Saids Odyssee

Ist mit Said sehr zufrieden, Jürgen Brandl, Geschäftsführer der Fa. Brandl Fahrzeugtechnik in Bamberg, © Enno Jochen Zerbes

Ist mit Said (rechts) sehr zufrieden: Jürgen Brandl, Geschäftsführer der Fa. Brandl Fahrzeugtechnik in Bamberg

Saids Huesseins Geschichte zog weite Kreise+++Nach dem Bayerischen Rundfunk berichtete auch der Fränkische Tag über den jungen Äthiopier.+++

Said Hussein ist 26 Jahre jung. Seine Heimat: Äthiopien. Gut ein Viertel seiner Lebenszeit ist er weggelaufen. Er hat sich in Äthiopien vor der Regierung versteckt, wurde dort verhaftet, ist auf staubigen Straßen im Auto in den Sudan geflohen, schlug sich in Libyen durch und wagte schließlich, eingepfercht mit gut hundert anderen Leidensgenossen, in einem geflickten Schlauchboot die gefährliche Passage über das Mittelmeer. Sein Ziel: Europa. Heute macht er in Bamberg eine Lehre zum Autolackierer.

Saids ganze Geschichte unter freundstattfremd.de (redigierte Version). Die Erstfassung hier.

Er lacht als er mir entgegenkommt. Said freut sich, dass ich ihn heute, an einem Samstagnachmittag, in seiner Wohnung besuche. Seine Freundin Zinash (24), sein Sohn Adonai (1) sind da und ein paar Freunde aus Forchheim, die die junge Familie heute besuchen. Said und seine Familie, sie leben an der Breitenau. „Glasscherbenviertel“ sagt man in Bamberg. Alles, was hinter der Bahnlinie liegt, ist asozial, heißt es im Volksmund. East End halt. Damit ist Said sozusagen mein Nachbar. Unsere Wohnungen liegen keine zehn Minuten auseinander – zu Fuß.

Grausame Bilanz einer Flucht

Beengte Verhältnisse, © Enno Jochen Zerbes

Beengte Verhältnisse

Die Familie lebt in beengten Verhältnissen. Das Ein-Zimmer-Apartment hat 20 Quadratmeter. Insgesamt. Mehr nicht. Darauf sind Bett, Kinderbett, Couch, Schreibtisch sowie Bad und Wohnküche, die eher einer Kochnische gleicht, untergebracht. Wir unterhalten uns über seinen Weg nach Deutschland. Dabei stelle ich fest: Die Wohnung ist etwa doppelt so groß wie das Schlauchbot, mit dem Said und gut 100 Andere vor über drei Jahren von der lybischen Hauptstadt Tripolis aus in Richtung Sizilien, in Richtung Freiheit in See stachen. „Das Boot war vielleicht acht Meter lang und höchstens 1,50 Meter breit“, schätzt Said. In der Nussschale befanden sich zu viele Passagiere, unter ihnen Frauen, Kinder und größtenteils Minderjährige. „Das Boot war hoffnungslos überladen. Der Tiefgang war entsprechend, die See unruhig. Ständig schwappte Wasser hinein. Ich hatte Todesangst. Wir alle hatten Angst.“

Während der Passage gibt es ein striktes Ess- und Trinkverbot, um menschliche Bedürfnisse gar nicht erst aufkommen zu lassen. Ausgehungerte, dehydrierte Menschen, die in dem überfüllten, maroden und keinesfalls hochseetauglichen Boot „mit bloßen Händen das eintretende Wasser über Bord schöpfen und um ihr Leben kämpfen“, beschreibt Said die Situation auf dem Meer. „Viele waren so verzweifelt, dass sie über Bord gesprungen sind, wenn sie ein Schiff der italienischen Küstenwache erblickt haben. Sie hatten keine Chance,“ sagt Said und sein Blick senkt sich, wenn er daran zurückdenkt. Ein Alptraum. Die Überfahrt dauert drei ganze Tage. 110 Menschen haben in Tripolis abgelegt. Acht weniger kommen mit dem Schiff der italienischen Küstenwache auf Sizilien an. Das ist die grausame Bilanz einer Flucht. „Es waren die härtesten Tage meines Lebens. Das wünsche ich niemandem“, sagt Said.

Warum tut ein Mensch so etwas, warum verlassen Menschen ostafrikanischer Herkunft ihre Heimatländer und wagen diesen kreuzgefährlichen Trip über das Mittelmeer nach Europa? Die Antwort kann man sich denken. Said bestätigt: „Die Bedingungen in Äthiopien waren und sind furchtbar.“ Saids Heimatland gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Hunger und Dürre sind allgegenwärtig. Dazu kommen die schlimmen politischen Rahmenbedingungen. Das begünstigt die Migration. Auch in Äthiopien.

Äthiopien: Perspektivlosigkeit treibt Menschen aus dem Land

Said war und ist Anhänger der Qinijit-Koalition, ein demokratisches Bündnis, dass gegen die autoritäre Führung aufbegehrt. Dafür musste er schon ins Gefängnis. Weil er als 18jähriger Flugblätter verteilte. Seine Mutter bezahlte viel Geld und kaufte ihn frei. In der Anonymität der gut 250 Kilometer südwestlich von Adis Abeba gelegenen Provinzhauptstadt Jimma sucht er Schutz und versteckt sich so gut er kann. Das ist gut acht Jahre her. Saids Vater arbeitet damals für die Regierung, hatte ein Einkommen, die Familie zu essen. Said ging zur Schule und machte einen Abschluss. Das ist in Äthiopien nicht selbstverständlich.
Dann kommt alles anders. Weil sein Vater die Qinijit-Koalition unterstützt, verliert er seinen Job und jede Perspektive. Er gibt auf, ist verzweifelt und am Ende. Er begeht Selbstmord. „Das war wirklich schlimm für uns damals.“

Auch die Bevölkerung leidet. Denn es verändert sich wenig im Land, selten wird es besser. Angesichts eines stark auf Wahlbetrug hindeutenden Wahlergebnisses von 99,6 % für die Regierungspartei bei den letzten Wahlen im Jahr 2010, ist das auch kein Wunder. Die Situation ist unübersichtlich, beinahe unüberschaubar, so viele oppositionelle Gruppierungen formieren sich binnen kürzester Zeit und verschwinden gleich wieder von der Bildfläche. Denn die seit 1991 regierende Ethiopian People’s Revolutionary Democratic Front (EPRDF) geht mit großer Härte gegen Oppositionelle vor. In dieser Hinsicht unterscheidet sich der gegenwärtige Präsident Hailemariam Desalegn nicht von seinem Vorgänger Meles Zenawi (1991-2012). Auf der Strecke bleibt das Volk – und junge Menschen wie Said verlassen das Land.

Vor diesem Hintergrund operiert die Armee, die alles, was irgendwie nach Protest aussieht, verfolgt, verhaftet, schlägtund einsperrt. Im Grunde kann das jeder sein. Auch Said wurde für seine politische Orientierung geschlagen, auch deshalb hat er das Land verlassen. „Als ich aus dem Gefängnis kam, sagte meine Mutter: ‚Du musst weg von hier.‘“ Die Mutter ist geblieben. Seit 2014 ist die Verbindung jedoch abgebrochen. „Sie hatte ein Handy. Aber die Leitung ist tot. Ich kann sie nicht erreichen“, sagt Said mit zitternder Stimme und träumt davon, sie eines Tages nach Deutschland holen zu können. Er wird sehr traurig, wenn er an sie denkt. „Sie fehlt mir.“

Saids Weg nach Europa war lang. Er dauert insgesamt gut sechs Jahre und beginnt an dem Tag als er Flugblätter verteilte. Er flieht in den Sudan, wo er sich fast drei Jahre als Pizzabäcker durchschlägt. „Illegal selbstverständlich“, sagt er. Als der Krieg im Sudan immer bedrohlicher wird, verlässt er abermals das Land. Sein Ziel: Libyen. „Dort gab es überhaupt keine Arbeit. Die Not war groß. Manche erhielten Geld von ihren Verwandten im Ausland und man half sich gegenseitig“, sagt Said. Und dann trifft er Zinash, seine jetzige Freundin. Sie hielt sich bereits in Libyen auf. Die 24-jährige Äthiopierin hilft ihm in dieser schweren Zeit wo sie kann. „Dafür bin ich ihr ein Leben lang dankbar“, sagt er. „Und für unseren Sohn“, und Saids Augen beginnen zu leuchten, während der in Deutschland geborene Dreikäsehoch eine volle Smarties-Packung in ein Musikinstrument verwandelt, sich über die rhythmischen Rasselgeräusche freut und seinen Papa anlacht.

Endlich in Sicherheit. Zinash lächelt. Said lächelt. Adonai lächelt.

2013 fasst Said den Entschluss, die Überfahrt zu wagen. Zuerst er, dann, sechs Monate später, Zinash. Das ist der Plan. Er gelingt. Nach einem schrecklichen Monat in Italien, landet er mit dem Bus in München. Für die Fahrt von Sizilien nach Bayern bezahlen Said und ein Freund gut 800 Euro. Das Geld bekommt er von einem Bekannten, der im Sudan gutes Geld verdient. Die bayerische Regierung schickt Said über Zirndorf bei Nürnberg nach Bamberg, wo er im Januar 2014 ankommt. Zinash trifft ein halbes Jahr später in der Domstadt ein. Auch sie wagt den gefährlichen Ritt über das Meer. Auch sie hat drei Tage und drei Nächte Todesangst. Über das Handy halten sie Kontakt. Es ist unvorstellbar. Ein Horrortrip. Jetzt aber sind sie in Sicherheit und glücklich. „Wir sind wirklich sehr froh hier zu sein“, sagt Said und nimmt seine Frau in den Arm, während sie mit dem kleinen Adonai auf der Couch sitzen und für das Familienfoto posieren, das ich von den dreien mache. Sie lächelt. Said lächelt. Adonai lächelt.

Freiheit, Sicherheit – das setzt neue Kräfte frei. Said hat in Deutschland politisches Asyl beantragt. Noch dürfen er und Zinash also bleiben. Was danach passiert, kann niemand sagen. Fakt ist aber: Vom Status eines sicheren Herkunftslandes ist Äthiopien Galaxien entfernt. Autoritäre Regierung, interne und externe Konflikte, Hungersnot und Dürre – eine explosive Mischung, die an bürgerkriegsähnliche Zustände erinnert. Said und Zinash wissen nicht, wann und ob dieser Zustand irgendwann einmal enden wird.

Dickes Lob vom Chef

Deshalb will Said sich und seiner Familie eine neue Existenz aufbauen. In Deutschland. Die erste Herausforderung: Arbeit finden. Er macht vergangenes Jahr ein Praktikum bei der Bamberger Karosseriebau-Firma Brandl. Dabei stellt er sich so gut an, dass ihn der Geschäftsführer Jürgen Brandl im September 2015 sofort als AZUBI einstellt: „Said ist ein aufgeschlossener Mensch, der bei seinen Kollegen sehr gut ankommt. Er ist bei uns voll integriert und macht einen super Job.“ Verantwortlich dafür ist u. a. sein sehr gutes Deutsch, das der Äthiopier mittlerweile spricht. Er hat den A1, A2 und den B1 Kurs bestanden und will bald den nächsthöheren B2-Kurs in Angriff nehmen. In der Berufsschule wird seine Ausbildung mit Nachhilfeunterricht ergänzt. So wird gewährleistet, dass Said den Stoff auch wirklich versteht. „In Mathe hat er eine 2. Wer hat das heute noch“, lobt Brandl seinen Schützling. „Er ‚will‘ einfach. Das ist etwas, was ich bei vielen Berufsanfängern vermisse und an Said sehr schätze. Er ist ein feiner Kerl.“

Die Lehre zum Autolackierer dauert noch gut zweieinhalb Jahre. Bevor die Ausbildung aber endet, will Brandl für Said, Zinash und Baby Adonai eine größere Wohnung beschaffen. „Die Wohnbedingungen an der Breitenau sind nicht die besten“, weiß Brandl. „Wir unterstützen ihn bei der Wohnungssuche, sobald klar ist, dass er umziehen darf.“ Brandl spielt damit auf die Behörden an. Er weiß, dass sein Lehrling nicht einfach den Wohnort wechseln kann. Nach einer Odyssee von gut 10.000 Kilometern wäre es der nächste Schritt in ein normales Leben, von dem Said und Zinash so sehr träumen. Denn weglaufen müssen sie jetzt nicht mehr. Sie können nur noch ankommen.

Frankenschaubeitrag des Bayerischen Rundfunks vom 14.7.2016:

 

Artikel im Fränkischen Tag vom 08.08.2016:

Saids Odyssee

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