Am Anfang war der Akkusativ

Kekse, Saft, Deutsch lernen

Kekse, Saft, Deutsch lernen

Treffpunkt: Feki. Isabel holt mich am Eingang des Universitätsgebäudes in der Bamberger Feldkirchenstraße ab. Die 27-jährige Politologin arbeitet gerade an ihrer Doktorarbeit. In ihrer Freizeit leitet sie gemeinsam mit der promovierten Volkswirtin Stefanie zwei Mal wöchentlich einen freiwilligen Deutschkurs. Freund statt fremd e.V. bietet diese Kurse speziell für Geflüchtete an, deren Asylantrag noch nicht anerkannt wurde.

Kommunikation und Sprache als Voraussetzung für Integration

Mittlerweile sind alle Teilnehmer in Isabels und Stefanies Klasse sogenannte „Anerkannte“. Jetzt endlich auch Ali. „Mein Asylantrag wurde gestern genehmigt“, sagt er in etwas holprigem, aber gutem Deutsch. Allerdings erhält er nur ein Jahr sogenannten „subsidiären Schutz“, weil sich in der Zwischenzeit die Gesetzeslage geändert hat. Alle anderen haben das Recht, sich drei Jahre in Deutschland aufzuhalten. Trotzdem ist Ali erleichtert. Vor einem Jahr kam er nach Bamberg. So lange musste er auf seinen Bescheid warten. Bilal, Ahmed, Zaher und Hussein ging es ähnlich. Bei Hassan dauerte es sogar über zwei Jahre, bis er endlich Gewissheit hatte und ihm ein befristetes Bleiberecht gewährt wurde. Wertvolle Zeit, die für die Deutschschüler verloren wäre, wenn es nicht ehrenamtliche Helfer wie zum Beispiel Stefanie und Isabel gäbe. „Genau dort setzten die Sprachkurse an“, erklärt Stefanie. „Freund statt Fremd sorgt dafür, dass neu angekommene Flüchtlinge, die in der Regel noch sehr lange auf ihre Anerkennung und ihren Integrationskurs warten müssen, bereits sehr früh Deutsch lernen können.“ Denn es gehe grundsätzlich darum, kommunizieren zu können, und so eine wesentliche Voraussetzung zu schaffen, damit die Jungs in einem für sie fremden Land die für sie höchste Integrationshürde möglichst schnell überwinden können: „die Sprachbarriere“, fügt Isabel an.

Isabel erklärt

Isabel erklärt

„Die langen Wartezeiten nicht zu nutzen“, schlussfolgern beide, „wäre kontraproduktiv – für die Integration wie für das Erlernen der Sprache.“ Wie schwierig der Auftakt in ihrem Kurs war, wissen Stefanie und Isabel nur allzu gut. „Kommunikation mit Händen, Füßen, Google Translator und mit Ali, der ein wenig Englisch kann und uns bei der ersten Verständigung mit den anderen half“, berichten die beiden von den Anfangszeiten ihres Kurses. Der große Vorteil, den die Kursteilnehmer aber jetzt haben: Dank Stefanies und Isabels Engagement hat jeder von ihnen bereits umfassende Vorkenntnisse in der neuen Sprache, einige sogar schon auf B1-Niveau. Das hilft enorm bei der Verständigung im Alltag und zeigt, wie wichtig diese freiwilligen Sprachkurse für den Integrationsprozess insgesamt sind.

Mehr als nur ein Deutschkurs

Die Jungs kommen gerne hierher in den Seminarraum, den die Uni Bamberg freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat, damit sie in Ruhe die Sprache lernen können. „Es ist ja zwischenzeitlich weit mehr als nur ein Deutschkurs“, erklärt Isabel. Klar: Die jungen Männer sind alleine. Die Familie ist weit weg, dazu die Horrorerlebnisse der Flucht. Schon eine kleine, nette Geste kann in solchen Extremsituationen viel bedeuten. Vertrautheit ist wichtig. Erst recht beim Lernen. „Wir haben beispielsweise den Ramadan zusammen gefeiert, die Jungs haben uns zum Fastenbrechen eingeladen, und wir haben im Sommer eine Ausflugsfahrt nach Frankfurt unternommen“, ergänzt Stefanie. Akkusativ, Dativ, Genitiv und Nominativ bleiben aber selbstverständlich im Mittelpunkt. Trotzdem: „Wir unterhalten uns auch manchmal einfach nur und sprechen über Politik, Geschichte, Normen, Werte und Verhaltensweisen in Deutschland – und in Syrien.“ Denn nicht nur für die Geflüchteten sei es wichtig, Deutschland besser zu verstehen. „Auch für uns ist es wichtig, mehr über ihre Herkunftsländer zu erfahren, die Hintergründe ihrer Flucht zu verstehen und kulturelle Unterschiede, aber auch oft genug Gemeinsamkeiten zu finden“, beschreibt Stefanie die gemeinsamen Erfahrungen.

Deutsch lernenFür die jungen Syrer ist der Sprachkurs daher auch eine willkommene Abwechslung. „Ich freue mich richtig darauf“, erklärt Hussein. Man könne mit Isabel, Stefanie und den anderen auch einfach mal nur über Alltägliches reden, konkrete Fragen stellen, wie man beispielweise einen Brief schreibt und was dabei zu beachten sei, oder sich über Sorgen und Probleme austauschen. Die Atmosphäre sei sehr locker und ungezwungen. „Das gefällt mir“, bestätigt sein Zwillingsbruder Hassan. Isabell verrät mir, dass es trotzdem für alle Jungs aus der Klasse sehr schwer ist, alleine in Deutschland zu leben. „Viele sprechen immer wieder davon, irgendwann, wenn es wieder geht, einmal in die Heimat zurückzukehren.“ Bis auf weiteres müssen aber die mitgebrachten Kekse, der Kuchen und der Fruchtsaft so etwas wie ein vertrautes Heimatgefühl in diesem doch eher kargen Unterrichtsraum erzeugen. Umso erstaunlicher ist es, mit welchem Engagement die Schüler bei der Sache sind.

 

Klassenfoto bitte! Hinten: Stefanie, Isabel, Hassan, Hussein, Bilal. Vorne: Ali, Ahmad, Zaher.

Klassenfoto, bitte! Von links nach rechts, hinten: Stefanie, Isabel, Hassan, Hussein, Bilal. Vorne: Ali, Ahmad, Zaher.

„Es ist immer wieder schön zu sehen, wie sich die Jungs über die vergangenen Monate verbessert haben.“

Die positive Stimmung in der Klasse setzt sich auch beim Lernen fort. In einem Gruppenspiel soll aus einem Substantiv und einer Präposition ein Satz gebildet werden. Isabel hat dazu Karten mit Vokabeln auf den Tisch gelegt. Sie müssen zusammengepuzzelt werden. Alle sind mit Eifer dabei. Sie kommen nacheinander dran und dürfen ihre Kenntnisse beweisen. Heraus kommen beachtliche Sätze wie „In London gibt es einen Vergnügungspark, dort steht das London Eye“ oder „Ich suche meinen Hund und finde ihn zwischen Regal und Schrank“. „Es ist immer wieder schön zu sehen, wie sich die Jungs über die vergangenen Monate verbessert haben“, freut sich Isabel. In diesen Momenten zeige sich dann, dass der Unterricht etwas bewirke. „Das ist unheimlich motivierend“, so die Doktorandin.

Alle sechs sind gewappnet für die nächsten Schritte in Bamberg. Ahmed hat als einziger bisher eine Wohnung gefunden und berichtet stolz von seiner gebrauchten Küche, die er kürzlich für wenig Geld erworben hat. Gemeinsam mit Bilal beginnt er schon bald seinen Sprachkurs im Beruflichen Fortbildungszentrum der Bayerischen Wirtschaft (bfz) in Bamberg, bevor beide dann bei Brose ein Praktikum aufnehmen. Hussein hat sich für akademische Laufbahn entschieden und will studieren. Sein Bruder Hassan arbeitet bereits bei REWE und ist einer der Netzwerker bei Freund statt fremd. (Link) Und Bilals Cousin Zaher wird Ende Oktober mit seinem Integrationskurs an der Eurosprachschule beginnen. Wie es für Ali weitergeht? „Mit dem Integrationskurs beim Kolpingwerk“, sagt er in einwandfreiem Deutsch.

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