Der Amtmann und die 25 Fechser

Schlossgarten Castell

Schlossgarten Castell

Ich muss ja für das fränkische Weinland echt mal eine Lanze brechen. Wir suchten maximale Kurzerholung und wollten nicht weit fahren. Die Lösung: Sowohl in kulinarischer als auch in kulturlandschaftlicher Hinsicht sind Gäste im immer noch oft unterschätzten „Weinfranken“ hervorragend aufgehoben. Das wollte ich irgendwie so gar nicht glauben. Im 800-Seelen-Örtchen Castell fanden wir exzellente Weine, leckeres Essen, traumhaftes Wetter und viel Geschichte.

 

Wie, um Himmelswillen, sollen wir die Tage in Castell nur rumbringen?

Dafür, dass Castell recht überschaubar ist, hat es enorm viel zu bieten. Dazu gleich mehr. Das Dorf liegt keine 50 km von Bamberg. Wir fahren über die schöne B22, die uns durch den Steigerwald führt. Das dauert normalerweise länger als über die Autobahn, weil ich befürchte, dass wir uns an diesem Augustwochenende eher früher als später langweilen würden. Deshalb versuche ich die Ankunft in Castell möglichst lange hinauszuzögern. Deshalb also die B22. Dann haben wir mehr von der Fahrt. Und dann kommt mir ein heftiges Gewitter zu Hilfe. Perfekt. Es schüttet wie aus Eimern. An ein zügiges Vorankommen ist nicht zu denken. Gut so. Denn genau das wollte ich ja. Angesichts des Wetters graut es mir jedoch vor Samstag und Sonntag. Wie, um Himmelswillen, sollen wir die Tage in Castell nur rumbringen?

Kurz nach 17 Uhr Ankunft im Gasthof Schwan in Castell. Wir wollen rein, aber die Tür ist abgeschlossen. Im Internet stand, ab 17 Uhr geöffnet. Geht ja gut los. Wir klingeln mehrmals bis endlich eine junge, sehr freundliche Dame öffnet, uns in Empfang nimmt und uns unser Zimmer zeigt. Das Zimmer ist groß, sehr groß. Wir blicken auf einen riesigen Obstgarten mit Bäumen und Wiesen. Schön. In weiser Voraussicht hatte ich beim Buchen um ein ruhiges Zimmer, möglichst von der straßenabgewandten Seite, gebeten, denn der Gasthof liegt direkt an der viel befahrenen B289. Mein Wunsch wurde erhört. Wir schlafen nachts wie die Steine. Samstagmorgens stellen wir fest, dass es so ruhig ist, dass es beinahe schon wieder unheimlich wird.

Ich sagt es bereits, die Zimmer sind groß, die Betten gut. Die Zimmereinrichtung ist etwas in die Jahre gekommen. Wir bezahlen 80 Euro inklusive echt okayem Frühstück mit Rühreiern, Brötchen, hausgemachter Marmelade, Wurst, Käse und und und.

Nach dem Frühstück machen wir uns auf ins Dorf. Castell ist wirklich sehr hübsch. Man hat den Eindruck, es hätte sich extra für uns herausgeputzt, so sauber, so nett sieht es aus. Wir sind gefühlt die Einzigen, die an diesem Samstagvormittag durch das Dorf spazieren. Alles so still, nur hie und da hört man gedämpfte Stimmen aus Hinterhöfen, vereinzelt kommen einem vermutlich Casteller Einwohner entgegen. Man begrüßt sich mit einem „Grüß Gott“, was gemeinhin zu dem Schluss führt, dass die Welt hier noch in Ordnung sei.  Der Tag geht seinen Gang und der Weg führt bergauf, vorbei am castell‘schen Schloss mit seinem imposanten Schlossgarten. Die Anlage wurde einst von eben jenem Fürsten hier erbaut: dem Grafen von Castell-Castell. Warum es gleich zwei Castell im Namen sind? Weiß der Schinder … aber wir klären das noch.

Gasthaus zur Krone von Frau Schmidt, Castell

Gasthaus zur Krone von Frau Schmidt, Castell

Extrem hohes „Abgrundpotential“

Es gibt reichlich Fachwerkhausromantik zu sehen in Castell – u. a. auch das „Gasthaus zur Krone von Frau Schmidt“. Wir kommen beim berühmten Weingut von Castell an. Das heißt nicht einfach nur Weingut Castell sondern Fürstlich Catell’sches Domänenamt. Das verleiht dem Wein einen wahrhaft amtlichen Charakter. Und mit dem Amt bzw. einem Amtsmann hat auch die Geschichte des Weines in Castell sehr viel zu tun. Mehr dazu gleich. Das Weingut befindet sich in Besitz des Adelsgeschlechtes Castell. In der jüngeren deutschen Geschichte dominiert, wie bei so vielen Adelsfamilien, immer wieder deren nationale Gesinnung, ist bei Wikipedia zu lesen. Da ist es keineswegs überraschend, dass auch die Catells sich erst spät nach dem zweiten Weltkrieg um Versöhnung und Aufklärung bemühten. Dass das ernst gemeint war und ist, ist schwer zu glauben, denn auch heute noch beherrscht offensichtlich sehr fragwürdiges Gedankengut die politische Ausrichtung der Familie. Albrecht Fürst zu Castell-Castell machte etwa mit höchst zweifelhaften Aussagen zur Besetzung kirchlicher Ämter mit Frauen sowie zur Ausrichtung der evangelischen Landeskirche in Bayern nach dem Vorbild der Bekennenden Kirche im Dritten Reich auf sich aufmerksam. Sein Engagement zur Aussöhnung und Entschuldigung ist zweifellos aller Ehren wert, wird aber angesichts dieser scheinbaren Doppelmoral nicht so recht den Eindruck eines ablasshandelartigen Deals, den der Graf mit sich und der Welt arrangiert hat, los.

Andererseits, wer Ver- und Aussöhnung oder Entschädigung und Entschuldigungen fordert, der muss bei allem Leid auch grundsätzlich in der Lage sein, zu verzeihen – auch jenen, die unterdrückt haben. Nur wie stellt man das an? Geld alleine ist da keine Lösung. Mir fällt diesbezüglich immer wieder Südafrika nach dem Ende der Apartheid ein. Mit Desmond Tutus Reconciliation Commission ist dieses Land einen bis heute beispiellosen Weg der Aufarbeitung, der Aus- und Versöhnung gegangen. Dahinter steckt aber die Bereitschaft zu harter Arbeit, Arbeit an sich selbst.

Man könnten nun behaupten, mit dem Tod Albrechts im Jahr 2016 sei auch die politische Gesinnung in dieser Adelsfamilie ausgestorben. Ohne hier eine Art Pauschalurteil fällen zu wollen, so richtig überzeugt mich dieser Schluss nicht. Gerade Adelsfamilien verfügen oft über ein extrem hohes „Abgrundpotential“, welches deren dunkle Seite eben oft nicht zum Vorschein bringt, weil die zu gerne im Verborgenen bleibt. Zu sehr ist man da an selbstauferlegte, traditionelle Prinzipien, geheime Verhaltenscodes und irgendwelche anderen „Regeln“ gebunden und verfällt dabei immer wieder in den erzkonservativen Habitus „angeborener Deutungshoheit“ und „elitärer Standesattitüden“. Sicher, es gibt Ausnahmen, will heißen, blaublütige Menschen, die sich davon lossagen. Zweifel bleiben trotzdem.

Ohne auszuflippen, kann ich sagen, dass auch das Essen diese erstklassigen Weine absolut verdient hat.

Castell ist freilich nicht die einzige Ort in Deutschland und anderswo, der versucht mit den Irrungen seiner Geschichte sowie der Geschichte der Menschen, die dort leben, zurechtzukommen. Falsch wäre es dagegen, vergessen zu wollen. Vor diesem Hintergrund fällt es sehr schwer, mit einem hervorragenden Castell-Silvaner anzustoßen. Schweren Herzens muss ich sagen, der Stoff, den as Domänenamt herstellt, schmeckt erste Sahne. Davon überzeugen wir uns tags zuvor, als wir im Schwan zu Abend essen. Wir entscheiden uns für einen Frankensecco als Aperitiv und danach dann für einen Silvaner – wichtig: große oder erste Lage! –, eine Casteller Spezialität, die in den endlosen Weinbergen – insbesondere auf dem Schlossberg – rund um das Dörfchen herum angebaut wird. Er kommt wohl temperiert, also gut gekühlt daher. Das Glas ist beschlagen, deshalb hat er in diesem gechillten Zustand eine sehr schöne, matte, beinahe ins Grünliche gehende Farbe. Ich mag das. Meine Laienzunge glaubt, leichte, wohlige Geschmacksnoten von Zitrusfrüchten zu erschmecken. Fakt ist: Der Tropfen zaubert uns ein Lächeln ins Gesicht. Und wenn ein Wein das schafft, hat er seine Hausaufgaben erledigt. Wirklich sehr lecker.

Gruß aus der Küche im Schwan, Castell

Gruß aus der Küche im Schwan, Castell

Ohne auszuflippen, kann ich sagen, dass auch das Essen diese erstklassigen Weine absolut verdient hat. Nett war der Gruß aus der Küche: Zwei Schlücke Suppe, serviert in einer Esspresso-Tasse – witzig und sehr schmackhaft. Ich erinnere mich, dass es sich um eine Art Kräutersuppe handelte … aber auch die Vorspeise war ein Gedicht. Es gab Lammleber auf einem Graupen-Gemüse-Nest oder so. Die Leber war so rosa, so weich, so zart, dass sie wie ein Eis auf der Zunge zerschmolzen ist. Selbst Jürgen Dollase hätte sich an diesem Gericht delektiert. Als Hauptgericht wählen wir Forelle, die ebenfalls sehr gut schmeckt, aber nicht ganz an unseren Forellen-Favoriten beim Gasthof Winfelder am See in Stegaurach bei Bamberg herankommt, wo man z. B. im Frühjahr Bärlauchforelle serviert, die wirklich eine Offenbarung ist. Aber wir haben ja nun mal nicht Frühjahr, sondern Spätsommer. Die Käseplatte am Schluss war jetzt nicht überragend, aber sie kann sich dennoch sehen lassen. Vor allem die lokalen Käsezubereitungen, so wurde mir versichert, wussten zu überzeugen.

Slivaner Reebe in Castell

Slivaner-Reebe in Castell

Amtmann Kröner und die 25 Fechser

Aber zurück zum Wein. Der Silvaner hat in Castell eine lange Tradition. Seine Anbaugeschichte ist hochinteressant und reicht bis ins 17. Jahrhundert, genauer gesagt bis zum 6. April 1659 zurück. Es war der Tag der ersten Silvaner-Anpflanzung in Castell. Und nicht nur das: Mit dieser Casteller Silvaner-Premiere feierte dieser Wein sein Geburtsstunde in ganz Deutschland bzw. das, was damals als Deutschland bezeichnet wurde. Es waren zwei Ereignisse, die ausgerechnet dem Silvaner den Weg nach Castell ebneten. Der 30jährige Krieg, der sowohl eine extreme Zerstörung als auch eine Entvölkerung, wie sie das Land noch nicht gesehen hatte, nach sich zog. In der Folge mussten 75% der Anbaufläche aufgegeben werden. Außerdem brachte die „kleine Eiszeit“ eine starke Klimaveränderung mit sich, die sich negativ auf die Weinlese und die derzeit angebauten Reeben auswirkte. Die Konsequenz: eine Neuausrichtung des Weinbaus und die Suche nach neuen, widerstandsfähigen Reebsorten.

Die Silvaner-Reebe stammt ja eigentlich aus Österreich, weshalb der Wein früher auch „Osterreicher“ genannt wurde. Verhältnismäßig kaltes Klima war er also gewohnt. Damit eignete er sich auch bestens für das fränkische Wetter. Wie aber kam die Reebe nach Franken? Und wieder einmal hatte die katholische Kirche die Finger im Spiel, denn die Reebe wurde wohl von den Ebracher Zisterzienser-Mönchen importiert. Und wie die Kirche nun mal so ist, war sie selbstverständlich auch in Österreich präsent. D. h. es gab natürlich auch österreichische Zisterzienser-Mönche. Eine grundlegende Voraussetzung war also mit der „Zisterzienser-Connection“ zwischen dem Alpenland und Castell erfüllt, um die Silvaner Reebe von Österreich nach Franken zu bringen. Im castell’schen Dorf Obereisenheim hatten die Mönche des Klosters Ebrach, wie sollte es auch anders sein, umfangreichen Besitz und hier trafen die beiden fränkischen Silvanerpioniere Castell und Ebrach zusammen, ist auf castell-gemeinde.de zu lesen. Und schließlich war es derm castell‘schen Amtmann Georg Kröner vorbehalten, die ersten 25 „Fechser“ – so heißen die Stecklinge auf Unterfränkisch – auf seinem Weg von Obereisenheim, wo er immer beim Wirt Georg Kraus einkehrte, nach Castell zu bringen. Das war am 5. April 1659, einen Tag vor der ersten Anpflanzung. Ob sich Amtmann Kröner der Tragweite seiner Handlung damals bewusst war? Eher nicht. Ich würde ja einen Wein nach ihm benennen und coole T-Shirts mit seinem Ebenbild oder dergleichen anfertigen lassen. Etwas Verkaufsförderung darf es schon sein. Bei Großstädtern kommt das bestimmt gut an … obwohl, nee, lieber nicht. Es passt schon so wie es ist.

Auch im Weinbaumuseum zu Castell sind wir allein. Niemand sonst weit und breit. Es befindet sich direkt hinter oder vor dem Rathaus – kommt drauf an, aus welcher Richtung man sich annähert. Hier können Besucher die eindrucksvolle Weinbaugeschichte Castells im Zeitraffer durchleben. Alte Exponate, Weinbauwerkzeuge, Fotos und Dokumente zeigen, wie aufwendig Weinbau früher war. Tatsächlich war das Knochenarbeit. Auch heute noch sind viel Handarbeit und körperliche Anstrengung damit verbunden. Allerdings macht der technische Fortschritt auch vor dem Weinbau nicht halt. Es gibt lustig aussehende Weinbaumaschinen, die den Winzern bei der Ernte im Weinberg helfen und die Arbeit deutlich erleichtern. Ein Video, in welchem ein sehr netter Casteller Winzer erklärt, wie eigentlich Weinbau funktioniert, worauf es dabei ankommt und wie man etwa Reeben richtig zieht und beschneidet, ist wirklich sehr anschaulich und auch ein bisschen unfreiwillig lustig, wenn ich das sagen darf. Aber genau das macht es ja auch aus. Das sympathische Filmchen ist im Grunde wie der Silvaner, den wir gestern Abend getrunken haben. Es zaubert uns ein Lächeln ins Gesicht. Und das ist gut.

Das Wetter am Samstag hat sich gewandelt. Gestern Regen, Gewitter sogar und heute wohlige 20 Grad und Sonne. Nach dem Dorfspaziergang entscheiden wir uns, durch die Weinberge nach Greuth zu laufen. Wir gehen etwa ein Stunde inklusive Pause am Silvaner Denkmal, von wo wir die malerische Aussicht auf die Weinberge und auf Castell genießen. Und, wir sind nicht alleine. Ein gut ausgerüstetes Ehepaar mit Rucksack, Wanderschuhen, GPS und Funktionswanderklamotten kommt vorbei und grüßt uns. Wir, ganz und gar nicht im Wanderoutfit, kommen uns für diese Bedingungen etwas „underdressed“ vor und hinterlassen einen vermutlich sehr städtischen Eindruck bei den Herrschaften. Obwohl wir eigentlich nur aus Bamberg und nicht aus München – das zu betonen, ist uns wichtig – oder sonst wo herkommen … na ja …

Tuning in Greuth

Nach gut einer Stunden laufen wir in Greuth ein. Wir wollen zum Weingut Brügel. Dort erhoffen wir uns eine schöne Pause bei einem guten Schoppen, den wir in der Sonne genießen wollen …. aber, Greuth ist an diesem wunderschönen Samstag wie ausgestorben. EIN getunter, babyblauer Golf GTI mit Gruppe-A-Abgasanlage fährt auf der Hauptstraße mit lautem Getöse an uns vorbei, um wenige Meter hinter uns elendig zu verrecken. Ich vermute Steuerkette gerissen, Ventile verbogen -irgendsowas. Hörte sich wirklich schlimm an. Ich schüttele mich, so wie wenn man mit Kreide entgegen der Schreibfläche auf der Tafel entlangfährt oder Styropor mit den Händen zermalmt. Uuähhhh! Der junge Mann versucht krampfhaft, die Karre noch mal zum Laufen zu bringen. Erfolglos.

Schoppen Frankensecco bein Weingut Brügel, Greuth, Castell

Schoppen Frankensecco beim Weingut Brügel, Greuth, Castell

Dieser samstägliche Höhepunkt im Dorfgeschehen trägt sich binnen 15 Minuten zu, in denen wir uns Richtung Weingut Brügel bewegen, bevor der junge Mann sein Auto einfach stehen lässt und Greuth wieder in den Tiefschlaf verfallen lässt, aus dem es eine Viertelstunde vorher von diesem frisierten Monster, dass das Auto gern gewesen wäre, gerissen wurde. Gut so. Wir biegen zum Weingut Brügel ein und stellen fest: auch hier ist niemand da. Vorsichtig drücke ich die Türklinke zum Verkostungsraum nach unten und tatsächlich, die Tür lässt sich öffnen. Drinnen macht eine Dame Kasse. Dürfte nicht viel drinnen sein, wenn man vom Leben auf der Straße auf die Besucherfrequenz schließen darf. Wir fragen, ob wir einen Schoppen kriegen. „Mir sin eichentlich ka Wirtshaus“, sagt die ältere Dame. Ich nehme an, es war Frau Brügel senior. Aber trotzdem fragt sie uns: „Was soll’s denn sei?“ „Frankensecco?“, frage ich vorsichtig … „Ausnahmsweise“, sagt Frau Brügel, lächelt und gewährt uns einen Schoppen, nach dem wir Ihr mitgeteilt haben, dass wir aus Castell hergelaufen sind. Und dann stellt sie uns sogar noch eine Flasche Wasser hin. Wirklich sehr nett. Wir geben ihr ein ordentliches Trinkgeld und bedanken uns freundlich bei Ihr. Im Hof genießen wir den Secco, der so frisch, fröhlich und leicht schmeckt und nicht zu viel Kohlensäuere hat und uns deshalb nur minimal am Gaumen kitzelt.

Nach dem Weg zurück wollen wir nochmal zum „Weingarten“ schauen, den wir vormittags am Ortsausgang von Castell entdeckt hatten. Da hatte die Gastronomie allerdings noch nicht geöffnet. Jetzt kann man sehen, dass Gäste da sind. Wir laufen nach oben und es offenbart sich an diesem Spätsommernachmittag ein sehr laues Plätzchen, um z. B. den Durst nach dem Fußweg von Greuth nach Castell zu stillen. Wir tun das stilecht mit zwei Schoppen Silvaner und ergattern den letzten Platz auf der Sonnenterrasse, die uns einen grandiosen Blick auf die Casteller Weinberge bietet. Und dann fange ich mir doch noch einen kleinen Sonnenbrand im Gesicht ein, so stark knallt die Sonne jetzt herunter. Wer hätte das gedacht…

Am Main-Strand von Nordheim

Am Main-Strand von Nordheim

Am Sonntag fahren wir über die Mainschleife zurück Richtung Bamberg. Und wir stellen fest: Gut, dass wir uns für Castell entschieden haben bzw., dass wir in Sommerach bzw. in Nordheim, den beiden Wimbledons des Frankenweins, keine Unterkunft bekommen haben. Hier ist es einfach nur voll. Anders kann man es nicht sagen. In Nordheim etwa empfängt das Besucherzentrum der Winzergenossenschaft die Gäste. Es ist schon um 11 Uhr voll, denn selbstverständlich gibt es dort den sicherlich hervorragenden Frankenwein aus Sommerach zu kaufen. Alles ist hier wohl gestreamlined. Tourismus, Marketing, Wein – da steckt reichlich Power dahinter. Nach einem kurzen Halt am Main schauen wir, dass wir schnellstens von hier verschwinden. Aber die Fahrt ist wirklich schön. Beinahe endlose Weinberge säumen das Maintal und die Sonne sorgt für mediterranes Flair, so das man denkt man sei in der Toscana oder im Nappavalley oder so … als für die, die schon im Nappavalley waren … ich war es noch nicht …

Baumwipfelpfad, Steigerwald

Baumwipfelpfad, Steigerwald

Baumwipfelpfad: rein, rauf, raus

Die letzte Station auf unsere Wochenendtrip soll der Baumwipfelpfad im Steigerwald sein, der im März 2016 eröffnet wurde. Ich gehe mit sehr niedrigen Erwartungen dahin. Und die werden auch nicht enttäuscht. Im Vergleich zum Baumwipfelpfad im Bayerischen Wald, wo man, wenn man oben ankommt, wenigstens den Arber und andere Gipfel sieht, obwohl auch hier der Terminus Gipfel die Bergspitzen dieses Mittelgebirges nicht treffend beschreibt, sieht man im Steigerwald eigentlich nur Wald. Punkt. Die landschaftliche Abwechslung für das Auge hält sich in Grenzen. Ok, hier geht es ja auch um das Ökosystem Wald. Das versuchen die Macher beispielsweise in einer App rüberzubringen, die ich auch runterlade und versuche zu bedienen, aber dann daran scheitere, weil ich zu blöd bin oder die App zu kompliziert? Ist auch egal. Nach der ersten Station gebe ich auf. Für Kinder mag der Baumwipfelpfad ja ganz spannend sein, aber nicht für mich. Und ich hab ja auch gar nichts gegen den Baumwipfelpfad. Wald ist gut und wichtig und pädagogisch wertvoll. Aber ich finde es ökologisch sehr fragwürdig, wenn man mitten in der Pampa einen Baumwipfelpfad errichtet, der tausende Menschen dazu bringt, mit dem Auto teilweise von weither dorthin zu fahren. Gerade nach dem Dieselskandal dürfte sich die Ökobilanz dieses Stückchen Steigerwaldes sehr stark dem einstigen Braunkohletagebau im „Tal der Ahnungslosen“ annähern, jetzt mal übertrieben ausgedrückt, weil anders versteht ja heute eh keiner mehr was. Und dann stellt man fest, dass man für die Ahnungslosigkeit nicht unbedingt ein Tal braucht. Da reicht auch ein Wald. Ganz ehrlich: Amikrämpf. Deshalb sind wir schnell damit durch. Rein, rauf, raus, so könnte man unseren Besuch des Baumwipfelpfades beschreiben. Auf dem übervollen Parkplatz steht sich derweil ein Tesla-Vertreter die Füße in den Bauch und erfüllt die Ökologiequote. So ein Sonntag kann da ganz schon lang werden, denn die diesellastigen Steigerwaldbesucher mögen sich nicht so recht für sein schickes E-Mobil begeistern. Uns begeistert dagegen die Aussicht auf das beste Schäuferla im Bamberger Land, dass wir uns zum Abschluss dieses Wochenendes beim Winnie in Wernsdorf gönnen. Dass das Lokal in „Bierfranken“ längst nicht mehr vom Winnie, dem ehemaligen Wirt, betrieben wird – und das aus guten Gründen –, aber im Volksmund trotzdem noch so heißt, amüsiert uns. In Franken ändern sich manche Dinge eben nie oder höchstens sehr langsam. Das nervt manchmal, aber manchmal sorgt diese Konstanz auch für Stabilität im Leben.

 

 

 

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