Destination Basketball – Chapter B.A.B.T.B.

Destination Basketball

Destination Basketball

Es gibt viele Gründe zu reisen. Zum Beispiel, um ferne Länder zu entdecken oder fremde Kulturen kennenzulernen – oder eben … Basketball. Wie gut, wenn man alles miteinander verbinden kann. So wie Brendan. Er ist Basketballscout. Seine Begleitung bei den Reisen nach Belgien, Estland und Berlin? Eine Videokamera und … ich.

Inhalt:
[K1: Bamberg] [K2: Antwerpen] [K3: Brügge] [K4: Tallinn] [K5: Berlin] [Playlist] [Fotos]

Essen, trinken, reden

Wir gehen essen oder/und einen trinken. Mehr oder weniger regelmäßig. Meistens am Freitagabend. Ein Bier oder einen Schoppen oder beides, manchmal mehr. Essen, trinken, reden; oft über Basketball, „das Team“, seinen Job als Scout, meinen Job, über Kalifornien, Bamberg, Deutschland, die USA, Europa, das Leben, Filme – immer wieder „Sideways“ -, Musik – Led Zeppelin, Pearl Jam, Nick Cave, da sind wir uns einig [Playlist >], bei Rush leider nicht – und unsere gemeinsame Leidenschaft, das Reisen. Wir erzählen uns Geschichten darüber, was wir wo erlebt haben, wo es auf diesem Planeten am Schönsten ist, wo wir noch hinwollen. Das ist … cool? Der Stoff geht uns jedenfalls nie aus. Wie auch. Bei diesen Themen. Zweifellos: Wir haben gewisse Ähnlichkeiten in unseren Biographien festgestellt. Über die letzten Jahre sind wir Kumpels geworden – „Buddies“ würde er sagen. Das erleichtert die Kommunikation.


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Bamberg

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Sommer 2014

„Personalwechsel“. Alter Coach raus, neuer rein. So ist das im Profisport. Was war, zählt nichts. Brutale Realität. Es war die erste Saison seit vier Jahren ohne Titel. D. h. umgekehrt: Davor gab es vier Jahre Erfolg. Eben noch im Olymp, jetzt raus. Damit muss man umgehen können. Es ist die Zeit der Zyniker – kein Platz für Sentimentalitäten. Mir tut es einfach nur leid für ihn, extrem leid. Er nennt es „politics“. Mit dem neuen Cheftrainer wird der gesamte „coaching staff“ ausgewechselt. Nur Brendan nicht. Er bleibt. Darüber wundere ich mich etwas. Es wirkt so als ob das ebenfalls neue Management ihn … „vergessen“ hat? Das ist zunächst einmal gut. Ganz ohne Job, das wäre schlimmer.

Aber: Brendan ist jetzt alleine. Ein Überbleibsel der alten Truppe, die sich so gut verstand, die Titel sammelte wie mein Opa Briefmarken. Ein Relikt. Die Stimmung ist entsprechend, denn die „Familie“, seine Arbeitsbasis, sie ist auseinandergebrochen. Das ändert alles. Alltag im Profisport.

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Jetzt also ich …

Im Oktober 2014 entsteht die Idee – die Idee, seine Reisen, die ihn als Basketballscout Woche für Woche kreuz und quer durch Europa führen, auf Video festzuhalten. Warum ist dieser Wunsch gerade jetzt so groß? Läuft seine Zeit in Bamberg ab? Ich glaube, ja. Ich glaube, er kann es fühlen. Körperlich ist er anwesend, aber die Begeisterung für und die Freude am Job, sie sind weg. Innere Kündigung?

Neben den schönen Erinnerungen im Kopf, will er etwas Bleibendes, etwas Lebendiges aus diesen letzten sieben Jahren Bamberg haben. Gut, es gibt Fotos, viele Fotos. Von den Meisterschaften, von den Pokalsiegen, aber keine persönliche „Dokumentation“ darüber, was er tatsächlich getan hat. Dabei unternimmt er vor einigen Jahren bereits einen Versuch. Mit seinem Bruder Colin. Er begleitet Brendan für ein paar Wochen auf seinen Reisen. Aus dieser Zeit gibt es Videomaterial „and a book worth of stories“, wie Brendan selbst zu sagen pflegt. Allerdings haben die beiden dieses Projekt nie ernsthaft umgesetzt.

[ >> VIDEO: „Die Idee / The Idea“ ]

 

Jetzt also ich. Und die Idee. Ohne, dass ich mir über die logistischen Konsequenzen und Schwierigkeiten im Klaren bin: Wir sind begeistert. Wie Kinder. Wir legen los, ohne Plan, ohne zu wissen, in welche Richtung es inhaltlich gehen soll. Basketball, Reisen, Kultur oder was wir dafür halten und die Bedingung: „Keeping it real.“ Das ist alles was wir haben.

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„The thrill is gone“

Einer der ersten Drehorte: seine Wohnung in Bamberg. Das macht den Start einfach. Für Brendan ist er dagegen sehr schwer. Er verfolgt die Spiele jetzt oft am Fernsehschirm. Zu Hause. Mehr und mehr auch die Heimspiele. „The thrill is gone“, beschreibt er seinen Gemütszustand. Unter dem alten Coach, seinem Freund, ist der „game day“ dagegen ein besonderer Tag, der Tag schlechthin. Er muss in die Halle, mit dem Team zu Auswärtsspielen reisen und dabei sein. Er lässt kein Training aus. Er ist Teil des Teams, er ist in diesem Team. Zu dieser Zeit tut er dafür alles. Seinen Reiseplan richtet er nach den Spielen der Mannschaft aus. Er ist frei. Glücklich. Das Team gewinnt. Vier Meisterschaften und drei Pokalsiege. Auch er ist Teil dieses Erfolgs. Diesen Zeiten trauert er nach. Immer wieder. Ich kann es sehen. Er telefoniert und textet oft mit seinen Freunden. Er erzählt mir davon. Dabei schwingt immer Wehmut mit. Enttäuschung. Wenn ich ihn so sehe, muss ich zugeben, bei mir auch. Ein bisschen.

Und jetzt? „I don’t feel anything anymore“, sagt er. „It is not the same.“ Und dennoch: Die neue Mannschaft mag er. „We have good guys in there.“

Es ist klar, dass er weg will. Der Club ist zwar derselbe, die Menschen, die ihn führen, sind jedoch andere. Kein freundschaftliches, familiäres Vertrauen mehr, sondern einfach nur noch … Leere. Ein neuer Sportdirektor wird eingestellt. Die Botschaft ist klar: Eine neue Zeit bricht an. Man sagt jetzt nicht mehr „Club“ oder „Verein“, sondern „Organisation“. Und die muss funktionieren.

Brendan spielt sein ganz persönliches „isolation game“. Er reist. Dieses Mal mit mir. Zuerst führt uns sein Terminplan nach Antwerpen in Belgien. Wir fahren mit dem Auto. Ich muss mit dem Handy filmen, weil wir noch keine Kamera haben. Die Speicherkapazitäten meines Smartphones sind so gut wie erschöpft. Und da hat er mir gerade erst die Geschichten aus Bilbao, Belgrad oder Budapest erzählt. Budapest. Als er Ärger mit dem Taxifahrer hatte. Es kam zu Handgreiflichkeiten. Oder jene aus Paris. Damals, 2009, in der Bar mit den netten Inhabern, den hübschen Kellnerinnen. Erst morgens um fünf war er wieder im Hotel. Brendan redet ohne Punkt und Komma. Etwa 5 GB lang. Keine Pause. „Das kann ja heiter werden“, denke ich mir. Wir brauchen eine Kamera.

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14. Januar 2015 – „I am done here“

Wir verabreden uns für den Abend. Eurocup. Bayern – Bamberg. Bei Brendan zu Hause. Er ist nicht nach München gefahren. „Why should I?“, fragt er mich. Warum hätte er das tun sollen?

Basketball Abend mit B.

Basketball Abend mit B.

Jetzt also das unbedeutende Eurocup Spiel gegen die Bayern. Ich befürchte Schlimmes, hoffe auf einen Sieg, auf einen gut erspielten Sieg – damit sich Brendan beruhigt. Den Gefallen tun sie mir nicht. Sie gehen unter. Sang und klanglos. Sie saufen ab, so hilflos wie die Titanic. Es sieht nicht nur so aus, als ob sie die cholerischen Anweisungen des Trainers ignorieren, sie liefern auch den praktischen Beweis. Betont lustlos. Absichtlich unmotiviert. Einige Spieler starren mit leerem Blick ins Nichts. Brendan ist bedient: „You see that?“

Das Spiel ist gelaufen. Eigentlich schon nach dem ersten Viertel. Wir unterhalten uns bei einigen Gläsern Casa Solar über die Zukunft. Was wird nächste Saison passieren? Ich vermute ja, dass nächstes Jahr Tibor bei den Bayern spielt. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Bayern schwer hinter ihm her sind. Bayern hat das Geld, Bayern will in der Euroleague vorankommen – besser geht es gar nicht.

„You are right. They want him. The question is, do they get him?“, beantwortet Brendan meine lauten Gedanken. „And you know who we will sign?“

Ich: „Anton again?“

Brendan: „No. Staiger and Idbihi.“

Ich: „Surpirse, surprise“

 

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Antwerpen

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23. Januar 2015 – „No merlot“ in Antwerpen

Antwerpen. Hotellobby. Euroleague. Irgendein Spiel. Am iBook. Dazu Fingerfood – u. a. Minisalamis, Käsewürfel und frittierte „Bitterballs“, die gar nicht bitter schmecken
[ >> VIDEO: „There’s nothing like deep fried food and alcohol“ ] – und ein Glas Cabernet Sauvignon; oder zwei.

 

Während das Spiel läuft, entwickeln wir die goldene Weinregel Nr. 1: „No Merlot“. Der Hintergrund: „Sideways“, ein Film mit Paul Giamatti. Der von ihm dargestellte Charakter Miles kultiviert eine unerklärliche Merlot-Abneigung. Auch wir sind ihr gefolgt, ohne dabei zu wissen, warum überhaupt. Vermutlich deshalb, weil der Streifen im kalifornischen Santa Ynez Valley spielt und Brendan dabei in Erinnerungen schwelgt. Und weil wir die Szene witzig finden, als er das erste Mal „No Merlot“ sagt. Jedenfalls: Es gibt bestimmt hervorragende Merlots. Und weil auf der Karte eben Merlot, aber kein Rioja oder so zu finden sind, entstand schließlich die goldene Weinregel Nr. 2: „If your are not certain, always choose Cabernet Sauvignon!“ Warum? Weil es „Cab“ (fast) immer und überall gibt. Dieses Selektionskriterium wenden wir sehr erfolgreich an. Auch in Brügge und später in Tallinn. In Berlin erweitern wir diese Regel sogar noch. Dazu später mehr. Das Euroleague-Match ist da längst zur Nebensache geworden. Zweifellos aber eine sehr schöne Nebensache. Das Ergebnis? Egal. Wozu gibt es Euroleague.net?

Wir machen uns auf den Weg in die Arena. Richtig, da war ja noch was. Antwerpen vs. Aalst. Der Vollständigkeit halber: Brendan beobachtet zwei Spieler. DeAndre Kane, ein Guard, spielt für Antwerpen, und Taylor Braun, höchst selbst ein Shooting Guard, der für Aalst startet. Beide in ihrer Rookiesaison. (Eine Saison später nimmt Ulm die beiden unter Vertrag.) Brendan mag den Stil von Braun. „He could be of interest for Bamberg“, sagt er. Braun überzeugt mit 24 Punkten. Er ist ein sehr guter Distanzschütze. Sein Spiel ist sehr teamorientiert und zeugt von reichlich Spielverständnis (Basketball-IQ würden jetzt Kenner sagen). Er macht vieles richtig. Instinktiv. Clever, der Braun. Sein Team verliert trotzdem. Für die BBL könnte er unter Umständen dann sehr interessant sein, wenn er einen deutschen Pass besitzten sollte. Das lässt zumindest sein Nachname vermuten. Kane präsentiert sich dagegen sehr schwach. Uninspiriert, beinahe lustlos. Und das, obwohl die Boston Celtics ihn gerade intensiv scouten. Der Coach wechselt ihn aus und Kane bleibt fast die gesamte erste Halbzeit auf der Bank. Erst in der zweiten Spielhälfte reißt er sich zusammen und nimmt das Spiel in die Hand. Dafür, dass hier die beiden Zweitplatzierten der belgischen Liga gegeneinander spielen, ist die Begegnung insgesamt sehr lahm. Das Niveau: deutlich unterhalb der deutschen BBL. Brendan hatte es prophezeit: Selbst ich könne das erkennen. Langweilig. Deshalb quatscht Brendan auch ständig mit Patrick King, der direkt neben ihm sitzt. Hört sich nach Basketball-Gossip von zwei Insidern an. Das scheint spannender zu sein als dem Spiel zu folgen.

[ >> Video: „Antwerpen Arena: Meet Patrick King“]

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Teil von etwas Großem sein

Postgame in Antwerpen, Belgien

Postgame in Antwerpen, Belgien

Antwerpen. Postgame. Stadtmitte. In irgendeinem Restaurant. Brendan erzählt davon, wie alles angefangen hat. In seiner Heimatstadt St. Louis sieht er sich zahllose Spiele möglichst vieler Teams an. Warum? Ganz einfach: „Ich hatte immer großen Spaß daran, mir Spiele anzuschauen.“ Bereits in jungen Jahren arbeitet er als Scout in seiner Heimatstadt St. Louis. Dann Collegebasketball an der Universität von Eastern Illinois – dort spielt er mit keinem geringeren als Henry Domercant (später u. a. Efes Pilsen, Olympiakos Piräus, Dynamo Moskau, Montepaschi Siena, Galatasaray Istanbul etc.) in einem Team. Dazu Kyle Hill (ASVEL Villeurbanne, Pau-Orthez, AEK Athen etc.). Na ja, spielen ist übertrieben. Angesichts dieses Überangebots auf den kleinen Positionen sitzt er ab seinem Junior-Jahr meistens auf der Bank. Er bekommt nur wenige Minuten Spielzeit. Dennoch: Er weiß diese Zeit zu nutzen. Wahrscheinlich perfektioniert er genau damals sein Auge und sein Talent, gute Spieler auf hohem Leistungsniveau zu erkennen. Nach einem Jahr stellt er fest: sich als Spieler durchzusetzen, dafür reicht es nicht. Dennoch wollte er „Teil von etwas Großem im Basketball sein“, wie er selbst sagt.

Mit dem Collegeabschluss in der Tasche heuert er in Rochester, einem Vorort von New York, bei den Razorsharks an. Die Mannschaft spielt in der PBL, einer untergeordneten Profiliga in den USA. Brendan kann dort sein Netzwerk ausbauen. Er lernt viele Scouts und Agenten kennen. Weniger ertragreich war dagegen die Zusammenarbeit mit dem Management. „Drei Monate lebte ich in meinem VW Jetta. Ich hatte kein Geld, weil man mich nicht bezahlte. Wenn ich Hunger hatte, ging ich in den Supermarkt. Ich aß direkt von der Gemüsetheke. Ich täuschte einen Einkauf vor, stillte meinen Hunger direkt im Laden, ließ danach den Einkaufskorb stehen und verschwand.“

 

[ >> VIDEO: „Dinner in Grocery Store“ ]

Harte Zeiten. Bis er nicht mehr weiterweiß. Dann platzt ihm buchstäblich der Kragen. Er „holt“ sich sein Geld. Selbst. Denn er hat nichts mehr zu verlieren. [ >> VIDEO: „You haven’t paid me, yet!“ ] „In dieser Zeit half mir ein guter Freund. Er war Toningenieur in einem Aufnahmestudio. Es befand sich in einem New Yorker Keller und war gemütlich eingerichtet. Wenn er nachts arbeiten musste, rief er mich an. Ich kam vorbei und konnte ein paar Stunden im warmen Studio auf der Couch schlafen.“

 

Seinen Traum von Europa gibt er dabei nie auf. Bis er schließlich den Sprung wagt.  2007 arbeitet er freiberuflich für Doug Spradley in Bremerhaven. Beim Final Four in Hamburg trifft er im selben Jahr erstmals auf Chris Fleming, damals noch Head Coach in Quakenbrück. Und er heuert u. a. bei den israelischen Erstligisten Hapoel Tel Aviv und Galil Gilboa an. Dort engagiert ihn Amit Gal – als Freelancer. Seine Verbindung zu Gal soll ihm später noch von großem Nutzen sein. Die Europa-Reisen bezahlt er aus der eigenen Tasche. Er lebt von der Hand in den Mund. Mit Kurzzeit-Jobs hält er sich über Wasser. Er hat Schulden. Irgendwann ist sein Kreditkartenlimit fast erschöpft. Er schreibt alle europäischen Erstliga-Clubs an und verschickt selbst verfasste Scouting-Newsletter an deren Head Coaches, um so sein Wissen und sein Können zu belegen. Schließlich ist er so gut wie pleite und kann sich gerade noch ein Flugticket nach Hause kaufen. Mit seinem Bruder zieht er nach Kalifornien. Um finanziell wieder auf die Beine zu kommen, beginnt er dort als Fahrer für eine Bäckerei zu arbeiten. Monate später erhält er schließlich einen Anruf. Aus Bamberg. Am anderen Ende der Leitung ist: der neue Headcoach der Brose Baskets, Chris Fleming. Er erkennt Brendans Potential. Und: Er stellt Brendan fest als Scout ein. Bamberg ist damit das erste BBL-Team, das einen festen Scout unter Vertrag nimmt. Man ist Vorreiter im deutschen Spitzenbasketball. Es soll sich für Bamberg lohnen, denn es ist der Beginn einer goldenen Zeit.  Erst Jahre danach ziehen die großen Teams wie Bayern und Alba nach. In dieser Zeit verschafft Brendan dem Team einen großen Vorsprung, von dem es lange Zeit profitieren wird. Sein erster Coup: Kyle Hines. Niemand hat diesen „undersized big man“ auf der Rechnung. Brendan holt ihn aus der zweiten italienischen Liga nach Oberfranken. Er reaktiviert den Kontakt zu Amit Gal und entdeckt Brian Roberts, ein bis dato in Europa gänzlich unbekannter Shooting Guard. Roberts spielte da noch in Israel. Bei Galil Gilboa. Über vier Spielzeiten hinweg bleibt Bamberg das Maß der Dinge im bundedeutschen Basketball. Und Brendan ist ein Teil davon. Er ist Teil von etwas Großem. Sein Traum hat sich erfüllt. „The rest is history as they say.“

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„Ups and downs“

Mittlerweile sitzen wir in einer Bar in Antwerpen und trinken „Leffe“-Bier. Keine gute Idee, denn es schmeckt grauenvoll. Brendan wechselt zu Wein. Selbstverständlich zu Cabernet Sauvignon. Ich zu Stella – also dem Bier. Da ist Chris längst Bundestrainer. Und Brendan sitzt mit mir in Belgien. So ist das. „There are ups and downs“. Wir betrinken uns.

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Brügge

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Am nächsten Morgen – gegen Mittag – brechen wir auf. Nach Brügge [ Fotos >> ]. Einen Tag Brügge heißt, kein Scouting. Nach etwa eineinhalb Stunden Fahrt sind wir im NH Hotel. „Brügge sehen … und sterben“´, auf Englisch: „In Bruges“ – so heißt der melancholische Gangster-Film. Der Streifen kommt uns nicht erst in den Sinn. Wir kennen ihn längst. Und wir müssen schmunzeln, denn in der Hotellobby hängt das Filmplakat. Dieses filmische Meisterwerk hat uns auf die Stadt aufmerksam gemacht. Deshalb sind wir heute hier. Und, weil die Rahmenbedingungen günstig waren. Nach dem Scouting in Antwerpen lag Brügge einfach auf der Hand – und dem Weg.

Brügge

Brügge

Brügge ist wirklich atemberaubend schön. Touristen schieben sich durch die mittelalterlichen Gassen. Wir uns auch. Es ist kalt. Egal. Mit zitternden Fingern fotografieren wir. An jeder Ecke ein noch tolleres Motiv. Wegen der Grachten nennt man die Stadt auch „Venedig des Nordens“. Brendan ist begeistert. Ich ebenso. Sieht irgendwie so britisch aus hier alles. Nun, es sieht nicht nur so aus. Auch auf den Straßen sind die Engländer nicht zu überhören und zu übersehen. Nach London sind es mit dem Auto und dem Schiff höchstens 4 Stunden. Der Hafen von Brügge, Zeebrügge, befindet sich vor den Toren der Stadt. Bereits vor über 800 Jahren führt so etwas wie ein Kanal vom Meer direkt bis ins Stadtzentrum. Eine Sturmflut macht das möglich. Sie legte im Jahr 1134 einen Seearm, der die Küste mit dem Landesinneren, also mit Brügge, verbindet, frei. Glück im Unglück: Dank dieser Verbindung zum Meer kann Brügge nämlich am Fernhandel teilnehmen. Kaufleute aus ganz Europa kommen fortan mit dem Schiff in die belgische Stadt. Brügge wird zu einem Handelszentrum der Textilherstellung. Sogar die Medici aus Florenz eröffnen in Brügge eine Bank und die Hanse lässt sich mit einem Handelskontor nieder. England gründet mit der Company of Merchant Adventurers den zu dieser Zeit wohl bedeutendsten Zusammenschluss englischer Tuchhändler. Sie werden von der englischen Krone mit einem Monopol für den Tuchexport ausgestattet. Ihr Ziel natürlich: Brügge.

Häsuerzeile, Brügge

Häsuerzeile, Brügge

Möglicherweise ist das ein Grund für den nicht zu leugnenden „britischen“ Auftritt Brügges. Neben der auffälligen Ähnlichkeit einiger historischer Gebäude – manche erinnern an viktorianische Burgen oder Schlösser im Stil von Windsor Castle -, verstärken die zahllosen „Tearooms“ diesen Eindruck. Sie sind an beinahe an jeder Ecke zu finden. Auch wir suchen so einen „Teeraum“ auf. Weil wir so durchgefroren sind. Dort bestellen wir Cappuccino. Ein Fehler. Klar. In einem Tearoom nimmt man auch kein Kaffeegetränk zu sich. Der Cappu ist wirklich schlecht, kostet dafür aber knapp 4 Euro.

Wir unterhalten uns über Belgien. Wir wissen, dieses Land ist tief gespalten. In zwei Ethnien sozusagen. Und das mitten in Europa – in einem Land, dessen Hauptstadt EU-Sitz ist. Flamen und Walonen sind sich spinnefeind. Es ist schlimmer als Bayern und Preußen, als Franken und Bayern, als Badener und Württemberger. Kann es also vor diesem Hintergrund eine belgische Identität geben? Schwierig. Dass die Belgier so ihre mentalen Probleme mit ihrem Heimatland haben, zeigt sich beispielsweise auch daran, dass sie sich jahrelang nicht darauf einigen können, eine Regierung zu ernennen. Zwischen Wahl und Bekanntgabe der Regierung im Dezember 2011 vergehen sage und schreibe 540 Tage, in denen das Land ohne politische Führung ist. Das ist bis heute weltweiter Rekord.

Brügge sehen … und NICHT sterben

"Don't do it Ray!" - Schauplatz von "In Bruges": Der "Belfried" in Brügge

„Don’t do it, Ray!“ Ken’s berühmter Satz an Ray aus „In Bruges“, aber nicht dort, wo der „Belfried“ (i. Bild oben) steht.

Brendan merkt dazu an: „You never know, what to expect.“ So schön Brügge auch ist, es ist irgendwie … komisch. Das bemerkt auch Martin McDonagh, der Regisseur von „In Bruges“. Einerseits fasziniert ihn die Schönheit der Altstadt, andererseits findet er die Stadt aber auch langweilig, ist bei Wikipedia zu lesen. Diesen Gegensatz verkörpern auch die zwei Hauptfiguren im Film. Der eine findet es spannend, die Geschichte der Stadt zu erkunden, der andere langweilt sich und die Stadt langweilt ihn. An was kann das liegen? An den Menschen? Am Ende wird diese Stadt zur traurigen Kulisse ihres tragischen Todes. Dramatisch. Wir dagegen wollen „Brügge sehen … und NICHT sterben“.

Bar des amis, Brügge

Ist ein schlechtes Foto wert: Bar des amis, Brügge

Der Name der doch so netten „Bar des amis“ hält rein zwischenmenschlich jedenfalls nicht, was er verspricht. Das Personal ist, man kann es nicht anders sagen, unfreundlich. Es ignoriert uns. Konsequent. Gut, das kann Dir jetzt auch anderswo in Europa passieren, will sagen: das ist kein belgisches Problem. Trotzdem: Die hübsche Barfrau entscheidet nach Lust und Laune, wer zu welchem Zeitpunkt bestellen darf. Auf unseren Wink reagiert sie nicht. Aus Prinzip; nicht mal mit einem bestätigenden Kopfnicken. Ein Lächeln? Zu viel verlangt. Sie sieht uns einfach nicht. Sie will uns nicht sehen. „You know what I mean? So what the fuck …“, ärgert sich Brendan, während er – O-Ton –  „die schönste Frau Belgiens“  erblickt. Leider arbeitet die auch in der „Bar des amis“, was nicht unbedingt auf ihre Bereitschaft zur Kontaktaufnahme schließen lässt. In diese Richtung geht übrigens auch der Internetauftritt der „Bar des amis“. Der ist nicht gerade informativ. Es wird aber klar, dass die „Bar des amis“ einer Kette angehört. Eine englische Version der Seite gibt es nicht. Da könnte man doch glatt meinen: Foreigners not welcome. Fail. Wir ziehen weiter. Location-Wechsel.

Das „Le Trappiste“ (Facebook-Seite) ist eine Kneipe, die sich in einem Kellergewölbe befindet. Lauter nette Menschen hier. Endlich. Auch an der Bar. Belgien ist Bierland. So hat auch diese Bierkneipe ein mächtiges Angebot verschiedenster Gerstensäfte. Belgischer natürlich. Muss man mögen. Ich entscheide mich für ein „Lager“ – also ein Helles. Nach der „Leffe“.Erfahrung folgt Brendan erneut Regel Nr. 2: CS. In einer Bierkneipe. Aber, alles ist gut.

Pianospieler in irgendeiner Weinbar in Brügge

Pianospieler in irgendeiner Weinbar in Brügge

Andere Kneipe, noch nettere Menschen. Zum Beispiel die Weinbar, deren Name ich leider vergessen habe. Ich erinnere mich an den rauchenden Pianospieler, der den Tasten wirklich sehr, sehr coole Musik entlockt und and den nicht mehr so ganz nüchterne Wirt. Mit grauer, voller, lockiger Haarpracht, leicht glänzenden Wangen und dezent-fülligem Bauch, der sich hinter einem nicht auftragenden, weil schwarzen Kashmir-Pulli versteckt, klärt er mich auf: „Nous somme tous européennes“ oder so ähnlich – als ob er unsere Zweifel an der Existenz einer belgischen Identität ahnt. Nach einem weiteren Glas Pinot Noir schlußfolgern Brendan und ich: Wenn sich die Menschen hier lieber als Flamen oder Walonen bezeichnen denn als „Belgier“, dann sind sie, ob es ihnen gefällt oder nicht, immer noch eines gemeinsam: Europäer. Klingt plausibel. Auch unser Wirt scheint uns das sagen zu wollen, nehmen wir an. Immerhin, ein Anfang. Mein Bemühen unsere Feststellung dem Wirt in „meinem“ Französisch zu übersetzen endet jämmerlich, geht aber reibungslos dazu über, dass wir brüderlich und ganz europäisch mit dem Wirt, der sich zwischenzeitlich doch sehr am Tresen festhalten muss und sich nicht mehr klar artikulieren kann, anstoßen. Verdammt! Dieser Pinot Noir hat es wirklich in sich.

Mit Frittiertem im Bauch schläft es sich immer noch am besten: Belgische Pommes in Brügge.

Mit Frittiertem im Bauch schläft es sich immer noch am besten: Belgische Pommes in Brügge.

Auch später die belgischen Pommes mit dem extrascharfen Saucenmix – so etwas Ähnliches wie Tomatenmayonnaise? – schmecken wirklich gut. Die nehme ich noch gerade rechtzeitig an einer Frittenbude auf dem „Grote Markt“ im Zentrum der Altstadt zu mir, bevor ich müde ins Bett falle. Ansonsten wäre ich wohl im Schlaf verhungert. Mit Frittiertem im Bauch schläft es sich immer noch am besten. Man ist dann so zufrieden. Alles ist so … wie soll ich sagen … so muckelig. Genau. Wer das Gegenteil behauptet, hat keine Ahnung.

Der Rückreisetag tut zuerst einmal … weh. Nach einer viel zu kurzen Nacht mit wenig Schlaf taucht erst kurz vor Köln endlich ein McCafé auf. Wurde aber auch Zeit. Auf dem weiteren Nachhauseweg machen wir Halt in Frankfurt. Dort spielt Bamberg. Nicht weiter wichtig zu erwähnen, dass Bamberg gegen die Skyliners gewinnt. Und dass Brendan zwischen Frankfurt und Bamberg auf der A3 einen Anruf von Fotis Katsikaris erhält, in dem es offensichtlich um den AEK-Job in Athen geht. AEK. Das gute alte AEK. Die Griechen wollen wieder in der europäischen Spitze mitmischen. So ist der Plan. Ich freue mich für Brendan. Tut der Seele gut, wenn man gefragt ist. Gerade in seiner Situation. Ich weiß wovon ich spreche. Blöd nur, all das habe ich nicht auf Film. Weil wir eben noch keine Kamera haben. Na ja.

 

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Tallinn

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30. Januar 2015 – Tallinn. Estland. Keine Ahnung.

Wir haben eine Kamera. Rechtzeitig vor unserem Trip nach Tallinn [ Fotos >> ] kauft Brendan kurzerhand eine. Mit 32 GB Speicherkarte. Da kann ich filmen bis der Arzt kommt.

Wie sollte es auch anders sein: Die Anreise beginnt mit einer Autofahrt nach Frankfurt. Von dort geht der Flieger nach Riga. In einer Propellerbüchse fliegen wir zunächst zweieinhalb Stunden in die lettische Hauptstadt, um dann in eine amtliche 737 umzusteigen, die uns in einem weiteren Take von etwa 30 Minuten an unser Ziel bringt.

[ >> VIDEO: Theme „Tallinn“ ]

 

Tallinn. Estland. Keine Ahnung. Wir sind hier, um uns ein Spiel anzuschauen. Klar, was sonst. VTB United League. Das ist irgendwie so die ziemlich sinnloseste Liga der Welt. Es fühlt sich auf jeden Fall so an. Heute mit dem Kracher: BC Kalev vs. Nizny Novgorod. Genau das Novgorod aus der Euroleague – mit Taylor Rochestie. Er hat definitiv das Zeug zu meinem Lieblingsspieler zu werden. Aber noch hat David Blu die Nase vorn. Auch wenn dem russischen Team gegen Ende der TOP16 etwas die Luft ausgegangen ist, Rochestie hat eine unglaubliche Saison gespielt und glänzt mit Bestwerten. Der dürfte nächste Saison entweder für Madrid, Moskau oder Maccabi auflaufen.

In Tallinn - Wine, dine, Euroleague

In Tallinn – Wine, dine, Euroleague

Bis zum Spiel haben wir beinahe zwei ganze freie Tage, um uns Tallinn anzuschauen. Der erste Abend im Hotel ist von entsprechender Vorfreude geprägt. Kaum zu glauben: Beim Einchecken überreicht uns die Dame an der Rezeption zwei Weinvouchers. Sozusagen als Willkommensgeschenk. Wir essen vorzüglich in der Hotelbar. Verschiedenste Vorspeisen. Und die erste Flasche Wein. Gleichzeitig läuft auf Brandons iBook Euroleague. Fener gegen irgendwen. „This is what I like about my job“, sagt er und lacht. Gänseleberpastete, King-Prawns, Blinis, Wein, Euroleague, schönes Hotel, die wirklich nette Bedienung – sie heißt Suzanna; ein grundsätzlich guter Auftakt in Tallinn. So schön kann Scouting sein. Mein zweites Voucher erlaubt uns eine weitere Flasche Rioja zu killen. Machen wir. Ist ja nicht Merlot.

 

[ >> VIDEO: „This is part of my job“ ]

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Maris, Marleen und die Frau, die „bye“ oder „hi“ sagte

[ >> VIDEO: „Taking a walk in Tallinn“ ]

 

Tallinn ist überwältigend. Die wirklich sehr schöne Altstadt, die netten Menschen und, was wir wirklich nicht erwartet hätten, die exzellente Küche, wissen zu gefallen. Alles tiptop, um nicht zu sagen: Extraklasse. Wie Antwerpen und Brügge hat auch Tallinn eine lange Geschichte. Deutsche, Schweden, Dänen und Russen prägen die Vergangenheit „Revals“ – so nennen die Deutschen zu Zeiten der Hanse die Siedlung am Finnischen Meerbusen. Erst mit den Dänen erhält die estnische Hauptstadt die entscheidende Wendung in der Namensgebung. Aus „Taani-linn(a)“ (laut Wikipedia: „Dänische Burg“ oder „Dänische Stadt“) wird schließlich „Tallinn“. Bis es aber soweit ist, vergehen mehrere hundert Jahre. Immerhin bis 1889 spricht man in Reval übrigens offiziell deutsch. Ende des ersten Weltkrieges wird aus Reval schließlich Tallinn. (Ist auch besser so, denn wer will schon so heißen wie eine Zigarettenmarke.)

Tallinn, historische Altstadt

Tallinn, historische Altstadt

Die tollen Restaurants, Kneipen und Bars, die oft mit den ausgeflipptesten Accessoires und Inneneinrichtungen verziert sind, zeugen von der unglaublichen Kreativität dieser Stadt und ihrer Einwohner. Alles ist so verdammt originell, nichts abgekupfert, so wie das die Gastronomen in Bamberg tun. Was die Wenigsten wissen: Tallinn ist Modemekka. Die Altstadt ist voll von Ateliers, in denen die verschiedensten Designer alles schneidern und schustern was mit Mode irgendwie zu tun hat. Aber, Tallinn ist auch die europäische Hauptstadt der „Digital Natives“. Hier leben Menschen wie Ahti Heinla, Priit Kasesalu und Jaan Tallinn. Letzterer heißt wirklich so. Die drei haben beispielsweise die Filesharingplattform Kazaa entwickelt. Als sie damit durch sind revolutioniert das kreative Trio kurzerhand unser antiquiertes Verständnis der Telefonie und entwickelt Skype. Da ist es beinahe eine Selbstverständlichkeit, dass sich nahezu über die gesamte Stadt ein kostenloses Wifi-Netz erstreckt. Zum Vergleich: In Bamberg wartet man immer noch darauf, dass man im Café Müller, im Luitpold, im Hofbräu und sonst wo kostenlos surfen kann. Wifi? Hier? Fehlanzeige. In Estland ist mobiler Internetzugang dagegen Bürgerrecht. Und ganz nebenbei: Öffentlicher Nahverkehr in Tallinn auch. D.h.: Tallinner fahren umsonst Bus und Straßenbahn. Bemerkenswert!

Aber zurück zur Gastronomie. Überall Wifi, ultramoderne, trendige und gemütliche Läden, dazu die verrücktesten kulinarischen Kreationen, die fantasievoll angerichtet werden. Gibt es eigentlich eine typisch estnische Küche? Oh ja! Sie ist frisch, jung, leicht und vor allem abwechslungsreich. Sie bedient sich aus der ganzen Welt. So entsteht ein kulinarischer Mix auf allerhöchstem Niveau, der im europäischen Vergleich wirklich ganz weit vorne ist. Hätte mir das einer vor meinem Besuch vorausgesagt, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Aber, was ist das Geheimnis der estnischen Gastronomie? Ich glaube ja, weil hier das gesellschaftliche Leben extrem von jungen Menschen geprägt ist, die keine Angst vor dem Ausprobieren haben. Wir treffen zwei davon. Maris zum Beispiel. Sie arbeitet im „bestwine“. Unschwer zu erraten: ein Weingeschäft. Mit einer unfassbaren Vielfalt an Weinen, die dort angeboten werden. Hervorragend sortiert. Klar, dass wir uns verköstigen lassen. Wir verbringen immerhin fast 3 Stunden im bestwine. Ok, auch wegen Maris. Denn wir fühlen uns glänzend unterhalten und beraten. Von Maris Zukker! Was für ein Name. Die junge Dame ist gerade einmal 26 Jahre alt. Über Wein und alles andere, was noch dazu gehört, weiß sie wirklich alles. Dass Estland gewissermaßen Weinland ist, wäre hätte das gedacht. Heutzutage lässt sich eben wirklich alles importieren.

 

[ >> VIDEO: „Bestwine – Winetasting with Maris Zukker“]

Im "Sfäär", Tallinn

Im „Sfäär“, Tallinn

Abends besuchen wir das „Sfäär“. In dem Lokal befinden sich Restaurant, Cafe und Klamotten-Geschäft. Drei „Sphären“ also, tagsüber alle drei gleichzeitig. Abends hat der wirklich sehr schicke Klamotten-Laden dann geschlossen, sprich: es findet kein Verkauf statt. Lediglich einige dünne Vorhängeketten verhindert den Zugang zur beleuchteten Verkaufsfläche. Während man dinniert oder nur trinkt, kann der geneigte Gast also genau das sehen, was er gerade nicht konsumieren kann. Das nennt man einen „mit positivier Energie aufgeladenen Moment erzeugen“. Clever. Ansonsten ist der Raum offen, unterschiedlichen Ebenen kreieren aber eine optische Trennung. Das Essen: unglaublich. Bei mir auf dem Teller: Hühnchen. An sich ja nichts Besonderes. Aber auch hier besticht das Gericht durch seine Finesse. Ein so schmackhaftes, aromatisches Hühnchen habe ich noch nie gegessen. Das Fleisch duftet nach Zitrone, perfekt abgestimmt dazu auch der Kürbispurée. Als Vorspeise bestelle ich Muscheln auf Avocado Creme mit Kaviar Topping oder so. Himmlisch! Und Brendan trifft die Lady, die „bye or hi“ sagte. Es passiert schon wieder: Wir sind besoffen vor Begeisterung.

Die „Butterfly Lounge“ hält dagegen, was ich schon vor dem Betreten vermutet hatte. Zu viel „Blingbling“, zu viel „Chichi“, Frauen mit 15-Zentimeter-Highheels – mindestens – und mit derart makellosem Farbauftrag im Gesicht, das kriegt man nicht mal in Photoshop besser hin. Aufgestylte, größtenteils russische Blondinen funkeln, strahlen und glitzern um die Wette und um Aufmerksamkeit. Ihre stiernackigen, grimmig dreinblickenden Männer sitzen an der Bar und sorgen für eine entsprechende Drohkulisse – und klare Verhältnisse. Man könnte es auch Abschreckung nennen. Nur gucken, nicht anfassen! Sicher nicht.

Erst beim dritten Versuch klappt alles: Der Greyhound ist die Sache der Esten nicht.

Greyhound

Aber Estland ist ja nicht die „Butterfly Lounge“. Na ja, wir bleiben dennoch gut eineinhalb Stunden, weil wir es nicht schaffen, dem Bartender klarzumachen, dass wir einen „Greyhound“ mit frisch gepresstem Grapefruitsaft haben wollen. Vielleicht versteht er uns bei dieser Geräuschkulisse aus basslastiger Tanzmusik und hysterischem Geplapper auch einfach nicht? Vielleicht sind wir aber auch deshalb geblieben, weil wir uns weiterhin die – zugegeben – gut aussehenden Russinnen anschauen wollen? Angesichts der, ich erwähnte es bereits, kräftigen Aufpasser, die man hier „Freund“ oder „Ehemann“ nennt, ist das für uns gewissermaßen ein Nervenkitzel. Glotzen wir tatsächlich? Fakt ist: Der Barmann serviert uns den Drink konsequent mit Fertigsaft aus dem Tetrapak. Erst beim Dritten klappt schließlich alles. Wir loben ihn. „Good man!“

Der Auftritt der dreiköpfigen, estnischen Girlband schießt dann rein dramaturgisch echt den Vogel ab. Wie ein Donner fällt deren Performance über die „Butterfly Lounge“ her. Eher „Hupfdohlen Lounge“ als „Butterfly Lounge“. Ob die Haare der Blonden wirklich echt sind? Ehrlich gesagt, ich bekomme etwas Angst. Aber der Laden ist gut gefüllt. Ich bin zu alt für so etwas. Estnische Poplieder! Pfff.

[ >> VIDEO: „Estnische Poplieder in der Butterfly Lounge“ ]

 

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Es ist bitterkalt. Er lacht. Es schneit. Er lacht. Die Russen. Zähe Typen.

saku suurhall, Tallinn

saku suurhall, Tallinn

Das Spiel in der saku suurhall  – wen es interessiert: nach der estnischen Biermarke saku – am nächsten Tag verkommt bei so viel Qualität des Nachtlebens – die „Butterfly Lounge“ mal ausgenommen – im Grunde zur Nebensache. Bis wir an unsere versprochenen Tickets kommen, stapfen wir mehrmals durch den nassen Schnee um die Arena herum. „Players entrance“, hat uns der Nizny-Teamarzt durchgegeben. Nur: Nirgendwo ist der „Players Entrance“ zu finden. Brendan ruft an. Wenige Minuten später steht der Nishni-Doc vor uns. Im Polo-Shirt. Es ist bitterkalt. Er lacht. Es schneit. Er lacht. Die Russen. Zähe Typen.

Die Vorgeschichte dieses Spiels: Nizny liefert zwei Tage vorher ein unglaubliches Euroleague Spiel gegen ZSKA Moskau ab, das ZSKA erst nach Verlängerung gewinnt. D.h.: Nizny ist heute platt. Nicht gerade gute Voraussetzungen, um sich von Trey Thompkins ein Bild zu verschaffen. Es kommt wie es kommen musste: Selbst gegen Kalev gehen Rochestie, Thompkins und Co. mit minus 36 Punkten unter. (Um diese Niederlage einzuordnen: Europas Übermannschaft, ZSKA Moskau, verliert sein United League Spiel ebenfalls. Allerdings nur mit 2.) Na ja, mal ehrlich: Es war ja irgendwie so zu erwarten. Und die Heimmannschaft? Bis heute habe ich noch nichts von BC Kalev gehört. Brendan klärt mich auf: Für das Team aus Tallinn spielt u. a. Rain Veideman, der mal in Bayreuth aktiv war. Und Frank Elegar (u. a. Eisbären Bremerhaven, später Mailand, jetzt keine Ahnung.)

Spiel vor leeren Rängen

Spiel vor leeren Rängen

Sehr enttäuschend ist die Zuschauerresonanz. Vielleicht 1000 Fans verlieren sich in dieser imposanten Arena mit einem Fassungsvermögen von 10.000 Zuschauern. Als wir nach dem Spiel wieder zurück in die Stadt fahren erfahre ich von unserem Taxifahrer, dass Eishockey in Estland wesentlich populärer ist als Basketball. Wer hätte das gedacht. Aus diesem Grund leistet sich Tallinn auch insgesamt drei Eishallen. Eine große Arena, die Tondiraba Ice Arena, in der die Hockeymannschaft Tallinn Viiking Sport ihre Spiele austrägt und zwei kleinere Eishallen, wo sich die Esten sportlich betätigen können und die Profis sich zum Training einfinden. Eine davon befindet sich direkt neben der saku suurhall und wird – das ist nicht zu übersehen – von Skoda gesponsert. Natürlich. Von wem sonst.

 

 

[ >> VIDEO: „At saku suurhall, Tallinn“ ]

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Estnische Taxipolitik

Überrascht sind wir vom Preis für das Taxi. Zur Arena zahlen wir knapp 50 Euro. One-way. Für eine ähnliche Strecke wie zum Flughafen. Die kostet gerade mal 10 Euro. Erst später kommen wir darauf: Vom Flughafen sind wir mit einem gelben Taxi gefahren. Waren das die „offiziellen Taxis“? Jedenfalls waren die beim Preis seriöser. Wie auch immer. Wir sind selbst schuld. Auf der Airport-Website wird über das Problem informiert. Die Taxipreise in Estland sind frei, werden also nicht per Gesetz oder Verordnung reglementiert. Deshalb gibt es solche und solche … Taxis und Preise. Wir steigen in ein „solches“ Taxi ein als wir zur saku suurhall fahren. Und bezahlen 50 Euro. Lehrgeld. Wird uns nicht noch einmal passieren.

[ >> VIDEO: „Bamberg – Oldenburg, 2014/15, Must Puudel, Tallinn“ ]

 

Das Spiel gegen Oldenburg schauen wir uns im „Must Puudel“ an. Relive. Auf Telekom Basketball. „Must Puudel“, das heißt soviel wie „Schwarzer Pudel“, hab ich mir sagen lassen. Ein sehr gemütliches Bistro, liebevoll eingerichtet – der blaue Hometrainer aus den 70er Jahren fällt sofort ins Auge; sehr stylish! Die Kneipe liegt versteckt in einer kleinen Gasse in der Tallinner Altstadt. Von außen eher unscheinbar, aber wenn man den Gastraum betritt wird aus dieser Gastronomie ein gemütliches Kleinod, ein Mikrokosmos in dem sich ein Aufenthalt wirklich lohnt. An diesem Abend ist Marleen unsere Kellnerin. Und wieder hat sich Brendan etwas verliebt. Marleen! Er spricht den ganzen Abend davon, nach Tallinn zu ziehen und Marleen wieder zu treffen. Marleen

Innenausstattung im "Muust Pudel" in Tallinn

Innenausstattung im „Muust Pudel“ in Tallinn

bringt uns Lachs und Bruschetta. Aber nicht einfach nur Lachs und Bruschetta. Die Art und Weise der Zubereitung hätte ich für diese Studentenkneipe so nicht erwartet. Ohne jeden Zweifel: Es schmeckt himmlisch! Zu mehr als nur vernünftigen Preisen.

Bamberg spielt schlecht, gewinnt aber. Alles in Ordnung also? Nein. Brendan ist unzufrieden. „I don’t see any improvement“, urteilt er. Wie gut, dass Marleen da ist, unsere Kellnerin. Wie gesagt: Brendan ist verknallt. Marleen hat von Basketball erfreulicherweise so gut wie keine Ahnung. Ball muss in Korb – das war‘s auch schon. Sie quatschen, nein, er quatscht, sie hört zu, lacht, erzählt etwas von ihrem Freund. Brendan lässt das kalt, er plappert weiter. Vielleicht komme ich ja bald öfter nach Tallinn. Weil Marleens Freund bald wieder solo ist? (Böse!)

 

 

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Berlin

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Mai 2015 – Berlin: „Thumbs up“

Ich muss ja schließlich auch noch was arbeiten. Für mich heißt das: Pause vom Reisen. Brendan ist viel unterwegs. Alleine. Madrid, Athen, Bilbao, Belgrad. Das Übliche. Wir halten sporadisch über WhatsApp Kontakt. Erst zu den Playoffs verabreden wir uns wieder regelmäßig. Wir treffen uns bei ihm und verfolgen die Spiele am Fernseher.

Dabei versuchen wir krampfhaft einen Termin für unseren Trip nach Krakau zu finden. Nach dem glatten Sieg im Viertelfinale hat das Team eine Woche Pause. Die Gelegenheit! Nur, die Flüge sind einfach zu teuer. Wir suchen nach Alternativen. Nochmal Tallinn? Vielleicht Vilnuis? Oder Spanien? Zu Tibor nach Barcelona? Das wär was! Dann aber ganz kurzfristig: Berlin. Weil Alba Spiel 4 gegen Bayern verloren hat. Berlin – Brendans Lieblingsstadt in Europa. Ich zögere, weiß nicht. Brendan versucht alles: „Hey it is game 5, Alba vs. Bayern.“ Überredet. Dieses Mal aber kein Auto, kein Flugzeug, sondern die gute alte Bahn!

Musik an!

Musik an!

Es ist heiß und bestes Wetter. Wie gut, dass dann in meinem Wagen-Abschnitt auch gleich die Klimaanlage ausfällt. Thank you for travelling with Deutsch Bahn. Unerträglich. Ich schwitze. Am Wochenende ist Championsleague-Finale in Berlin und dann auch noch der Feiertag. D. h.: Der Zug ist voll mit Fußballfans. Also bleibt uns nur das wohlklimatisierte Bord Bistro. Dort bleiben wir bis zum Gesundbrunnen und leisten einer Gruppe Schwaben Gesellschaft, die sich vermutlich seit Augsburg beim Weißwurscht-Frühstück befindet, die Wurst dabei weglässt und sich kollektiv ein Schöfferhofer nach dem anderen reinballert. Als ob man Berlin nur besoffen ertragen kann. Ich verstehe nur „woisch“ oder „Woize“. Der Rest ergießt sich als amorphe Wortmasse aus Gelalle und Gegröle über und in unseren Köpfen. Da hilft nur eins: Köpfhörer auf, Musik an.

Vier Stunden später fahren wir mit dem Taxi vom Gesundbrunnen ins Hotel und beziehen die Zimmer. Danach dann: KaDeWe! Klar. Was sonst. Nach ganz oben. Fünfter oder sechster Stock, direkt an die Fischtheke. Fischvariationen. Lecker. Der gut gekühlte Chablis passt hervorragend zum Essen. Leider fällt uns kein Film über Weißwein ein. Trotzdem stellen wir die dritte goldene Weinregel auf. „If you don’t know what to choose on the whitewine menu, go for Chardonnay or Chablis. Most of the time, at least one of those is on it.“

Fischvariationen von der Fischttheke im KaDeWe, Berlin

Fischvariationen von der Fischttheke im KaDeWe, Berlin

Es schmeckt traumhaft. Wir kriegen uns gar nicht mehr ein und bleiben fast drei Stunden bei den netten Damen vom Fisch. Nach zwei Portionen und drei Gläsern Weißwein machen wir uns auf zum Schlesischen Tor. Dort sitzen wir in der „Tante Emma“, einem Café Ecke Oberbaumstraße/Köpenicker Straße. Vom Chablis leicht angeschickert bestelle ich erst einmal einen Espresso. Etwas später treffen wir uns mit Brendans Freund Danny. Danny ist Ire. Und Amerikaner. Und Australier. Und groß. Und das alles in einem. Ich bin beeindruckt. Wow!
Sein Job? Scout! War ja klar. In Europa fahndet er für die 76ers nach Spielern und unentdeckten Talenten. Danny lebt in Berlin. Morgen muss er in aller Herrgottsfrüh nach Trevisio zu diesem Nachwuchsding da. Wir unterhalten uns über alles Mögliche. Über Bier, Berlin, Basketball in China, immer wieder über heute Abend, das Spiel und wo wir danach hingehen. Danny ist lustig. Ein baumlanger Kerl, rötlich-blonde kurze, kurze Haare – da erkennt man den Iren im Mann. Oder den Australier. Na ja, vielleicht auch den Amerikaner. Also an den Haaren.

Begegnung mit „Super-Agent“

Die O2 liegt in der unmittelbaren Nachbarschaft. Wir laufen hinüber. Schon ein imposantes Bild, wenn man sich über die Oberbaumbrücke diesem postmodernen Bau nähert. Wie er sich da so elegant in der Abendsonne präsentiert. Ich versuche mir dagegen unsere Arena vorzustellen. Und höre gleich wieder auf. Will mir ja nicht den Abend versauen. Wir holen unsere Tickets ab. Reihe A. Platz 16. „Behind the Bayern bench,“ sagt Brendan. Ui! Das wird ein Spaß. Als wir hinauf gehen taucht plötzlich aus dem Nichts Ademola Okulaja vor mir auf und hält mir grüßend seine Hand hin. „Kennen wir uns?“, grüße ich zurück und weiß natürlich, dass mich der „Super-Agent-von-Schröder-Theiss-usw.“ nur deshalb zum kostenlosen shake-hands einlädt, weil er mit Brendan sein „Netzwerk“ updated und ich halt so zufällig dabei bin.

[ >> VIDEO: „Berlin“ ]

 

Reihe A, Platz 16. Mutapcic sitzt vor mir. Pesic auch. Sie sehen irgendwie gequält aus. Alt halt.  Waldorf und Statler fallen mir ein. Wagner dagegen frisch wie aus dem Vakuumbeutel. Ich glaube, der frägt sich manchmal auch, „wo bin ich hier nur reingeraten“. Pesic steht auf und läuft rum wie ein Hüftlahmer –  es scheint als ziehe er das eine Bein etwas nach. Mutapcic brüllt später während des Spiels ständig „box out“. Und das nicht nur dann, wenn es zu Freiwürfen für Berlin kommt, während sein Chef vor allem eines praktiziert: die Refs bearbeiten. Coaching kann so einfach sein.

Sveti und Muki

Sveti und Muki

Dass Bayern am Ende das Spiel gewinnt, feiern Trainer und Team wie eine Meisterschaft. Mit diesem Sieg hat niemand gerechnet. Die Bayern schon gleich gar nicht. Auch ich werde davon überrascht, genauso wie die U20 Nationalmannschaft der Mädels. Das kann ich sehen, denn sie sitzen direkt neben mir, auch „dem großen Schnatz sei Tochter“.  So viele junge Damen in der Frühphase ihrer Adoleszenz auf einem Haufen, das bedeutet: Selfie-Alarm. Vor allem dann, wenn Bayern eine Auszeit nimmt und Pesic im Hintergrund keine fünf Meter entfernt brüllend, schreiend und mit dem Taktikboard fuchtelnd seine von den Spielern in maschinenhafter Präzision ignorierten Anweisungen gibt. „Thumbs up“. Von denen hört man, wenn sie gerade nichtspielend auf der Bank sitzen oder, weil gerade ausgewechselt, dorthin unterwegs sind, nur ein Wort: „Bicko“ oder so ähnlich (ausgesprochen: Bitschko). Stimac sagt es, Gavel, obwohl oder gerade weil Slowake, sagt es, Dedovic und der andere, der Kleine, der Micic, sagt es auch, ich glaube sogar die Amis und die Quotendeutschen sagen es. Mia san mia. Bayern eben. Das ist lustig. Und insgesamt ein super Selfie-Motiv. Beinahe wäre ich sogar in Versuchung gekommen.

Das Spiel? Schon episch. Eine Schlacht. Die beste der Saison. Mit Verlängerung und mit unglaublichen Momenten. Zum Beispiel als sich Pesic nach dem zweiten T aus der Halle verabschiedet, diese aber noch lange nicht verlässt. Warum auch. Ihn umgibt in solchen Situationen so etwas unantastbar Aristokratisches – es scheint als hülle sich in solchen Augenblicken eine überidische Aura schützend um ihn. Aber es scheint eben nur so. Der BBL-Komissar schaut böse in seine Richtung. Sein fescher, vollbärtiger Sohn führt ihn hinaus. Ohnmächtig, orientierungslos, taumelnd wie ein alternder König wird Pesic Senior von seinem Filius sanft und verständnisvoll in Richtung Ausgang geführt, nein, auf einem Bett aus – roten selbstverständlich – Rosen in gebührendem Abstand hinausgeleitet, um sich dann aber doch widerwillig umzudrehen und „Liz-Taylor-Hangoverhaft“ (Handrückenseite auf Stirn!) wieder die Bayern-Bank anzusteuern, bevor Marco (Ciaou!) ihn wieder einfängt und darum bittet, jetzt keine Dummheiten zu machen. Ist auch besser so. Denn, beobachtet wird das ganz Schauspiel nach wie vor vom BBL-Kommissar. Der macht Familie-Pesic unmissverständlich klar, jetzt unbedingt diesen Ort verlassen zu müssen. Was für eine Show! „Box-out“-Muki übernimmt und macht ganau da weiter, wo er Sekunden vorher augehört hat: Mit der Zuverlässigkeit einer Schweizer Automatik brüllt er ständig „box out“. Über das gesamte restliche Spiel hinweg bleibt das weiterhin seine einzige, zentrale taktische Maßnahme – vor lauter Aufregung. Das macht er aber so gut, das Bayern am Ende tatsächlich gewinnt.

Das Spiel ist aus. Pesic kommt, nicht weniger wankend und umso freudentrunkener, zurück aufs Feld und umarmt alle seine Spieler. Es ist bizarr, was so ein Spiel aus Menschen macht. Aus dem Koma der Verbannung erwacht, küsst er alle Spieler, die es nicht schaffen, sich rechtzeitig hinter plötzlich „ganz wichtigen Interviews“ zu verstecken. Küsschen rechts, Küsschen links, rechts, links, rechts, links. This is how we do it! Als ob es seine Söhne oder Enkel wären. Na ja, der eine ist es ja fast.

Hinter mir auf der Tribüne versammelt sich derweil ein ein Männerpulk, durchweg mit fleischigen, dicht behaarten Armen, schwitzenden Glatzen, durchnässten Hemden und dickeren, befellteren Bäuchen als meiner, die aus Hemden quellen und über Hosenbunde hängen. Sichtlich gezeichnet vom Spiel, beinahe extkatisch-weinend, geradezu flehend rufen sie „Muki, Muki!“ und feiern den Sieg der Bayern mit Freudentränen in den Augen. Als Mutapcic sie erspäht, rennt er auf sie zu und stürzt sich in eine Wolke aus nicht enden wollenden Umarmungen und Schulterklopfern. Familie.

Na ja. Gut zwei Wochen später ist trotzdem Bamberg Meister. Und Brendan trifft Marco zum shake-hands an der Mittellinie. Er hatte sich das so gewünscht.

Nach diesem Berliner Schauspiel gehen wir noch etwas essen. In irgendein japanisches Restaurant in der Nähe des Rosenthaler Platzes, wo wir wirklich gut speisen, aber Tiger Bier trinken. Bäh. Ekelhaft. Wir quatschen über das Spiel. Den Absacker nehmen wir in einer stylischen, jedoch sehr dunklen Bar. Keine Ahnung wie die hieß oder wo die war. Die zentrale Information: Hier gibt es Greyhounds. Und zwar richtige Greyhounds. Greyhounds, die diesen Namen verdienen. Sie schmecken hervorragend. Wir trinken drei davon, bevor wir ins nächste Taxi steigen und um zwei Uhr morgens hundemüde ins Hotelbett fallen.

Auch an Tag zwei strahlt die Sonne vom Himmel. Wir machen uns gegen Mittag auf. Der Hunger leitet uns. Wohin? Praktischerweise wieder ins KaDeWe. Muss nochmal sein. Wir haben noch nicht genug. Dieses Mal: Antipasti und doch wieder Fischtheke. Den Wein wechsele ich zumindest nicht. Ich bleibe bei Chablis, Brendan nimmt das rote C. Alles bleibt regelkonform. Die Damen vom Fisch begrüßen uns schon beinahe wie Stammkunden. Das hat so etwas Heimeliges. („Willkommen zu Hause, Muuter.“)

Weinbar, Falckensteinstr., Berlin

Weinbar, Falckensteinstr., Berlin

Der Tag geht schnell vorbei. Bis wir dann am frühen Abend in einer wirklich netten Weinbar in der Falckensteinstraße draußen auf Weinkisten sitzend das Treiben auf dem Kiez beobachten. „Everybody is walking around with a beer bottle in his hands“, stellt Brendan beeindruckt fest. „I love this city.“ Die Sonne geht unter, es ist warm, die Stimmung gut. Ein Schoppen geht noch. Die Kontaktaufnahme mit Brendan’s Nachbarin läuft irgendwie schief. Sie raucht ‚zig Zigaretten, ignoriert jeden seiner Versuche und hält sich an Ihrem Glas fest, bis irgendein Typ auftaucht. Dann steht sie auf und geht mit. Als ob sie hier eine Ewigkeit auf ihn gewartet hätte. Balzverhalten der Großstädter. Komisch, das Ganze.

Die Fitnesstrainerin aus Urugay, die fünf Sprachen spricht und nicht viel für ihre Figur tun muss.

Als es Nacht wird machen wir uns auf in das „Sage“. „That is an incredible place“, sagt Brendan. In der Tat imponiert das großzügige Restaurant in erster Linie durch seine Architektur. Der Backsteinbau hat was. Weiter kommen wir leider nicht. Keine Chance, die exzellente Küche zu testen.

Lauer Sommerabend in der Sage Beachbar

Lauer Sommerabend in der „Sage“ Beachbar

Brendan weiß, wovon er spricht. Denn er war schon hier. Der Laden ist voll bis auf den letzten Platz. Veranstaltung. Wenn man von den Limousinen vor der Tür auf den Anlass schließen darf: AUDI.

Aber es gibt einen Plan B, informiert uns der sehr freundliche Chef. Nebenan findet ein Barbecue statt. Oh! Schön. Machen wir. Direkt an der Spree empfangen uns eine Beachbar und ein Grill. Sehr einladend. Auch die Dame aus Uruguay. Eine Fitnesstrainerin, die nicht viel für ihre Figur tun muss, wie sie selbst sagt, die in der Sage-Beachbar kellnert und die auf Brendan abfährt. Und umgekehrt. Ich bin raus. Nach dem Essen gehen wir noch gemeinsam bis zur U-Bahn. Ich fahr ins Hotel, Brendan irgendwo anders hin. Mit der Fitnesstrainerin, die fünf Sprachen spricht und nicht viel für ihre Figur tun muss. 🙂

 

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2015. Postseason. „This is the last supper.“

Am Freitag, vor dem fünften Spiel in der Finalserie gegen die Bayern, treffen wir uns. Das Übliche, aber immer wieder gut: quatschen, essen, trinken. Wir reden über dies und das. Was er vorhat, wenn er „drüben“ ankommt. Ob er zurückkehrt nach Deutschland? „I still have a work permit until next year. If they quit my contract, I will probably go to Berlin and freelance for some NBA team“, beschreibt er seine Zukunftsvorstellungen

Und im Sommer? Der beginnt für Brendan dann, wenn er in San Francisco aus dem Flieger steigt. Sein Kumpels Christian und Dave werden ihn vom Flughafen abholen, dann werden sie an den kalifornischen Strand fahren und Greyhounds trinken. Coming home. Danach macht er eine Woche Urlaub auf Hawai, wo er seine Familie trifft. Das sagt er und sein Fuß wippt dabei so stark, dass der Tisch wackelt. Er ist nervös. Sehr sogar. Finale. Er will gewinnen. Keine Frage. Aber es hilft nichts. Er muss noch warten. Zwei Tage noch. „Man, I can’t sleep“, sagt er. Deshalb ergreifen wir Gegenmaßnahmen. Hofbräu, Cafe Müller, Dude Bar. Das macht Spaß und müde.

Dienstagabend. Abschiedsessen. Wie jedes Jahr um diese Zeit. „They said, they gonna call me tomorrow“, flüstert er mit hinter vorgehaltener Hand zu. „This is the last supper.“ Und Bamberg ist Deutscher Meister.

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Bamberg

Sommer/ Herbst. Pre-Season 2015/16. Eat. Drink. Talk. Basketball.

Brendan muss zur neuen Saison aus den USA zurückkommen. Das Management wünscht ein Meeting. Danach vertritt Patrick King Brendan. Das „Zentralorgan“ der Stadt titelt unterdessen: „Brendan Rooney verlässt die Brose Baskets“. Wie treffen uns. Nationalmannschaft. EM-Vorbereitungsspiel.

 

[ >> VIDEO: „EM-Vorbereitungsspiel, Nationalmannschaft“ ]

In diesem ganzen Hin und Her zieht Brendan wenige Wochen später nach Berlin. Zuerst wohnt er in einer von Mithat Demirels Wohnungen. Dann findet er schließlich ein Appartement in Mitte. Ich besuche ihn. Es ist Herbst. Eat. Drink. Talk. Basketball. Wie immer. Er erzählt mir von seinen möglichen neuen Jobs; dass er mit AEK Athen, Alba und mit Oklahoma verhandelt. Und, dass er zu Gesprächen nach Istanbul fliegt. Ein Kontakt, den er seiner Verbindung zu Mithat Demirel verdankt. Dort will er mit Mithats neuem Chef, Ibrahim Kutluay, GM bei Darussakfaka, über einen mögliches Engagament sprechen.

Ausgerechnet ich „darf“ sein Auto mit zurück nach Bamberg bringen. Weil dort, wo er jetzt in Berlin wohnt, ein Parkausweis notwendig ist. Den hat er nicht. Und er will ihn auch nicht. D. h.: Es gibt viele Strafzettel. Schon verrückt. Ich in einem Brose-Auto. Aber gut, da spar` ich mir den Zug. Hoffentlich sieht mich niemand. Die Gefahr, dass genau das eintritt wird größer, je näher ich Bamberg komme. Deshalb fahre ich eigentlich ab Bayreuth besonders schnell. Das fällt mit dem Avensis nicht weiter auf, weil die Brose-Autos ja sowieso immer so fahren.

Anfang 2016 steht fest: Patrick hat einen guten Job gemacht. Brendan ist raus. Und zufrieden. Er entscheidet sich für Oklahoma. Für den neuen Job kann er in Berlin bleiben. Ab März 2016 ist er ein amtlicher NBA-Scout. Für die Thunder.

Bis dahin tut er das, was er am meisten mag: reisen. Budapest, Rom, Stockholm, Oslo und endlich Krakau.

tbc – Destination Basketball – The Krakow Chapter

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Destination Basketball – Playlist

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