Destination Basketball – The Krakow Chapter

Unterwegs nach Krakau / KrakowDas Ziel: Krakau. Polen. Diesmal kein Basketball, kein Scouting. Denn Krakau hat kein 1.-Liga-Team. Ist auch egal. Nicht egal ist, dass wir ohne Basketball wohl jetzt nicht nach Krakau reisen würden. Als ich darüber nachdenke, sitze ich im Flieger nach Berlin. Treffpunkt: Tegel, Gate 68. Sich in diesem unsäglichen Tegeler Gewusel überhaupt zu finden, dieses kleine Wunder begießen wir erst mal zwei Becks. Es ist der 3. März. Sein Geburtstag. Prost. Und: „Happy Birthday, mate.“


Inhalt: [K1: Grundproblem: der menschliche Makel] [K2: „Bierdeckeltrinker“, die so aussehen wie John Lord, nur ohne Zähne] [K3: Pesic. Fleming. Trinichieri. Das „bayerische“ Personalkarussell kommt in Fahrt.] [K4: Julia und Olga – oder: Krieg ist Krieg] [K5: Ein Land, zwei Helden: Kościuszko und Schindler][K6: „Ständig vertreten“ und wieder „bayerisches Personalkarussell“][K7: „I don’t understand, why they have so many fresh grapfruits here everywhere“] [K8: Reichlich Pragmatismus in der „Key-Player-Situation“][K9: Reisefakten „Krakau“][Spotify-Playlist]

Grundproblem: der menschliche Makel

Dass Polen erzkatholisch ist, merken selbst Ungläubige spätestens dann, wenn sie mit dem Flieger beispielsweise in Krakau landen. Denn Krakau hat einen Flughafen mit dem Namen „John Paul II.“ bzw. „Jan Pawel II.“. Auch bei dieser chronisch unbarmherzigen Gruppierung von Menschen – den Ungläubigen – hinterlässt alleine das schon einen ehrfürchtigen Eindruck. Dank eines schon in den 1980er Jahren funktionierenden Marketings, wussten sogar die Heiden unter uns, wer dieser Mann im weißen Hausanzug einer Frau ist. Und so pflanzte sich in unseren Hirnen genau das ein, was sich einzupflanzen hatte: „Johannes Paul, das war doch der berühmte Papst“, hörte und hört man überall – vermutlich sogar aus nichtkatholischen Touristenmündern. Virales Marketing, darauf war schon Verlass als niemand überhaupt wusste, was das ist. Die Marke „Papst“ im Allgemeinen und „Johannes Paul II.“ im Besonderen implantierte sich quasi von selbst in tausenden und abertausenden Köpfen. Besser geht’s nicht. Und als wäre das noch nicht genug, gibt es in der Krakauer Altstadt für alle pilgernden Städteurlauber auch noch einen „Johannes-Paul-Weg“. Dann wandelt man grundsätzlich mal „auf dem rechten Weg“ des zwischenzeitlich verstorbenen polnischen Pontifex, der während seinen Krakauer Zeiten „nur“ einfacher Priester war, zu den Wirkungsstätten Wojtylas. Dabei war der „Mann Gottes“ gar nicht so fromm wie viele denken. Und da haben wir schon das Grundproblem der Kirche: der menschliche Makel. Den kann selbst das höchste geistliche und, wie wir heute wissen, vermeintlich unfehlbare Personal der katholischen Kirche nicht mehr leugnen – auch der erste Vertreter Gottes auf Erden nicht. Halt blöd, wenn man es als Kleriker trotzdem tut – leugnen. Das ist irgendwie so gar nicht „glaubwürdig“, liebe Eminenzen. Ein bisschen so wie lügen, was man ja nicht darf. Die katholische Kirche tut es trotzdem … irgendwie …. seit mehreren tausend Jahren. Mehr oder weniger systematisch, wenn man so will. Ja, ist so.

Krakau / Krakow So viel heiliger Bimbam, das überfordert uns. „I am not a believer, although I had a catholic school education“, sagt Brendan. Und ich, immerhin geradeso noch Protestant, habe mich bei dem Gedanken auch irgendwie unwohl gefühlt, mich ausgerechnet auf den Spuren eines Papstes gelangweilt durch diese wirklich sehr beeindruckende Altstadt zu bewegen. Dafür haben wir viel zu viel Gutes über Krakau gehört. Wir wollen uns das jetzt nicht mit dem Papst vermiesen – auf die eine wie auf die andere Weise nicht. Wir wollen die ehemalige Hauptstadt Polens selbst entdecken. Mit eigenen Augen. Und das haben wir. Mehr als genug. In dieser Stadt leben rund 800.000 ganz weltliche Menschen. Man hat das Gefühl, sie stürzen sich abends alle gleichzeitig auf die Altstadt und das jüdische Viertel. Dort gibt es endlos viele Kneipen, Cafés, Bars, Restaurants und was weiß ich sonst noch … an jeder Ecke! Eine Gastronomie ist cooler, witziger als die andere. Eine fast unüberschaubare Vielfalt! Und die macht Spaß, so viel steht fest. Die Polen sind ein unglaublich kommunikatives Volk. Ausgehen, amüsieren, quatschen und natürlich trinken – das alles kommt in Polen definitiv nicht zu kurz.

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Komisariat, Krakau / Krakow„Bierdeckeltrinker“, die so aussehen wie John Lord, nur ohne Zähne

Komisariat, Krakau / Krakow

Coporate Identity des Komisariats in Krakau, Polen

Davon überzeugen wir uns noch am ersten Abend. Der nette Mann an der Hotelrezeption empfiehlt uns direkt das jüdischen Viertel, das wir über die Krakowska betreten. Dort biegen wir irgendwann links ab und sind … mittendrin. Wir landen u. a. auf dem „plac Nowy“, einer der angesagten zentralen Plätze im jüdischen Viertel. Hier strömen Studenten, Künstler, „die Schönen der Nacht“ und was weiß ich wer sonst noch in die „hippen“ Bars und Kneipen. Wir auch. Und zwar ins ;„Komisariat“. Der Laden ist erfreulich unkompliziert und einfach, das Interieur sehr holzlastig, an den Wänden unendlich viele Gäste-Fotos, die alle an polizeiliche Ermittlungsfotos von Tatverdächtigen erinnern. Das ist deshalb so, weil sich an der einen Wand eine Körpergrößenschablone befindet, vor die man sich in Position bringen, fotografieren lassen und so tun kann, als ob man gleich in Untersuchungshaft kommt. Sehr lustig ist auch die Corporate Identity dieser Gastronomie, die aus einem Ausweisfoto besteht, auf dem ein Mann, ich nehme an aus den 1970ern, zu sehen ist. Das Gesicht besteht eigentlich nur aus Brille, Frisur und einen dazu passenden „Oliba“. Ein Gesicht, dass man nicht vergisst. Sahen früher so wirklich Polizeibeamte aus? Der Mann auf dem Bild erinnert mich auf jeden Fall an alte DDR-Krimis. Ein echtes Prachtexemplar, dass heute wohl als Art Director in einer ultraschicken Friedrichshainer Werbeagentur durchgehen könnte, während es gestern noch als inoffizieller Mitarbeiter in Kunstlederjacke irgendwelche „staatszersetzenden Subjekte“ ausspionierte. Wandlungsfähig waren dieser Personen ja schon immer.
Passend dazu ist hoch oben, unter der Decke des Gastraumes, ein selbstgebautes Holzmodell einer Abhöranlage installiert. Es steht da, riesengroß und könnte auch als Kinderspielzeug durchgehen, weil Hebel und Knöpfe so schön bunt sind. Das orangene, tragbare TV-Gerät daneben ist faszinierend orange und kommt mit einem …. genau, teletubbi-mässigen „Yin-Yang-bloss-keine-scharfen-Kanten“-Rund-Design daher. Gut, das hat jetzt thematisch nicht unbedingt etwas mit dem „Komisariat“ zu tun, es glotzt uns aber trotzdem an und scheint tatsächlich „twinkiewinkie“ zu rufen. Und das hat ja gewissermaßen auch etwas von „Observation“ … sozusagen.

Bei den beiden netten Damen an der Bar bestellen wir Wein bzw. Bier. Ebenfalls dort, allerdings in der Ecke, saß ein alter Mann mit grauen Haaren, die zu einem Pferdeschwanz gebunden waren. Von dieser Position aus konnte ihm nichts entgehen. Er hatte den ganzen Laden im Blick. Wie ein echter Kommissar. Vielleicht war es der Eigentümer. „No way“, meinte Brendan. Vielleicht ist es ein Stammgast oder … so etwas wie das „Maskottchen“ dieser Kneipe. Er saß dort in der Ecke als ob er zum Inventar gehört. Dieser Typ der Sorte „Bierdeckeltrinker“ … er erinnerte mich irgendwie an den späten John Lord, den legendären Organisten von Deep Purple, allerdings ohne verdunkelte Brille und teilweise ohne Zähne. Als wir feststellen, dass im „Komisariat“ eine Kartenzahlung nicht möglich ist, benötigen wir Bargeld. Und jetzt kommt der weißhaarige Mann ins Spiel. Blitzschnell befreit er sich aus seiner bierseligen Lethargie, springt auf und spricht in lupenreinem, leicht englisch versetztem Polnisch so etwas wie „Ich weiß, wo ein Geldautomat ist“, vermuten wir. Dabei kommt er uns etwas näher und es ist klar, etwas Deo würde ihm guttun. Mit dieser penetranten Note aus Arbeiterschweiß und Schnaps in der Nase, verstehen wir in Wirklichkeit aber nur „money“ und Brendan entschließt sich aus Hygiene- UND Sicherheitsgründen, ihm mit etwas Abstand zu folgen. Nach wenigen Minuten ist Brendan mit Cash zurück, bedankt sich und spendiert „John Lord“ einen Wodka, was sonst. Wie ferngesteuert nimmt der wieder in seinem Eck an der Bar Platz und stürzt den Shot in seinen Schlund als ob er in seinem Leben nie etwas anderes getan hat – down the hatch! Die Szene hat etwas von Charles Bukowskis „Barfly“. Wir verbringen eine gute Zeit im „Komisariat“ und sind von den angenehmen Preisen überrascht. Das liegt wohl am Zloty. Ein Bier kostet umgerechnet zwischen die 1,50 bis 1,80 EUR.

Anstrengender als erwartet war die Anreise. Die macht sich nämlich jetzt bemerkbar. Müde machen wir uns deshalb mit dem Taxi auf den Weg zurück ins Hotel. Die Personenbeförderung in Polen ist vergleichsweise günstig. So hat man als Fahrgast auch im Taxi viel Freude. Der Unterhaltungswert beispielsweise, er ist sehr hoch, weil, ob der rudimentären Englischkenntnisse des Fahrers bzw. unserem nicht vorhandenen Polnisch, insofern gavierende Misverständnisse entstehen können, wenn der Taxler „Tag“ sagt (polnisch für „Ja“), wir ihn aber nicht verstehen und das mit einem international verständlichen, freundlichen und keineswegs böse gemeinten „F..k!“ (im Sinne von „I don’t speak polish“ / „Verdammt, ich spreche kein polnisch“) quittieren, was er wiederum mit einem „Tag“ bestätigt und sogleich grinsend vor einem eindeutigen Etablissement stoppt, das entlang des Weges liegt. Bitte sehr. Wir schauen ihn verwundert an und fragen: „Hilton?“, während uns aus dem Fenster eine leicht bekleidete Dame anstarrt und ein Geschäft wittert. Unsere Frage nach dem „Hilton“ sorgt wiederum für imaginäre Fragezeichen beim Taxler, die ich ganz deutlich neben seinem Kopf aufpoppen sehe. Brendan, der Taxler und ich – wir alle sind perplex. Ein klassisches Misverständis, dass ich mit einem lachenden „No, no! Hilton!“ auflöse. Fahrer lacht, Brendan lacht, ich lache. „Hilton! Tag, tag!“

Spaß machen auch die Taxipreise. Eine Fahrt zum gut 17 km entfernten Johannes-Paul-II-Flughafen nach Balice kostet hier gerade mal ca. 80 Zloty. Das sind gut 18 EUR. Für diese Distanz ist das ist absolut akzeptabel. Für den Weg vom jüdischen Viertel ins Hotel werden uns gerade mal 20 Zloty, so um die 4,70 EUR, berechnet.

9:30 Uhr. Frühstück. Kaffee, Rührei, sunny-side-up, Omelette, Wurst, Käse, Früchte, Obst, Saft, Müsli, – das Frühstück bietet klassisches, „kontinentales“ Einerlei. Das wäre soweit ok gewesen, wenn da nicht ein Grundbestandteil des Frühstücks wäre: das Brot. Es enttäuscht auf ganzer Linie. Als ich vom Baguette abschneiden will, zerbröckelt mir die trockene Brotstange von vorvorgestern in der Hand. Und das war kein Trick. Hilton Garden Inn und trockenes Brot? Hier sollte man sich etwas mehr bemühen. Wir lachen jedenfalls darüber und quatschen den ganzen Vormittag. Wir haben uns lange nicht gesehen. Fast ein Jahr. Es gibt viel zu erzählen. Neben seinem Job für Oklahoma hat Brendan kürzlich für Oldenburg gearbeitet und ist immer noch dabei, sich mit Darussafaka und deren Chef Ibrahim Kutluay zu einigen. Logisch: Berlin ist und bleibt dabei sein Lebensmittelpunkt – das Leben dort, die Menschen, die Szene, er mag das. „This is what I wanted to do. Live in Berlin, travel and being free“, stellt er zufrieden fest. Ich freue mich für ihn. Er ist ein anderer Mensch als vergangenes Jahr. Deutlich.

Krakau, Hauptmarkt, Rynek Główny

Krakau, Hauptmarkt, Rynek Główny

Gang durch die Tuchhalle, Krakau

Gang durch die Tuchhalle, Krakau

Nach einem kurzen Nach-Frühstücks-Nap machen wir uns am frühen Nachmittag auf den Weg in die Stadt. Und die ist wirklich beeindruckend. Seine historisch gewachsene Schönheit hat Krakau dem Umstand zu verdanken, dass es gegen Ende des zweiten Weltkrieges nicht zerbombt wurde. Überraschend schnell und ohne größeren Widerstand übernahmen die Russen die Stadt. Davon profitieren heute die Bürger Krakaus und selbstverständlich die Touristen, die in Scharen in die Stadt an der Weichsel kommen.Krakau ist wie Polen – ich erwähnte es bereits – erzkatholisch. Von den zahllosen Kirchen in der Altstadt sei die Marienkirche erwähnt, weil hier eines der Hauptwerke des berühmten Bildhauers Veit Stoß, der ja auch in Nürnberg gewirkt hat, zu sehen ist: der Hochaltar. Schon cool das Teil. Mehr aber auch nicht. Ich weigere mich erfolgreich, zum Fan von katholischen Kirchen oder Altären im Allgemeinen zu werden, deren Bauweise zweifellos sehr beeindruckend ist. Allerdings hat der ganze Prunk halt auch zwei Seiten. Heute wie damals haben Menschen unter dem Mantel der Religiosität viel Leid erfahren. Es wurde gemordet und ganz gewaltig manipuliert. Deshalb nur eine Kirche.

Paradiesische Zustände bietet die Stadt auch allen Gotik-Fans. Gut, wir würden uns jetzt nicht unbedingt als solche sehen, dennoch finden wir Gefallen an der Architektur. Insbesondere der mittelalterliche Hauptmarkt im Zentrum der Altstadt beeindruckt mit imposanten Bauten, wie der großen Tuchhalle. Der Platz wurde bereits im 13. Jhd. Angelegt und hat eine Fläche von 200 x 200 Meter (40.000 m2). Er ist einer der größten seiner Art in Europa. Die grandiose Kulisse lässt sich am besten von oben genießen. „Oben“ ist in Krakau zunächst einmal die Wawel-Festung. Krakau war ja einst Hauptstadt des polnischen Königreiches, die Wawel-Burg die Residenz der herrschenden Fürsten. Die Burg thront gut 230 Meter ü. N.N. und unter ihr erstreckt sich die riesige UNESCO-Welterbe-Altstadt mit zahllosen Sträßchen und Gässchen. Hier kann man sich wirklich verlaufen, wenn es das praktische Google-Maps nicht gäbe.

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Pesic. Fleming. Trinichieri. Das „bayerische“ Personalkarussell kommt in Fahrt.

Nach drei Stunden Stadtmarsch eine erste Pause. Im Café. Wir quatschen über München, Bamberg, Alba, Oldenburg. Keineswegs überraschend kommen wir zu dem Schluss, dass es dieses Jahr in der BBL sehr gut für Bamberg aussieht. Deshalb spekulieren wir über die nächste Saison. Das dürfte spannend werden. Thema Nr. 1: Bleiben die Pesics wirklich in München? Bleibt Trinchieri wirklich in Bamberg? Und was passiert mit Fleming? Bleibt er in der NBA? Wir glauben beide, dass Pesic wohl raus ist bei den Bayern, wenn er nicht die Meisterschaft gewinnt. Wenige Wochen später beantwortet Pesic die Frage nach seiner Zukunft mit einem legendären Interview, live, vor laufenden Kameras. Auf telekombasketball.de redet er sich um Kopf und Kragen. Konsterniert spricht er von Rücktritt. Wegen der Refs. Auf den ersten Blick. Die Nerven liegen blank. Und dann „leakt“ der israelische Basetballinsider David Pick und bestätigt das, was Brendan schon längst erahnte: Fleming verhandelt mit Bayern. Aber wer weiß schon, was in 12 Wochen ist? Und da wäre ja noch die Euroleague. „I thought at some point they would run out of power“, meint Brendan. „But they are doing pretty well.“ Heute Abend: Bamberg gegen Kaunaus. Wir werden es verfolgen. „It is always hard to win in Kaunas“, sagt Brendan. Er spricht aus Erfahrung. Trotzdem lasse ich mich nicht beirren und glaube an einen Sieg.

Wir schlendern durch die Stadt, machen Pausen in Cafés und Bars und landen irgendwann abends im „Starka“, einem Restaurant auf der Józefa. Ich entscheide mich für Herings-Tartar und einen Salat mit Hühnchen. Alles sehr lecker. Bis auf den Wodka, den uns die Bardamen empfehlen: Er wurde mit Meerrettich angesetzt, verraten uns die Ladies. Der Geschmack? Intensiv, durch den Meerrettich auch sehr scharf, insgesamt aber … Entschuldigung … grässlich. Das Spiel beginnt. Bamberg in Kaunas. Auf telekombasketball.de. Der Glaube sagt: Sieg, Gefühl sagt: nein. Es ist knapp. Am Ende verliert Bamberg mit minus 2. Ärgerlich. Abhaken. Das wiederum funktioniert in Krakau sehr gut. Wir ziehen weiter ins „Alchemia“ (Ecke Estery / plac Nowy), eine der angesagtesten Kneipen mitten im jüdischen Viertel. Es ist pickepacke voll. Ich stelle mich für die Bestellung am Tresen an – Selfservice –, Brendan checkt `nen Platz. Halt im Raucherbereich. Wir sitzen mit zwei Studentinnen am Tisch. Nach dem zweiten double Żubrówka entschließen wir uns nach fünf Jahren dazu, Geschichte zu schreiben. Mit einem Foto, auf dem wir gemeinsam drauf sind.

Ich: „For christ sake, you really want to shoot a selfie?“
Er: „No way. We ask the girls.“

Kein Selfie, sondern historisch Ich bin mir nicht sicher, ob er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und das Foto als Einstieg für ein Gespräch mit den Mädels nutzen will oder, ob er tatsächlich nur deshalb um ein fremdgeschossenes Foto bittet, damit ihn das gleichzeitig nicht als Selfie-Freak enttarnt. Da ich weiß, dass er Selfies hasst, gehe ich von letzterem aus. Wir lassen das mal lieber die Mädels machen. Booom! Da ist das Foto. Unglaublich. Er vergeht keine Sekunde und schon ist dieses historische Großereignis auf Instagram. Die Mädels verlassen uns. Er wollte wirklich nur das Foto.

Neue Mädels kommen an unseren Tisch. Mal sehen. Wir quatschen über das Spiel. Schade, das mit dem letzten Layup von Jannis. „I told you, it is not easy to win in Kaunas“, sagt Brendan.

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Julia und Olga – oder: Krieg ist Krieg

Auf Brendan ist Verlass, denn wir kommen mit den Damen ins Gespräch. Es stellt sich heraus, sie sind gar nicht aus Krakau, sondern aus der Ukraine. Olga aus Lwiw und Julia kommt aus Donezk, direkt aus dem Kriegsgebiet. Olga war vor einer Woche zu Hause. Sie wohnt in der Westukraine, da ist es ruhig. Julia hat ihr Zuhause dagegen seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. „Zu gefährlich“, sagt sie. Ihre Familie? Wohnt noch dort, mitten im Kriegsgebiet, im Donbas-Becken. „Sie besuchen mich aber hier in Krakau.“ Dennoch, es ist ein beklemmendes Gefühl zu wissen, das zu Hause Krieg ist. Für beide. Auch Olga sagt: „You never know if the war spreads over the entire country.“ StraßenszeneEs ist erstaunlich wie emotionslos und klar beide bleiben, während sie ihre dramatische Geschichte erzählen. Das tun sie manchmal sogar mit einer ordentlichen Brise deftigem Humor. Julia erzählt von ihrer Mutter, die immer Witze über den Krieg macht, wenn das Geschirr in den Schränken klirrt, weil in der Nachbarschaft Schüsse und Granaten-Einschläge zu hören sind. Tatsächlich ist es wohl nichts anderes als eine große Portion von zynischem Fatalismus mit der ihre Mutter den Tatsachen ins Auge blickt. Darüber zu spotten und Witze zu machen, es hilft. Es ist eine Art Selbstschutz. Er sorgt für kurzfristige Erleichterung, lässt einen durchatmen. Und trotzdem: Krieg ist Krieg.

Julias Mutter ist Ärztin und ihr Vater Unternehmer. Ihre Familie hat gelernt mit der Situation in Donezk umzugehen. Irgendwie. Sie kommen klar. Irgendwie. Olga und Julia erzählen: „Menschen, die in der Ukraine leben und so alt wie unsere Eltern (Anm.: zwischen 40 und 50) sind, die sagen: Das Leben sei vorbei.“ Das Leben vorbei? Mit 40 oder 50? „Ja. Diese Frustration, die Hoffnungslosigkeit, sie ist schon schlimm“, sagt Olga. Julia erzählt von ihrem Bruder. Er ist längst aus Donezk weggezogen und betreibt im Süden des Landes einen Computerhandel. Warum nicht auch ihre Eltern weg sind von dort? „Weil dort ihr Zuhause ist, weil dort mein Vater seinen Betrieb hat, weil er dort das Geld verdient, mit dem mir mein Studium in Krakau ermöglicht wurde.“ Die Mütter der beiden sind Ärztinnen. Sie verdienen gerade mal so 250 Euro im Monat

„There is no special interest of the west in Ukraine. No gas, no oil, no anything.
Ukraine currently isn’t of any value to the west.“

Was müsste passieren, damit es besser wird? „We would need more and steady attention in the western media. That would cause some pressure on Russia“, sagen beide. „But, there is no special interest of the west in Ukraine. No gas, no oil, no anything. Ukraine currently isn’t of any value to the west. And nobody in the west wants to offend Russia. That’s why Ukraine is running below the radar instead of being on it.“ Die Medien berichten vom „vergessenen Krieg“ in der Ukraine, wenn sie denn überhaupt noch darüber berichten. Man traut sich nicht zu fragen, was den Menschen dort Hoffnung gibt?

Olga und Julia haben ihr Studium in Krakau abgeschlossen und arbeiten jetzt für internationale Firmen. In Krakau. Und für beide soll der Traum vom Westen weitergehen. Ihr Ziel: Australien. Von dem einen Ende ans andere Ende der Welt. Es scheint so als ob beide möglichst weit weg von diesem Ort sein wollen, weg von der Ukraine, weg von Krakau. „Down Under“, davon versprechen sie sich so etwas wie eine Generallösung für all ihre Probleme. Alles Glück scheint für die beiden in Australien zu liegen. Und irgendwie kaufe ich ihnen das auch ab. Denn ihre Chancen stehen nicht schlecht, als gut ausgebildete Akademikerinnen, die sie nun mal sind, in Australien durchzustarten. Sie wirken sehr gefasst und entschlossen als sie über ihre Australien-Pläne reden. Ihre Heimat spielt für beide offensichtlich keine Rolle mehr. Das Herz mag zwar dort sein, aber Olga und Julia sind überall auf der Welt zu Hause. Es gab schon viele Touristen, die sich für ihre Geschichte interessiert haben, sagen sie. In solchen Fällen haben sie das Gespräch meistens abgebrochen. Warum mit uns nicht? Da zucken sie nur mit den Schultern. Wahrscheinlich, weil wir aufrichtiges Interesse zeigten. Ok: Und wegen „charming“ Brendan. 🙂

Es ist mittlerweile halb zwei. Wir verabschieden uns und wünschen den beiden viel Glück und Erfolg für ihren Australien-Trip. Ein sehr netter Abend in Krakau geht zu Ende. Am nächsten Tag setzen wir unsere Expedition durch das jüdische Viertel fort.

Die jüdische Bevölkerung ist seit jeher tief in der Geschichte der Stadt verwurzelt. Eines der wohl dunkelsten Kapital spielte sich während des zweiten Weltkrieges ab. Denn nach dem Überfall Polens durch Hitler-Deutschland im Jahr 1939 ließen die Nazis 1941 im Bezirk Podgórze ein jüdisches Ghetto errichten. Es lag außerhalb des Zentrums und grenzte an das südliche Weichselufer. In diesem von Mauern umschlossenen Ghetto, wo einst gerade mal 3000 Menschen zu Hause waren, lebten zeitweise auf einer Fläche von 400 x 600 Meter bis zu 20.000 Personen. In mehreren Deportationswellen wurden tausende Juden in die Konzentrationslager – u. a. nach Auschwitz – gebracht. Dort erwartete sie der Tod. Zwei Jahre nach der Errichtung des Ghettos fand schließlich 1943 seine endgültige „Liquidation“ statt. In dieser Zeit verlor die Stadt fast die Hälfte ihrer Bevölkerung. Dazu gehörten beinahe die gesamte jüdische Gemeinde sowie die universitäre Elite. Angesichts dieser grausamen Geschichte, mutet es fast schon zynisch an, dass sich die Amüsiermeile heute ausgerechnet im jüdischen Viertel befindet. Aber vielleicht kann man es auch anders sehen. Kazimierz ist ein Ort, an dem jetzt wieder verschiedenste Kulturen friedlich aufeinandertreffen, nach dem er etwa 50 Jahre lang so gut wie tot war und erst mit der Revolution in den 1990ern wieder zum Leben erwachte.

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Ein Land, zwei Helden: Kościuszko und Schindler

Brendan vor dem Karol-Wojtyla-Haus In diesem Zusammengang sei noch auf einen anderen berühmten Mann Krakaus hingewiesen. Unter Einsatz seines Privatvermögens und sogar seines Lebens macht er es sich zur Aufgabe, das Leben der jüdischen Bevölkerung während der Besetzung durch die Nazis zu retten: Oskar Schindler. Die Schindler-Emailfabrik wurde als sogenannte „kriegswichtige Produktionsstätte“ eingestuft – man stellte Granatenhülsen her – und genoss daher bei den Nazis Sonderstatus. Eine gute Tarnung, mit der Schindler einen zusätzlichen Arbeitskräftebedarf begründete, den er mit Juden deckte. Auf diese Art und Weise rettete der Fabrikant etwa 1200 Juden das Leben. Seine Beweggründe? Sie waren weder politischer, noch ideologischer Art. Schindler war ein Lebemann. Es widerte ihn schlichtweg an wie die Nazis die Juden behandelten. Dagegen ging er vor. Lange Zeit war sein Leben und Wirken der Öffentlichkeit so gut wie unbekannt, bis Steven Spielberg seine Geschichte im Film „Schindlers Liste“ erzählte. Oscar Schindler wurde in Jerusalem begraben. Für die Juden ist er nicht nur ein Held, sondern eine Ikone des Widerstands. In Krakau kann man heute das ehemalige Fabrikgelände besichtigen. Es ist seit 2010 ein Museum.

Dass auch Karol Wojtyla aka Johannes Paul II. ein Sohn dieser Stadt war, das hatten wir ja bereits. Wir laufen zwar an seinem Haus vorbei, angesichts des generellen „Papst-Booms“, der weltweit zu beobachten ist, will ich nicht die Strategien des digitalen Content Marketings bemühen und jetzt nur aus SEO-Gründen hier den Papst betexten. Das ist EIN Argument. Ich habe noch andere. Das würde hier aber zu weit führen. Deshalb: Aus. Es gibt ja auch wirklich noch Bedeutenderes in Polen, dessen Vermächtnis der Welt hinterlassen wurde. Dass da eine Wurst – die „Krakauer“ nämlich – im identischen Atemzug wie der Papst genannt wird, das könnte man jetzt auch als Blasphemie bezeichnen – aber als ganz subtile. Wie auch immer, die Grenzen sind da fließend. Oder eben: Tadeusz Kościuszko. Zweifellos: Dieser Mann mit dem unaussprechbaren Namen (Koash-choosh-ko) ist eine bemerkenswerte Person gewesen. Auch heute noch wird Kościuszko als der Nationalheld Polens verehrt. Warum? Ein Rückblick: Auf Geheiß des Königs genoss er Mitte des 18 Jhd. eine militärische Ausbildung im vorrevolutionären Paris. Diese Erfahrung prägte in auch politisch. „Freiheit“, dieser im 18. Jahrhundert viel diskutierte „neue“ gesellschaftliche Begriff, stand immer im Zentrum seines Lebens und Handelns. Ein Begriff, dem sich auch der Denker Jean-Jacques Rousseau widmete und dessen Texte Kościuszko las, so die Überlieferung. Dieses „rousseausche Freiheitskonzept“ übte wohl einen großen Einfluss auf sein Denken aus. Es stand beispielsweise in radikalem Widerspruch zur politischen Realität seines Heimatlandes, dass zu dieser Zeit sehr unter der ersten polnischen Teilung litt, die Polen von den Hegemonialmächten Preußen und Russland quasi auferlegt wurde. Der Gedanke, ein Spielball der politischen Großmächte zu sein und sich auf Gedeih und Verderb ihrem Gutdünken ausliefern zu müssen, war Kościuszko absolut zuwider. Unfreiheit, Unterdrückung: Dagegen kämpfte er sein ganzes Leben lang und dafür wird er auch heute noch verehrt. In dieser Tradition führte gut 200 Jahre später Lech Walesa mit der Gewerkschaft Solidarität (Solidarność) eine Bewegung an, die sich gegen das autoritäre, kommunistische Jaruzelski-Regime und letzten Endes auch gegen die Sowjetunion richtete. Das Ende der Geschichte ist bekannt. Kościuszko jedenfalls war von der polnischen Teilung derart frustriert, dass er nach Amerika ging und sich dort als General der Nordstaaten-Armee anschloss. Im Unabhängigkeitskrieg nahm er u. a. an der Schlacht von Saratoga teil und er befestigte für George Washington z. B. West Point am Hudson River. Ein Ort, der später zur Heimat der wichtigsten Militärakademie der USA wurde. Als Dank für seine Dienste schenkte ihm die amerikanische Regierung 250 Hektar Land und eine große Summe Geld, die ihm in jährlichen Raten ausbezahlt wurde. Seiner Gesinnung, die generelle Freiheit des Individuums, war ihm dabei jedoch so wichtig, dass Kościuszko die letzte Rate seiner Staatsrente in den Freikauf von Sklaven und deren Ausbildung investierte. Nach seiner Rückkehr nach Polen überließ er dem amerikanischen Staat sogar sein gesamtes Vermögen unter der Bedingung, dass es die USA zur Abschaffung der Sklaverei einzusetzen hatte. Zurück in Polen schloss er sich erneut der königlichen Armee an und kämpfte – wieder gegen Russland. Aber auch dieser Krieg ging erneut verloren. Es kam zur zweiten polnischen Teilung durch Preußen und Russland. Kościuszko floh nach Sachsen, kehrte wieder zurück und ließ sich in Krakau nach römischem Recht zum Diktator ernennen. In dieser Position führte er Polen erneut in den Freiheitskampf gegen die Erzfeinde Russland und Preußen, wurde dabei verwundet und kam schließlich in Gefangenschaft. Der Aufstand wurde niedergeschlagen. Zar Paul I. begnadigte ihn jedoch und so konnte Kościuszko schließlich ins Exil zurück in die USA, später in die Schweiz. Und selbst von dort versuchte er immer wieder seine Idee der polnischen Unabhängigkeit Polens umzusetzen, musste sich aber den politischen Rahmenbedingungen fügen. Er starb im Jahre 1817 in der Schweiz. Sein einbalsamierter Leichnam wurde in der Königsgruft der Wawel-Kathedrale in Krakau beigesetzt.

Seine Vorstellung, seine Idee, seine Vision der individuellen Freiheit des Einzelnen und der Unabhägigkeit des Staates, die er nicht nur vehement vertrat, sondern für die er sogar sein Leben riskierte, findet sich auch im Polen des 21. Jahrhunderts wieder. Fremdbestimmung – wie z. B. durch die Nazis oder die Sowjetunion – ist für das Land keine Option. Der tiefe Wunsch nach Freiheit, diese Geisteshaltung entsprang einst Kościuszkos Kopf. Sie pflanzte sich in und mit Lech Walesa fort und ist ein Vermächtnis an das Polen von heute. Als Nicht-Pole kann man gut nachvollziehen, warum dieser Mann der Nationalheld dieses Landes ist. Zahlreiche Denkmäler ehren Kościuszko und seine Verdienste. Eines zeigt ihn u. a. in den USA am Hudson River und hier in Krakau wird ihm mit seinem Abbild auf dem extra aufgeschütteten Hügel gehudligt.


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„Ständig vertreten“ und wieder „bayerisches Personalkarussell“

Am Ende schwimmt der Fisch ...Nationalhelden verdienen, erstens, Respekt, und, zweitens, schon mal so viel Platz in einer Geschichte, die eigentlich vom Reisen, von Basketball und von uns erzählen soll. Aber, jetzt wissen wir, mit Tadeusz Kościuszko und Basketball sind es schon zwei Rahmenbedingungen, ohne die wir heute vielleicht gar nicht hier in Krakau wären. Deshalb hätte er uns wohl auch verziehen, wenn wir bei all dem Ruhm, der Ehre und den Heldentaten irgendwann auch mal hungrig werden und uns einem Grundbedürfnis hingeben: essen.

Wir wollen unbedingt Hering probieren. Hering ist typisch polnisch. Nach einem Vormittags-Spaziergang durch den Stadtpark, der sich wie ein grüner Gürtel um die Altstadt rankt, werden wir in der „Ambasada Śledzia“ (Stokarska 8) fündig. Obwohl gerade keine Heringszeit ist, hat die „Ständige Vertretung der Heringe“, wie das Lokal frei übersetzt heißt, den Fisch eben auch ständig auf der Karte. Wir entscheiden uns für die klassische Variante: Hering mit Zwiebeln in Öl. Dazu trinken die Polen üblicherweise reichlich Wodka, denn: „Ein Fisch muss schwimmen“, sagt das uralte polnische Ernährungsgebot. Das tut er hier in diesen Breitengraden nun mal in Wodka. Nun denn, wir machen es wie die Polen und bestellen Wodka. Zwei doppelte Żubrówka auf Eis. Und: Es schmeckt tatsächlich. So gut, dass wir uns dazu gleich noch eine Herings-Variation bestellen, bei welcher der Fisch in Zwiebeln und scharfer Sauce mariniert serviert wird. Die Sauce ist allerdings so scharf, dass wir gleich mit noch einem Wodka kontern müssen. Aber es schmeckt hervorragend.

Nach diesem üppigen Mahl brauchen wir einen Kaffee. Wir lassen uns irgendwo in der Nähe der „Ambasada Śledzia“ in einem Café nieder und nutzen die Zeit, um uns das Spiel der Bayern gegen den MBC anzuschauen. Wir trauen unseren Augen nicht. Bayern verliert. Was ist passiert? U. a. folgendes: Pesic nutzt die vorletzte Auszeit dafür, …. gar nichts zu tun. Er steht da, mit den Händen in den Taschen und überlässt die Bühne den Spielern. Dass er das TV-Mikro in keiner Auszeit duldet, ist ja bei ihm schon Usus, während sich die anderen Coaches dieser ungeliebten Praxis fügen. Deshalb können auch wir nur sehen, aber nix hören. Aber das reicht ja auch. Denn Pesic sagt … nix. Die Spieler regeln das unter sich, denn Pesic Senior verweigert, trotzig wie ein Kind, das seinen Willen nicht bekommt, jegliche Kommunikation. Uiuiuiui! Sieht gar nicht gut aus. Und lässt sofort reichlich Raum für Spekulationen. „He is done“, sage ich zu Brendan. Und wieder: Personalkarussell. Die wilde Fahrt beginnt. Pesic? Trinchieri? Obradovic? Fleming? Oder gar Xavier Pascual, der Coach des FC Barcelona, den Brendan ins Spiel bringt? Zweifellos: Bei den Bayern ist ordentlich Sand im Getriebe. Gerüchte behaupten gar, die Bayern würden in naher Zukunft ganz aus dem Bundesliga Basketball aussteigen. Sowas aber auch …

Das Herz von Kazimierz: Die Szeroka

Das Herz von Kazimierz: Die Szeroka

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Krakau, wieder zurück im Hier und Jetzt. Wir beschließen Richtung Weichselufer zu laufen und kommen schließlich auf die Szeroka. Tatsächlich ist diese Straße wie ein Platz angelegt. Hier befindet man sich in einer überwiegend jüdischen Nachbarschaft, dem Herz des jüdischen Viertels. Jüdische Gastronomien, die Klezmer-Hois, Hamsa oder Rubinstein heißen, bestimmen das wirklich sehr hübsche Straßenbild. In der Mitte dieses gepflegten Viertels steht selbstverständlich eine Synagoge, die Remuh Synagoge, wo man sich zum Gebet trifft. Optisch macht dieses Fleckchen wirklich etwas her. Zweifellos der Höhepunkt in Kazimierz. Das sieht man auch an den zahllosen Touristen, die per Stadtrundfahrt in überlangen Golfcarts hierhergebracht werden.

„I don’t understand, why they have so many fresh grapefruits here.“

Greyhoud im Cawa, Krakau Über die „Kładka Ojca Bernatka“, eine Fußgänger- und Fahrradbrücke, verlassen wir die Szeroka und überqueren die Weichsel in Richtung Podgórze, jenem Stadtberzirk, in dem Oskar Schindler einst seine Fabrik betrieb. Dort wollen wir allerdings nicht hin. Wir sind auf der Suche nach einer Bar, die Fußball überträgt. Bayern spielt gegen Dortmund. Das würden wir gerne sehen. Es klappt aber nicht. Wir müssen uns schließlich mit dem Cawa zufriedengeben. Eine sehr gute Wahl, wie sich später herausstellt.

Wie immer unser bevorzugter Platz: die Bar. Ich schalte den Live-Ticker ein. 0:0. Paul steht hinter Bar. Wir bestellen Kaffee. Während ich in unregelmäßigen Abständen auf „aktualisieren“ klicke, hat Brendan scheinbar etwas entdeckt. Er versucht mich anzusprechen, sagt „Hey, man …“ und „Listen, I think …“. Nur, ich bin gerade nicht aufnahmefähig – Fußball! -, also spricht er mit Paul. Als ich dann mein Handy weglege, weil sich beim Spiel nichts tut, mixt Paul bereits Brendans Lieblingsgetränk: Greyhound. Zwei mal. Was für eine Überraschung. Und zwar mit frischem gepresstem Grapefruit-Saft, Eis und je einem Shot Żubrówka. Der Wodka aus dem Hause Żubrówka ist deshalb so besonders, weil er mit Mariengras-Aroma versetzt wird, das dem Wodka eine dezente Waldmeister-Note verleiht. Das Mariengras wiederum war die Hauptnahrungsquelle der riesigen Wiesent-Herden („Żubr“ = Wiesent), die einst in Polens Tundra zu Hause waren. Deshalb trägt der Wodka auch den romantischen, Abenteuer versprechenden und international verständlichen Untertitel „Bison Grass Vodka“ auf der Flasche. In Deutschland wird der Stoff übrigens unter dem Label „Grasovka“ von der Kräuterschnaps-Firma Underberg vertrieben. „I don’t know, why they have so many fresh grapefruits here, but in the end, I don’t care, it is good, that they simply just have it“, sagt Brendan, zuckt dabei mit den Schultern, um danach genüsslich an seinem Greyhound zu nippen. Und es schmeckt soooooo gut. Paul sagt: „Interesting drink. Thanks for the tip. We might put it on the menu …“, und Brendan ist fast ein wenig stolz, dass es der Greyhound – wegen ihm womöglich – den weiten Weg vom kalifornischen Strand hierher auf die Karte einer Krakauer Kneipe schaffen wird. Bayern gegen Dortmund: nach 90 Minuten 0:0. Angesichts der wirklich exzellenten Greyhounds interessiert mich das Ergebnis nicht mehr wirklich.

Nach dem wir den Abend im Cawa eingeleitet haben, bringen wir ihn im Studio Qulinarnezu Ende. Das ist ein Restaurant mit angeblicher Meisterküche, die u. a. vom Michelin Guide und der polnischen Ausgabe des Gault Millau empfohlen werden, lesen wir in der aktuellen Ausgabe der Broschüre „TOP Krakow“, die ich im Hotel mitgenommen habe. Das Restaurant befindet sich in einer ehemaligen Busgarage auf der Gazowa (Hausnummer 4). Die großen, ehemaligen Garagentore wurden durch französische Fenster ersetzt. Sie bestimmen und bewahren den immer noch typischen Werkstatt-Look der Fassade. Sehr einladend und im Sommer bestimmt ein lauschiges Plätzchen, wenn die Fensterflügel geöffnet werden und man einen dieser Plätze, halb drin, halb draußen, ergattern kann. Dafür ist es allerdings jetzt noch zu kalt. Deshalb nehmen wir an der Bar Platz, wo Barchef Krystian für uns zuständig ist.

Die Bilder, die als Hintergrund die Wand dekorieren, kommen mir bekannt vor. Sie zeigen größtenteils sich durch jede Dimensionslosigkeit auszeichnende, füllige Menschen in stark übertrieben dargestellten Alltagsszenen. Ihre eigenwillige, vermutlich gesellschaftskritische Dramaturgie erhalten die Werke durch maßlose menschliche Proportionen. Dicke Arme, fette Beine, gut genährte Gesichter mit rot gefärbten Wangen – dazu die, ja, „glotzenden“ Augen, die ich in Erinnerung habe. Ich frage Krystian, von welchem Künstler die Bilder sind. Meine Vermutung war richtig: Botero. Den kenne ich selbstverständlich aus Bamberg. „Die Dicke“ im Fluss und später auf dem Heumarkt, welcher/m Bamberger/in ist die nicht bekannt.

Wir bestellen. Brendan wählt Thunfisch, ich Heilbutt. Zum Einstieg gibt es Fischsuppe. Eine großartige Entscheidung. Alles schmeckt hervorragend. Wir sind begeistert. Vornweg: Es war das beste was wir in Krakau hatten. Der Preis, unschlagbar! Die Rechnung für uns beide: Insgesamt etwa 90 Euro. Zum Abschluss des Abends trifft Brendan noch eine junge Dame, die er in der „Pijalnia Wódki i Piwa“ beim Getränkebestellen kennenlernt. Sie saß da so mit ihrer Freundin an der Bar rum. Ich weiß, es war pure Absicht. Die hübsche Polin mit Amerikaerfahrung, wie sie selbst sagt, verabredet sich mit ihm im für den nächsten Tag im „Forum Przestrzenie“ (Marii Konopnickiej 28). Das ist gegenüber vom Hotel in einer so hässlichen kommunistischen Platte, dass sie schon wieder schön ist. Ich soll mitkommen. Was für ein Quatsch. Ich begleite ihn und fühle mich ein bisschen wie ein Anstandswauwau, wie das fünfte Rad am Wagen. Insofern trinke ich meinen Anstandsespresso und bin raus. Zufrieden falle ich ins wirklich hervorragende Bett und skype von dort lieber mit Micha. „Übermorgen komm ich fei wieder heim.“

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Reichlich Pragmatismus in der „Key-Player-Situation“

Wer die Kurzform der „Key-Player-Situation“ bevorzugt, bitte schön: Key Player. Eskalation. Kündigung. Abreise. Geld. Rückkehr. TOP4. Wahnsinn! – Damit wäre eigentlich alles gesagt.

Also, wir fliegen zurück nach Berlin. Ich habe hier noch einen Abend und übernachte bei Brendan. Nach dem wir gelandet sind, fahren wir direkt ins Ceccioni’s und treffen dort die „gut unterrichteten Berliner Kreise“, die wissen, was in Basketballdeutschland abgeht. Auch sonst sind hier alle ganz furchtbar wichtig. Es hat zumindest den Anschein. Das ist insoweit nicht überraschend, denn das Lokal befindet sich genau im selben Gebäude wie jene elitäre Vereinigung, zu der man nur dann Zutritt hat, wenn man, a), über das nötige Kleingeld verfügt oder, b), George Clooney oder Brad Pitt heißt, besser wäre freilich beides. Die Rede ist vom „Soho House“. So viel Glamour und Geheimnis, das färbt auch auf das Ceccioni’s ab, denn es ist nicht gerade billig. Und eigentlich immer voll. Dafür bekommt man aber hervorragendes Essen. Und genau dort sitzen wir. Gesprächsthema Nr. 1: Bayern. Einer erzählt, wie schlecht es ums Team steht. „You know, that a key player quit right before the TOP4 2016?“ Wir spitzen die Ohren. Wie? Was? Nee. Tatsächlich. Er soll nach einem Streit unverzüglich und mit Kind und Kegel nach Hause abgereist sein. Ha! Die Bayern standen also binnen Sekunden ohne einen wichtigen Schlüsselspieler da. Und das kurz vor dem TOP4 „dahoam“. Aber, Topscorer können sich das nun mal erlauben. Auch die „Verantwortlichen“ erkannten blitzschnell die Dramatik dieser „Key-Player-Situation“ und baten sogleich einen anderen Spieler darum, den „Kündiger“ doch mal bitte eben schnell anzurufen und ihn höflichst aufzufordern, nach München zurückzukehren. Man spiele schließlich das Final Four des Pokals, appellierte man an seine Ehre. Nochmal: dahoam! Ist ja nur ein Anruf. Ein Klacks. Alles halb so wild. Sind halt Krisenmanagement-Profis. Jedenfalls: Bei so viel Pragmatismus war garantiert auch noch reichlich davon für besagten Spieler übrig. Denn der kam tatsächlich zurück, wie wir ja alle wissen, weil, gefehlt hat beim TOP4 keiner. Das tat er allerdings nicht, weil der anderer besagte Spieler ihn angerufen und ganz lieb darum gebeten hat (rein fiktional in etwa so: „Hey, komm zurück, für das Team. Wir brauchen Dich …“ usw. usf.). Wahrscheinlich hat man das – auch ganz pragmatisch – mit Geld geregelt. Basketball-Gossip – manchmal irgendwie herrlich.

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Reisefakten „Krakau“

Anreise per Flugzeug via Berlin:

Air Berlin NUE – TXL – KRK ~ 250 EUR

Unterkunft:

Hilton Garden Inn, Marii Konopnickiej 33 4x Ü, F
Hotel- und Flugbuchung über Opodo.de und Booking.com

Günstige Preise in Krakau

Für Gäste aus den Euroländern ist Krakau wirklich sehr günstig. Eine Halbe Bier kostet umgerechnet zwischen 1,50 und 1,80. Essen gehen in exzellenten Restaurants für 2 Gänge, inklusive 3 Getränke ~ 40 bis 50 EUR

Besuchte Gastronomien, Kneipen, Bars und Cafés:

  • Starka, Józefa 14.
    Sehr gutes Lokal mit exzellenter heimischer Küche, unbedingt reservieren!
  • Alchemia, Estery 5.
    Eine der z. Zt. angesagtesten Kneipen in Krakau, wo sich Hipster, It-Girls, Studenten, Touristen, Nerds und ganz normale Menschen treffen. Dunkel, verraucht, aber gut! Selbstbedienung!
    Ambasada Śledzia, frei übersetzt: „Die ständige Vertretung der Heringe“. Hier gibt es „polnische Tapas“ und vor allem Hering in allen Variationen. Sehr, sehr lecker!
  • Plac Nowy 1, keine Homepage, Facebook, Restaurant / Bistro / Bar, durchschnittliche lokale Küche zu akzeptablen Preisen
  • Pijalnia Wódki i Piwa, plac Nowy 7, keine Website, kein Social Media; Neueröffnung! Sehr szenige Wodka- und Bier-Kneipe, die beim Krakauer Publikum gerade sehr angesagt ist.
  • Charlotte, Restaurant / Bistro / Cafe, plac Szczepański 2, sehr hübsches Cafe, mit sehr nettem Personal. Kann man mal reingehen, um beispielsweise seine Urlaubspost zu erledigen, sich mit einer köstlichen Leckerei von der Kuchentheke die Zeit zu vertreiben oder einfach, um sich etwas zu erholen.
  • Komisariat, Estery 16, keine Website, Facebook
    Mein Favorit in Krakau. Sehr coole, keinesfalls trendige Kneipe, mit dem „zahnlosen, aber sehr hilfsbereiten ‚John Lord‘ “ als Inventar und einem unglaublichen Logo, das einen selten hässlichen Man mit stoischem Blick und „Siebziger-Style“ (Kottletten, Scheitelfrise und Hornbrille, eben den „Kommissar“) zeigt, der wie die Faust aufs Auge zu diesem Laden passt.
  • Cawa, Nadwiślańska 1, Bezirk Podgórze, keine Website, Facebook Sehr nette Kneipe / Bar mit sehr, sehr freundlichem Barchef (Paul!) und den besten „Greyhounds“ in ganz Krakau.
  • STUDIO Qulinarne, Gazowa 4, exzellentes Restaurant in einer ehemaligen Busgarage, u. a. empfohlen von Gauld Millau und Michelin Guide

 

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