Irland also.

Connemara National ParkIrland also. Acht Tage. Selbstfahrerrundreise. Die Insel ist grün, dunkelgrün, hellgrün, verdammt grün, so schön grün, manchmal sogar dschungle-grün, dass einem an vielen Orten schon einmal die Luft wegbleibt. Aber Irland, das ist auch stolze Geschichte, das sind auf den ersten Blick etwas merkwürdige Sportarten, die uns aber in nullkommanix in ihren Bann ziehen, Irland, das ist Gastfreundschaft, Gastlichkeit und Geselligkeit, das ist Musik, keltische Mystik, gälische Sprache, Tanz und viel Kultur sowie die Begegnung mit traditionellen, katholischen Werten, zu denen dann doch einige Fragen im Kopf herumspuken, die man aber nicht offen auszusprechen wagt, bis ein in diesen Angelegenheiten gesprächsbereiter katholischer Ire selbst die Initiative ergreift. Irland also.

Inhalt: [ I. Über original Kreuzreliquien und deren Ersatz ] [ II. Starker Tobak ] [ III. Omas, die es sich im Himmel auf einer Wolke gemütlich machen … ] [ IV. Stolz wie Bolle ] [ V. Highlandermäßig ganz weit vorne ]
[ VI. Ring of Skelligs: Wo „die Macht“ in Rente ging ] [ VII. Man könnte meinen, Mogli, Balu und Tarzan schwingen sich gleich vor uns über den Weg ][ VIII. Wasser von unten, von oben, von rechts, von links, Wasser von überall ] [ Playlist ] [ Irland also. Die Bilder. Teil 1. ] [ Irland also. Die Bilder, Teil 2. ]

Gälisch – eine Sprache, die heute mehr denn je so etwas wie Freiheit, Selbstbestimmung und ein ganz besonderes, spezielles Selbstbewusstsein ausdrückt, wenn es, erstens, darum geht, einen kulturellen Indikator zu bennenen, um davon so etwas wie DIE irische Identität abzuleiten und, zweitens, sich von England abzugrenzen – Waliser tun das gerne, erstrecht Schotten und die Iren sowieso.

Würde man Gälisch mit aggressiver Intonation aussprechen, ich glaube, es würde sich anhören als ob man während des bloßen Sprechens gleichzeitig mit dem Mund Knochen bricht. In etwa so wie „Klingonisch“, die Sprache jener martialischen Fokuhila-Krieger aus dem Star Trek-Universum mit den prägnanten, beinahe schluchtartigen Stirnfalten-Sixpacks, die irgendwie ständig sauer auf alles und jeden sind, dabei von der Ehre des Kriegers oder klingonischen Opern sprechen und deren Nationalgetränk „Blutwein“ ist. Bei dieser Vorstellung von der irischen Sprache möchte man kein Gesprächspartner eines Iren sein wollen!

Killarney National Park

Killarney National Park

In der Tat eigentümlich. Wie die Iren ja auch. Mit dem Unterschied: Die Iren sind saunett und super gastfreundlich. Zumindest aus der Sicht der Deutschen konnten wir das feststellen. Und das ist ja oberflächlich betrachtet gar nicht so oft zu finden, dass jemand im Ausland die Deutschen aufrichtig mag. Es dauert vielerorts sehr lange, bis es soweit ist. Nicht so bei den Iren. Die mögen uns. Schon alleine aus historischen Gründen. Denn die Deutschen hatten bei der irischen Osterrevolution im frühen 20. Jahrhundert irgendwie auch ihre Finger im Spiel. Der Aufstand richtete sich gegen den gefühlt ewigen Feind Irlands: England. Die beiden Staaten, Irland und Deutschland, hatten also gemeinsame Interessen.

Aber es gibt sicher noch andere Gründe, warum die Teutonen so gerne auf die grüne Insel fahren. Eben das schöne Grün, die atemberaubende Landschaft, aber auch das gute Guinness, Whiskey selbstverständlich, irische Lebensfreude, Gastfreundschaft und Pub-Kultur, die ja den „Germans“ keineswegs fremd ist. Auch wir haben uns davon anstecken lassen und deshalb eine 8-Tage-Selbstfahrer-Rundreise durch den Südwesten Irlands gebucht.

In Dublin übernehmen wir den Mietwagen bei Dooley’s. Das ist ein irisches Unternehmen, darauf legten wir Wert. Leider mussten wir etwa eine Stunde auf unser Auto warten, weil der Ansturm an diesem Samstag im späten September am Dooley’s-Mietwagencounter so enorm war, dass die Damen und Herren wohl nicht hinterherkamen. Gelassenheit ist in solchen Phasen ein guter Ratgeber. Wir müssen heute nur etwa 160 km in Richtung Cork bis in eine Ortschaft namens Holycross fahren. Dank unseres mitgebrachten Navis – ein altes Becker-GPS – finden wir schnell dorthin und uns generell in Irland gut zurecht, auch wenn, auf Grund des Alters des Gerätes, manche Straßen in der veralteten Software gar nicht drin sind.

Das Linksfahren funktioniert auf Anhieb sehr gut. Lediglich mit der Schaltung habe ich anfangs etwas Probleme. Der fünfte Gang ist nun mal nicht der erste, stelle ich an der Ampel beim Losfahren fest.

Holycross. In dem kleinen Dorf bei Thurles – zwischen Dublin und Cork im County Tipperary gelegen – befindet sich eine sehr ansehnliche Abbey, von der es im katholischen Irland gefühlt genauso viele gibt wie die zahllosen Schafsherden, die überall in der grünen Landschaft und manchmal auch auf der Straße stehen, grasen und darauf warten, dass sie entweder geschoren oder gefressen werden. Beides durch den Menschen, denn wilde Tiere wie Bär, Wolf usw. scheint es hier nämlich nicht mehr zu geben.

Über original Kreuzreliquien und deren Ersatz in einem Dorf namens Holycross

Holycross ist hübsch. Und ruhig. Und leer. Am frühen Abend kommen wir in dem Dorf an, das vermutlich so in etwa 1000 Einwohner hat, schätze ich. Kein Mensch auf der Straße, dafür sehen wir aber zwei Pubs und ein Restaurant. Wir beschließen zuerst die berühmte Abbey zu besichtigen, die dem Dorf seinen Namen gab. In dem wirklich bemerkenswert schönen gothischen Bau gab es, so lesen wir, einen echten, originalen Splitter des Heiligen Kreuzes, an dem Jesus Christus starb. Wie dieser Holzsplitter ausgerechnet hierher nach Irland kam? Keine Ahnung. Die Geschichte lehrt uns nur, dass die Kreuzreliquie im 12. Jahrhundert nach Irland gelangte. Irgendwie halt. Gut 500 Jahre später wurde sie jedoch zum letzten Mal gesehen, sprich ausgestellt. Danach? Schall, Rauch und Staub. Mit anderen Worten: Das heilige Originalteil, weswegen Holycross zum weltweiten Pilgerziel wurde, war verschwunden. Die Menschen in Holycross und die Mönche in der Abbey standen plötzlich ohne Relikt des Heiligen Kreuzes da, was, um jetzt mal wieder die Realität ins Spiel zu bringen, für mich in etwa gleichbedeutend ist, wie wenn die Deutsche Bahn jetzt sagt, ab sofort sind alle Züge pünktlich – beides nimmt einem heute keiner mehr ab. Jedenfalls: Kein Mensch wollte mehr nach Holycross pilgern. Aber, im Gegensatz zur Bahn, weiß sich die katholische Kirche zu helfen und beschließt, weil unclever ist der Klerus ja nicht, diesem Mangel Abhilfe zu verschaffen. Kurzerhand schickten die römischen Eminenzen nämlich einen, nennen wir es mal „Ersatzsplitter“ nach Holycross, der, dort angekommen, selbstverständlich als „echt“ eingestuft wurde, weil er ja aus Rom vom Heiligen Vater, dem Vertreter Gottes auf Erden, gesandt wurde. Das war immerhin erst im Jahre 1969, also nochmal gut 200 Jahre nachdem das Teil zum letzten Mal der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Diese Sensation trug sich im kleinen, putzigen Holycross tatsächlich zu.

Holy Cross Abbey, Holycross, Tipperary, Irland

Holy Cross Abbey, Holycross, Tipperary, Irland

Ich will ja dem Glauben im Allgemeinen und den Katholiken im Besonderen nicht zu nahetreten, aber sorry: Die Menschen damals glaubten ja so einigen Mumpitz. Holzsplitter! Heute nimmt man das halt mit. Nette Story. Mehr nicht. Aber nix da! Die überwiegend katholische Bevölkerung Irlands ist tatsächlich tiefgläubig. Deshalb sollte man in keine Scherze über Erzählungen wie die aus Holycross machen, dazu hängen die Iren zu sehr an ihrer eigenen Geschichte, wozu eben auch der Glaube an Gott gehört. Das muss man respektieren. Aber: die Gedanken sind schließlich immer noch frei.

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Starker Tobak

Diesen Respekt jedoch den Iren in Fragen des Abtreibungsrechtes entgegenzubringen, fällt einem Mitteleuropäer möglichweise objektiv gesehen sehr schwer. Dabei ist es doch merkwürdig, dass Irland sich 2015 einerseits für die gleichgeschlechtliche Ehe aussprach und für diesen Schritt innerhalb und außerhalb der EU sowas von abgefeiert wurde, andererseits aber an seinem ultrastrengen Abtreibungsrecht festhält. Ich will gar nicht in die Details abtauchen, nur so viel: Schätzungsweise gut 5000 irische Frauen begeben sich jährlich zum vorzeitigen Schwangerschaftsabbruch ins Ausland, weil Ihnen zu Hause für diesen – man traut es sich kaum auszusprechen – Delikt 14 Jahre Haft drohen. Seit der Jahrtausendwende sollen es insgesamt ca. 76.000 Frauen gewesen sein, ist etwa in der Süddeutschen Zeitung und der Zeit zu lesen. Eine erschreckende Zahl. Über diejenigen, die nicht ins Ausland können, weil sie kein Geld haben, gibt es geradezu unglaubliche Horrorstories. Nur so viel: Es ist teilweise verdammt starker Tobak.

Dass selbst die Vereinten Nationen Irland für sein antiquiertes Abtreibungsrecht rügten, weil es gegen die UN-Charta verstoße, kommt über den Status einer kleinen, feinen Randnotiz nicht hinaus, die bis dato in Dublin allenfalls zur Kenntnis genommen wurde. Irland muss sich dem Urteil der UN freilich nicht beugen.

Als wir auf unserer Reise beispielsweise durch Limerick fahren, sehen wir überall Anti-Abtreibungs-Plakate. Sie werben mit dem Slogan „Repeal 8“. Der richtet sich gegen den achten Zusatzartikel der irischen Verfassung. Er verbietet Abtreibung. Die Botschaft auf den Postern ist klar: Er muss weg. Wir schreiben das Jahr 2016. Bis es soweit ist, bleibt diesbezüglich sozusagen das Kirchenrecht in Kraft, das die katholische Kirche für den konkreten Fall der Abtreibung in den frühen 1980er Jahren in die Verfassung hat aufnehmen lassen. Das so etwas geht? Jedenfalls Abtreibung ist und bleibt verboten. Punkt. Wir schauen uns fragend an. Irland, Israel oder Iran: irgendwie ist es in diesen oder ähnlichen Fragen doch immer dasselbe. Kurzer Exkurs: In diesem Zusammenhang überrascht es nebenbei bemerkt nicht, dass Irland erst im Jahr 1995 Jahre die Ehescheidung gesetzlich erlaubte oder etwa in den 1980ern die Rezeptpflicht für Kondome aufhob.

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Omas, die es sich im Himmel auf einer Wolke gemütlich machen …

Die Frage, warum ausgerechnet die Iren derart gläubig sind, kann uns auch der Ire, mit dem wir am Schluss unseres Trips in einem Dubliner Pub ins Gespräch kommen, nicht beantworten. Ist auch egal. Wir glauben die Antwort zu kennen. Spätesten seit unserem Israel-Trip bzw. Jerusalem-Besuch. Es hat etwas mit „von einer unfehlbaren, höheren Macht geführt werden wollen“ zu tun, glaube ich. In allem was man also tut und dann und wann auch manchmal Falsches, auf diese höhere Macht – Gott, Allah usw. – ist in ihrer Unfehlbarkeit Verlass. Das zu wissen, kann Erleichterung bringen, das gebe ich zu. Deshalb lesen Menschen das Wort Gottes – Bibel, Koran, Tora etc. -, beten, singen oder gehen zum Gottesdienst in die Kirche, die Moschee, die Synagoge usw. Aber auch die Kirche braucht Kontrolle durch ein legtimiertes, bestenfalls weltliches … Souverän. Lässt sie das nicht zu, droht ihr die Verfilzung. Wir kennen das alle von der FIFA. Das ist meine Meinung. Denn Fakt ist: der gesellschaftliche und politische Einfluss der katholischen Kirche ist in Irland immer noch enorm. Die Schulen sind größtenteils katholische Bildungseinrichtungen. Irische Kinder genießen also eine Erziehung nach den römisch-katholischen Prinzipien. Wir wissen alle gut genug, wie das so ist mit katholischer Erziehung und deren Prinzipien. Sagen wir mal so: Das alles hinterlässt Spuren. Und damit meine ich nicht nur Gute.

Fest steht indes, unser netter Gesprächspartner, der eine Blase wie ein Heißluftballon haben muss, so viele Coors light schüttet er in sich hinein, ohne sich auf der Toilette erleichtern zu müssen, ist erzkatholisch. Als wir ihm sagen, dass ich Protestant und Micha katholischen Ursprungs ist UND wir NICHT verheiratet sind, da reißt er die Augen auf und antwortet raunend wie die ausverkaufte Allianz Arena nach einer verpassten Bayern-Torchance mit einer Gegenfrage: „Does that really work?“ Und das, obwohl ausgerechnet die Farben der irischen Nationalflagge das friedliche Zusammenleben zwischen Protestanten und Katholiken in der Republik symbolisieren. Grün, weiß, orange: Orange, die Farben für die Protestanten, grün, die Farbe der Katholiken und weiß, die Farbe des Friedens, wir als Paar insofern also quasi den Idealfall, nein, ein Musterbeispiel im Sinne der irischen Flagge darstellen? Nee, nee. Dass Mischbeziehungen funktionieren, kann der gute Mann irgendwie so gar nicht verstehen und nimmt einen großen Schluck aus seinem Pint. Alkohol kann in solchen Situationen helfen.

Nachdenken nach dem Gespräch mit einem erzkatholischen Iren

Nachdenken nach dem Gespräch mit einem erzkatholischen Iren

Aus Sicherheitsgründen verraten wir ihm aber nicht, dass Micha aus der katholischen Kirche ausgetreten, wieder eingetreten, dann abermals wieder ausgetreten ist. So bleibt das Gespräch freundlich, obwohl ich ihm zu verstehen gebe, dass ich von Gott und das, was überall auf der Welt daraus gemacht wird, nicht gerade überzeugt bin, andererseits aber irgendwie an die nette Überlieferung glaube, dass Omas üblicherweise irgendwo im Himmel sind und dass meine Großmama es sich dort mit ‘ner Kippe, ‘nem „Konjäckchen“ und ‘ner Käsesahne auf einer Wolke gemütlich macht, dabei endlich guten Gewissens zu sich sagt, „der Blutzucker kann mich mal“, und den ganzen Tag das tut, wozu sie Lust hat, wahrscheinlich also mit ihrer vermutlich ebenfalls verstorbenen Freundin, die einst Peter Maffey zur Welt brachte, eine in Ewigkeit-Amen-Partie Canasta zockt. Ich halte das einfach für einen schönen Gedanken, eine schöne Art, sich an Verstorbene zu erinnern. Diese Meinung kann unser Paddy ganz und gar nicht verstehen und er prophezeit mir, ich möge möglichst schnell auf den rechten Weg begeben, da ich ansonsten große Probleme zu befürchten habe. Auf diese doch sehr einfältige Bemerkung bin ich versucht zu antworten, „blöd, in Irland herrscht Linksverkehr“, tue es dann aber doch nicht. „Wenn they go low, weg go high“, schießt mit der Satz von Frau Obama durch den Kopf. Wir hatten insofern Pech, ausgerechnet auf diesen etwas älteren, aber dennoch netten irischen Zeitgenossen zu treffen. Ich weiß selbstverständlich, nicht alle Iren sind von dieser Sorte. Die Mehrheit der Menschen ist da absolut weltlich orientiert. Ich versuche irgendwie höflich aus diesem Gespräch rauszukommen. Gott sei Dank stößt der wie gesagt ansonsten durchaus nette Ire mit großem Hallo auf ein ihm bekanntes Gesicht im Pub, es folgen Verbrüderungsszenen – und weg ist er. Manche Dinge lösen sich auch von selbst – als ob Gott das so gewollt hatte.

Wer sich nicht mit irischen Religionsfragen herumschlagen will, für den gibt es eben selbstverständlich noch andere Kneipen-Themen, über die es sich zu reden lohnt. Die herrliche Natur zum Beispiel oder die irische Musik. Musik. Sie spielt in der Pub-Kultur eine superwichtige Rolle. Überall, landauf, landab werben die Pubs mit Livemusik. Quasi täglich. Das Angebot beginnt beim Soloauftritt eines Gitarristen, der die üblichen Songs runterspielt – übrigens sehr gerne irgendwas von U2 – und geht bis zur dreiköpfigen Folk-Band aus Ohio, USA, der wir beispielsweise in Galway zuhören durften. Oder eben echte, typisch irische Musik. Sie ist so etwas wie ein Heiligtum für die Iren. Es gibt sogar eine Institution, welche in der irischen Volksmusik einerseits über die musikalische Ordnung wacht. Die Comhaltas Ceoltóirí Éire (ich habe keine Ahnung wie das nun wieder ausgesprochen wird), abgekürzt: CCE, kümmert sich allerdings auch um den Nachwuchs, der sich erfreulicherweise in Scharen zur Ausbildung meldet, welche die Talente streng nach traditionellen kulturellen Gesichtspunkten durchlaufen, bevor sie einen offiziellen und hochangesehenen Comhaltas-Abschluss in den Händen halten. Wenn sich die Chance bietet an so einem Event teilzunehmen, sollte man sie ergreifen. Wir hatten sie nicht. Schade.

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Stolz wie Bolle in Tipperary

Ein weiteres Thema, über das der Ire gerne spricht: Sport. Für viele ja so etwas wie eine Ersatzreligion, um bei diesem lästigen Thema zu bleiben, das mich doch irgendwie nicht loslässt, nur eben ohne Gott. In Holycross und überall anderswo im Regierungsbezirk Tipperary, sind die Straßen mit gelb-blauen Fähnchen geschmückt. Das sind keine, wie wir zuerst vermuteten, Farben, die irgendwas mit Kirche oder Kerwa zu tun haben, nein. Es sind die Clubfarben des Hurling-Teams von Tipperary, dass in Thurles, keine acht Kilometer von Holycross entfernt, zu Hause ist. Hurling! Ihr habt richtig verstanden, nicht Curling, sondern tatsächlich: Hurling. Eine sozusagen endemische und damit so etwas von gälische Sportart, die nur in Irland gespielt wird. Dabei treten zwei Mannschaften gegeneinander an. Wenn Sie das tun, dann setzen sie dabei einen hockeyähnlichen Schläger ein, der auch gut als Paddel durchgehen könnte. Mit diesem Schläger wird der etwa baseballgroßen Ball über das Spielfeld, von Spieler zu Spieler, ins fußballähnliche Tor oder zwischen die über der Torlatte befindlichen Torstangen befördert. So kommen Spielstände wie z. B. 2-11 (zwei Tore, elf Punkte) zu 1-24 (ein Tor, 24 Punkte) zu Stande. Es gewinnt immer die Mannschaft, die mehr Tore erzielt hat.

Das Spiel selbst ist eine Mischung aus Hockey und Rugby, würde ich sagen. Klar, dass es da insofern ordentlich zur Sache geht und die Action nicht zu kurz kommt. Es geht ständig rauf und runter, bei vollem Körpereinsatz und vielen, vielen Torraumszenen. Das wunder nicht, denn es gibt kein Abseits. Auch deshalb bezeichnen Kenner Hurling als das „Fastest game, played on grass“. Ich kann sagen, es stimmt. Man stelle sich vor, ein mit dem Schläger abgefeuerter Ball, der gut und gerne 150 km/h erreichen kann, trifft einen auf die Zwölf. Und damit meine ich nicht den Kopf. Der ist ja beim Hurling mit einem Helm geschützt.

Jedenfalls hat das Team aus Tipperary erst kürzlich die All Ireland Championship gegen Kilkenny gewonnen. Und das vor gut 70.000 Zuschauern im selbstverständlich ausverkauften, altehrwürdigen Croke Park zu Dublin, dem Tempel des irischen Sports. Darauf ist man auch im kleinen Dörfchen Holycross stolz wie Bolle. Und die Menschen zeigen das auch. Wir sollten, dass konnten wir zu diesem Zeitpunkt der Reise nur noch nicht wissen, Zeuge eines weiteren gälischen Sporthighlights werden. Dazu später mehr.

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Highlandermäßig ganz weit vorne

Rock of Cashel

Rock of Cashel

An Tag zwei kommen wir schließlich am Rock of Cashel an. Die verfallene Burg ist ein irisches Wahrzeichen. U. a. der Heilige Patrick ernannte die Festung im 5. Jahrhundert zum Bischofssitz. Außerdem war Cashel Sitz der Könige von Munster. So ließen sich hier etwa die Familienoberhäupter des McCarthy- und des O’Brian-Clans zum König krönen. Ich erwähne das, weil sich McCarthy-Clan und O’Brian-Clan so highlandermäßig cool anhört und ich auf den ganzen Scheiß stehe. In und um Cashel fanden immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen zwischen England und Irland statt. Obwohl das Wetter an diesem Tag wirklich schön war, kam mir dieser Ort irgendwie doch erfreulich unheimlich vor. Auch der Friedhof, der sich direkt hinter der Abbey befindet, hellte meine Stimmung nicht gerade auf. Das graue Rest-Gemäuer dieser Ruine erzeugt eine leicht düstere Atmosphäre. Ich fühlte mich so … latent bedroht, von der nicht greifbaren Macht der Geschichte dieses Ortes. Viele Jahrhunderte strotzte diese Burgruine Wetter, Kriegen und was weiß ich wem sonst noch.

Die vielen Krähen, die ständig um den imposanten Turm und durch den Rest der Kathedrale schweben haben etwas von Edgar Alan Poe’s „The Raven“ . Und da ging es um Mord, Grund gütiger. Sie wollen die Menschen hier nicht attackieren, sie könnten es aber, scheint uns ihr „Gekrähe“, das sich schon so anhört als ob dieses lästige Federvieh uns auslacht wie Golom, zu sagen, während sie, listig wie sie nun mal sind, über uns kreisen und uns auflauern. Sie beobachten uns nur, versuche ich mir einzureden.

The Raven, "Nevermore"

The Raven … Nevermore!

Auch in Cashel gibt es die Überbleibsel einer gothischen Kathedrale, die größer als jene aus Holycross erscheint, lenke ich mich ab. Allerdings: Dieser gotische Sakralbau hier wurde unter Beteiligung zweier Dombaumeister aus Regensburg errichtet, lesen wir. Zwischen Deutschland und Irland waren die Verbindungen offensichtlich schon damals recht gut.

Diese Urzeiten waren grausam. Nichts war sicher. Das Eigentum nicht und das Leben schon gleich gar nicht. Wer konnte, baute sich Häuser, die aussahen wie der Turm einer Wehrburg. Man sieht und findet sie heute noch vielerorts in Irland. Einsam und verlassen stehen die mächtigen, grauen Bauten überall in der Landschaft als Zeugnis längst vergangener und nicht selten schrecklicher Zeiten. Mord- und Todschlag, selbstverständlich auch im Namen Gottes, waren hier an der Tagesordnung.

"It's always Cork first and Ireland second"

Klares Statement: „It’s always Cork first and Ireland second“ (Roy Keane)

Nach so viel Geschichte kommt uns Cork gerade Recht. Wir schlendern durch die hübsche Innenstadt. Als es zu regnen beginnt lassen wir uns in einem Cafe in der Carneys Lane nieder und erledigen die Urlaubspost, schicken WhatsApp-Nachrichten nach Hause und posten die neuesten Fotos in den Social Medias, um die Daheimgebliebenen mit dem neuesten Reise-Update auf dem Laufenden zu halten, bevor wir uns dann nach Killarney aufmachen.

Sehr schade, dass wir für die „Rebel City“ – diesen Namen haben die Bürger ihrer Stadt selbst gegeben – nicht mehr Zeit haben. Statments wie zum Beispiel jenes aus dem Jahr 1997 von Roy Keane, einem irischen Fußballspieler und Sohn der Stadt, „It’s always Cork first and Ireland second“, sind längst Kult und machen diese Stadt sehr sympathisch. Wir wissen, in Cork steckt viel mehr. Diese Stadt sieht uns garantiert wieder …

Killarney im County Kerry verfügt über fast genauso viele Übernachtungskapazitäten wie Dublin, lesen wir, ist aber elf Mal kleiner als die irische Hauptstadt. Gerade mal gut 13.000 Menschen leben hier. In Dublin sind es gut 1,6 Millionen. Wir haben hier drei Übernachtungen gebucht. Unsere Wirtin empfiehlt uns für den Abend das Porterhouse oder das Murphy’s. Es seien die besten Pubs am Platz. Dort bereite man die Mahlzeiten frisch zu – eben kein Standard Fritteusen Food.

Grundsätzlich sind die Preise für Essen und Getränke sehr hoch in Irland. Wir haben bis zu 5,70 Euro für ein Pint Guinness bezahlt. Burger oder Sandwiches – jeweils mit Pommes – liegen zwischen acht und 15 Euro. Irland ist ja auch Fischland. Da sollte man annehmen können, Fisch sei hier vor Ort etwas günstiger. Falsch gedacht. Wer frische Fischgerichte konsumieren möchte, muss tief in die Taschen greifen. Generell ist der Preisunterschied zwischen Pubs und Restaurants erheblich. Ein Teller Pasta kostet im Restaurant nicht selten 15 Euro und mehr. Steak oder Fisch beginnen bei etwa 25 Euro. Man sollte deshalb auf Menuangebote achten, welche die Restaurants überall feilbieten. Das ist günstiger.

Im Porterhouse bestelle ich ein Steak Sandwich für 15 Euro. Das Fleisch ist so zart zubereitet, dass es einem auf der Zunge sprichwörtlich zergeht. Erstklassig! Selbst die Pommes sind superfrisch. Man schmeckt sofort, sie wurden erst vor kurzem von Hand aus Kartoffeln geschnipselt und in frischem Öl gebacken – eben keine Industrie-TK-Ware.

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Ring of Skelligs: Wo die Macht in Rente ging

Killarney ist für viele Urlauber Ausgangspunkt zur obligatorischen Ring of Kerry Tour. Der Ring soll angeblich die schönste Panoramastraße Europas sein, habe ich gelesen. Er ist etwa 180 Kilometer lang. Dafür sollte man einen ganzen Tag einrechnen. Auch wir fahren gegen 10 Uhr los. Allerdings hat uns Maureen, unsere Gastgeberin, den Tipp gegeben, Valentia Island einen Besuch abzustatten, denn die kleine Insel sei wirklich die Extrakilometer wert. Die ersten gut 70 Kilometer auf der N70 bis dorthin legen wir recht zügig zurück. Nach Cahersiveen muss man jedoch Acht geben, damit man den Abzweig nach rechts Richtung Fähre erwischt. Eine unscheinbare Kreuzung mit einem Fährschild weist den Weg nach Reenard Point. Von dort bringt einen die putzige Autofähre für sechs Euro je Pkw in gut 10 Minuten hinüber nach Knight’s Town, sozusagen die Hauptstadt von Valentia Island. Mit uns wagen noch zwei Autos die Überfahrt. Soll uns recht sein. Je weniger, desto besser.

Die meisten Touristen fahren dagegen auf der N70 weiter den Ring of Kerry entlang, wo es während der Hauptsaison zu langen Staus kommt. Wir allerdings sind Ende September unterwegs, da verlieren sich die paar Urlauber in der grandiosen Landschaft.

Valentia Island ist wirklich sehenswert. Wir entschließen uns dazu, zuerst zum Lighthouse zu fahren. Obwohl uns Maureen davor gewarnt hat – “I don’t drive the way down to the Lighthouse. It is too dangerous.” – wollen wir uns die Situation erst einmal vor Ort anschauen. Auf engen Straßen, die etwas breiter als ein Auto sind, geht es über die Insel. Dann erblicken wir, tief unten am Meer liegend, den Leuchtturm. In der Tat, über Enge Serpentinen mit Rampen, die an den steilsten Stellen gut und gerne 20 Prozent Gefälle haben dürften, geht es aber mal so richtig runter. Autos, die bergauf fahren, haben deshalb Vorfahrt, lese ich. Aber, die Straße ist gut und wir wagen die Abfahrt.

Lighthouse, Valentia Island

Lighthouse, Valentia Island

Der Leuchtturm von Valentia Island ist heute noch in Betrieb. Dort, am Cromwell Point, wo er steht, befindet sich sozusagen die Einfahrt vom offenen Atlantik hinein in die ruhige Bucht von Knight’s Town. Auf dem Parkplatz bezahlen wir den Eintritt. Der junge Mann macht uns einen Sonderpreis. Anstatt fünf Euro pro Person, berechnet er fünf Euro für uns beide. Das ist nett. Wie sich herausstellt, ist er auch Deutscher. Jedenfalls: Ein ausdrückliches Dankeschön dafür! Der junge Mann führt uns auch den Leuchtturm hinauf, wo wir durch eine wirklich sehr schmale Tür hinaus ins Freie treten können, sozusagen auf einen „Catwalk“, der rundherum um den Turm führt. Die Aussicht von dort oben ist wirklich großartig. Unvorstellbar, wenn hier mal ein amtliches Unwetter tobt und die Wellen gegen den Turm krachen. Dann wird’s hier aber mal richtig kernig. Der Betonsteg, über den auch wir hinüber zur Anlage gelaufen sind, wurde dieses Jahr schon einmal während eines schweren Sturm einfach weggespült, erzählt uns der Guide. Aber Unwetter und widrige Lebensbedingungen sind die Menschen, die damals wie heute hier leben, gewohnt. Den Leuchtturm gibt es seit dem 17. Jahrhundert. Dabei wiesen seine Lichter den Seeleuten nicht nur den Weg, sondern er wurde auch als Militärposten genutzt, der sich mit Kanonenfeuerkraft gegen Feinde, die über die See kamen, zur Wehr setze.

Es gibt viel zu sehen auf Valentia Island. Den Ring of Skelligs beispielsweise. Die Skelligs, das sind drei Felsen, die vor Valentia Island steil, schön, mächtig und erhaben aus dem Wasser ragen. Der berühmteste ist Skellig Michael. Seine unter Irland-Kennern ohnehin schon große Bekanntheit hat jüngst durch die Filmindustrie einen großen Schub erfahren. J. J. Abrams wählte den UNESCO-Welterbe-Felsen nämlich als einen der Drehorte zur siebten Star Wars-Episode „Das Erwachen der Macht“. Kein geringerer als der mönchsgleich-vollbärtig und sich auf ewig in die innere Emigration zurückgezogen lebende Jedi a. D. Luke Skywalker, dessen weiße Klamotten aussehen als hätte man sie in einem DDR-Braunkohlerevier zum Trocknen auf die Wäscheleine nach draußen gehängt, versteckte sich auf Skellig Michael und wählte diesen Platz, wo ja – wie hätte es anders sein können – weit vor seiner Zeit – im 12. Jahrhundert, um genau zu sein – bereits die Kutten- und Würdenträger eines anderen Ordens gewissermaßen der hellen Seite der Macht folgten. Und wie das bei solchen Leuten durchaus gerne mal Mode war, übernimmt auch der emeritierte Jedi-Rentner Skywalker eine Ordens-Tradition und spricht kein einziges Sterbenswörtchen Text. Seine schauspielerische Leistung beschränkt sich aufs nichtssagende Schauen. Der altehrwürdige Gentleman von einem Jedi genießt und schweigt eben. Und auch wir sind ganz ergriffen von der Schönheit der Inselfelsen, die sich, je weiter man sich auf dem Ring of Skelligs fortbewegt, in ständig wechselnder Perspektive dem Naturfreund in all ihrer Pracht präsentieren. Es ist wirklich ohne Worte. Da kann es einem schon mal die Sprache verschlagen. Man kann die Inseln auch besichtigen. Wir verzichten aber, weil wir keine Zeit haben. Und selbst wenn wir sie gehabt hätten, das Meer war an diesem Tag doch recht unruhig. Und seekrank wollten wir bestimmt nicht werden.

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Valentia IslandMan könnte meinen, Mogli, Balu und Tarzan schwingen sich gleich vor uns über den Weg

Der Weg zu den Glenleam Gardens führt dagegen urwaldähnlich dichte Vegetation. Wir sind immer noch auf Valentia Island. Und man könnte meinen, Mogli, Balu und Tarzen springen gleich aus dem Unterholz und schwingen sich in Kürze über den Weg, der wie ein grüner Tunnel durch diese Dschungel führt. Viele exotische Pflanzen gibt es in diesem Teil der Insel zu sehen. Wir wollen die Gärten aber nicht besichtigen, dazu ist leider zu wenig Zeit. Wir fahren lieber in die Geokaun Mountains und besuchen dort die Fogher Cliffs. Ganz oben gibt es einen Viewpoint. Von dort hat man einen herrlichen Blick in alle Himmelsrichtungen, kann auf markierten Wegen spazieren gehen oder den Spuren des „Tetrapods“ folgen, einem echsengleichen Urtier, welches sich hier mal aufgehalten haben soll. Das zumindest verraten die versteinerten Fußabdrücke. Wir lassen uns jedenfalls im Picknick-Area nieder und versüßen uns den grandiosen Ausblick mit Sandwiches, Obst, Schoko-Cookie und einer Cola.

Über die Brücke in Portmagee verlassen wir Valentia Island und den Ring of Skelligs schließlich. Ab jetzt geht es wieder auf dem Ring of Kerry entlang. Die Fahrt geht auf kurvigen, engen, aber romantischen Straßen durch eine heideähnliche, atemberaubende Landschaft. Es ist traumhaft. Immer wieder halten wir an, genießen die herrliche Szene aus grüner Natur, blauem Meer, Bergen und Seen, an der wir uns nicht sattsehen können. In Waterville stoppen wir bei Peter’s Place, einem netten Cafe, wo wir uns am Nachmittag einen Cappuccino mit Blick, und das ist nicht überraschend in Irland, auf Meer und Hügel genehmigen.

Enge Straßen überall

Enge Straßen überall

Die Sonne scheint, der Ring schließt sich wie der berühmte Kreis als wir wieder Richtung Killarney unterwegs sind. Die wirklich sehr enge Straße führt jetzt durch die Berge des Killarney National Parks. Es ist so, als ob man die Natur mit möglichst wenig Straße verschandeln will. Womöglich ist sie deshalb nur so breit, das mal eben gerade so zwei Autos aneinander vorbeifahren können. Kommt ein Bus, Lkw oder sonst irgendein größeres Fahrzeuges – und die fahren auch in Irland herum – dann wird’s schon schwieriger. Das ist oftmals Millimeterarbeit.

Der Lady’s Viewpoint macht seinem Namen alle Ehre. Er heißt deshalb so, weil hier 1861 einmal Königen Victoria zu Gast war und dieser Aussichtspunkt sozusagen nach ihr benannt wurde. Man blickt hinunter in ein Tal aus Seen und grünen Bergen! Es bleibt einem wirklich die Spucke weg, so gigantisch, so majestätisch ist das hier. Victoria hatte sicher ihre Freude.

Tag 2 in Killarney. Nach dem Ring of Kerry wollen wir heute den Killarney National Park erkunden. Es soll der schönste Tag unseres Irland-Trips werden. Sonne, Sonne, Sonne, im Land wo es üblicherweise mindestens einmal am Tag regnet. Nicht heute. Wir fahren zum Muckross Castle, wenige Kilometer außerhalb von Killarney gelegen. In dem Herrenhaus war damals, 1861, auch Victoria zu Gast. Ein stattliches Haus, umgeben von einem riesengroßen Park mit satten, saftigen, weichen, grünsten Wiesen, auf denen so dichtes, flauschiges Gras wächst und man sich direkt da hineinkuscheln will. Es ist zum Hineinbeißen. Wir legen uns in die Sonne und überzeugen uns von dem Rasen, der nicht nur kerngesund aussieht, sondern es auch ist. Und das ist ansteckend. Hätte nie gedacht, dass einem eine grüne Wiese mal ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann.

Muckross Lake, Killarney National Park

Unverschämt grüne Wiese am Muckross Lake, Killarney National Park

Die Führung durch das Schloss ist … durchschnittlich. Mehr nicht. Der Guide, eine freundliche Irin wie sie im Buche steht, gibt sich sichtlich Mühe, aber die gerade stattfindenden Baumaßnahmen stören immer wieder die viel zu große Gruppe, die sich auf Grund der Bauarbeiten überall in allzu enge Räumlichkeiten zwängen muss. D. h. Teile der Gruppe müssen mancherorts draußen bleiben und bekommen von der Führung so gut wie nichts mit. Abhaken.

Danach entschließen wir uns für einen Spaziergang zum etwa zwei Kilometer entfernten Torc Wasserfall. Der Weg führt am gleichnamigen Muckross Lake entlang durch verwunschene Wälder und an grünen Weiden, auf denen Kühe grasen, vorbei, bis hinauf zum Fuß des Berges, wo sich die wildromantischen Wasserkaskaden in die Tiefe stürzen. Es ist eines der vielen, unglaublich schönen Fleckchen Erde, auf die man in Irland mit an Verschwendung grenzender Häufigkeit immer wieder stößt – einfach so, als ob es das Normalste der Welt ist. Eine wunderbare Frechheit und ich finde es schön, mal einfach guten Gewissens neidisch sein zu können.

Auf dem Weg nach Galway stoppen wir in Limerick. Der Ort ist mir noch aus dem Englischunterricht in der Schule in Erinnerung. An anderer Stelle habe ich bereits einen sehr berühmten Reim, der, wie viele weitere Reime auch, auf Grund seines besonderen Versmaßes nach der Stadt Limerick benannt ist, zitiert.

There once was a lady from Riga
She rode on the back of a Tiger
They came back from the ride
With the lady inside
And a smile on the face of the tiger

Limerick, Shannon River, King John Castle

Limerick, Shannon River, King John Castle

Was aber das besondere Versmaß jetzt genau mit Limerick zu tun hat? Das weiß niemand so genau. Nicht einmal die Wissenschaft. D. h., es gibt mehrere Theorien darüber, warum der Limerick Limerick heißt. Eine, und dazu muss man keine Intelligenzbestie sein, ist: Er wurde nach der Stadt Limerick benannt, lehrt uns Wikipedia. Ich kann mit dieser Nichterklärung leben. Nicht ganz so gleichgültig war der Stadt dagegen die Tatsache, dass die Engländer – so z. B. Oliver Cromwell im 17. Jahrhundert – ein ums andere Mal versuchten, die Stadt dauerhaft einzunehmen. Es gelang ihnen nicht. So ist Limerick die einzige Stadt Irlands, die eben nie von England erobert werden konnte. Auch wenn es die damals verhassten Anglo-Normannen im 13. Jahrhundert schafften, ein imposantes Schloss am Ufer des Shannon Rivers zu errichten, das nach dem Normannen John, dem Lord von Irland, benannt wurde. Dem mächtigen Bau stellten die Limericker ihr ganz besonderes Selbstbewusstsein entgegen, welches die Bürger dieser Stadt bis heute prägt, heißt es im irischen Volksmund. Auf dieses Image ist man in Limerick auch heute ganz besonders stolz und wird es immer sein. Schön!

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Wasser von unten, von oben, von rechts, von links, Wasser von überall

Vom Parkhaus in der City steuern wir direkt in Richtung eines der Top-Highlights in Irland, das jeder gesehen haben sollte, der hierherkommt. Die Cliffs of Moher. Diese riesigen Felsabbrüche, im County Clare zwischen den Ortschaften Doolin und Liscannor gelegen, ragen stellenweise über 200 Meter kerzengerade aus dem Ozean heraus. Sie sind ein ehrfurchteinflößendes Naturereignis an dem die Elemente mit voller Kraft aufeinanderprallen. Der Parkplatz ist nicht allzu voll wie etwa im Sommer, wenn hier etwa das Besucherzentrum aus allen Nähten platzt und die Menschenmassen in nicht enden wollenden Strömen die befestigten Wege rauf- und runterpilgern. Aber auch heute sind die Cliffs gut besucht.

 

Cliffs of Moher

Cliffs of Moher

Während in Limerick noch die Sonne schien, verlangt uns der stürmische Wind beim Aufstieg Richtung O’Brien’s Tower, ein Leuchtturm aus dem 19. Jahrhundert, alles ab. Das macht es aber später beim Runtergehen deshalb nicht ungefährlicher, wenn er uns mit aller Kraft vor sich herschiebt und wir uns ihm mit dem Rücken einfach entgegenlehnen. Dazu kommt ein Wetter wie in einer Waschanlage. Wasser von unten, von oben, von rechts, von links, Wasser von überall. Herrlich! Gelegenheit, endlich die neue Regenjacke zu testen. Die ist zwar gut, aber nicht ausreichend. Der Wind peitscht uns den Regen von oben und die Gischt von unten so was von ins Gesicht. Oben bin ich zwar trocken, dafür wurde meine Jeans aber mal so richtig ins Wasser getaucht. Egal. This is Ireland!

Galway. Auch diese Stadt hat eine Geschichte, klar. Wir wollen den einen, ganzen Tag aber für den Connemara Nationalpark nutzen, der sich nordwestlich der Stadt erstreckt. Wie sich später herausstellte, war es die richtige Entscheidung. Es ist ja nun wirklich nichts Neues für Irland, dass auch die Natur in „Connemara“ verboten sensationell ist. Das nicht enden wollende Grün, die zahllosen Seen, allen voran Irlands größtes Binnegewässer, der Lough Corrib, die immer wieder hinter Kurven und Bergrücke auftauchen, um welche die Straße herumführt, dazu die Einsamkeit hier draußen – es ist ein einzigartiger, grandioser und gigantischer Naturraum, in dem sich die Elemente so richtig austoben können. Man ist manchmal durchaus froh dann und wann einmal ein Dorf oder einen Rastplatz zu erreichen, um nach dieser Pracht einfach mal kurz durchzuschnaufen.

Wir blicken uns hie und da um und stellen fest: wir sind wirklich alleine. Umso besser. Wir halten immer wieder und bedienen uns selbst an diesem unendlichen Buffet der View Points. Die von Touristenbussen gerne angesteuerte und auf unserer Route liegende Kylemore Abbey lassen wir einfach mal eine Abbey sein. Denn: Kennste eine Abbey, kennste alle Abbeys. Außerdem wartet auf auf dem Weg nach Dublin, so viel jetzt schon mal vorweg, mit Clanmacnoise, eine weitere altertümliche Siedlung, die, wie sollte es auch ander sein, gleichzeitig Kloster war, auf uns. Clanmacnoise war einmal das geistige und kulturelle Zentrum der Kelten. Außerdem strömten im Fortlauf der Geschichte Mönche aus ganz Europa hierher, weshalb Irland damals schon das Image als „Land der Heiligen und Gelehrten“ inne hatte, lesen wir bei Polyglott. Aber, Religion hin, Religion her, die drei Hochkreuze, die es dort zu sehen gibt, sind wirklich einen Besuch wert, weil sie zeigen, wie hochentwickelt das Steinmetzhandwerk im 12. Jahrhundert bereits war.

Wir aber fahren erstmal den Killary Fjord entlang Richtung Leenane und lassen uns von dem farbenprächtigen Spiel der Elemente verzaubern. Am Eriff River, der in den Killary Fjord fließt, ist die Lachsaison zwar längst vorbei, aber auch ohne die Fische ist es ein wunderschöner Platz und man kann sich nur allzugut vorstellen, dass sich Lachse und Forellen hier pudelwohl fühlen.

 

Lough Corrib, Connemara National Park

Lough Corrib, Connemara National Park

Naturschauspiel aus Regenbögen, Wolken, Wellen, Wind, Sonne, Strand und Meer

Unser Ziel ist Island View, ein Strand bei Roundstone im äußersten Westen des Nationalparks. Dort wollen wir picknicken. Als wir dort ankommen spielt sich vor uns, wie langweilig, wieder ein unbeschreibliches Naturschauspiel aus Regenbögen, Wolken, Wellen, Wind, Sonne, Strand und Meer ab. So stelle ich mir den ultimativen Surfspot vor, der gut und gerne „Gefährliche Brandung“-Niveau hat. Wir kommen mit ein paar Surfern ins Gespräch, die wir auf dem Parkplatz treffen. Es ist beinahe wie im Film. Ihre rostigen Autos, die gerade so noch von Aufklebern zusammengehalten werden, sind vollgestopft mit mindestens drei Boards. „Size matters“, sagt der eine. Unterschiedliche Bretter für unterschiedliche Bedingungen, klar. Wir schauen dem Mädel und den zwei Jungs beim Surfen zu, lassen uns Wind und Wetter um die Nase wehen und unsere BLT-Sandwiches schmecken. Ein wunderbarer Platz auf diesem Planeten, an dem ich, würde ich hier leben, garantiert auch zum Surfer geworden wäre.

Dublin. Was soll man sagen. Eine schöne Stadt mit vielen imposanten, alten und repräsentativen Gebäuden, die, Dank der Menschen, die dort leben, unglaublich lebendig ist. Alleine die Ausgehmeile Temple Bar, wo sich ein Restaurant, ein Pub an den nächsten reiht, ist eine Schau. Aber Dublin ist nicht nur Hauptstadt, sondern auch das kulturelle Zentrum des Landes. Hier wirkten viele kluge, irische Köpfe. Der Schriftsteller Oscar Wilde etwa wohnte in der unmittelbaren Nachbarschaft unseres Hotels und keine Frage, U2 stammen ebenfalls aus Dublin. Die Bandmitglieder um Rampensau und Gutmensch Bono besitzen ein Hotel, das bereits in einem Musikvideo erschien. Mit ihrem geradezu „beatlesquen“ Auftritt auf dem Dach ihrer Immobilie – ähnlich wie einst John, Paul, George und Ringo in „Get back“ – beschallten sie nicht nur die gesamte Dubliner Innenstadt, sondern brachten die gebannt nach oben schauenden Menschen unten auf der Straße um den Verstand.

Aber Dublin ist auch anstrengend. Es sind zu viele Touristen in der Stadt, die quasi für Bier- und Whiskey-Liebhaber ein Mekka ist, wenn ich diesen zugegeben in sich total widersprüchlichen Vergleich ziehen darf. Aber die Menschen stehen vor der Guinness-Brauerei oder der Jameson Distillery Schlange, ganz so wie etwa vor dem Grab in der Jesus Kirche zu Jerusalem. Das liegt mit Sicherheit auch an den vielen Billigfliegern, die Dublin anfliegen und Wochenendurlauber vom europäischen Festland in die Stadt spülen wie einen Haufen Gestrandete kurz vor dem Verdursten auf eine einsame Insel in der Südsee. Logisch, die zahllosen Kneipen, die vielen Restaurants und die Stadt an sich geben das auch durchaus her, aber wir sind etwas überfordert von diesem Gewusel aus Touristengruppen auf der Straße.

Nach der Stadtrundfahrt mit dem „Big Bus“ begeben wir uns in einen Pub, wo wir auf den eingangs bereits erwähnten irischen Gesprächspartner treffen. Neben dem gar nicht schönen Thema Religion kommen wir selbstverständlich auch auf den Sport zu sprechen. Dabei erfahren wir, dass an diesem Wochenende das Finale der All Ireland Championship im Gaelic Football stattfindet. Und jetzt wissen wir auch, warum überall Fähnchen in blau, rot und grün die Häuser schmücken. Es sind die Vereinsfarben der Teams aus Dublin und Mayo, die am Samstag im Croke Park vor 70.000 Zuschauern das Endspiel bestreiten. An Karten zu kommen, ist nahezu aussichtslos. Es sei denn, man ist bereit, 600 Euro je Karte zu bezahlen. Ab diesem Betrag starten die Preise auf dem Schwarzmarkt, informiert mich ein Mayo-Fan, der mit seiner Familie in unserem Hotel wohnt und extra wegen des Finales nach Dublin gekommen ist. Gealic Football ist ein Mix aus Fußball und Handball und Rugby. Die Spieler können sich den runden Ball mit den Händen und Füßen zuspielen und, wie beim Hurling, Tore und Punkte erzielen. Soweit die Theorie.

Das Spiel selbst schauen wir uns wie viele Iren, die nicht ins Stadion konnten, im Pub an. Der ist gut gefüllt und es war richtig, eineinhalb Stunden vor Spielbeginn bereits hier zu sein. In den anderen Pubs ist die Situation ähnlich. Die Stadt, das Land, es ist an diesem Feiertag des Sports im Gealic Football Fieber. Wir können es spüren. Und wenn ein Ire von Football spricht, dann meint es sichern nicht das europäische Fußball, so viel wissen wir jetzt. Das ist, wie in den USA auch, der „Soccer“. Kurz: Ein Sport für Weicheier.

Gaelic Football und Hurling sind nicht nur ein rein irische Sportarten, sie stehen für den Stolz, die Kultur und die Identität einer ganzen Nation. Es ist etwas so ursprünglich Irisches, dass z. B. die Verbandspräsidentin ihre Ansprache beim Finale der Frauen die Woche davor, komplett auf Gälisch hält. Wir verstehen kein Wort. Was wir aber verstehen ist der Patriotismus der Iren, der bei solchen Anlässen zum Vorschein kommt. Auch am Tag des Männer Finales. Dabei bleibt es immer friedlich, auch unter den Fans. Gealic Football und Hurling, das sind nicht nur irgendwelche Sportarten, sie sind eine Haltung, eine Lebenseinstellung, ein Bekenntnis für und zu Irland! Ich find das gut. Wir sehen ein ungemein spannendes Endspiel, das Dublin am Ende mit einem Pünktchen Unterschied gewinnt. Danach strömen die Fans aus dem Stadion in die Pubs der Stadt. Es wird heute Abend und in der Nacht noch voller werden als es eh schon ist.

Für uns nicht. Wir ziehen uns nach dem Spiel aus der Innenstadt zurück und suchen uns einen Pub, wo es Live Musik gibt, der aber gleichzeitig nicht zu voll ist. Wir finden ihn in der Nachbarschaft unseres Hotels. Ein Gitarrero trällert die üblichen Songs übers Mikro, wir bestellen zwei Pints Smithwicks und genehmigen uns dazu ein Club Sandwich. Der letzte Abend in Irland also, „… but I still haven’t found what I’m looking for …“ insofern geht die Reise weiter …

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Reisefakten

  • Reise wurde gebucht bei gruene-insel.de. Im Preis enthalten waren Mietwagen und Unterkunft. Preis: ~ 800 EUR p. P.
    Bei den Unterkünften handelte es sich um Bed ’n Breakfast Pensionen, die Übernachtung und Frühstück enthielten.
  • Fazit – Unterkunft
    Im Großen und Ganzen ok, mit kleinen Abstrichen bei der Unterkunft in Galway. Grundsätzlich aber gute Informationspolitik von gruene-insel.de, die uns bereits in Killarney rechtzeitig über die Änderung der Unterkunft in Galway in Kenntnis setzten (ursprüngliche Pension hatte einen plötzlichen Todesfall in der Familie)
  • Fazit – Mietwagen:
    Wir hatten eine Renault Influence. Das Auto war tadellos und vor allem sehr sparsam. Mietwagenreservierung verlief nicht ganz reibungslos – u.a. längere Wartezeit, die wir aber nicht als störend empfungen haben – und leichten Irritationen bei dem Rückgabedatum. Dies hat gruene-insel.de mit einem 20 EUR Gutschein für den Online Shop entschädigt.WICHTIG! Die Autobahnen in Irland sind mautpflichtig. Für die M50, den Autobahnring um Dublin herum, kann man die Gebühren entweder online oder in speziell mit „PAYZONE“ gekennzeichneten Geschäften kaufen. Manche Mietwagenfirmen verlangen die Belege für die M50. Weitere Einzelheiten unter www.eflow.ie. Für alle weiteren Autobahnen ist eine Bezahlung an normalen Mautstationen möglich.
  • Flug: Nürnberg – Frankfurt – Dublin mit Lufthansa
    Flug: Dublin – Düsseldorf – Nürnberg mit Germanwings / Eurowings
    Flug hin und zurück: ~ 300 EUR p. P.
    Fazit Lufthansa: Alles ok.
    Fazit: Germanwings / Eurowings: Nie wieder. Wir sollten am 2.10. um 20:00 Uhr in Nürnberg landen, tatsächlich sind wir am 3.10. um 12:40 in Nürnberg gelandet.

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