G’schwind auf a Seidla nach London – 1 / 5

Für für uns London Tag für Tag begann und endete

Wo für uns London Tag für Tag begann und endete

In der proppenvollen Central Line steht an diesem Vormittag eine schätzungsweise 20-jährige junge, deutschsprachige Dame neben mir und erörtert mit ihren Freundinnen die Frage, wo man in London hingehen kann, ohne dabei Touristen zu begegnen. Das tut und sagt sie selbstverständlich mit viel Schmäh – waast eeh. Aber das instagrammende Mädel und ihre drei Echtzeit-Followerinnen könnten auch aus München sein.

Und wie das mit diesen Personen so ist, bleibt auch diese in ihrer Rede oberflächlich, versteht es aber dabei auf ganz subtile Art und Weise ihren aufgeregten „Mitmädels“ klarzumachen, hey, ihr seid hier nur zu Besuch, ICH kenn mich aus, ICH lebe hier, ICH kenne die Geheimtipps dieser Stadt und wo ICH bin, ist sowieso VORNE. Ich, ich, ich – übrigens eine Taschenmarke aus Berlin, die ich immer itschi-itschi-itschi ausspreche, was in etwa dem englischen „to itch“ gleicht. Das bedeutet jucken oder kratzen und ist in etwa so lästig wie diese eine – und nur eine – leicht arrogante, junge Frau. Das alles sage ich völlig wertfrei, bevor das Land, aus dem die Dame mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,9 % stammt, für mich einen Einreisestopp verhängt, denn ich muss Ende Mai noch nach Italien. (Nein, ich bin kein Bundeswehrsoldat.)

Picknick mit Pygmäen

Jedenfalls ist die Tweneuse an diesem Samstag trotzdem unterwegs nach Camden Town, einem jener London-Hotspots, der Touristen in demselben extremen Umfang anzieht, wie Moslems Mekka. Logisch, sie will ihren Freundinnen Camden Market zeigen, gebärt sich allerdings etwas gelangweilt von diesem Vorhaben, will aber trotzdem freundlich bleiben (Ok, I’ll give you credit for that.). Warum wollen alle, die mich besuchen, immer nur nach Camden Market, scheint sie sich etwas genervt oder verzweifelt oder beides zu fragen. Es gibt so viele coolere Orte in dieser Stadt. Coole Orte, mit coolen Menschen, so cool, wie dieses Mädel, das wohl im zweiten Semester an der London School of Economics studiert, möglicherweise aber auch nur als Au-pair in London lebt. Aber was weiß ich schon. Tief durchatmen. Fuck. Ich bin alt. Eben war ich noch 30. Warum wird mir das hier in London erstmals so richtig klar? Wegen solcher Persönchen, die mit einer gefühlt an Arroganz grenzenden Selbstverständlichkeit lässig in der U-Bahn lehnen und wohl bald das Ruder übernehmen, uns ablösen werden, genauso, wie wir unsere Eltern abgelöst haben? Waren wir auch so? Ja, wir waren es. Nur anders. Fuck zwo: Wir sind sowas von abgemeldet …

Anderes Thema: Der globalisierte Tourismus, in dem das Internet die Halbewertzeit einer neuen Information auf ein gerade mal noch so messbares Minimum im µ-Bereich reduziert, hat sich auch die kleinste Ecke dieser Stadt, ach was, der ganzen Welt erobert, es sei denn, der Tourist sieht sich vor unüberwindbaren Anreisehürden, die sich jenseits der Billigfluglinien-Logistik abspielen. Z. B. die Regenwälder des Amazonas, wo man ja mit irgendwelchen unentdeckten Pygmäenstämmen den Urwald erkunden könnte – sozusagen mund- und individualtouristengerecht auf dem sauber im Dschungel rausplanierten Pygmäen-Themen-Trail –, um anschließend am Ufer des Rio Negro, weil Amazonas ist zu Mainstream, zu picknicken oder den Sundowner zu nehmen – was ich mir bei dem U-Bahn-Mädel und mir nur sehr schwer vorstellen kann. Alles in allem könnte das ein Geschäftsmodell sein, das, glaubt man der IBM-Werbung mit dem griechischen Olivenbauern, der sein Business dank IBM remote solutions überall auf der Welt voll im Griff hat, auch irgendwie für unsere Pygmäenfreunde in den Wäldern des Amazonas funktionieren sollte – warum nur wollen die das nicht haben?

Worauf ich hinaus will: Dank Ryan Air ist man jedenfalls mit knapp 200 weiteren Städteurlaubern binnen vier Stunden von Bamberg in die Londoner City gereist – von der Haustür bis nach Liverpool Station. Könnte man es schaffen, die Reisezeit irgendwie auf zwei Stunden zu reduzieren, könnte man von Bamberg aus beinahe nach London zur Arbeit „commuten“. Würde ich das wollen?

Als das Fliegen noch alternativlos teuer war, brauchte man für diesen Trip mindestens 24 Stunden. Woher ich das weiß? Weil ich in den 1980ern selbst mit Zug, Fähre und Bus nach Südengland gereist bin. Der Geschwindigkeits- und Kostenvorteil des modernen Reisens heute ist cool, aber irgendwie auch nicht. Der vermeintliche Gewinn, er ist gleichzeitig auch ein Verlust. Das Reisen an sich hat seinen Zauber verloren. Einen London-Flug gibt es heute für einsfuffzich bei Aldi – quasi. Das sagt alles. Niemand muss mehr dafür sparen, um sich dann darauf zu freuen, und dann, wenn es soweit ist, dieser Freude freien Lauf zu lassen. Der Massentourismus und seine Begleiterscheinungen lassen einem dafür keine Zeit. Das ist schade.

Vom Leiden unter den Spätfolgen kapitalistischer Stadtgesellschaften

Und das wirkt sich auch die Sache mit den Geheimtipps aus. Selbst wenn ein Ort ein Geheimtipp bleiben will, hat er z. B. hier in Westminster, Notting Hill, Camden Town, Paddington, Bayswater, Soho, Chelsea und anderswo in London gar keine Chance, diesen Status auf Dauer zu behalten – so romantisch diese Vorstellung auch sein mag. Wegen der Halbwertzeit und so. Es ist Schicksal, es ist Realität. Dank der Social Medias und Blogs wie diesem hier, stürzen sich die Menschen sofort gierig auf das Neue, das vermeintlich unvermeintlich „Geheime“. Erstrecht in solchen Tourismus-Magneten wie London. Der konventionelle Informationsvorsprung existiert hier nicht mehr. Jeder will alles und zwar sofort. Da überrascht es keineswegs, dass die touristischen Massen heute über zwischenzeitlich fünf Flughäfen nach London befördert werden. Das einstmals kosmopolitische Argument zu sagen, ich war in London, ist heute wahrscheinlich noch weniger Wert als die Mitteilung „Ich war im Mahr a Feierabend-Seidla trinken“.

Zu den Touristen kommen in London dann noch Millionen von „Commuter“, die täglich aus den Suburbs und von weiter her zum Arbeiten nach London pendeln. Es ist unvorstellbar. Die logische Konsequenz dieser Menschenmassen, die in diese Stadt hineinströmen, ist eine fortwährender Bedarf an Privatheit, an verwunschenen Plätzen und Orten, Kleinoden, Mikrokosmen, die eben niemand kennt, in einer Stadt, in der es so etwas eigentlich nicht mehr gibt, die alles gesehen hat, weil sie vor Menschen zu platzen droht und sich täglich selbst überholt. Aber das hatten wir schon. Das gute, alte London leidet unter den typischen Spätfolgen kapitalistisch organisierter Sadt- und anderer Gesellschaften – verrückt, aber auch logisch, dass ich das ausgerechnet hier, im Geburtsland des Kapitalismus, vorgeführt bekomme. Es ist im Grund ähnlich wie in New York. Und im Grunde wäre ich eigentlich jetzt durch. Das ist wie mit den Kathedralen in Irland: Kennste eine, kennste alle.

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