G’schwind auf a Seidla nach London – 5/5

Jones Butchers, London

Jones Butchers, London

Abendessen beim Italiener in Queensway, das als Höhepunkt u. a. eine Flasche Rosato für uns bereit hält, deren Inhalt zweifellos eine gute Discount-Qualität besitzt, dafür aber stolze 20 Pfund kostet. Summa summarum unterschreiten wir auch bei diesem Abendessen nicht die 40 Pfund Grenze, was ich irgendwie noch akzeptabel finden würde. Das ist so dreist, dass es mir fast ein bisschen die Sprache verschlägt. Aber, ich sage es noch einmal: wir waren ja darauf vorbereitet, ich bin aber trotzdem schlecht gelaunt. Ein Guinness für fünf Pund als Absacker hebt die Stimmung ebenso wieder – und das will etwas heißen -, wie die zwei Folgen „Mad Men“, die wir uns gemütlich im Bett noch anschauen.

„It’s going to get worse“

Nach einem „Full englisch Breakfast“ für günstige 6,90 Pfund laufen wir am Sonntag gegen 11:00 Uhr an der Speakers Corner ein. Mit großer Begeisterung stelle ich fest, dass das auch heute noch ein echter Hingucker ist, den London Besucher nicht verpassen sollten, wenn sie an guten gesellschaftsrelevanten Gesprächen über Politik und Religion, was ja heutzutage gewissermaßen auch Politik ist, garniert mit viel Witz und Humor, Interesse haben. Die Themen haben sich zwar im Vergleich zu den 1980ern und 1990ern verändert, aber trotzdem ist diese Tradition, dass sonntags wirklich jeder auf eine Kiste steigen kann, um seine Botschaft zu jedem x-beliebigen Thema zu verkünden, grandios. Das führte an diesem Sonntag dazu, dass sich zum Beispiel ein Moslem, ein Christ und ein Jude im Dreieck gegenüberstehen, dazwischen eine unentschlossene Menschentraube, die sich nicht entscheiden kann, wem sie nun zuhören will, was wiederum die Speaker zu Höchstform auflaufen lässt, die Zuhörer für das eigene Thema zu begeistern. Wer will, kann verbal intervenieren und den Speaker unterbrechen, Fragen, Anmerkungen, Kommentare oder Kritik einfließen lassen, was irgendwann zu einer Diskussion führt, in der dann der oder die Speaker herausgefordert werden. Dabei geht es mitunter so hitzig zu, dass man meinen könnte, ab jetzt könnte es handgreiflich werden – wird es aber nie. Das ist das Schöne. Es bleibt bei Worten.

It can only get worse, Speakers Corner, Hyde Park, LondonMir fällt ein alter Mann am Rande der Speakers Corner auf. Er sitzt einfach alleine da und hält ein Schild hoch. Darauf steht in großen Lettern: „It’s going to get worse“. Eine Kernbotschaft, die im Grunde auch heute noch jeder Speaker jeden Sonntag auf seine ganz spezielle Art und Weise unterschiedlich interpretiert. Ich frage den Mann, was er damit sagen will. Speakers Corner sei nicht mehr das, was es einmal war. „Too much religion, and less politics“, antwortet er mit zittriger Stimme, die sich wahrlich nicht mehr dafür eignet, hier laut zu sprechen. Nach dem wir geklärt haben, von wo wir hierher nach London herkommen sind und wie wir uns das teure London noch leisten können, lässt uns der nette Mann wissen, dass er es sehr bedauert, dass er nicht mehr hier sprechen kann. Er hätte immer noch viel zu sagen. Zum Beispiel, warum eben in London alles so teuer geworden ist. Stattdessen gehe es heute nur noch um Religion und „rubbish like that“. Um dieses Defizit wenigstens etwas zu kompensieren, arbeitet er diesbezüglich mit dem geschriebenen Wort und verkündet dieses auf seinem Schild, weil er für die laute Rede einfach keine Stimme mehr hat. Das tut er übrigens zweisprachig, denn als er das Schild umdreht steht dort: „Es kann nur schlimmer werden.“ Der Mann freut sich über unsere offensichtlich überraschten Gesichter und über den gelungenen Witz. Da blitzt er hervor, der britische Humor. Dass wir kurz noch über das leidliche Thema Trump gesprochen haben und beide mehr oder weniger einer Meinung sind, rundet das Emo-Erlebnis Speaker’s Corner für mich perfekt ab. Ein schöner Abschluss.

Ryan Air-Exzess

Weniger emotional verläuft die Rückreise. Nach einem Cappuccino, den wir im Hyde Park an einem der Stände in der Nähe der Speakers Corner gekauft haben und auf einer Bank schlürfen, müssen wir uns schön langsam auf den Weg nach Stansted machen. Davor nochmals zurück ins Hotel, Koffer holen, und wieder zur Liverpool Station, wo der Stansted Express abfährt. Wir steigen gegen 15:30 in den Zug, sind eine Stunde später am Flughafen. Unser Flieger geht um sieben. Herrgott, viel zu früh. Nein, ganz und gar nicht. Nicht in Stansted. Denn was sich in der Abflughalle abspielt, lässt sich locker mit einem Viehtrieb im Wilden Westen vergleichen. Tausende Passagiere werden wie Kühe durch abgesteckte Gatter zur Sicherheitskontrolle getrieben. Es dauert etwa eine dreiviertel Stunde bis wir dort ankommen, wo das Personal uns in kommandohaftem Stakkato mit mehreren „no Laptops, Tablets or Liquids in Baggage“ hektisch anbrüllt, um die komplette Prozedur zu beschleunigen. Ist klar, die wollen hier fertig werden. Trotzdem gar nicht nett. Und als ich so hinter mich schaue, ist ein Ende dieses Exzesses nicht unbedingt abzusehen. Da wissen wir noch nicht, das der eigentlich noch vor uns liegt.

Stansted ist im Grunde ein reiner Ryan Air Flughafen. Eine Ryan Air Maschine nach der anderen geht hier raus und rein, so, als ob die ganze Flotte sich hier konzentriert. Es ist unglaublich. Gelandete Maschinen sind tatsächlich nach schätzungsweise maximal 45 Minuten wieder in der Luft. Da müssen alle vorgelagerten Abläufe so optimiert sein, dass hinten raus alles passt. Dazu gehört auch die Abfertigung vor und während der Sicherheitskontrolle. Dabei arbeitet dieser Flughafen längst an seiner Leistungsgrenze. Ein kleines Beispiel: Während das Gate z. B. bei Lufthansa-Flügen ab München, Frankfurt oder Düsseldorf bereits zwei Stunden vor dem Take-off feststeht UND kommuniziert wird, wird diese Information bei Ryan Air in Stansted erst 40 Minuten vor Abflug über das Display ausgegeben.

Prozessoptimierung

Prozessoptimierung bei Ryan Air

Einen gewissen Mindestkomfort zu erwarten wäre in etwa so frech, wie von Wladimir Putin die Rückgabe der Krim zu verlangen. Das würde die Ukraine einiges kosten. Genau wie Komfort bei Ryan Air. Sitzabstand? Ein Fremdwort bei Ryan Air. Es geht sehr, sehr eng zu. Und es gibt nicht mal Netztaschen, wo man sonst allerhand Dinge wie Handy, Sicherheitsinformations-Karte, Kotzbeutel, Airline-Shopping-Magazin und dergleichen aufbewahrt, wie man es z. B. noch bei Billigflug-Wettberwerber WizzAir tun kann. Meine Wasserflasche, die ich mir vorher gekauft habe, halte ich den gesamten Flug über in der einen, mein Handy in der anderen Hand. Die Karte mit den Sicherheitsinformationen wurde kurzerhand auf die Rückseite des Vordersitzes geklebt. Gut beraten ist außerdem, wer sich vor dem Abflug bei seinem Sitznachbarn über seine Flugtauglichkeit erkundigt, was natürlich niemand tut. Trotzdem: Sollte der sich übergeben müssen, kann es sein, das da ein paar Spritzer auf eigener Hose, Hemd oder Sakko landen. Kotzbeutel, die diese sehr geringe Wahrscheinlichkeit noch zusätzlich minimieren, wurden bei Ryan Air mir nichts dir nichts einfach abgeschafft. Denn, gekotzt wird bei Ryan Airline nicht. Es wird stillschweigend empfohlen, das zu unterlassen, nehme ich an. Dafür wird aber mächtig geklotzt. Das sieht man an den Airline Magazinen. Die werden ausgeteilt und – Achtung! – vor der Landung wieder eingesammelt. Jawoll. Dagegen ist zunächste einmal nichts einzuwenden, führt aber dazu, dass manche dieser Wegwerf-Exemplare beim Wiederverwenden im nächsten Flug eher einer zerfledderten Loseblattsammlung gleichkommen als einem schicken Hochglanzmagazin. Mein Heftchen wurde mir jedenfalls zerrupft und abgegriffen überreicht. Die Seiten fielen raus oder fehlten gleich ganz. Diese Form der Fernfahrerromantik hatte ich ausgerechnet hier oben auf 10.000 Meter nicht unbedingt erwartet.

Scheiß drauf, Hauptsache London.

Wurscht. Diese und andere Nicht-Gimmicks optimieren jedenfalls den kompletten Ablauf im und ums Flugzeug. Die Flugbegleiterinnen wirkten sowohl bei Hin- und Rückflug sehr gestresst. Ihre Hauptaufgabe ist es nicht mehr, den Flug für die Passagiere so angenehm wie möglich zu gestalten, was aber nach wie vor behauptet wird. Sie gleichen vielmehr dem Bild einer Messehostess, deren Kernkompetenz alleine im Gut-Aussehen liegt, was wiederum dazu „verführen“ soll, irgendwas – und davon möglichst viel – im Flieger zu kaufen. Dieses „Irgendwas“ bewerben Mädels pausenlos, indem sie fortwährend mit ihm durch den Mittelgang laufen, denn irgendwie muss die Airline ja schließlich Geld verdienen. Bei so viel Marketing bleibt dann auch kaum Zeit, die Sicherheitshinweise vorzuturnen, bei denen sowieso niemand mehr zuschaut.

Stellt man solche Überlegungen an, kommen einem eher früher als später auch die Piloten in den Sinn. Wenn ich mir das recht überlege, will ich darüber aber gar nicht nachdenken, wenn ich weiß, dass sie die Verantwortung für 200 Passagiere tragen, für ihre Arbeit aber schlecht bezahlt werden – 4000 Euro brutto angeblich, ohne Sozialleistungen oder Krankenversicherung, weil die meisten Ryan Air Piloten geschickterweise fliegende Ich-AGs, also selbständig sind. Die Vokabel Work-Life-Balance bleibt vor diesem Hintergrund nicht mehr als ein Worthülse und kommt in dieser sehr speziellen Geschäftsbeziehung über den Status eines Nice-to-have-Features nicht hinaus. Wenn überhaupt, dann muss sich in aller erster Linie der Pilot selbst darum kümmern. Ryan Air ist da raus. Wer da als Pilot schlecht bezahlt wird, unausgeruht ins Cockpit steigt, für das Fliegen aber ein solches Gehalt bewusst in Kauf nimmt, nur, um den Traum vom Fliegen umzusetzen, trifft eine falsche Entscheidung. Eine Entscheidung, die auf Kosten der Sicherheit und deshalb auf Kosten der Menschen geht. Andererseits blenden aber auch die Passagiere – mich eingeschlossen – für einen günstigen Flug alles aus. Scheiß drauf, Hauptsache London.

Als ich darüber nachdenke, sitze ich längst im Flieger nach Nürnberg, halte in der linken Hand die Flasche Wasser, in der rechten Hand mein Handy, weil ich meine „personal belongings“ nicht in meine Sitztasche packen kann, weil da keine Sitztasche ist, dafür aber mit dem rechten Daumen die Spotify-Playlist „London“ aufrufe und auf „Play“ drücke. Sie startet mit „Son of a gun“ von Audioslave. Drei Wochen später begeht Chris Cornell Selbstmord. Was für eine Scheiße. Warum?

Das Metropolen-Reisen hat seinen Charme endgültig verloren. London selbst konnte sich als Stadt davon zwar noch einen kleinen Rest bewahren, aber, wer bitte, braucht heute noch Charme. Selbst Chris Cornell hat sich auf eine gewisse Art und Weise gegen ihn entschieden und unumkehrbare Fakten geschaffen. Das ist fatal. Auf diesem Weg befindet sich auch der Tourismus. Organisation, Prozessoptimierung und Marketing haben übernommen – da bleibt kein Platz mehr für unkalkulierbare Kategorien wie Nostalgie, es sei denn, der Mensch selbst macht sich in diesem Dschungel auf die Suche danach und findet seine ganz persönlichen, wie ich sie nenne, Emo-Erlebnis-Nischen. Das ist gar nicht so einfach. Denn auf diese Form des Großstadttourismus muss sich auch der London-Besucher einlassen wollen, nein, er muss sich öffnen wollen, dann wird er mit spontanen Eindrücken belohnt, die sich zu kleinen, sympathischen Mikrokosmen mit hohem Erholfaktor verdichten. Andernfalls bleibt nur das klassische Sightseeing.

Ob ich wieder komme? Nicht unbedingt.

Reisedaten London:

Reise wurde Ende April 2017 durchgeführt.

Reisedauer: 4 Tage.

Flug: Ryan Air, Nürnberg – London / Stanstead, Flugbuchung über Opodo.de
TIP! Wer seinen Rückflug mit Ryan Air ab Stansted plant, der sollte sich unbedingt an die Empfehlungen auf der ausgedruckten Bordkarte halten und sich spätestens zwei Stunden vor Abflug an der Sicherheitskontrolle anstellen. Die Zeitfenster haben ihre Berechtigung!

Hotel: Premier, 5 – 7 Princess Square, Notting Hill, London, Hotelbuchung über booking.com

Kosten

Flug: ~ 100 EUR / Pax

Hotel: ~ 350 EUR / Pax OHNE Frühstück für vier Übernachtungen

Stansted-Express: ~ 50 Pfund / Pax
Beim Kauf eines „Two-Way-Tickets“ nach Ankunft in Stansted oder vorab im Web unter www.stanstedexpress.com/

U-Bahn Ticket; 25 Pfund pro Pax
(aufgeladen mit 20 Pfund, plus 5 Pfund Deposit, die man bei Rückgabe der Karte z. B. in der Liverpool Station zurückerhält)

Zwei-Tages-Big-Bus-Ticket inkl. Stadtrundfahrt & Oneway-Bootstour zwischen Tower Pier & Westminster Pier, 50 Pfund / Pax
Für Bootstour unbedingt gelben Beleg vorlegen.

Gesamtkosten: 575 EUR / Pax

zzgl. Verpflegung wie z. B.
Frühstück: „Full english Breakfast“ um die 10 Pfund inkl. Cafe / Pax
Lunch: Sandwich, Getränk, Obst ~ 8 – 10 Pfund / Pax

Restaurant: Essen gehen für zwei Personen, ein Gericht mit Getränk, 50 Pfund
Ein Pint liegt zwischen 4 und 5 Pfund (Guinness)

Besuchte Gastronomien (u.a.):

The Good Yard, Food-Take-Away u. a. mit gutem Frühstück, nähe Liverpool Station

Mike’s Cafe, Blenheim Cresenct, Notting Hill
Nettes Café in dem der Chef, ein Notting Hiller Urgestein noch selbst aktiv ist. Gegenüber des berühmten Bookstores aus dem Hollywood-Film „Notting Hill“

Byzanthium, Moscow Road, Notting Hill
Frühstücks-Diner wo man für 6,90 Pfund ein okayes full englisch Breakfast und wirklich guten Café.

King’s Head
Cooler Pub, direkt neben dem Byzanthium, Moscow Road, Notting Hill

Prince Albert
Hübscher Pub, Notting Hill Gate

Pub im TE Dingwall Building, mit Terrasse direkt über dem Camden Lock, London, U-Bahnstation „Camden Town“

Playlist

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.