In London mal wieder nach dem Rechten schauen

Londoner Taxi in der Oxford StreetHeute reist man nach London, als ob man mal eben zum Einkaufen in den Supermarkt um die Ecke geht: von Bamberg nach Nürnberg, Ryan Air, Stanstead, Liverpool Station, London. Das dürfte alles in allem verhältnismäßig zügig über die Bühne gehen.

Vor über 30 Jahren, als ich im zarten Alter von 14 Jahren im Rahmen eines Sprachaufenthaltes u. a. nur deshalb in die englische Hauptstadt reisen durfte, weil meine werte Patentante meine Gruppe ins englische Königreich führte, kam das einer Weltreise gleich. Mindestens 24 Stunden in Zug, Fähre und Bus, manchmal auch länger, wenn das Fährpersonal den Schiffsverkehr zwischen Ostende und Folkstone mit einem Streik zum Erliegen brachte. Eine Tortur. Fliegen war nicht. Zu teuer. Ein dreiwöchiger EF-Feriensprachkurs in Brighton kostet 1984 (inklusive Taschengeld) ca. 2000 unvorstellbare D-Mark – mit Flug nochmal gut 500 bis 600 Mark mehr.

Buckingham-Palace-Wachwechsel-1984

Wachwechsel 1984, Buckingham Palace, London

Sechs Jahre, bis sich mein Musikgeschmack normalisierte

Weil damals schon in England alles sauteuer war, kam es nicht selten vor, dass man bei den Eltern daheim schon mal darum bitten musste, finanziell noch mal für dies und das nachzuschießen. Das kam bei der noterfahrenen Nachkriegsgeneration – also unseren Eltern – gar nicht gut an. Murrend, zähneknirschend wurden per Post- oder sonst irgendeiner Anweisung dann noch mal 200 Mark auf die Insel transferiert. Der Urlaub war gerettet, weil man sich nun doch noch die Maxi-Singles „Relax“ von Franky goes to Hollywood und „Blue Monday“ von New Order als englische Originalsaugaben kaufen konnte. Ich investierte das knappe Taschengeld zusätzlich noch in „Who can it be know“ von Men at Work und „She works hard for the money“ von Donna Summer. Zu diesem Zeitpunkt sollte es noch gut sechs Jahre dauern, bis sich mein Musikgeschmack normalisierte.

Der Vergin Store in der Londoner Oxford Street galt damals als der größte Plattenladen Europas. Sein verlockender Ruf ereilte mich schon Wochen vor der England-Reise. Ehrfürchtig erzählte man sich, dass dort auf gut fünf Stockwerken alles, aber auch wirklich alles zu finden war, was es an moderner Musik damals so gab. Wir fuhren nach London und mein Ziel war klar: Ich musste in diesen Laden, in dieses Musik-Mekka. Trafalgar Square, Piccadilly Circus, Buckingham Palace, Tate Modern, St. Pauls und Westminster, House of Parliament usw. usf. – das alles war mit wurscht. Dieser Plattenladen nicht.

Daley Thompson fast wie in echt.

Daley Thompson fast wie in echt.

Trendige Klamotten mit Markennamen wie z. B. H2O

Gott sei Dank gab es auch zu dieser Zeit verünftige Menschen, die mich aus dem Virgin Store quasi an den Haaren herauszogen, damit ich wenigstens etwas von der Stadt zu sehen bekam. Madam Tussaud’s war da obligatorisch und kam bei mir und meinen Mitreisenden selbstverständlich sehr gut an. Dort begegnete ich einem meiner Idole in Wachs und war fasziniert, wie echt Daley Thompsons Abbild doch tatsächlich aussah. Wir liefen die Oxford Street rauf und runter und shoppten bei indischen Händlern trendige Klamotten mit Markennamen wie z. B. H2O, die erst im Jahr darauf in Deutschland ankamen, in Bamberg sogar noch etwas später. Wir staunten mit offenen Mündern über die unfassbare Dekadenz, die man für Geld bei Harrod’s und Selfridge’s kaufen konnte, nahmen sie als solche aber selbstverständlich noch nicht wahr, weil die Welt damals noch in Ordnung zu sein schien. Aus unserer Sicht gab es Ost (böse) und West (gut) und wir waren froh, dass wir auf uns auf der richtigen Seite befanden. So einfach war das.

Die größtenteils älteren Jungs und Mädels schleppten mich in die „Rocky Horror Picture Show“ und bei einem Auftritt der Punk-Sängerin und – wenn es um Frisuren ging – Stilikone Toyah Willcox, in etwa die Nina Hagen Englands, hatte ich meine erste Begegnung der dritten Art – all das gab es nur in London, in dessen Zentrum man zu dieser Zeit noch mit dem Privatauto hineinfahren konnte, wo noch gewöhnliche Menschen lebten, die als Hafenarbeiter in den Docks an der Themse schufteten und in dort ansässigen Arbeiter-Lokalen während der Mittagspause das gräuslige “Pie & Mash” oder einen ungenießbaren Mix aus Blätterteig-Pastete, Porridge, Kartoffelbrei und einem traurigen Batzen Fleisch, der in Pfefferminzsoße badete, für zwei englische Pfund zu sich nahmen, bevor die gentrifizierte Stadt die Ur-Londoner Jahrzehnte später aus dem Zentrum vertrieb.

Downing Street 10, City of Westminster, London

Frau Spencer’s Föhnfrisur

Seit dem sind mehr 30 Jahre vergangen.  Das altehrwürdige Wembley Stadion stand noch und war zweifellos ein Denkmal des Fußballs – warum es überhaupt abgerissen wurde, ist mir bis heute schleierhaft –, die englischen Frauen hatten nicht nur alle Föhn-Frisuren wie Lady Di, sondern kleideten sich auch so, dass man manchmal glaubte, Frau Spencer höchstpersönlich forderte an der Bushaltestelle per Handzeichen den Bus zum Halten auf.  Und es bestand eine realistische Chance darauf, der “eisernen” Frau Thatcher in persona zu begegnen, denn Volk und Touristen durften 1984 noch direkt vor die Downing Street 10 treten, um der damals mächtigste Frau der Welt möglicherweise leibhaftig zu erleben. Selbstverständlich traf dieses Ereignis nie ein, obwohl ich in den 1980ern immerhin dreimal dort war.

Und heute? London wird Ziel einer schrecklichen Terrorattacke, in der Stadt zu wohnen, ist für normale Menschen so gut wie nicht mehr finanzierbar, England tritt aus der EU aus und London ist gefühlt wieder so weit weg, wie damals eine Zug-, bzw. Fähr- und Busfahrt nach England dauerte. Ob das alles irgendwie zusammenhängt? Es ist höchste Zeit, in London mal wieder nach dem Rechten zu schauen. Ist ja nur ein Katzensprung.

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