G’schwind auf a Seidla nach London – 4/5

Millenium Bridge, London

Blick von der Millenium Bridge, London

So viel Diana. Ein Spaziergang tut da gut. Wir flanieren gemütlich durch Kensington Gardens Richtung Queensway, wo wir uns etwas zu essen kaufen und uns dann zurück in den Park begeben, auf einer Bank Platz nehmen, chillen, picknicken, Leute beobachten und über dies und das quatschen.

Von der Tate Modern über Soho, Carnegie Street, Chinatown, Leicester Square nach „Little Greece“

Zum Beispiel auch darüber, was wir am nächsten Tag unternehmen wollen. Dabei steht dasTate Modern auf unserer Liste ganz oben. Seit New York sind wir von großen zu richtig großen Kunst-Fans geworden. Erstrecht von Museen wie das Tate Modern. Denn während MoMA oder Guggenheim richtig viel Geld kosten, ist der Besuch der ebenso weltberühmten Kunstaustellung im Tate Modern für alle Menschen kostenlos. Trotzdem hat die Kunstschau in diesem wirklich sehr ansehnlich umdesignten Industriebau eine sehr hohe Qualität. Man sieht Werke von berühmten Künstlern wie Picasso, Cezanne, Dali, Miro, Klee, um nur einige wenige prominente Beispiele zu nennen. Wem es also Spaß macht über das Wieso, Weshalb und Warum der Gemälde, Skulpturen und Installationen zu sinnieren, ist in einem Museum wie dem Tate Modern genau richtig.

Coole Kunst im Tate Modern

Coole Kunst im Tate Modern

Weniger erbaulich ist dagegen unsere im Big-Bus-Ticket enthaltene Bootstour zwischen Tower Pier und Westminster Pier, die wir uns nach dem Tate Modern vorgenommen hatten, verlaufen. Das blaue Busticket, das uns beim Kauf ausgehändigt wurde, gilt nämlich nicht für den Ausflugsdampfer. Das stellen wir allerdings erst am Tower Pier fest, wo der gelbe Kassenbeleg vorgelegt werden muss, andernfalls darf man nicht an Bord. Denn diesen gelben Beleg habe ich nicht dabei. Deshalb müssen Micha und Jochen draußen bleiben. Toll.

Gegenmaßnahme: Wir fahren mit der U-Bahn vom Tower Hill zur Bond Street. Unser Plan B: in Chinatown Abendessen. Der Weg dahin führt uns quer durch Soho. Wir laufen durch die Carnegie Street, vorbei am Palladium, wo an diesem Abend der maßlos overratete Bob Dylan mit seiner unendlich ätzenden Quängelstimme eines von insgesamt drei – 3! – Konzerten in London gibt, über den Soho Square Garden, wo die Anwohner auf einer abgesperrten Grünfläche den Sommer mit Brass-Band, Drinks und Barbecue begrüßen und dabei von Menschen, die da nicht mitmachen dürfen – der Grund dafür ist mir schleierhaft – von außen wie die Affen im Zoo begafft werden – für kurze Zeit auch von uns – schnurstracks in irgendein chinesisches Lokal, wo wir die obligatorische „crispy duck“ und Tiger-Bier bestellen. Es schmeckt sehr gut, wir wollen uns hier aber nicht zu lange aufhalten – ein To-go-Cafe von Starbuck’s hat mehr Ambiete als dieses Restaurant.

Leicester Square, London

Leicester Square mit Glockenspiel und Beatboxer

50 Pfund ärmer verdauen wir die Ente am Leicester Square unter dem berühmten Glockenspiel, das sich aber nur zur vollen Stunde aktiviert. Dazwischen zeigen in dieser „Fußgängerzone von London“ zahlreiche Straßenmusiker aller Musikrichtungen dem reichlich vorhandenen Publikum ihr Können. Der Straßenrapper vor uns beatboxt sich zum Beispiel beinahe um den Verstand, was zahlreiche, vor allem deutsche Schulklassen auf London-Ausflug zwar gut finden – ich ja irgendwie auch. Der Junge entlockt seinem Mund, das er hinter einem Mikro versteckt, nicht nur einen komplexen Beat, sondern auch den Sound einer mehrköpfigen Band, dass einem schwindelig wird. Respekt. Der Typ mit der Klampfe wenige Meter weiter sagt mir da aber eher zu. Dem Publikum scheinbar auch, denn es bildet sich eine Menschentraube, als der Mann den größten gemeinsamen Nenner unter Straßenmusikern von hier bis nach Israel – „Stairway to Heaven“ – anstimmt. Das Lied passt zu diesem milden Abend in London.

Früshtück im Byzanthium, Moscow Road, London

Früshtück im Byzanthium, Moscow Road, London

Auf dem Rückweg ins Hotel laufen wir an unserem Frühstückscafé „Byzanthium“ in „Little Greece“, so nennen wir die Moscow Road in Notting Hill, weil sich hier beinahe ausnahmslos griechischen Geschäfte angesiedelt haben, vorbei. Dort starren zahlreiche ältere Männer, größtenteils Griechen wie ich annehme, auf den von morgens bis abends laufenden Fernseher. Damit wir über das Seitenfenster sehen können, was da so spannend ist, gehen wir um die Ecke herum. Aha, Basketball – des Griechen große Leidenschaft. Euroleague. Playoffs. Auch ich schaue das gerne. Olympiakos Piräus gegen Anadolou Efes Istanbul. Die Männer sind nervös, es ist knapp. Wir beschaffen uns im Pub nebenan zwei Guinnes und schauen von draußen zu. Der milde, trockene Abend, das kühle Bier, wir alleine zwischen King’s Head und Byzanthium, dazu Spanoulis, der das Ding für Olympiakos schaukelt – ganz klar: der zweite Tag ist für sich genommen eine einzige Emo-Erlebnis-Nische, und zwar die Nr. 2. Check.

Möchtegern-Spielerfrauen-It-Girls, die akribisch das Angebot potentiell in Frage kommender Opfer scannen

Von Emo-Erlebnis Nr. 3 ist dagegen in Camden Market an diesem Samstagmorgen zuerst gar nichts zu sehen. Denn wie viele Dinge in London beginnt auch dieses mit der U-Bahn. Die ist proppenvoll, das sagte ich bereits. Am Ausgang stauen sich die Massen, die einen vor sich her schieben oder schubsen. Ich hatte das nicht so in Erinnerung. Na super. Trotzdem sind Camden Town und der dazugehörige Market irgendwie putzig. Aber auch in diesem Viertel hat die Gentrifizierung zugeschlagen. Es wird gebaut und wo noch nicht gebaut wird, kann man davon ausgehen, dass es das bald wird. Es sind so viele Menschen hier, das man aufpassen muss, nicht auf die Straße gestoßen zu werden, auf der ein SUVs nach dem anderen, abgelöst von deutschen und italienische Sportwagen, durch die Camden High Street blubbert. Nach zwei Stunden Rumgeschiebe, nehmen wir im Pub im historischen Dingwall Building auf der Terrasse Platz, die einen erstklassigen Ausblick auf die Schleuse – das Camden Lock – bietet, über welche diese hübschen, kleinen, typisch englischen Binnen-Schiffchen die Staustufen überwinden. Unter ihnen auch eines mit lauter Frauen an Bord, die wohl die anstehenden Hochzeit der Braut feiern – welche der Damen das genau ist, ist nicht auszumachen und es ist auch egal, so egal wie dem Skipper, der beim Öffnen der handbetriebenen Schleuse etwas genervt die Augen rollt, was bei den zahlreichen Beobachtern der lauten Szene an Bord, in der selbstverständlich viel, viel Alkohol fließt, für ein herzhaftes Lachen sorgt. 10 betrunkene Frauen auf einem Boot – das kann übel enden, scheint er sich zu sagen.

Dingwall Building, Camden Market, London

Dingwall Building, Camden Market, London

Die Ware, die auf den Märkten feilgeboten wird, reicht von Lebensmitteln, teurer Designer-Outlet-Ware über falsche Marken-T-Shirts bis hin zu allerlei England-Souvenirs, die vermutlich aus China, Bangladesh oder Indonsien stammen, und Klamotten aller Art. Nur teilweise finden sich in diesem Angebot auch typische Flohmarktartikel wie z. B. Antiquitäten und anderes altes Zeugs. Das ist bedauerlich. Der Kommerz hat sich weitestgehend auch auf den Straßenmärkten, die ursprünglich als Flohmärkte starteten, durchgesetzt. Wie gesagt, das betrachten wir aus der Distanz von der Terrasse aus, wo sich an diesem Samstag auch Teile der boulevarderfahrenen Londoner Gesellschaft zu Prosecco, Chardonnay oder Champagner treffen. Die erkennt man auch gerne an der Haarfarbe der zahlreichen, weißblond-gefärbten, solariumgebräunten und etwas zu coolen Möchtegern-Spielerfrauen-It-Girls, die hinter ihren Spiegel-Sonnenbrillen aus einem Gefühl der Überlegenheit heraus akribisch das Angebot an Ralph-Lauren-Polohemden tragenden, potentiell in Frage kommenden Opfern scannen. Wir bleiben beim Guinnes.

Fortsetzung folgt …

G’schwind auf a Seidla nach London – 1 / 5

G’schwind auf a Seidla nach London – 2 / 5

G’schwind auf a Seidla nach London – 3/5

G’schwind auf a Seidla nach London – 5/5

G’schwind auf a Seidla nach London – Fotos

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