg führt uns entlang der Kopli, wo wir an der Ecke zur Kotzebue einen weiteren coolen Designshop entdecken (Name entfallen), der allerhand witzige Produkte und Textilien feilbietet. Im Cafe „Boheem“ (Kopli 18) hätten wir uns gerne etwas erholt, leider war es voll besetzt. Wir gehen weiter und biegen links in die Telliskivi ab, wo wir schon nach wenigen Metern endlich auf die „Creative City“ treffen. Auf dem Gelände der ehemaligen Eisenbahnfabrik haben sich zahlreiche Kreative niedergelassen. Der gesamte Industriekomplex scheint durch eine kreative Ader verbunden zu sein. Sie haucht diesem Ort eine ganz besondere Stimmung ein. Überall wird gewerkelt, geschraubt, diskutiert, gestaltet und „Neues“ erschaffen. Es ist ein ganz besonderer „Flow“ zu spüren. Was genau bei diesem Tun herauskommt, spielt zunächst keine Rolle, so scheint es. IMAG1086Dazu leuchten Graffitis in kräftigen Farben und schrillen Motiven von beinahe jeder Wand. Selbst Fußböden sind mit futuristischen Grafiken bemalt. Fast schon zu coole Cafes, die sich in ehemalige Werkshallen befinden und wo beinahe jeder ein iBook vor sich hat, Büros, Seminarräume, Gastronomien, Theaterbühne, Eventhalle, Second-Hand-Läden, die Möbel und Klamotten verkaufen, ja sogar eine Druckerei, ein Fahrradshop und eine Bäckerei haben sich hier niedergelassen.

Fast schon zu coole Cafes ... (Creative City, Tallinn)

Fast schon zu coole Cafes … (Creative City, Tallinn)

Man kann die Energie tatsächlich spüren, die an diesem Ort erzeugt wird und deren Quelle nie versiegt. Innere Unruhe macht sich breit, man will direkt loslegen, mitmachen, mit irgendwas. Das ist wirklich ansteckend.
Wir betreten den Fahrradladen und staunen über ein Bike, das ich so noch nie gesehen hab. Als wir im Geschäft stehen und das gute Stück bewundern, bittet uns der Inhaber um etwas Ruhe. Ja, man drehe gerade ein Video über seinen Shop und er bitte um Verständnis. Schräges Design und doch ein FahrradAber man könne sich leise mit ihm unterhalten, wenn wir das wünschen. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und flüstere los. Ich will die Idee verstehen, die hinter diesem außergewöhnlichen Bike steckt. Die kann mir der Inhaber auch nicht so richtig erklären. Wir versuchen uns im Flüstermodus diesem Bike gemeinsam anzunähern. Eine Diskussion, die riesigen Spaß bringt und an irgendeinem Punkt dann fast schon philosophisch wird (Was ist schön?) Es müssen Gespräche wie dieses hier gerade geführte sein, in denen auch die „residents“ der „Telliskivi loomenilak“, wie die Esten ihre Creative City in der Landessprache nennen, die Quelle ihrer Inspiration und Motivation finden, etwas noch nie Dagewesenes zu entwickeln. Wie z. B. dieses Fahrrad hier.

Spaziergang durch Kalamaja: Holzbauweise ohne Ende

Spaziergang durch Kalamaja: Holzbauweise ohne Ende

Als wir später durch Kalamaja schlendern, versuchen wir ein Resümee zu ziehen. Denn, morgen geht es wieder nach Hause. Wir halten fest: In Estland schein alles möglich zu sein. Das Land und die Hauptstadt strotzten in allen Bereichen nur so vor Freigeistern. Wird durften den wunderschönen, historischen Stadkern und die kreative Facette Tallinns in den verschiedensten Ausprägungen kennenlernen. Aber dennoch hadern Estland und sein politisches und kulturelles Zentrum Tallinn irgendwie mit Gegenwart und düsterer Geschichte. Wir wissen: Wir haben nicht das typische Estland gesehen – Menschen, die in den Plattenbauten der grauen Vorstädte leben, Menschen, die arm sind und in einem Land bzw. einer Stadt leben, die auch so ihre Probleme haben. Uns ist klar, in den fünf Tagen sahen wir lediglich einen schönen Ausschnitt Estlands: nämlich Tallinn. Wir reisen wieder ab, nehmen schöne Erinnerungen mit. Was bleibt sind die Ressentiments innerhalb der Bevölkerung. Sie hemmen diese schöne Stadt und das Land in ihrer Entwicklung. Deshalb müssen sie überwunden werden. Aufarbeitung wäre ein Stichwort. Egal ob Russe oder Este, die junge Generation kann und wird das schaffen. Sie eint ein unbändiger Entdeckergeist, der aus allen Ecken und Enden dieses Landes sprudelt. Genau darin ist Estland Vorzeige-Profi. Damit könnte die Bevölkerung selbst gesellschaftliche Spannungen und Konflikte hinter sich lassen. Eine Gemeinsamkeit, die ihr enormes Integrationspotential und ihre wahre Kraft erst entfalten wird und an der sich zukünftig auch andere Staaten in Europa orientieren werden.

 

Tallinn in 4 Tagen – die Fakten

Anreise

Airport Parking: 36 EUR

Flug: Lufthansa, FRA – TLL – FRA, ca. 180 EUR/pax

Unterkunft in Tallinn

My City Hotel, Vana-Posti 11/13, Stadtzentrum Tallinn,
5 Übernachtungen inkl. Frühstück, 217 EUR / pax

Flugbuchung über www.opodo.de, Hotelbuchung über www.booking.com

In Tallin:

Busticket„Tallinn City Tour“, 2 Tage, 23 EUR/pax

Besuchte Gastronomien in Tallinn

  • Sfäär Restaurant (Bei meinem ersten Besuch mit Brendan hervorragend, beim zweiten Besuch mit Micha ok, aber das Essen machte einen mikrowellenaufgewärmten Eindruck. Trotzdem: Das „Sfäär“ überzeugt durch sein Restaurant-Shop-Konzept und ist deshalb alleine schon mal sehenswert)
  • Trattoria La Bottega (Mediterran angehauchte Küche, die sehr gut schmeckt. Herausragend: Die Weinauswahl ist beachtlich. Man sitzt quasi zwischen Tallinns höchsten Weinschränken! Preislich etwas gehoben, aber noch vertretbar.)
  • Vertigo Cafe und Deli (Einerseits Coffeeshop mit begrenzten Sitzplätzen, andererseits Delikatessladen, der keine Wünsche offen lässt.)
  • Cafe August (Super trendiger Coffeeshop mit einer witzigen Innnenausstattung, Kaffe und Snacks sind gut, frisch und mit viel Liebe zubereitet; Sitzplätze sind begrenzt. Eröffnung war im August 2015)
  • Must Puudel (Cafe, Bar, Kneipe. Momentan der „hippeste“, studentisch angehauchte Laden in Tallinn, wo sich Touristen und Einheimische treffen. Mit sehr, sehr cooler Innenausstattung – nur leider war der Hometrainer nicht mehr da. Kein Internetauftritt, dafür aber selbstverständlich eine Facebook-Seite; Müürivahe 20)
  • St. Patrick’s (Pub mit Friteusen-Food, ganz okaye Burger; Live Übertragungen von Zahlreichen Sportevents, u. a. Bundesliga, Premier League, NBA etc.; wir waren dort, um abends einige Spiele des Rugby World Cup’s zu sehen.)
  • Cafe Klaus (Auch wieder ein sehr modern eingerichtetes Cafe, mit viel Liebe für Design-Details. In der Nähe der Linnahall.)
  • Cafe Boheem (Sehr szeniges Cafe in Kalamaja, wo sich Kreative aus der „Creative City“ und Kalamaja treffen; wir fanden leider keinen Platz, waren aber trotzdem drin, wenn auch nur kurz. Kein Internetauftritt, nur Facebookseite.)

Essen gehen in Estland: ~ 20 – 30 EUR / pax (Vorspeise, Hauptspeise, Flasche Wein)

Reisezeit: Oktober 2015

2 Kommentare

  1. Vielen Dank, dass Sie alles, was ich in diesem Artikel gelesen haben, sehr nützlich für mich während meiner Reisen ist ( http://tripity.eu )

  2. Danke, Liam. Freut mich, wenn ich Dir helfen konnte. Solltest Du weitere Fragen haben, dann schreib mir einfach. Viel Spass in Tallinn. Ist ne tolle Stadt!

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