G’schwind auf a Seidla nach London – 2 / 5

Hood mit Pub: Princess Square, Notting Hill

Hood mit Pub: Princess Square, Notting Hill

Was macht die Attraktivität von London aus? Die Architektur, die Geschichte? Schon auch, aber in Zeiten, in denen man sich die ganze Welt mit einem Mausklick zu Hause auf das HD-Desktop holen kann, rücken vielmehr die emotionalen Ereignisse in den Mittelpunkt, weniger das bloße Anschauen von Buckingham Palace, Trafalgar Square oder Picadilly Circus.

Emotionale Erlebnisnischen

Wir machen uns also auf die Suche nach unseren persönlichen, emotionalen Erlebnisnischen. Es ist ein Versuch, eine Herausforderung die Stadt quasi neu zu entdecken, denn gesehen haben wir ja vorher schon alles bei Google Maps.

Nicht gesehen haben wir das London außerhalb der City. In dieser 14-Millionen-Stadt müssen die Menschen ja irgendwo leben. Die meisten tun das in den Vorstädten, weit außerhalb des Zentrums. Durch die fährt man durch, wenn man z. B. von Stansted aus mit dem Express-Zug zur Liverpool Station durch die Suburbs gleitet. Das sieht schon deutlich nach typisch englischer Reihenhaustristesse aus. Hier im Norden Londons sind die Häuser teilweise in einem erbärmlichen Zustand. Aber selbst gut 10 km außerhalb der City dürften die Preise für so eine halbmarode Immobilie noch exorbitant hoch sein. Ein nette Abwechslung ist da die White Hart Lane, das Stadion der Tottenham Hotspurs, die am Tag unserer Rückreise ein Heimspiel hatten. Es ragt wie ein bunter Farbklecks aus dem Semi-Detached-House-Einerlei heraus. Und das will niemand sehen. Noch. Denn die Gentrifizierungslawine wird auch in diese Stadteile vordringen, so wie sie etwa die Hafenarbeiter, die rund um die Londoner Docks an der Themse lebten, verdrängte, die durch Banker, Yuppies und andere Gestalten aus höheren Schichten der Gesellschaft ersetzt wurden – auch wenn das jetzt noch unvorstellbar zu sein scheint.

The Good Yard

Frühstück aus recyclebarer Pappe im „The Good Yard“

Erster Tag: Nach etwa einer Stunden Zugfahrt ab Stansted steigen wir gegen 10 Uhr an der Liverpool Street Station aus und gehen zuerst einmal im „The Good Yard“ frühstücken, bevor wir uns mit der U-Bahn Richtung Hotel aufmachen. Das Good Yard ist ein reines Take Away, das Frühstück und andere Sachen zum Mitnehmen anbietet. Es liegt in einer Art überdachter Passage. Zu den Gästen zählen überwiegend Anzug und Kostüm tragende ZeitgnossInnen, die auf dem Weg zur Arbeit vorbeikommen und sich ein „Breakfast“ mitnehmen. So werden auch unsere Rühreier zwar auf immerhin frischem, echtem Chiabatta-Brot, aber selbstverständlich in und auf Pappe von einer um diese Zeit etwas übermotivierten, scheinbar duracellgetriebenen und deshalb überfreundlichen Amerikanerin über die Theke gereicht, die, aus welchem Grund auch immer, momentan hier in London arbeitet/lebt/studiert – irgendwas mit Medien? Wir nehmen damit – mit dem Frühstück – vor dem Laden Platz, weil, wir haben ja Zeit und sind nicht auf dem Weg ins Büro. Apropos Pappe: Die Starbuck’s-Fillialen in London bieten noch echtes Porzellan an, wenn man sein Heißgetränkt nicht „to go“ haben will, sondern es vor Ort konsumieren möchte. Das haben wir auch schon anderes erlebt.

Dauerhaft realgemorphtes Botox-Opfer, dass aber sehr höflich und zuvorkommend ist

Unser Hotel, das „Premier“ (5 – 7 Princess Square), liegt in Notting Hill. Nach dem wir in der Liverpool Station eine U-Bahn-Karte, die wir mit 20 Pfung pro Nase aufladen, erstanden haben, nehmen wir die Central Line – westbound. In etwa 20 Minuten bringt die uns nach Queensway. Ab hier sind es noch 15 Minuten Fußweg bis zum Hotel. Beim Einchecken dürfen wir uns über ein Zimmer-Upgrade freuen, das uns von einem offensichtlich dauerhaft realgemorphten Botox-Opfer von einer Hotelmanagerin, die aber wirklich sehr höflich und zuvorkommend ist, höchstpersönlich gewährt wird. Anstatt des normalen Zimmers leben wir für die Dauer unseres Aufenthaltes jedenfalls in einem großzügigen „Clubroom“. Warum die Dame uns upgegradet hat, weiß ich bis heute noch nicht. Egal. Die nette Bewertung versteht sich da von selbst.

The Bookstore AUS "Notting Hill" in Notting Hill

The Bookstore AUS „Notting Hill“ in Notting Hill

Weil die Portobello Road nur einen kurzen Fußmarsch von unserem Hotel entfernt ist, entschließen wir uns an diesem ersten Tag dazu, diese berühmte Straße zu besuchen, die ja bereits von den Dire Straits in deren fast gleichnamigem Song thematisiert wird. Ihren weltweiten Ruhm hat sich die Portobello Road aber zweifellos mit dem Film „Notting Hill“ erarbeitet. Ursprünglich bekannt geworden ist sie allerdings durch den gleichnamigen Portobello Market. Der Straßenmarkt findet immer samstags und sonntags von 9 – 17 Uhr statt und gehört zu den Highlights Londons, die sich ja bekanntlich bei den Touristen großer Beliebtheit erfreuen, sonst wären es ja keine Highlights. Gut, dass heute nicht Samstag oder Sonntag ist. Und trotzdem ist es voll. Wie ergattern einen der wenigen Open-Air-Plätze vor Mike’s Café auf dem Blenheim Cresenct, einer Seitenstraße der Portobello. Erst als wir in den antiquen Stühlen mit Union-Jack-Polsterbezügen platzgenommen haben, erkennen wir, dass sich das Café zufällig gegenüber von Hugh Grants „Notting Hill“-Bookstore befindet, in den ja Julia Roberts à la Anna „Irgendwer“ ebenfalls rein zufällig reinschneit, in etwa so zufällig, wie Eurowings-Flieger pünktlich sind. Wie schön. Hätten wir das also auch erledigt. Emo-Nische Nr. 1: Check.

Wir schlendern die Portobello Road runter und praktizieren Window-Shopping. Sehr coole Läden mit Londoner Designware – vor allem auch edle, englische, handgemachte Herrenklamotten und Schuhe mit dem typisch britischen Tweed-Schick – wechseln sich ab mit den die Innenstädte bevölkernden Souvernir- und Ramschläden. Letztere sind in leider in der Überzahl, das kann man auch hier feststellen. Individualität sieht anders aus.

Portobello Ecke Prembridge

Portobello Ecke Prembridge

Unser Weg führt Richtung Notting Hill Gate. Am Ende der Portobello treffen wir auf die Prembridge Road, die nur wenige hundert Meter später auf Kensington Park Road trifft. Genau hier an dieser Kreuzung befindet sich das Prince Albert. Ein Pub, der von außen sehr einladend wirkt und wo wir uns nach dem langen Spaziergang etwas ausruhen wollen. Ich teste zwei verschiedene lokale Craft-Biere, die mich aber enttäuschen und lande dann doch wieder beim guten alten Guinnes für sage und schreibe 5 Pfund das Pint. Das weiß man, was man kriegt – und was Qualität kostet. Dazu essen wir Pub-Food aus der Fritteuse oder wahlweise Ceasar Salad, frisch wie aus dem Gentechnik-Labor (vermutlich). Eine Geschmacksexplosion darf man da nicht erwarten. Geht es ans Zahlen, bleibt einem dann trotzdem immer ein wenig die Luft weg. London ist teuer. Wir wussten das. Weh tut es trotzdem, wenn man sieht, welche Gegenleistung man anderswo dafür erhält. Da höre ich schon die mir vertrauten Töne: „Das kann man doch nicht vergleichen. Ist halt so.“

Fortsetzung folgt …

G’schwind auf a Seidla nach London – 1 / 5

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G’schwind auf a Seidla nach London – Fotos

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