Wo der Kaffee halb so viel kostet, dafür aber doppelt so gut schmeckt

Teutonengrill - Spiaggia Di Ponente, Caorle, ItalienCaorle. Teutonengrill. Menschen fahren immer noch dorthin, um sich am Strand zu bräunen und gut zu essen. Seit Jahrzehnten. Vielleicht noch, um einzukaufen. Schuhe beispielsweise. So wie wir um die Jahrtausendwende. Aber die verrückten Lire-Zeiten sind nun mal vorbei. Und trotzdem: Wir wollen da mal wieder hin. Um der alten Zeiten willen. Sehen, wie und was sich verändert hat. Na ja, und dann entdecken wir Caorle doch einmal etwas anders.

Italien. Endlich wieder! Herrlich!

Ich fahr eigentlich sowieso nur wegen des Kaffees und dem guten Essen mit, wegen der „Autogrills“. In den Rasthäusern entlang der „Autostrada“ kostet der Espresso nämlich halb so viel wie bei uns zu Hause, schmeckt dafür aber doppelt so gut. Wie machen die Italiener das nur? Auf dem Weg nach Caorle halten wir, sobald wir in Italien sind, an so gut wie jedem Autogrill, um diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Insgesamt sind es vier. Autogrills. Früher hieß es immer, es liege an den Maschinen und dem Kaffee, später: am Wasser! Und heute? An der Luft? Langsam gehen uns jedenfalls die Argumente aus. Denn die viergruppigen Cimbali-Monster und italienische Kaffeebohnen gibt es zwischenzeitlich auch in jedem zweitbesten Café in Berlin, München oder Hamburg – und meinetwegen Bamberg. Wie dem auch sei: Ich habe jedenfalls keine Ahnung, woran es liegt. Wir werden es also auch dieses Mal nicht herausfinden. Vielleicht ist es ja auch so, dass wir das Kaffeemachen einfach nicht drauf haben? Egal. Ich bewege mich souverän zur Kasse. Nur Anfänger ordern dort „einen Espresso“. Italiener sagen einfach: „Café“ (ausgesprochen:“Kaffä“). Und wenn die Kassiererin ohne Nachfrage („Espresso?“) das Geld einsammelt, den Bon aushändigt, mit dem man dann zur eigentlichen Café Bar schlendert, wo die Herstellung des Goldes unter den Heißgetränken mit mediterraner Verve zelebriert wird, dann hat man es geschafft. Für einen Euro zehn nehm‘ ich glatt noch einen. Italien. Endlich wieder! Herrlich!

Wirtschaftswunderurlaubstraum

Caorle: Das Städtchen mit knapp 12.000 Einwohnern liegt an der Adria gut 60 Kilometer oberhalb von Venedig. Es ist generationsübergreifend dermaßen bekannt, dass irgendwer aus der Verwandtschaft oder dem Freundeskreis als Kind, Cousin oder bester Kumpel garantiert schon mal dort war. Caorle war der Inbegriff des klassischen Wirtschaftswunderurlaubstraums. War! Das lehrte uns einst schon Heinz Erhardt im Film „Das kann doch unseren Willi nicht erschüttern“. Vor knapp 50 Jahren macht sich nämlich der verschwitzte, nach Mief, Metall und Maloche duftende Willi stellvertretend für die gesamte Nachkriegsgeneration auf den Weg nach Caorle. Seinen chronisch überhitzen VW Käfer, Kind, Kegel, Dachträger und Herrentäschchen quälte er durch tiefe Tauerntäler und über hohe Alpenpässe bis ans Mittelmeer. Brennerautobahn? Tauerntunnel? Fehlanzeige. Die Reise nach Italien war damals noch Abenteuer. Die Frage, ob man in diesem Leben jemals noch dort ankommt, stellte sich nicht erst, sie war lebendiger und berechtigter Diskussionsegegenstand der damaligen deutschen Urlaubskultur. Heute dauert die Fahrt etwa 10 Stunden – mit Stau, Pausen usw.

Damals war an einen Kurzaufenthalt jedenfalls nicht zu denken. Wir hingegen bleiben drei Tage, mit An- und Abreise also fünf. Der Aufwand für diese Miniferien hält sich allerdings mit zwei Urlaubstagen in Grenzen, denn mit dem bayerischen Donnerstagsfeiertag „Fronleichnam“ steht ein Brückenwochenende vor der Tür, das wir für unseren Italienausflug nutzen wollen. Eine ähnliche Idee haben natürlich noch Millionen andere. Genauer gesagt gehören wir damit zu den 6 Millionen Übernachtungsgästen pro Saison, die Caorle heute noch hat. Es waren mal mehr. Bis zu neun Millionen Menschen im Jahr kamen einst hierher, bevor Billig-Airlines die Urlauber für „einsfuffzich“ nach „Mallenske“ und anderswo hinbrachten.

Und so reihen wir uns ab München ein in die nicht enden wollende Blechlawine, die sich erfahrungsgemäß ab dem Inntaldreieck in jene Urlauber teilt, die in die Salzburger Region bzw. in die Tauern wollen und jene, die sich in und um Innsbruck für die Tiroler Kurzerholung oder den Gardasee entschieden haben. Innsbruck oder Salzburg – das ist seither eine Glaubensfrage. Genauso wie deren südliche Fortsetzung „Adria oder Riviera“. Weil eben deshalb ab dem Inntal nur noch halb so viel Verkehr ist, sind wir etwas zügiger unterwegs, bevor wir dann Richtung Villach abbiegen und urplötzlich als ein Trio auf vier Rädern so gut wie solo gen Süden nach Italien gleiten. Wir freuen uns über die freie Fahrt für freie Bürger, müssen aber dann vor Ort feststellen, dass dort, wo wir hinwollen, die Menschen längst angekommen sind – etwa vor eineinhalb Wochen zum Auftakt der Pfingstferien. Wie sonst soll Caorle auf die immer noch stattlichen sechs Millionen Übernachtungsgäste pro Jahr kommen?

Auf dieser "Neben-Piazza" war es ausnahmsweise mal leer - Caorle, Altstadt

Auf dieser „Neben-Piazza“ war es ausnahmsweise mal leer – Caorle, Altstadt

Kinder quengeln, bekleckern sich mit Eis oder weinen sich im endlosen Heulkrampf von einer Kontraktion zur nächsten

Tja. Caorle. Es ist voll. Abends quetschen sich überwiegend österreichische Touristen aus Kärnten durch die engen Gassen des hübschen, alten Stadtkerns, der vom „Campanile“, dem Glockenturm des Doms von Caorle, überragt wird. Kinder quengeln, bekleckern sich mit Eis oder plärren sich im endlosen Heulkrampf von einer Kontraktion zur nächsten, während die Eltern genervt, sprach- und machtlos auf den allabendlichen Höhepunkt zusteuern: einem einfallslosen Aperol Sprizz. Muss man mit klarkommen wollen. Der Turm des Domes, das städtische Wahrzeichen, nimmt das, was sich da unter ihm abspielt, allenfalls zur Kenntnis. Er hat schon viel erlebt und gesehen, so lange gibt es ihn schon. Der Bau stammt aus dem 11. Jahrhundert. Die Besonderheit: Turm und Hauptschiff bilden keine bauliche Einheit, sondern stehen separat, aber immer noch unmittelbar nebeneinander.

Im Schatten des „Campanilos“ suchen wir uns einen Tisch auf einer der kleinen Piazzas. Das ist schwer. Für Normalsterbliche. Wir aber haben die „schönste Frau Gaustadts“ dabei und sind zuversichtlich, dass unsere Reisegenossin, die bis dato von München bis Bamberg an keiner Tür gescheitert ist, das für uns mit der optischen Problemlösungskompetenz eines russischen Models regelt. Eine Arbeitsteilung, die wir für die nächsten Tage beibehalten. Gut für uns. Und auch an unserem ersten Abend kommt es wie es kommen musste:  Es dauert nicht lange und wir nehmen in dem von uns bevorzugten Fischlokal, das wir von unserem letzten Aufenthalt vor ein paar Jahren noch kennen, Platz. „Vino bianco“ und „pesce grillata“ folgen. Ein Gedicht.

Caorle ist ein guter Platz für Poesie, Romantik, Geschichte und Geschichten

Lagune von Caorle - versteckt im Schilf ein reetgedecktes Fischerhaus

Lagune von Caorle – versteckt im Schilf ein reetgedecktes Fischerhaus

Und damit wären wir bei etwas ganz Anderem: Poesie, Romantik, Geschichte und Geschichten. Und zwar so: Dass Caorle dafür ein guter Platz ist, erkannte bereits in der prätouristischen Epoche kein Geringerer als Ernest Hemingway. Er lebte während der 1940er Jahre für längere Zeit an diesem Ort. Genauer gesagt in der Lagune von Caorle. Obwohl das nicht direkt so überliefert ist, aber: Hier dürfte der Schriftsteller beim Fischen wohl auch die Inspiration für seinen Roman „Über den Fluss und in die Wälder“, gefunden haben. Fakt ist: Er hat ihn hier geschrieben. Allerdings dürfte es damals in Caorle deutlich ruhiger gewesen sein, vermuten wir, als wir uns mit den allerhöchstens durchschnittlichen Klapprädern des Hotels auf den Weg dorthin machen. Wir radeln zuerst entlang des Oststrandes, wo links, wie an einer Perlenschnur aufgereiht, die zahllosen Hotels ihre Feriengäste beherbergen. Auch der Strand ist fest in der Hand der Urlauber. Planquadrat für Planquadrat. „Bagnignos“, Bademeister, wachen über Mensch, Meer und Raum. Liegen und Schirme sind generalstabsmäßig aufgereiht. Das erleichtert ihre Arbeit. Liegestuhlromantik halt. Wer’s mag.

Sardinen in Zitrone, Olivenöl und Zwiebeln

Je näher wir der Lagune kommen, desto ruhiger wird es . Die Grillen zirpen aus den Akazienwäldern (oder waren es Pinien?) und plötzlich liegt sie vor uns: die Lagune. Es ist wie im Traum. Das Schilf wiegt sich im Wind und zahllose Schwanenpaare hüten ihre Jungen, die jetzt, im Mai, auf die Welt gekommen sind. Dieser Ort ist sowieso ein Paradies für Vögel. Wir sehen auch Kormorane und andere seltene Exemplare, deren Namen wir natürlich nicht kennen. Wir sind ja keine Ornithologen. Dafür aber sind wir Experten beim „dolce fare niente“.

Grillmaster sagt: "Si, certo!" - Selbstverständlich bekommen wir noch etwas zu essen ...

Grillmaster sagt: „Si, certo!“ – Selbstverständlich bekommen wir noch etwas zu essen …

 

Einfach, aber gut: Sardinen in Olivenöl, Zwiebeln und Zitrone mariniert. Dazu Salat und Vino Bianco

Einfach, aber gut: Sardinen in Olivenöl, Zwiebeln und Zitrone mariniert. Dazu Salat und Vino Bianco

Wir machen zahlreiche Pausen, genießen den malerischen Lagunenblick und naschen frische Erdbeeren, die wir  auf dem Samstagsmarkt gekauft haben. Dann stoßen wir auf den Radweg nach Venedig. Er führt uns parallel zum Hauptwasserarm der Lagune, der ein weit verzweigtes Netz aus weiteren Flüssen und Kanälen zu Wege bringt. Wir entdecken eines der zahlreichen, historischen, reetgedeckten Fischerhäuschen. Sie liegen versteckt im Schilf. Ein langer, wackeliger Steg führt hinüber, wo es heute fangfrischen Fisch und „fritto misto“ geben soll. „Si certo“, antwortet der Grillmeister auf unsere Frage, ob wir noch etwas zu essen kriegen. Und wie die Italiener das nur machen. Das kann man nicht kopieren. Einfach, aber gut. Die Sardinen sind fangfrisch und nur mit Olivenöl, etwas Zitronensaft und Zwiebeln angemacht. Dazu gibt es grünen Salat mit Tomaten, „pane“ und „vino bianco“. Fertig. So banal. So einzigartig. So schmackhaft. Was braucht man mehr? Wir sitzen im Schatten, schlürfen unseren Wein, lassen uns den Fisch schmecken und blicken hinaus auf das smaragdgrüne Paradies im Schilf!

Urlaubende Körper, platzsparend aneinandergereiht wie genormte Bratwürste

Adria ohne Strand? Nee. Ein Tag soll es schon sein. Es ist wirklich zum Totlachen. Da sind diese akkurat und wie von einer Maschine symmetrisch positionierten Liegestühle und Sonnenschirme, selbstverständlich alle durchnummeriert, die, wenn man sie aus der Ferne betrachtet, tatsächlich so aussehen wie ein Grillrost. Das ist so …. deutsch und – politisch korrekt – österreichisch! Man will sich gar nicht vorstellen, was hier während der Hauptsaison los ist. Da bleibt kein Platz leer auf dem Austro- und Teutonengrill. Während zahllose Strandverkäufer im Minutentakt unmissverständlich Uhren, Schmuck, Getränke, Eis, Massagen, „Coco Bello“ und was weiß ich sonst noch zum „gudd Preis“ anbieten, liegen die urlaubenden Körper platzsparend aneinandergereiht wie genormte Bratwürste über dem Grillfeuer, um sich unter der Sonne zu bräunen. Das nur deshalb, weil irgendwann einmal jemand beschlossen hat – vermutlich die Kosmetikindustrie -, dass braun sein ein erstrebenswertes Ziel ist. So ein Quatsch. Und trotzdem: Beim Eincremen vergesse ich wohl einige Stellen. Das spüre ich, nachdem mich die Damen am Strand alleine gelassen haben, zum Café trinken gegangen sind und ich deshalb eingeschlafen bin. In dieser Zeit ist die Sonne nun mal von links nach rechts gewandert. Und rechts hatte ich scheinbar irgendwie keine Creme aufgetragen. Blöd. Das hab ich nun davon. Ein bizarres Sonnenbrand-Muster zeichnet abends meine rechte Seite, das scheinbar exakt dort anfängt, wo ich eben NICHT geschmiert und nicht bekleidet war. Irgendwie witzig, aber schmerzhaft.

Gegen die Pein besuchen wir am frühen Abend ein italienisches Weinlokal der neueren Sorte. Denn, das war bei meinem letzten Caorle Besuch sicher noch nicht da. Wir gehen auch deshalb sehr gerne dorthin, weil es „Eno’s“ heißt. Weil ihm in dieser Hinsicht nur ein „n“ fehlt, liegt mir diese Kneipe namentlich natürlich sehr nahe – ja, quasi am Herzen. Wir nippen an unserem Chardonnay und beißen genüsslich von unseren hübschen Clubsandwiches ab, die hervorragend zum Wein passen.

Letzter Abend: Aglio Olio ... muss sein

Letzter Abend: Aglio Olio … muss sein

Am letzten Tag ziehen dunkle Wolken über Caorle. Trotzdem radeln wir aber noch bis zum Mittag in westlicher Richtung entlang der Kanäle, die Caorle umgeben, bevor es dann ab dem frühen Nachmittag zu regnen beginnt. An ihren Ufern liegen Trockendocks, wo Yachten und Segelboote auf die Reparatur warten. Es gibt viele kleinere Marinas, in denen schicke „Prinzenmörder“ an der Mole liegen, dabei sehr schnell aussehen, aber nutzlos die Zeit totschlagen. Und nicht selten verkaufen Fischer hier ihre fangfrischen Krebse direkt vom Boot aus und gehen danach in ihren wohlverdienten Feierabend. Denn morgen geht es wieder früh hinaus.

Den letzten Abend verbringen wir in einem der Tourilokale. Erfreulich: Die sind heute leer. Denn die meisten Gäste sind bereits am letzte Ferienwochenende abgereist. Es regnet. Beinahe etwas trostlos erscheint uns Caorle an diesem Abend. Weil es wie aus Eimern schüttet, suchen wir für heute Abend nach einer kompromisslosen Restaurantlösung. Der Weg in die Altstadt ist zu weit. Also dann: Wir lassen uns in einem der Fresstempel entlang der Viale Santa Margherita nieder, die sonst so voll sind wie der Strand tagsüber. Hier geht es üblicherweise zu wie ein einer Kantine. Heute nicht. Wir verlieren uns fast in dem Lokal. Das ist gut. Denn die Spaghetti Aglio Olio werden wohl deshalb extra zubereitet und sind superfrisch. Der Vino bianco schmeckt an sich auch ok, wird mir aber durch einen seltsam penetranten Geruch des Weinglases vermiest. Möglicherweise liegt es am Trockentuch, das beim Polieren der Gläser eingesetzt wurde. Schade, ausgerechnet an unserem letzten Abend. Aber ich habe nicht vor, das zu bemängeln, obwohl es wirklich stört. Vielleicht beim nächsten Mal.

Auf mich warten die „Autogrills“. Alora … avanti …

 

Reisefakten Caorle – Italien

Hotel

  • Hotel All’Orologio
    Via del Quadrante, 2, 30021 Caorle VE, Italien. Zu finden in allen gängigen Buchungsportalen. DZ inkl. F etwa 60 bis 70 EUR (Nebensaison)

Anreise

Mit dem Auto über die A9 oder die A8 Richtung München / Salzburg / Innsbruck bis Inntaldreieck. Hier weiter Richtung Salzburg dann Richtung Villach bzw Venedig.

Empfehlenswerte Gastronomien

  • Eno’s Enotequa (Internetseite befindet sich im Aufbau – Stand: 8.7.16), Via della Serenissima, 7, 30021 Caorle VE, Italien. Sehr coole Weinbar in der Altstadt mit einem endlosen Sortiment an Wein, Prosecco uvm. sowie einer Auswahl an feinen Häppchen im Schmackofatzformat (neudeutsch: Tapas). Bärenstark!
  • All’anguilla,
  • Ristorante Pizzeria Alla Gondola (keine Inernet- oder Social Media Seite)
    . Ganz nettes Lokal auf der Tourimeile. Wir hatten wirklich hervorragende Spaghetti Aglio Olio!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.