Destination Basketball: Lissabon-Porto-Chapter

Tram 28, Lissabon

Tram 28, Lissabon

Das nächste Kapitel der Destination Basketball: Lissabon und Porto. Die Geschichte beginnt nicht gut. Denn ich habe meine Sonnenbrille verloren. In Lissabon. Na toll.

Das stell ich mitten in der ersten Nacht in Lissabon fest, als ich nach einem langen Tag todmüde in meinem merkwürdigen Hotel ankomme, bei dem ich an vier von fünf Tagen die abgeschlossene Eingangstür nicht öffnen kann, weil das Schloss klemmt. Deshalb muss ich die „Notrufnummer“, die mir die Chefin dieses Etablissements wohl in weiser Voraussicht gegeben hat, um Hilfe bitten. Am Anfang find ich das noch irgendwie ganz nett, aber irgendwann nervt es einfach nur noch. Denn obwohl ich einen Schlüssel habe, steht ab 23:00 Uhr zwischen mir und meinem „Castello“, so heißt mein Zimmer, diese Eingangstüre, die sich nicht öffnen lässt, weil das Schloss klemmt. Das tut es dann natürlich nicht mehr, wenn die Notfallnummer Hilfe geschickt hat. Mit hudson-hawkesquem Fingerspitzengefühl eines Profisafeknackers dreht der „Nachtportier“ so selbstverständlich den Schlüssel herum, als schneide er mit einem scharfen Messer durch weiche Butter. Kleinigkeit. Das geht jede Nacht so.

Singalesisches Familienunternehmen, das auf Pressspanoptik setzt

Das Hotel scheint ein, ich nehme an, singalesisches Familienunternehmen zu sein. Diese Menschen sprechen ein für Westeuropäer etwas komisches, ich würde sagen „ör“-lastiges Englisch – das „r“ spricht man dabei wie beim englischen „are“ aus –, wodurch der harte Akzent nicht so sehr zum Vorschein tritt, wie wenn etwa ein Südafrikaner Englisch spricht. Dazu wackeln diese Menschen beim Reden immer mit dem Kopf, so, wie wenn wir bei einem „Nein“ den Kopf horizontal hin und her bewegen. Die tun das selbst dann, wenn Sie „Ja“ sagen. Für einen Mitteleuropäer kann das sehr verwirrend sein.

Aber, meine Gastgeber wirken freundlich und sind anfangs sehr bemüht – wahrscheinlich wollen Sie das gewöhnungsbedürfte Design der Zimmer damit kompensieren oder wenigstens die Aufmerksamkeit davon wegleiten. Denn zu Beginn sieht die Pressspanoptik ja noch recht adrett aus, offenbart dann aber sehr schnell sehr krasse Defizite. Mit anderen Worten: Die Wände aus Pressspanholz lassen nicht nur Hellhörigkeit vermuten, sie – Achtung, Überraschung –  sind es auch. Man hört alles. Und mit alles mein ich auch wirklich alles. Jaha. Da hab ich mich wohl von booking.com täuschen lassen. Kommt vor. Abhaken.

Ich sitze also vor der Pension im ersten Stock der Rua dos Franqueiros Nummer hundertundeinpaarachzig und warte auf den Schlüsselmeister. Es ist 1 Uhr morgens oder so. Meine Sonnenbrille ist weg. Hinter mir liegen mein erster Tag in Lissabon und bereits drei Tage Porto. Wir sind am späten Nachmittag in Lissabon mit dem Zug aus Porto angekommen und haben uns danach ins Nachtleben der portugiesischen Hauptstadt gestürzt.

Ein bisschen wie in Connewitz in den 90er Jahren.

Ein bisschen wie in Connewitz in den 90er Jahren.

Wenn man Porto mit Lissabon vergleicht und dann ein Urteil fällen müsste, welche Stadt besser ist, wäre Porto meine erste Wahl. Weil sich Porto noch nicht voll und ganz im Tourismus-Trimm befindet. Es gibt noch Ecken und Nischen in dieser sehr studentischen Stadt, die ursprünglich sind. Als ich von meiner wirklich hübschen und guten Unterkunft in Porto, dem By the River Guesthouse in der Alameda Basílio Teles 22, in unmittelbarer Nähe des Straßenbahnmuseums, dem Museo Carro Eléctrico, hinauf in die Altstadt laufe, führt mich mein Weg durch die Rua da Restauração. Auffallend viele leerstehende, alte, verfallene Gebäude säumen die Straße. Sie würden auch gut und gerne zu den Hausbesetzerszenen der Leipziger Südvorstadt, Berlin-Kreuzberg oder der Hamburger Hafenstraße passen. Der Unterschied hier ist jedoch: Es fehlen die Hausbesetzer. Ob diese Zeiten hier in Porto längst vorbei sind oder noch nie angefangen haben – keine Ahnung. Aber selbst in diesem desolaten Zustand, kann man klar erkennen, dass diese Gebäude einmal prächtige Architekturschönheiten waren. Das gefällt mir. Das hat so etwas Rohes, Dreckiges … es ist pur. Auch aus so was kann Neues entstehen. Noch aber scheinen diese Stadtbezirke am Zentrumsrand noch nicht so attraktiv zu sein, als dass sich jemand finden würde, hier zu investieren – oder die Gebäude einfach zu besetzen, bevor irgendein Immobilienspekulant den Gentrifizierungsprozess in Gang setzt. Portugal ist wohl eine der wachstumsschwächsten Volkswirtschaften im EU-Raum. Gentrifizierung, so sie denn in Porto nicht bereits begonnen hat, bräche vielen Menschen, die in diesem Teil der Stadt leben, wohl sprichwörtlich das Genick. Noch aber kostet ein Espresso im Café direkt neben meinem Guesthouse sehr vernünftige 90 Cent. Mich umschleicht ein ungutes Gefühl, dass durch Menschen wie mich, durch Touristen, diese Preise wohl auch in Porto bald der Vergangenheit angehören dürften.

Portugal-Anfängerfehler

Von meiner Pension dauert der Weg in Portos Altstadt zu Fuß etwa 25 Minuten. Es geht stetig bergauf. Damit muss der Städtetourist in Portugal klar kommen, ganz besonders in Porto und Lissabon – oder dann eben die gute alte Tram nutzen. Jene in Porto ist die älteste der Welt, heißt es. Die Weichen stellt der Tramfahrer hier noch selbst. Um diese Arbeit zu verrichten, muss der Fahrer den Wagon verlassen. Mit einer Eisenstange legt er die Weichen von Hand um. Ob die Fahrer deshalb immer so schlecht gelaunt sind?

Am ersten Abend in Porto entscheide ich mich für den Fußmarsch. Ein Portugal-Anfängerfehler. Vom Anstieg etwas außer Atem komme ich schließlich verabredeten Treffpunkt irgendwo im Zentrum von Porto an. Brendan ist schon seit heute Nachmittag in der Stadt, ich bin erst um sieben Uhr abends gelandet. Nach gut einem Jahr treffen wir uns also in Porto wieder. Von daher gibt es viel upzudaten.

Wir sprechen über Oklahoma, über Carmelo Anthony, natürlich. Und warum ich nach der Woche Portugal nicht mit Branden nach Barcelona und Madrid komme, um u. a. das ACB-Spiel Estudiantes vs. Joventud oder so anzuschauen. Geht nicht. Arbeit, kein Urlaub mehr und dazu auch noch keinen späten Heimflug am Samstag, der es mir ermöglicht hätte, das Spiel tatsächlich zu besuchen. Und außerdem brauche ich mit dem Sonntag wenigstens einen Tag, um wieder runterzukommen und mich auf den Montag im Büro vorzubereiten. Das klingt jetzt langweilig und passt so gar nicht in die schillernde Basketballwelt, in der Brendan jeden Tag in einer anderen Euroleague-Metropole verbringt. Als Scout von Oklahoma wird von ihm verlangt, dort zu sein, wo die europäischen Spitzenteams zu Hause sind. Belgrad, Moskau, Athen, Istanbul, Madrid, Barcelona, Tel Aviv und …. Bamberg selbstverständlich. Ich muss lachen. Keine drei Wochen nach unserem Portugal-Trip kommt er in die, na gut, meinetwegen, „oberfränkische Metropole“ Bamberg. Euroleague schon wieder. Wir nutzen diese Gelegenheit: Hofbräu, Müller, Dude. Muss sein.

In Porto

In Porto

Das Jahr hat vieles verändert. Oder auch nicht. Am nächsten Tag sitzen wir in einer Strandbar im Stadtteil Foz (ausgesprochen: Fos) direkt am Meer mit malerischem Blick auf den Atlantik. Die Sonne scheint, 20 Grad. Es ist 12:00 Uhr. Wir killen eine Flasche Weißwein. Er sagt so Sachen wie, er will nicht mehr in den USA leben, er wird eines Tages in die BBL zurückkehren und er denkt darüber nach, aus Berlin wegzuziehen. Wir sprechen wieder über alte Zeiten. Bamberg. Basketball. Das legendäre Berlin-Finale 2011. Schöne Erinnerungen. Zwischenzeitlich habe ich mit Basketball so viel zu tun, wie ein Porsche Cayenne mit Schadstoffarmut. Warum, fragt er mich? Das hat verschiedene Gründe, aber für mich ist es ok so, wie es ist. Nach all den Jahren will er plötzlich wissen, was bei mir damals schief lief. „Issues, politics“, antworte ich und bin darüber sehr überrascht, weil es so routiniert rüberkommt. Als hätte ich von Bamberg nichts anderes erwartet. Dabei whatsappt er mit Chris Fleming. Wir grüßen uns – long time no see. Bamberg, Berlin, Porto, Brooklyn … das alles spielt sich in wenigen Minuten ab. Da kann es einem manchmal schwindelig werden. Wir stoßen an und sind froh, hier zu sein.

Strandbar in Foz, Porto: Essen, trinken, über Basketball philosophieren.

Strandbar in Foz, Porto: Essen, trinken, über Basketball philosophieren.

Ist unser Langzeit-Projekt „Destination Basketball“ damit hinfällig? Ja und nein. Denn es war und ist ja dieser Sport, der gewisse Prozesse in Gang gesetzt hat und mir am Ende, bei allem, was passiert ist, die Zeit gegeben hat, mit Branden zu reisen, sein Leben als Scout und, ganz nebenbei, andere Städte kennenzulernen. Diese Erfahrung möchte ich nicht missen. Thank you for that, mate. Aber es ist nicht mehr der Sport, der uns durch Europa treibt. In Antwerpen, Tallin und Berlin war das vielleicht noch so, hier in Portugal sind wir jedenfalls nicht wegen einem Spiel.

„It’s all about the intel“

Und trotzdem reden wir ständig darüber. Auch heute, an diesem herrlichen Tag in einer Strandbar in Foz. Und ein gutes Gespräch über das Spiel führt man am besten immer mit jemandem wie Branden. Er kennt wirklich alles und jeden und er weiß eben auch viel. Dann und wann plaudert er auch mal aus dem Nähkästchen. Ich liebe diesen Basketball-Gossip. Aber, ich lerne z. B. auch, dass die Art des Scoutings für NBA-Teams grundsätzlich anders aussieht, als wenn man für ein BBL-Team scoutet. Es geht nicht darum, zu sehen, zu erkennen, wer spielt wie gut, wer verfügt über wie viel Talent und wer nicht. Seine Aufgabe ist es nicht, den unentdeckten Rohdiamanten zu finden, wie damals Brian Roberts oder Kyle Hines. Spieler, die Branden für sein NBA Team scoutet, sind über diese Fragen und Zweifel längst erhaben. Sie spielen ja  bereits Euroleague und sind damit zumindest potentiell in der Lage, auch NBA zu spielen. Klar ist, die NBA-Teams wissen natürlich ganz genau, wer in der Euroleague wie spielt. Zahlen und Videomaterial sind ja für jeden abrufbar. Um was geht es dann? „It is all about the intel“, sagt er. Es geht um die Information hinter der Information. Längst sind diese Daten mindestens ebenso wichtig wie Punkte, Rebounds oder Assists. Es geht um positive wie negative Charaktereigenschaften der Spieler, es geht um das Umfeld der Spieler, Freunde, Familie, Kinder, die Persönlichkeit der Ehefrauen und Freundinnen, was sie mögen und was nicht, ob sie „high maintenance oder low maintenance“ sind, wie sie „ticken“, welche Städte sie mögen und welche nicht, kurz: Es geht für einen NBA-Club darum, welcher Aufwand betrieben werden muss, um diesen Spieler zu Höchstleistungen anzutreiben. Um das einzuschätzen, verfügt ein NBA-Club wie OKC zu jedem erdenklichen Pro in der Welt über unzählige Reports, die von einer global aktiven Scout-Armada tagtäglich geschrieben und in einer zentralen Datenbank eines NBA-Clubs abgelegt werden. Branden ist einer von vier Scouts für Oklahoma, die alleine in Europa arbeiten und die im Grunde nichts anderes tun, als „Intel“ zu betreiben – es ist ein enormer Personal-, Reise und Kostenaufwand, der da betrieben wird.

Bestes Essen unseres Portugal-Trips in Porto, Foz

Bestes Essen unseres Portugal-Trips? In Porto, Foz.

Porto bietet Raum für stille Momente

Wir streunen durch Porto, fahren mit der ältesten Tram der Welt und sitzen vor einer Weinbar und quatschen über Gott und die Welt. Es ist Montagnacht. Wir sind so gut wie alleine. Auch Portugiesen müssen dienstags arbeiten. Das gibt uns Raum, in diesem stillen Moment diese grandiose Stadt einzuatmen. Tags darauf bewundern wir die typisch portugiesische Fließenkunst. An Kirchenwänden entstehen ganze Bilder aus den Keramikkacheln. Die Darstellungen setzen sich Fließe für Fließe wie ein Puzzle zusammen. Sehenswert ist etwa die Kirche Igreja do Carmo oder Portos imposanter Bahnhof São Bento, wo die gesamte Vorhalle und deren gewölbte Decke sauber rausgefliest sind und wie ein Gemälde von Michelangelo irgendeine historische Szene zeigen, die aus abertausenden von Fließen besteht. Mit dem Taxi kehren wir schließlich in den Stadtteil Foz zurück, wo wir unser bestes Essen des gesamten Portugaltrips zu uns nehmen. Den Namen des Restaurants? Nope, verrate ich nicht. Nur so viel, es ist in jeder App zu finden, die etwas auf sich hält. Ja, vermutlich auch bei Yelp.

Im Alfa Pendular von Porto nach Lissabon hämmert Branden seine Soucting Reports von der Eurobasket 2017 in sein iBook.

Im Alfa Pendular von Porto nach Lissabon hämmert Branden seine Soucting Reports von der Eurobasket 2017 in sein iBook.

Als wir im Zug nach Lissabon sitzen und ich es mir zum ersten Mal in meinem Leben überhaupt in der ersten Klasse gemütlich machen darf, weil das Ticket mit 42 Euro verhältnismäßig günstig ist, habe ich Parlor Mob im Ohr, lasse zu „Everything you’re breathing for“ die Landschaft an mir vorüberziehen und genieße den Ausblick. Währenddessen sitzt Branden mir gegenüber und hämmert seine Spieler-Berichte von der Eurobasket 2017 in das System. Gerade ist er bei Nando de Colo. Es ist einer von vielen Berichten, die ja nicht nur Branden, sondern auch seine Scout-Kollegen zu Pros wie de Colo liefern. So entstehen eine Vielzahl an Reports je Spieler, eine Datenbasis, die irgendwann ein vollständiges Gesamtbild ergeben. Kombiniert mit sportlichen Daten und dem Skillset entsteht so ein finales Profil, das der Club mit den Team-Anforderungen des Headcoches abgleicht und feststellt, ob der Spieler zum Team passt oder nicht. Da steckt also viel Arbeit drin. Arbeit, von der BBL-Clubs Lichtjahre entfernt sind. Der Aufwand ist von den deutschen Teams in dieser Form nicht zu stemmen. Es gibt heute, wenn überhaupt, eine Person, die oftmals neben anderen Funktionen auch für das Scouting zuständig ist. Lediglich die Topteams haben hauptamtliche Scouts im Staff. So wie Branden damals Ende der nuller Jahre, als Chris Fleming ihn engagierte und Bamberg damit im gesamten deutschen Basketball eine Vorreiterrolle einnahm. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Jahre später folgten auch Alba Berlin, der FC Bayern und, soweit ich weiß, auch Ulm dieser Strategie.

„There are hits and misses”

Ok, zugegeben, es war nicht alles super in Portugal. Ich sag nur: Sonnenbrille. Und man merkt, dass beispielsweise viele Restaurants vom Touri-Hype profitieren wollen und glauben, man könne Urlaubern jeden Scheiß vorsetzen. In der Cantinho do Avillez in der Nähe des Bahnhofs São Bento beispielsweise. Dort bestellen wir portugiesische Fischsuppe, deren guter Ruf ihr ja weltweit vorauseilt. Es kommt ein Teller, in welchem vier (4!) kleine, würfelförmige Fischteile mittig, in einem Viereck drapiert wurden, die dann vom Service mit Suppe aufgegossen wurden. Diese Zeremonie kam sehr edel, vollendet und galant rüber (Ahhh! Ohhhh!), schaffte es allerdings nicht, den Moment der Vorfreude in ein adäquates Gesckmackserlebnis zu überführen. Denn schmecken tat man …. nichts. Nada. Sehr enttäuschend. Dafür zahlen wir dann 12,50 Euro und stellen fest: Rip off. „There are hits an misses“, fasse ich diesen Fehlgriff zusammen.

Fairerweise muss ich aber sagen: Das Hauptgericht war eine Geschmacksbombe. Es gab gedünstete Hühnchenleber in Portmarmelade, so zart, so weich, nach süßen Pflaumen, Port- und Rotwein duftend … ein Gedicht. Insofern konnte sich die Cantinho gerade so noch mal über die kulinarische Ziellinie retten. Aber an der 12-Euro-Fischsuppe müssen sie noch arbeiten. Definitiv.

Strandhäuser in Foz, Porto.

Strandhäuser in Foz, Porto.

Wir fahren mit dem Taxi nach Hause. Dabei kommen wir mit unserem Fahrer ins Gespräch. Seine Name ist Paulo Silva. Ich sage das auch aus Datenschutzgründen mit bestem Gewissens, denn Paulo Silvas gibt es in Porto vermutlich genauso viele, wie es Thomas Müllers in München gibt. Jedenfalls, Paulo berichtet uns von dem berühmten portugiesischen Sandwich. Wenn man das Francesinha – so heißt das belegte Brötchen – nicht gegessen habe, dann sei man nicht in Portugal gewesen, sagt Paulo. Er empfiehlt uns einen Laden, in dem es das beste Francesinha Portos, ach was, in ganz Portugal geben soll. Das Besondere an diesem Pausebrot ist, dass es mit viel Wurst, insbesondere Chorizo oder Fleisch oder gleich beidem belegt wird UND dann noch mit einer Schicht zerschmolzenem Käse obendrauf garniert wird. Dass alles wird dann in Weißbrot gepackt und nicht selten schön mit Pommes serviert. Wir entscheiden uns gegen dieses Cholesterininferno, welches wir hinter dem eleganten Namen „Francesinha“ gar nicht vermutet hätte. Schade fand ich dann aber, dass wir es nicht mehr zu Paulos zweiter Empfehlung geschafft haben. Ein Restaurant außerhalb des Beachside-Viertels Foz. Als Paulo uns von dem Restaurant erzählte, hörte sich das so an, als ob sich dieser Ort nicht auf den ausgetrampelten Touri-Pfaden befindet. Denn irgendwie sucht man ja immer genau so etwas … DEN Geheimtipp. Aber wahrscheinlich empfiehlt Paulo jedem seiner Fahrgäste diesen Ort. Vielleicht bekommt er ja vom Inhaber dafür einen Bonus … ist aber auch ok so. Für uns war die Zeit dafür leider zu knapp. Aber ich habe Paulos Telefonnummer. Das nächste Mal dann.

Um von Porto nach Lissabon zu gelangen, kann man mit dem Auto fahren, fliegen oder eben den Zug nehmen. Wir haben uns für die Schiene entschieden. Die ICEs Portugals heißen Intercidades oder Alfa Pendular. Letzterer ist wohl wegen der Neigetechnik am komfortabelsten, am schnellsten und bietet u. a. Wifi, das aber bei unserer Fahrt nur sehr schlecht funktionierte. Die Züge verkehren 14 mal am Tag in beide Richtungen zwischen Porto und Lissabon.

Lissabon boomt

Im Gegensatz zu Porto wird man von den Menschenmassen in Lissabon fast erschlagen. Die Hauptstadt Portugals boomt und ist Ziel von Touristen aus aller Welt. Das liegt auch an den großen Cruisern, die am Kai direkt gegenüber des Bahnhofs Apolonia anlegen und tausende von Kreuzfahrern aus der neuen Welt an Land und in die Altstadt spülen. Insbesondere an solchen Attraktionen wie der Tram 28 merkt man das ganz besonders. An der End- bzw. Startstation schräg gegenüber vom Hotel Mondial an der Praça Martim Moniz – dort stehen die Menschen in endlosen Schlangen und werden von einer Tram nach der anderen aufgesammelt. Wir auch. Ist man dann aber in der Tram drin und hat im besten Fall einen Sitzplatz am offenen Fenster ergattert, dann lohnt sich dieser Nostalgie-Trip über die zahllosen Hügel des alten Lissabons, bei dem man sich am offenen Fenster den lauen Wind um die Nase wehen lassen kann.

Cemitério dos Prazeres, Lissabon

Cemitério dos Prazeres, Lissabon

Wir fahren bis zum Friedhof Lissabons, zum Cemitério dos Prazeres. Bizarr, aber wahr: Der Friedhof gilt wegen seiner Gräber als einer der schönsten der Welt. Die Gräber sind hier tatsächlich Gruften, die gut und gerne das Ausmaß eines Reihenhauses einnehmen können. U. a. befindet sich hier das Grab der berühmten portugiesischen Aristokratenfamilie von Pedro de Sousa Holstein. Es gilt als die größte Familiengruft Europas. Brendan findet das irgendwie „scary“. Ich finde es cool, das sich die Portugiesen solche Prachtgräber bauen. Und weil wir schon mal in der Gegend sind, dann schauen wir auch gleich noch am Mercado Campo de Orique vorbei, eine alte Markthalle, in der allerdings keine Markthändler mehr zu finden sind. Es scheint, als ob der Tourismus hier schonungslos zugeschlagen und die altehrwürdige Markthalle kurzerhand in eine Fressmeile umstrukturiert hat. Ich habe eine schlechtes Gewissen.

W-Lan vom Cruiseship

Am Friedhof steigen wir wieder in die Tram 28. Die Tour zur anderen Seite von Lissabon dauert gut 45 Minuten. Dabei rumpelt, hopst, quietscht und kracht die Tram durch enge Straßen hinauf zum Castelo de S. Jorge. Es ist atemberaubend. Oben angekommen blickt man über die östliche Altstadt und den Fluss Tajo, der hier im Grund kein Fluß mehr ist, sondern eher ein in den Atlantik fließender Halbsee. Der Ausblick ist so schön, dass wir uns dazu entschließen, ihn auf der Terrasse eine Bar noch etwas länger zu genießen. Fläschchen Weißwein geht da immer, wie auch das kostenlose W-Lan, das wir anstatt von der Bar, vom Kreuzfahrtschiff beziehen, das ungefähr 500 m Luftlinie vor uns festgemacht hat und über das wir Sundowner-Bilder nach Hause schicken.

Duque Brewpub, Bairro Alto, Lissabon

Duque Brewpub, Bairro Alto, Lissabon

Abends besuchen wir das Bairro Alto (Oberstadt), der Kiez von Lissabon mit endlos vielen Bars, Restaurants und Cervejerias, so heißen die Brauereien in Portugal. Das Viertel ist, wie sollte es anders sein, auf einen Berg gebaut. Steile Treppen und enge Gassen durchziehen diesen wirklich putzigen Teil von Lissabon. In der „Lisboa Bar“ schauen wir Fußball, trinken Vino Verde, kommen mit zwei „longboardfahrenden“ Damen ins Gespräch. Wie um Himmelswillen kann man hier, in den kopfsteinbepflasterten Straßen mit dem Longboard unterwegs sein … man kann, sagen die Ladies, die beide aus Brasilien kommen. Nett, die zwei. Wir steigen die steilen Treppen der Calcada do Duque hinauf, essen in irgendeinem der zahllosen Restaurants eine Kleinigkeit, trinken anschließend in der direkten Nachbarschaft im Duque Brewpub ein exzellentes, hausgemachtes Pils und beraten, was wir am nächsten Tag unternehmen wollen, quatschen über Frauen, Musik, Berlin, Amsterdam und welche Stadt wir als nächstes bereisen – Jungsgespräche halt.

Fußball in der "Lisboa Bar"

Fußball in der “Lisboa Bar”

Lissabon hat wirklich unendlich viel zu bieten. Es gibt zahllose Sehenswürdigkeiten und historische Baudenkmäler, wie z. B. den alles überragenden Praça do Comércio oder die zahllosen alten katholischen Kirchen, von denen man in den engen Gassen der unvorstellbar schönen und riesigen Altstadt beinahe hinter jeder Ecke deswegen überrascht wird, weil man gerade hier den Raum, den die sakralen Bauten auf Grund ihrer Größe benötigen, nicht unbedingt vermutete hätte. Es ist klar, dass diese Stadt auch über ein sehr lebendiges und vielfältiges kulturelles Leben verfügt. Theater, Gallieren, Museen – dieses Überangebot raubt einem tatsächlich etwas den Atem. Weniger Beachtung sollte man dabei den Straßendealern schenken, die einem insbesondere an Sehenswürdigkeiten auflauern und immer wieder versuchen, ihren „Stoff“ loszuwerden. Und auch vor Taschendieben wurden wir gewarnt.

Wir überqueren den imposanten Praça do Comércio und laufen am Tajo-Ufer entlang in Richtung Mercado da Ribeira, der zweiten, historischen Markthalle. Aber auch hier findet heute kein Markt im klassischen Sinne mehr statt. Auch hier wurden alteingesessene Händler und Marktstände vertrieben. Statt frischer Marktware, die am Vortag noch im Acker gesteckt hat oder im Tajo geschwommen ist, dominieren jetzt kommerzielle Fressstände das Bild und befriedigen den mainstreamigen Touristenhunger. Ich bin ehrlich gesagt etwas schockiert. Wir lassen uns an einer Front-Cooking-Bar im Seitenflügel nieder und essen zu Mittag. Ich weiß nicht, was ich bestelle, ich weiß nur, es ist etwas „fischiges“. Später stellt sich heraus, es sind Fischeier, also Rogen, mit Lobster und anderen Meeresfrüchten. Schmeckt wirklich sehr gut. Dazu, klar, Weißwein. Muss sein. Das alles zu einem sehr akzeptablen Preis. Trotzdem tut es mir um die Menschen und die alte Markthalle leid. Der Tourismus hat diesen portugiesischen Mikrokosmos letzten Endes verdrängt. Das kann man so sagen. Bei diesem Gedanken gibt mein Touristen-Hirn ein leicht beklemmendes Gefühl an meine Bauchregion weiter. Wie diese Menschen wohl jetzt ihren Lebensunterhalt verdienen?

Vasco da Gama Aquarium

Vasco da Gama Aquarium

Modepüppchen von Weltfußballer

Branden muss nach Madrid – zum Scouten. Deshalb verbringe ich den letzten Tag alleine in Lissabon. Ich entschließe mich dazu, mir das Expo-Gelände, das für die Weltausstellung von 1998 angelegt wurde, anzuschauen. Die Architektur ist zwar sehr modern, aber gleichzeitig auch atemberaubend schön. Bei der Fahrt durch das Expo-Viertel zeigt sich im Hintergrund immer wieder die Ponte Vasco da Gama. Es handelt sich dabei um die größte Brücke Europas. Dieses Wunderwerk der Technik wurde in nur eineinhalb Jahren erbaut. Sie ist satte 17,2 km lang und überspannt den gesamten Tajo. Benannt wurde sie nach dem berühmten portugiesischen Seefahrer Vasco da Gama. Im Jahr der Expo, 1998, sollte sie an seine Entdeckung des Seewegs nach Indien vor 500 Jahren erinnern – ein großes Bauwerk für einen großen Entdecker. Und auch sonst ist der wohl größte Star der portugiesischen Geschichte in Lissabon auch heute noch allgegenwärtig. Auf dem Expo-Gelände gibt es einen Vasco da Gama Turm, es gibt ein Vasco da Gama Aquarium und ein Vasco da Gama Einkaufszentrum. Da kann der zweiberühmteste und aus meiner Sicht fußballerisch völlig überschätzte Portugiese, Christiano Ronaldo, nicht mithalten. Wie auch. Vasco hat die Welt verändert. CR7 versucht sich derweil mit einer wartungsarm durchgegellten Frisur, in der Ausübung seines Sport durch die von Rugby-Spielern kopierte „Bodylanguage“, durch übertriebenes Bauchmuskeltraining und durch die üblichen, über die sozialen Medien kommunizierte, Relevanz vortäuschende Selbstinszenierung (mein Haus, mein Auto, mein Sohn) – ok, und ein wenig auch durch Fußball – im Gespräch zu halten. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich diese Gepose finden soll. Warum ausgerechnet dieses Modepüppchen Weltfußballer des Jahres wurde, ist mir absolut schleierhaft. Aber, die Portugiesen lieben ihn. Ist so.

Alleine in Paris.

Alleine in Paris.

„We will take care öf yü.“

Dass meine Rückreise nicht ganz problemfrei verlief, kommt nicht auf die Minus-Seite von Porto und Lissabon. Warum auch. Aber, wer mit Air France über Charles-de-Gaulles nach Hause reist, muss davon ausgehen, das eine Stunde und 20 Minuten nicht zum Umsteigen reichen, erstrecht dann, wenn sich der Abflug in Lissabon um eine Stunde verzögert. CDG ist wirklich ein Desaster. Aber: Das wirklich sehr nette Air France-Bodenpersonal empfängt uns – eine Italienerin, die nach Turin oder Mailand muss, und mich – in der menschenleeren Abflughalle und sagt in lustigem Englisch mit französischem Akzent: „We will take care öf yü.“ Mit Hotel- und Verpflegungsvoucher ausgestattet, verbringe ich die Nacht in einem IBIS Hotel in Flughafennähe, dass quasi von einer riesigen chinesischen Reisegruppe überflutet wurde, so dass wenigstens der Straßenverkehr in Peking für die nächsten zwei Wochen wieder etwas flüssiger laufen und die Smogwerte sich normalisieren dürften. Überall wuseln z. B. Reiseleiter herum, die man an roten Fähnchen, roten Käppchen und roten Uniformen erkennt und Angst hat, dass man sie irgendwie übersieht, überläuft oder umrempelt. Und ich bin jetzt kein Riese. Bloß schnell aufs Zimmer.

Eine Wohltat dagegen der Heimflug nach Nürnberg am nächsten Morgen. Es ist Sonntag, die Maschine ist so gut wie leer. Und damit ich meine restlichen Mit-Passagiere nicht in ein Gespräch über die Verspätungen und Unanehmlichkeiten meiner Rückreise verwickele, hat man mich ganz nach hinten gesetzt, mich im Grunde also vom Rest, der in den vorderen Reihen platziert wurde, „isoliert“, um aus Air France-Sicht wenigstens keinen Image-Schaden zu riskieren. Das verstehe ich. Denn meine Laune ist sowas von im Keller. Ich muss wieder an meine Sonnenbrille denken. Die könnte ich hier oben gut gebrauchen. Aber auch Sonnenbrillen kommen und gehen.

Gut drei Monate später bekomme ich Post von Air France: „Es freut uns, dass wir Ihnen in diesem Fall im Einklang mit den EU-Empfehlungen eine Entschädigung in Höhe von ERU 400 anbieten können.“

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