PRAGUE or bust II

AC/DC in PragWar es ein Gewitter? Ein Hurricane? Ein Erdbeben? Ein Vulkanausbruch? Superman? Nein, nach sieben Jahren brachen AC/DC am Sonntagabend über die „Goldene Stadt“ Prag herein und lärmten auf dem Flugplatz Letňany vor ca. 80.000 Zuschauern mit einem Ehrgeiz wie zu ihren besten Garagen-Rock-Zeiten. Und dass, obwohl die Band schon seit über 40 Jahren zuverlässig einen Hit nach dem anderen liefert und Live-Auftritte wie in Prag eigentlich so routiniert abspult wie unsereins den alltäglichen Gang zum Schreibtisch. Also: „Just another day at the office?“ Ganz klar: Nein. Eher: Prague or bust halt.

Prag, die Fans und die Band setzten sich an diesem Abend selbst ein weiteres Denkmal. Den 22. Mai 2016 kann man guten Gewissens in die Rockgeschichte aufnehmen. Auch deshalb, weil die Band in ihrer Zugabe zum ersten Mal überhaupt seit Erscheinen „Touch too much“ live auf einer Bühne zum Besten gab, heißt es bei “Metal Hammer”. Der Song kam 1979 heraus, also vor 37 Jahren! “Touch too much” war die Überraschung des Abends. Ein Höhepunkt, in dem die australische Kapelle sich selbst und dieses zweifellos eruptive Ereignis an ihren Kulminationspunkt führte und die Massen konsequent kollektiv, aber kontrolliert ausrasten ließ.

Kind, Kegel, Opas, Omas, Enkel, Mütter, Väter, Töchter und Söhne wurden Zeuge eines Konzertes, in dem Angus Young im gewohnt zuverlässigen „duck walk“ seine unvergleichlichen Gitarrensoli gab und dabei so böse dreinblickte wie ein nach Luft schnappender Goldfisch – was an sich ja schon Unsinn ist. Freilich nicht bei Angus. Der kann das. Der australische Winzling spielte seine Stromklampfe gewohnt bluesig und mit der musikalischen Hingabe eines Genies, das kurz vor dem Kollabieren steht, dabei den Mund aufreist und die Augen eksatisch, ja, fast diabolisch verdreht als wäre er und nicht Jack Nickolson der “Shining”-Protagonist. Eine echte Rampensau.

AC/DC: Ein Brett von einer Band

Nach dem Ausscheiden von Malcolm Young, Brian Johnson und Phil Rudd ist Angus der letzte Mohikaner, das letzte Gründungsmitglied und zweifellos das Epizentrum von AC/DC. Selbst Brian Johnson-Ersatz und Guns ’n Roses-Frontmann Axl Rose hält sich da ehrfürchtig zurück, denn er weiß, dort wo AC/DC heute sind, müssen er und seine Guns `n Roses erst noch hin. Die Zurückhaltung funktioniert dabei sehr gut, obwohl Axl die Prager Show erstmals auf dieser Tour beinahe vollständig stehend bewältigt und sein Aktionsradius damit eigentlich nicht auf seinen Thron mit Getränkehalter begrenzt war. Es hätte also schlimmer kommen können. Aber: Vor AC/DC hat selbst Axl Respekt. Er nimmt sich zurück, und überzeugt mit einer wohldosierten Bühnenpräsenz, die sein Kleidungsstil allerdings nicht unterstützt. Indiana Jones Hut (??), Ivana-Trump-Sonnebrille (Hä?), T-Shirt (Aufdruck: “Touch me, feel me”), Lederjacke (in der zweiten Konzerthäfte sogar eine weiße!), dazu das obligatorische, um die Hüften gebundene Flanellhemd? Dagegen wirkt sogar der 65jährige Angus Young in seiner Schuluniform noch authentisch! Jedenfalls: In seinem von Dave Grohl ausgeliehenen Königsstuhl, den er auch zur AC/DC-Tour mitbrachte, ließ er sich und sein mit einer Orthese ruhiggestelltes Bein nur kurz für eine Pause nieder, um vermutlich sich und seine Egos innerlich neu zu versammeln. Aber, er hat seine Sache wirklich gut gemacht und sich in diese Formation, man traut es sich fast nicht zu sagen, wenn man seine Eskapaden von früher kennt, nahtlos eingefügt.

Klar ist ohnehin: AC/DC ist Angus Young, weshalb die Band eigentlich „Angus/DC“ heißen müsste. Und alleine Angus gehört der Steg, der seine ihn frenetischen feiernden Fans im „Front of Stage“ Bereich teilt wie Jesus das Meer und an dessen Ende er sich traditionell von einer Bühne in die Höhe heben lässt und dort sein 20-minütiges Gitarrensolo startet. Ohne Band selbstverständlich.

Der Rest? Tja. Da ist nicht mehr viel übrig von der Originalbesetzung, wenn es, bis auf Angus und Malcolm, so etwas überhaupt gab bei AC/DC. Nach dem Ausscheiden des Kreativzentrums Malcolm Young ist sein Ersatz, Neffe Stephie Young, leider auch nur Nebendarsteller. Gemeinsam mit Bassist Cliff Williams treten beide nur dann nach vorne ans Mikrofon, wenn sie Rose beim Refrain unterstützen und verschwinden sofort wieder vor der gigantischen Mauer aus Marshall-Amps, die sie beinahe zu verschlucken drohen. Die Rhythmusgitarre bedient Malcom Youngs Neffe Stephie dabei mit der Souveränität eines Gitarrenlehrers der städtischen Musikschule – sagte eine gute Freundin, die in Prag dabei war. Nicht weniger erfahren zupft Bassist Cliff Williams an seinem Instrument herum. Das tut der immerhin schon seit 1977 und es scheint so als ob er dabei nur die E-Seite seines Basses bedient, denn die anderen wird er wohl nicht benötigen. Auf ihn ist Verlass wie auf einen Chevy-V8-Schiffsdiesel, den er gemeinsam mit Phil-Rudd-Backup-Trommler Chris Slade gewohnt solide antreibt, während Stephie für die Melodie sorgt und dabei wohl an seinen Onkel denkt. Das Ganze zweieinhalb Stunden lang im 4/4 Takt und volle Power. Das ist der einfache Mix, der Generationen in Ekstase versetzt. Auch an der Moldau geht sowas von die Luzie ab, die ja in Prag weiß Gott keine Unbekannte ist. Alles Weitere erledigt die heilige Dreifaltigkeit: Angus. Sein Spiel, dessen „duck walk“ und die Mimik eines, ich sagte es bereits, nach Luft schnappenden Goldfisches, der kurz davor ist, sich zu erbrechen. Dreckig, rau, direkt, einfach – diese Musik, diese Band, sie ist einfach ein Brett.

Energie, Kraft, Spannung, die sich 80.004-fach mit lautem Donnerknall entlädt

Genau wie Prag. Dass der Gig hier in Tschechien etwas ganz besonders ist, kann man fühlen. Prag hat lange auf AC/DC gewartet – sieben Jahre, um genau zu sein. Der Flugplatz in Letňany ist, und wie sollte es bei AC/DC anders sein, elektrisiert von der Energie, der Kraft, der Spannung, die sich bei den Fans und der Band aufbaut, bevor sie sich mit lautem Donnerknall aus ich weiß nicht wie vielen Kanonen bei „For those about to rock…“ 80.004-fach entlädt. Mehr geht nicht. Danach bleibt nur noch das Sauerstoffzelt. Dort soll sich ja Angus Young auch während, aber vor allem nach der Show hinbegeben, erfahre ich von einem in allen Lebenslagen kompromisslosen Fan, um dort wieder seinen Erythrozyten-Gehalt auf ein akzeptables Niveau zu bringen. „Prague or bust“ halt. Yeah!

Was bleibt, um aus einem außergewöhnlichen Abend in Prag ein perfektes Konzerterlebnis zu machen? „It’s a long way to the top if you wanna rock ‘n roll” – dieser Song hat noch auf der Setlist gefehlt.

Rush is god!

Setlist, Prag, 22.05.2016

Rock or Bust
Shoot to Thrill
Hell Ain’t a Bad Place to Be
Back in Black
Got Some Rock & Roll Thunder
Dirty Deeds Done Dirt Cheap
Rock ‘n’ Roll Damnation
Thunderstruck
High Voltage
Rock ‘n’ Roll Train
Hells Bells
Given the Dog a Bone
Dog Eat Dog
If You Want Blood (You’ve Got It)
Sin City
You Shook Me All Night Long
Shot Down in Flames
Have a Drink on Me
T.N.T.
Whole Lotta Rosie
Let There Be Rock

Encore

Highway to Hell
Touch Too Much
For Those About to Rock (We Salute You)

 

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