Tatsächlich … eine Radtour!

Mit dem Zug zum Es wird ernst: Wir sind tatsächlich auf dem Weg zur Radtour

Es wird ernst: Wir sind tatsächlich auf dem Weg zur Radtour

Kein Riga, kein Tallinn oder sonst irgendeine knapp vor dem Durchbruch stehende Ost-Metropole, sondern mal was ganz Verrücktes: nämlich eine durchschnittliche Radtour. Gemeinsam mit meinem Bruder. Altmühl- Radweg. Mehr „old-school“ geht nicht. Aber, seht selbst.

Ich habe es getan! Gut zwei Jahre war ich raus, und dann der Rückfall. Daran Schuld ist sozusagen mein Bruder. Er hat mich überredet. Nein. Im Grunde wollte ich es selbst so haben. Dass mein Bruder dabei ist, war nur der letzte Schubser, der finale Ruck, den ich für den entscheidenden Schritt zurück auf das Fahrrad gebraucht habe.

Bevor wir uns auf die ca. 260 km lange Strecke des Altmühltal-Radweges stürzen, Funktionskontrolle im Keller. Mein Cyclocross ist etwas verstaubt. Wurde ja auch lange Zeit nicht bewegt. Aber das Material passt. Ja, ich traue mir das zu. Die Kondition dürfte, trotz gut 20 Kilo Übergewicht, für diese größtenteils flache Strecke ok sein. Sorgen macht mir allerdings die Grundhärte. Die gut zweieinhalb Jahre Fahrrad-Abstinenz werden mein ungeübtes Sitzfleisch doch sehr beanspruchen.

Man muss es halt tragen können

Gott sei Dank habe ich zuvor noch meine alten Radklamotten probiert. Ergebnis: Ich will nicht drüber reden. Im nächsten Geschäft kaufe ich mir eine neue Radhose. Kein presswursthaftiges Beinkondom, das wird mir recht schnell klar, sondern eine weit geschnittene Shorts mit Innenhose, zwei großzügige Funktions-T-Shirts und nicht die figurbetonten Radtrikots. Man muss es halt tragen können. Statt bunter Lycra-Faser jetzt dagegen alles in großzügigem funktions-schwarz. Denn wir wissen ja, schwarz macht schlank. Es stellt sich heraus: Das war die richtige Entscheidung.

Auf dem Fahrrad bestraft dich jedes Kilo

Beim Packen des alten Deuter Trans Alpins versuche ich mich in den Denkmodus des erfahrenen Bikers zu begeben, der ich einmal war. Schnell wird klar, ich stopfe zu viel überflüssiges Zeugs in den Rucksack rein. Schließlich bestraft dich auf dem Fahrrad früher oder später jedes Kilo zu viel. Also, wieder raus mit unnötigem Kram und warmen Klamotten. Denn die Wettervorhersage verspricht uns 30 Grad und Sonne für die nächsten fünf Tage. Anstatt Winterjacke packe ich lieber Bein- und Armlinge sowie eine Regenjacke ein, die ich im hintersten Eck des Schrankes nach langem Wühlen endlich finde. Am Ende komme ich auf 7,5 Kilo. Mehr sollten es nicht sein. Ich hab eh‘ schon genug mit meinem eigenen (Über)Gewicht zu kämpfen.

Schmiermittel gegen „Wolf“ und Sonnenbrand

Nicht nur bei einer mehrtägigen Tour ist aber vor allem eines sehr, sehr wichtig: Schmiermittel. Zwar auch für das Fahrrad, erst recht aber für den Radler selbst. Von der – Entschuldigung – „Arschcreme“ darf es deshalb ruhig etwas mehr sein. Nicht auszudenken, wenn man mit dem „bösen Wolf“ auf den Sattel muss. Dafür muss man kein Radler sein. Jeder weiß, das sind Höllenqualen! Die große Dose Melkfett ist aus diesem Grund mehr als gerechtfertigt. Und natürlich Sonnencreme. Wer darauf verzichtet, der betritt in der Regel erst abends die Welt des Schmerzes. Vom nächsten Morgen und dem nächsten Tag will ich gar nicht erst sprechen.

Nervosität

Ich bin aufgeregt. Gleich geht es los. Ich habe mein Focus Mares Cyclocross nochmals schnell durchgecheckt, Kettenspray aufgelegt, Luft geprüft, Wasserflaschen aufgefüllt und mich mit leichtem Stretching aufgewärmt. Endlich fährt mein Bruder auf den Hof. Mit einem Panzer. Er bewegt nicht einfach nur ein Tourenrad, sondern führt dazu noch vollgepackte Satteltaschen, Lenkertasche UND Rad-GPS mit. Anders ausgedrückt: reichlich Ballast. Aber gut. Die Höhenmeter halten sich in Grenzen. Wir fahren ja gemütlich am Fluss entlang. Das wird schon.

Es geht los: HBF Bamberg

Es geht los: HBF Bamberg

In 10 Minuten cruisen wir zum Bahnhof. Mit dem Zug müssen wir zuerst einmal von Bamberg nach Fürth. Dann umsteigen in die Regionalbahn Richtung Würzburg und in Neustadt/Aisch nochmal wechseln in die Regionalbahn nach Steinach bei Rothenburg ob der Tauber. Das ist auch die Endstation auf dieser Strecke. Dort, gut 50 km oberhalb der Altmühlquelle, befindet sich der Einstieg in unsere Tour. Und der hat gleich es in sich.

Mein Bruder verspricht mir dagegen zum Auftakt gemäßigte Anstiege durch den schattigen Wald und sagt, man müsse nur ein kleines Stück schieben. Woher er das weiß? Er ist diese Strecke vergangenes Jahr mit seiner Familie bereits entlanggeradelt. Allerdings nicht bis zur Donaumündung nach Kelheim. Na gut. Wenn er das mit Kind und Kegel schafft, ist das für uns beide ein Klacks.

Tag 1: Steinach – Colmberg

Ende Gelände: Die Mauer von Steinach

Ende Gelände: Die „Mauer von Steinach“

Wir verlassen Steinach und stehen bereits nach gut 20 Minuten Fahrzeit vor unserer ersten Höchstschwierigkeit. Denn da, wo wir uns jetzt befinden, kommt man nur mit schieben nicht wirklich weiter. Der Anstieg, den mein Bruder nebst Familie vergangenes Jahr erklommen hatte, ist dieses Jahr offensichtlich zur einer unüberwindbaren Wand mutiert. D. h. hier geht es nicht weiter. Dazu kommt der tiefe, feuchte Waldboden – schwieriges Geläuf sozusagen. Nee, das wird so nichts. Die „Mauer von Steinach“, sie ist mit Fahrrad nicht zu bezwingen. Wir suchen nach einer Variante und radeln zurück, bis wir auf einen Abzweig stoßen. Die nicht vorhandene Beschilderung lädt uns zu dem Abenteuer ein, da einfach mal lang zu fahren. Wir wagen es. Und unser Riecher war richtig. Kurze Zeit später stoßen wir nämlich auf den eigentlichen Radweg von Steinach nach Hornau. MIT Beschilderung. Wir folgen den Schildern nach Hornau. Nach 2 Stunden sind wir in Hornau. 2 Stunden. Für nicht einmal 10 km. Wenn das so weitergeht, kommen wir nie in Kelheim an.

Ammenmärchen

Ammenmärchen

Aber gut, ab jetzt läuft es einigermaßen. Auf Flurbereinigungswegen endlich lockeres Einrollen in halbwegs flachem Terrain. Wir haben uns dazu entschlossen bis Colmberg zu fahren und uns dort ein Zimmer zu suchen.  Dabei strampeln wir u. a. durch Dörfer wie „Birkach“ – das ist wirklich überall – und kommen schließlich auch an der offiziell verbrieften Quelle der Altmühl vorbei. Dieser höchst amtliche Akt wurde im Jahre 1904 durch keinen geringeren als das „Königlich Bayerische Hydrotechnische Bureau zu München“ vorgenommen, lehrt uns das Internet. Muss ja schließlich alles seine Ordnung haben. Da aber diese ursprüngliche Quelle unter touristischen Gesichtspunkten jetzt nicht unbedingt vor Attraktivität strotzt oder zum Verweilen einlädt, hat irgendjemand die Quelle kurzerhand von dem Abflussgraben des Hornauer Weihers direkt IN den Hornauer Weiher verlegt, wo uns eine in Stein gehauene Markierung signalisiert: Hier geht die Altmühl los. Ein schöner Rastplatz. So. Ein randwanderndes Ehepaar aus Keine-Ahnung-wo grüßt uns und glaubt, wie wir zuerst auch, diesen Blödsinn. In Wirklichkeit entspringt die Altmühl nämlich da, wo wir gerade herkommen. Diesen Wald – es ist der Erlacher Forst; die „Mauer von Steinach“, sie wissen schon – durchzieht ein Geflecht aus unter- und überirdischen Bächen und Rinnsalen, die schließlich irgendwo in dieser Hügellandschaft die Altmühl zu Wege bringen, DANN in den Hornauer Weiher und von dort in das eigentliche Flussbett abfließen. Wobei, die Terminologie „Flussbett“ weckt eventuell zu hohe Erwartungen. Hier, sozusagen an der oberen Altmühl, ist die Altmühl eher ein klitzekleines „Bacherl“, über das so manches Brückerl“ führt. Erst später wird sie dann tatsächlich zum „Fluss“.

Gasthaus Lober, Colmberg

Gasthaus Lober, Colmberg: Zimmer mit schwenkbarem TV.

Nach ca. 28 km rollen wir in Colmberg ein. Tag 1 war ein schlechter Auftrakt. Die „Mauer von Steinach“ uns hat viel Zeit und Kraft gekostet. 28 km. Mir tut alles weg. Wenn ich an morgen denke, sehe ich schwarz – schwarz wie meine neuen Radklamotten. Es ist erbärmlich.

Wir finden den „radlerfreundlichen“ – und wie sollte es anders sein –  „Schwarzen Adler“. Tatsächlich ist es das Gasthaus Lober (gasthaus-lober.de). Für 35 Euro pro Nase inkl. Frühstück nehmen wir uns eines der nagelneuen Gästezimmer. Mit schwenkbarem TV. Den brauche ich später auch, um mich nach dem Essen im Bett liegend noch etwas entertainen zu lassen. Erholungsphase nennen das die Mediziner. Jedenfalls: Nach mehr als zwei Jahren Radel-Abstinenz, war die Strecke heute mehr als genug für mich und meinen Hintern. Und mein Magen meldet sich. Ich habe Hunger. Nach einer Dusche gehen wir in ein Wirtshaus mit italienischer Küche, das von einer Rumänin geführt wird und sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet. Das Loch im Bauch schließen wir mit zwei großen Pizzen – also, jeder eine. Die sind ok. Nur der Boden ist so dick wie ein Rennradreifen. Muss man mögen. Egal. Für den Ausgleich des Elektrolythaushalts sorgen zwei Weißbiere pro Nase, alkoholfrei selbstverständlich. Wir werden in den nächsten Tagen noch viele alkoholfreie Weißbiere trinken. Schon beim Essen sind unsere Augen schwer, die Körper müde und wir spüren jetzt ganz deutlich unsere untrainierten Beine, deren Faszien (!) – wie wir gelernt haben –  beim kleinsten Schritt brachiale Schmerzen verursachen. Aber wer sagt schon „Faszien“ – Kompetenz vortäuschende, wichtigtuende Fitnesstrainer mal ausgenommen. Es ist ganz einfach Muskelkater. Tja, wir haben es so gewollt.

Tag 2: Colmberg – Windsfeld

Der nächste Morgen empfängt uns mit Sonnenschein und schweren Beinen. Es wird etwas dauern, bis wir uns warmgefahren haben. Aber, da muss man durch. Gegen halb neun befinden wir uns bereits auf unserer zweiten Tagesetappe. Sie wird uns u. a. am Altmühlsee vorbeiführen, wo wir eine Pause eingeplant haben, um dort schwimmen zu gehen.

Leutershausen-Leaks?

Auf dem Weg dorthin liegt auch Leutershausen. Bei der Durchfahrt entdecke ich im Augenwinkel die Allianzvertretung Jörg Jaksche. Moment, da war doch was … Jaksche, richtig! Der „leakende“ Radrennfahrer aus dem benachbarten Ansbach. Macht jetzt also in Versicherungen. Gut, als ich nochmal zurückradele, um mich von der Richtigkeit meiner Vermutung zu überzeugen, stelle ich fest: Jörg Jaksche ist in Wirklichkeit Jörg Jeschke. Eine Verwechslung. Das kann im Vorbeifahren schon mal passieren. Und es wäre auch nicht weiter erwähnenswert. Dennoch zücke ich mein Handy. Was macht der Jaksche eigentlich heute? Recherche. Des „Jörgerl“ lebt zwischenzeitlich in Australien, studiert dort scheinbar, ist mit einem Herren namens Andreas Burkert befreundet, der selbst wiederum Mediendirektor beim FC Bayern Basketball ist und, jetzt kommt‘s, früher bei der Süddeutschen Zeitung war! Und wenn wir schon einmal dabei sind: Genau mit eben diesem Andreas Burkert hatte ich in meinem einstigen Job durchaus oft zu tun. Andere würden sagen: Man kennt sich. Ist schon verrückt. Um das vor dem Kaffee in Leutershausen sitzend per Handy herauszufinden, musste ich einen weiten Weg zurücklegen, u. a. dort kündigen, wo ich Andreas Burkert erstmals begegnet bin, dann Jahre später hierher nach Leutershausen radeln und, last but not least, einen Irrtum begehen (Jaksche statt Jeschke), der die ganze Geschichte dieses Absatzes erst ins Rollen brachte. Was so eine Fahrradtour doch in Gang setzt.

Leutershausen: Cafe, Schokohörnchen und Nachdenken über Jörg

Leutershausen: Cafe, Schokohörnchen und nachdenken über Jörg

Mein Tässchen Kaffee und mein Schokohörnchen führen aber wieder genügend Einfachzucker zu, so dass ich aus diesem scheinbar ausweglosen Teufelskreis der Ereignisse, der sich in Leutershausen zu schließen schien, wieder kraftvoll ausbrechen kann. Wir müssen weiter. Kilometer machen. Keine Zeit für solche Stories. Wirs‘te weich inner Birne von. Und das kann ich momentan gar nicht gebrauchen. Was ich dringend benötige ist: Grundhärte. Die kommt nicht einfach so. Also: Treten, einfach treten. Nix denken.

Es ist heiß, verdammt heiß. Ich creme mich dick ein. Mein Bruder meint, nee, braucht er nicht. Ich warne ihn vor heute Abend und Morgen, aber nein, er will nicht. Gut. Dann eben nicht. Nach Herrieden dann ins hübsche Ornbau, wo wir erneut eine Pause machen. Die Wurstsemmel schmeckt vorzüglich. Wenige Kilometer weiter erreichen wir dann den Altmühlsee. Wir entschließen uns zuerst den gewöhnlichen „Sprit“ nachzufüllen – zwei alkoholfreie Paulaner Weißbier! Dann springen wir in den See. Der riecht komisch. Leicht modrig, kloakig. Klar, die Sonneneinstrahlung ist so intensiv, dass sich in dem flachen, ruhigen See Algen bilden, die den ganzen Sauerstoff aus dem Wasser saugen. Na ja und dann riecht es halt wie es riecht. Egal. Abkühlen tut er trotzdem. Danach liegen wir in der Sonne und mein Bruder will sich immer noch nicht eincremen. Das wird böse enden. Ich rufe auf dem Biohof Lütke (www.biohof-luedke.de) in Windsfeld, unserem heutigen Etappenziel, an. Eine Empfehlung von meinem Bruder. Er kennt den Bauernhof von der letztjährigen Tour. Na gut. Der Haken dieses Jahr: Es gibt nur noch das „Notzimmer“. Wir überlegen kurz. „Egal, nehmen wir“, bestätige ich dann aber meine Buchung.

Allein in Windsfeld

Allein in Windsfeld

Nach 63 km kommen wir erschöpft in Windsfeld an. Da ist es mir wurscht, dass das Notzimmer eher einer winzigen Kammer gleicht, die sonst vielleicht Knecht oder Magd bewohnen, und dass das Bad dazu auf dem Gang runter ist. Wir wollen essen, schlafen und aus. Ersteres erledigen wir wieder in einem „Schwarzen Adler“. Ein vom Inhaber etwas stiefmütterlich geführtes Lokal, nur wenige Schritte die Straße runter, das aber über einen hübschen Biergarten verfügt und eine, ich nenne es mal „akzeptable“ Karte. Ausnahmslos kalte Speisen erfüllen halt auch ihre Funktion. Dazu trinken wir wieder „bleifrei“, ich danach dann aber ein ordinäres Helles „mit“. Als Schlafmittel.

Tag 3: Windsfeld – Pfünz

Heute und morgen stehen die landschaftlich schönsten Etappen auf dem Altmühl-Radweg an. Es geht über Treuchtlingen und Eichstätt bis in das Dorf Pfünz. Wir radeln parallel zur Altmühl. Der Verkehr wird dichter. Mit uns unterwegs sind hier nicht mehr nur zahlreiche Radfahrer, sondern auch viele Paddler, für die es hier immer wieder Anlegestellen und Zeltplätze entlang des Flusses gibt. Auch eine nette Art, das Altmühltal zu bereisen.

... halt Altmühltal ...

… halt Altmühltal …

Es ist ein Streckenabschnitt, der über Schotterwege, durch schattige Flussauen und durch das malerische, von riesigen Sandsteinfelsen flankierte Tal führt. Es geht auch mal bergauf, was meinen Bruder mit seinem Schwergewicht von Fahrrad konsequent an seine Belastungsgrenze führt. Er hat eh schon zu kämpfen. Mit dem Sonnenbrand auf Beinen und Armen UND, das hatte ich ja schon angedeutet, in den Kniekehlen. Er versucht seine Arme wenigsten oben herum durch eine Windjacke zu schützen. Bei der Hitze. Ein Wahnsinn. Aber er kämpft sich, ich darf es vorwegnehmen, tapfer durch. Respekt!

Noch 2500 m bis nach Pfünz

Noch 2500 m bis nach Pfünz

Dann noch 2500 m bis Pfünz. Die letzten Meter einen kühlen Waldweg entlang; hier treffen wir auf eine ältere Dame aus Holland. Auf unsere Frage, ob sie die Strecke aus Holland auch mit dem Fahrrad zurückgelegt hat, antwortet sie: „Na klar!“ Ihr Rad ist voll bepackt mit Zelt, Schlafsack und und und. Die Dame dürfte so Mitte 60 sein. Sie sei begeisterte Radfahrerin, so verrät sie uns, und bereits mit ihrem Mann auf dem Altmühlradweg gefahren. „Der ist jetzt tot“, sagt sie ohne Zeit zu verlieren. Sie kurble, um den Verlust zu meistern, den Schmerz wegzufahren, so in etwa erklärt sie uns die Motivation für ihre Tour. Und sie hat noch keinen Zeltplatz. Es sei bereits 6 Uhr abends. Wir wünschen ihr alles Gute bei der Suche, sie bedankt sich, winkt und tritt behände in die Pedalen ihres Damen-Rennrads an dem je ein Gepäckträger vorne und hinten ihre schweren Packtaschen tragen. Nach Sonne und Hitze kommt auch der netten Dame aus Holland – uns sowieso – das schattige Waldstück sehr gelegen. Es hat immer noch gut 25 Grad. Jetzt wird’s schön langsam anstrengend.

Dann Pfünz. Das Appartement inklusive Frühstück haben wir von unterwegs gebucht. Allerdings: In Pfünz gibt es kein Wirtshaus, in das man zum Essen gehen könnte. Aber in Walting. Das ist noch mal 2 km weiter. Was bleibt uns übrig. Gut, wir hätten auch in Eichstätt bleiben können. Die Stadt verfügt selbstverständlich über eine adäquate gastronomische Infrastruktur, aber unsere Kräfte haben uns nun mal weitergetragen. Und zwar nach Pfünz, dem Dorf ohne Wirtshaus. Während unsere holländische Freundin wohl jetzt gerade ihr Zelt aufschlägt und den Gaskocher anwirft, machen wir also noch einen abendlichen Radlausflug nach Walting. Hatten wir ja noch nicht. Auch das noch: vor Walting ein Anstieg. Mein Bruder muss leiden. Ich auch. Die Schmerzen sind groß. In Walting erspähen wir ein Hinweisschild zum Wirtshaus, das den Berg rechts runter zeigt. Ich rolle den Hügel runter und halte vor dem Gebäude. Sieht verdammt ruhig aus für acht Uhr abends. Dann Bewegung, die Tür geht auf. „Haben Sie geöffnet“, frage ich mit leicht verzweifeltem Unterton. „Ja, sicher“, antwortet die Wirtin. Ich winke meinen Bruder, der oben wartet, herbei und wir kriegen endlich Kohlehydrate zwischen die Kiemen und in den leeren, aber immer noch zu dicken Bauch. Was soll man machen? Natürlich weiterradeln.

Tag 4: Pfünz – Riedenburg

Die vorletzte Etappe. Die Distanz: etwas über 60 km. Schön langsam gewöhnen wir uns an die Schmerzen im Hintern. Erste Anzeichen also, dass sich die beim Radeln oft bemühte „Grundhärte“ schön langsam wieder einstellt. Der Sonnenbrand bei meinem Bruder klingt ab. Zumindest etwas. Die Etappe greifen wir in 10er Schritten an. 10 km radeln. Pause. 10 km radeln. Pause. Usw.

Sicht schö

Sicht schö

Auf der letzten und heutigen Etappe hat sich die Altmühl tatsächlich in einen stattlichen Fluss verwandelt. Sie ist breit, es fahren Schiffe wie man sie vom Rhein-Main-Donau-Kanal kennt und in unserem heutigen Zielort Riedenburg gibt es sogar eine Schleuse. Das ist deshalb bemerkenswert, weil die Altmühl der Fluss mit dem geringsten Gefälle in ganz Deutschland ist. Ergo: Das Wasser fließt kaum. Man hat den Eindruck, es steht. Die Konsequenz: Es gibt halt wenig Schleusen!

U. a. in Kinding – das ist der Nachbarort von Greding (A9? McDonald’s?) – machen wir Halt und bringen den Flüssigkeitshaushalt wieder auf ein erträgliches Niveau. Das gelingt uns mit jeweils zwei bleifreien Weißbieren ganz gut. Es läuft. Das Fahrrad. Das Bier. Der Mensch. Wir lassen uns Zeit, machen viele Pausen am Wegesrand und genießen die Idylle.

Um die Unterkunft kümmern wir uns heute nicht. Wir versuchen es einfach direkt in Haidhof, einem kurz vor Riedenburg gelegenen Dorf. Dort aber: Fehlanzeige. Deshalb: Planänderung. Jetzt doch Riedenburg. Dort wollen wir zur Tourist-Info und nach einem Zimmer fragen. Riedenburg ist hübsch – so bayerisch. Direkt im Zentrum finden wir die Information. Und als ob die nette Dame auf uns gewartet hätte, betrete ich kurz vor Büroschluss den Raum und frage nach einem Zimmer in einer Pension. Niente. Nada. Alles voll. Sie könne uns aber noch ein Zimmer im Hotel Post anbieten, das wäre direkt hinter ihr. Sie deutet durchs Fenster in ihrem Rücken, wo ich das imposante, historische Bürgerhaus erkennen kann. 80 Euro soll`s kosten. Meins. Keine fünf Minuten später stehen wir an der Rezeption der „Post“ und nehmen die Schlüssel in Empfang.

Zimmer in Hotel Post, Riedenburg

Zimmer in Hotel Post, Riedenburg

Das Zimmer selbst ist wirklich witzig – und zweistöckig. Den oberen Teil erreicht man über eine Leiter. Selbstverständlich muss ich dort oben schlafen, bin ja auch der Jüngere. Mein Bruder logiert unten. Dafür kann ich mich in einem Doppelbett breitmachen, habe aber keinen Fernseher. Es lässt sich erahnen, wo der wiederum steht. Zum Abendessen nehmen wir auf der Terrasse Platz. Wir sind mitten im Zentrum von Riedenburg und blicken auf den Marktplatz, wo sich eine Blaskapelle bereitmacht und gleich den gesamten Ortskern beschallt. Das nenn‘ ich mal ein Platzkonzert. Die Musik hindert uns jedenfalls am Einschlafen. Wir bestellen. Nach einem Steak, Schorle, bleifrei und ich 1x „mit“ fallen wir todmüde in die Koje. Ich hab‘ selten so gut geschlafen.

Tag 5: Riedenburg – Kehlheim / Saal an der Donau

Das kürzeste Teilstück führt uns heute zum Ende der Tour, nach Kelheim. Dort fließt die Altmühl in die Donau. An dieser Flusskreuzung trifft auch der Altmühl-Radweg auf den Donau-Radweg, der bis nach Wien, angeblich sogar bis nach Budapest und darüber hinaus geht. Dagegen ist unser Tagespensum heute geradezu lächerlich. Gut 27 km. Ein Klacks! Den sitzen wir auf der linken Gesäßbacke ab, ach was, das spüren wir gar nicht. Klar: Es sollte anders kommen.

Nein! Platten!

Nein! Platten!

Keine 2 km gefahren und zack, Platten. Bei meinem Bruder. Ich fahr vor. In Prunn, etwa 3 km weiter, suche ich einen Laden, der einen passenden Schlauch hat. Ich finde eine BayWa-Tankstelle, die tatsächlich Fahrradschläuche verkauft. Ja, auch passende. Sechs Euro ärmer fetze ich zurück zu meinem Bruder, der zwischenzeitlich schon weitergeschoben hat. Als wir alles gefixt haben der Schock: meine Pumpe geht nicht mehr. Das nervt. D.h. für meinen Bruder: schieben. Eben dorthin, wo ich vorher herkam, bis zur Tankstelle in Prunn. Während mein Bruder seinem Bike die größte Zuneigung zukommen lässt, rolle ich einen Stehversuch an den anderen reihend ganz langsam nebenher und trainiere mein Balancegefühl. Dazu Hitze und Sonne. Schon jetzt, am Morgen. Phuu, heute wird’s richtig heiß. An der BayWa-Tankstelle angekommen hilft uns die Dame im Shop weiter und leiht uns ihre vollautomatische Pumpe. So muss das aussehen! Und weiter geht die wilde Fahrt.

Wir erreichen Kelheim, wo wir uns am Ortseingang sofort in eine Eisdiele begeben und mit Eis und was weiß ich sonst noch was reichlich Einfachzucker zuführen. Der schießt uns sofort in die Blutbahn – wir sind gut gelaunt. Als wir wieder aufbrechen wollen, stellen wir am Rad meines Bruders fassungslos fest: wieder Platten. Was für eine Sch..ße! Jetzt wird’s eng. Samstag. Die Geschäfte haben nicht bis abends offen. Wir fragen uns durch. Die Frau vom Käsestand auf dem Kelheimer Markt sagt, sie kenne einen Fahrradshop. Der sei im Gewerbegebiet. Ich fahre wieder vor. Mein Bruder schiebt hinterher. Über die Brücke dann rechts. Ganz einfach. 2rad Jessen. Ich frage nach. Keine Panik, „wir haben bis 16 Uhr geöffnet.“ Alles gut.

Bei der Reparatur stellt der Mechaniker fest, dass das Felgenband nicht mehr so wirklich in Takt ist. Deshalb hat der Schlauch an manchen Stellen direkt auf der Felge gerieben. „Da scheuert sich der Schlauch halt auf“, erklärt der nette Mann. Neues Felgenband, sogar neuer Mantel und neuer Schlauch – mein Bruder lässt es richtig krachen. Sicher ist: Mit dieser Investition werden wir auch die letzten 8 km hinter uns bringen. Nach dem kurzen Stimmungstief, machen wir uns jetzt wieder bestens gelaunt auf zum Finish. An der Donaumündung knipsen und filmen wir ausgiebig, um unsere Leistung festzuhalten. Derweil rollt unsere alte Bekannte aus Holland an uns vorbei, grüßt, winkt, biegt auf den Donau-Radweg ab und verschwindet irgendwo hinter der nächsten Kurve. Wir sind sprachlos. Die fährt jetzt tatsächlich Richtung Wien. Es fällt uns jetzt schwer unserem Stolz, der sich angesichts der bewältigten Distanz von knapp 300 km gerade in unserer Brust breitmachen will, freien Lauf zu lassen und unsere Leistung guten Gewissens selbst anzuerkennen, nachdem die Holländerin an uns vorbeigefahren ist. Irgendwie.

Geschafft!

Geschafft!

Für die letzten 27 km haben wir heute gut 8 Stunden gebraucht. Wir rollen erschöpft am Bahnhof in Saal a. d. Donau ein. Und ich fühle mich …. leichter? Ja doch, etwas vielleicht … egal: High Five! Jetzt freuen wir uns doch noch … wie zwei kleine Kinder! Geschafft. Zeit für „a Schnitzel und a Bier“. Im Zug nach Ingolstadt denken wir dann laut nach: „Donauradweg, das wäre mal ein Projekt“.

Altmühl-Radweg – die Fakten

  • Länge: ca. 260 km
  • Zahlreiche „radlerfreundliche“ Hotels und Pensionen entlang des Weges.
    Wir haben nicht vorgebucht, sondern immer am Anreisetag selbst
    per Handy reserviert.
  • Tour-Dauer: 5 Tage (inkl. An- und Abreisetag)
  • Tour wurde Ende August 2015 gefahren

 

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