Wer Gent nicht kennt …

Ein Experiment zum Thema Städtetourismus: im April 2018 nach Gent fahren und neun Monate später sehen, was von der Stadt im Kopf noch hängen geblieben ist.

Ich überlege. Ich weiß, dass ich eine Liste mit europäischen B- und C-Destinationen, auf die ich im Internet gestoßen bin, durchgegangen bin. Dort standen Städte wie Bratislava, Skopje oder Alesund. Irgendwann, an fünfter oder sechster Stelle, kam dann … Gent. „Wer Gent nicht kennt“, sagte ich vor mich hin und musste lachen. Und was mich zum Lachen bringt, ist gut. Also, dann soll es Gent sein. „Man, we are going to Belgium“, berichtete ich Brendan.

An was kann ich mich von diesem Trip noch erinnern? Komischerweise an die An- und Abreise. Zunächst im Flugzeug. Ab Nürnberg über Frankfurt nach Brüssel. In Frankfurt vier Stunden Wartezeit, die ich mit Netflix in einem Loungechair im Terminal 1 gut überbrücke. Ab Brüssel dann im Zug nach Gent / St. Peter. Die Anreise dauert deshalb insgesamt gut zehn Stunden. Ein miserabler CO2-Abdruck. Da hätte ich auch mit dem Auto fahren können. Oder besser: gar nicht.

Als ich Brendan in Gent treffe, reden wir über den Weg in unsere Wochenenddestination. „It would have been easier to get here via Amsterdam“, sagt er. Tatsächlich kann man von Nürnberg aus täglich dorthin fliegen. Und zwar direkt. Ab Amsterdam Schipol dann per Zug in zwei Stunden nach Gent. Erspart man sich das lästige Umsteigen in Frankfurt. Wie gut, dass ich daran halt mal überhaupt nicht gedacht habe.

#juhuu #ich #bin #in #gent

Gent, Graslei

Gent, Graslei

Jetzt is‘ auch egal. Es blieb mir also nix anderes übrig, als mit dem Zug von Brüssel nach Gent zu fahren. Das dauerte etwa eine Stunde. Gent ist schön. Inmitten dieser grandiosen Architektur fühlt man sich ein bisschen ins Mittelalter zurückversetzt, wenn da nicht die Touristen zu Tausenden die historische Altstadt überfluten würden und sich selbst vor irgendwelchen alten Gebäuden selfiestickbestückt fotografieren. Das Bild posten sie dann direkt bei Instagram, um all ihren Followern ein Gefühl der Unterlegenheit zu vermitteln, indem sie es mit #juhuu #ich #bin #in #gent taggen. Da mach ich doch gleich mal munter mit und fühle mich schlecht und gut. Ich kann nicht leugnen, dass mit jedem „Gefällt mir“ mein Selbstwertgefühl zumindest etwas steigt, ich diese wunderschöne Stadt aber gleichzeitig und schonungslos dem Tourismus preisgebe. Was für eine kranke Scheiße.

Da hilft nur: Alkohol. Deshalb treffen wir uns zuerst im „Proof“ und bestellten Wein, Käse und … Senf. Ja, richtig: Belgien ist auch ein Land des Senfes. Und der Schokolade. Und des Bieres. Auch darüber gäbe es sicherlich viel zu erzählen. Aber natürlich ist Brendans Scouting-Gossip aus Europa und der Welt deutlich sexier als ein erfrischender Wissensaustausch, beispielsweise über belgischen Senf und erstrecht meine langweiligen Geschichten aus dem Büro, in welchem ich aus verschiedenen Gründen heute zwischenzeitlich nicht mehr bin.

Burg Gravensteen, Gent

Burg Gravensteen, Gent

Gent. Da wäre also die mächtige Burg Gravensteen, ein Wasserschloss, um das auch die zahlreichen Bootstouren, die durch und über Gents Gewässer führen, herumschippern. Sie ist sozusagen das Wahrzeichen der Stadt. Weil Brendan Sonntag mal ausschlafen will, ich aber nicht, buche ich mich also in eine solche Stadtrundfahrt per Boot ein, bevor wir uns dann am späten Vormittag treffen. Es ist irgendwie putzig, wie wir in den „Bootjes“ sitzen. Hat etwas von Stuhlkreis. Und so tuckern wir über die Lieve und sehen die Altstadt vom Wasser aus. Ist mal was anderes. Touristeneinerlei dagegen die etwa 20 Selfiesticks, die von ihren Besitzern wie ein Taktstock fortwährend in die Luft gehalten werden, um dann „aufzuposen“, weil die wohl denken, sie erlangen dadurch den exklusiven Zustand  der „Verknappung“ von sich selbst. Jedenfalls: Die Bootstouren starten an der „Grasbrug“ – ich nehme an, das heißt Grasbrücke. Sie dauern z. B. eine Stunde. Die Ticketpreise starten bei acht Euro für 60 Minuten.

MIt den "bootjes" Gent auf dem Wasserweg entdecken.

MIt den “bootjes” Gent auf dem Wasserweg entdecken.

Witzig auch: Die Hop-on-hop-off-Bootjes. Ähnlich den Vaporettos in Venedig, verkehren auch diese tagsüber wie ein Linienbus entlang Gents Wasserstraßen und erschließen dem Städteurlauber die Altstadt über insgesamt sechs Haltestellen, an denen Fahrgäste ein- und aussteigen können.

Und selbstverständlich gibt es auch in Gent, wie in jeder anderen größeren Stadt in Flandern, einen „Belfried“. Dabei handelt es sich üblicherweise um Glockentürme. Belfriede wurden irgendwann vor vielen hundert Jahren erbaut. Diese typisch flämischen Bauten stellten ein Machtsymbol der im Mittelalter erstarkten Stadt-Bürgerschaften dar. Sie waren sozusagen Ausdruck ihres „neuen“ Selbstbewusstseins und verliehen diesem „Stand“ zusätzliches Prestige. Die Belfriede – 23 in Nordfrankreich und 33 in Belgien, genauer: in Flandern – machten aber nicht nur im Mittelalter Karriere. 1999 und 2005 erlangten die Türme Weltkulturerbe-Status und stehen damit unter ganz besonderem Schutz. Einer davon steht übrigens auch in Deutschland. Und zwar in Köln, wo er als Rathausturm „fungiert“, wenn man das so sagen kann. Obligatorisch jedenfalls gilt schon auch hier die Regel (ohne damit jemandem zu nahe treten zu wollen): „Kennste einen Belfried, kennste alle Belfriede.“

Gent – die reinste Gotik-Orgie

Für Architekturfans ist Gent im Grunde die reinste Gotik-Orgie. Nach dem Motto „Hier noch ein Türmchen, dort noch ein Spitzbogen“ können sich Freunde dieser historischen Stilepoche in der nach Antwerpen zweitgrößten Stadt Flanderns aber mal so richtig austoben. Ein Highlight sind wohl die Gildenhäuser an der „Gralsei“ und der „Kronlei“, den beiden Boots-Kais im Herzen Gents. Dann gibt es selbstverständlich zahlreiche historische Sakralbauten, die von mehr oder weniger bekannten Baumeistern errichtet wurden – alle gut erhalten und zum Sterben schön. Da kann sich jeder seinen Favoriten selbst herauspicken. Welche das sind und wo die sich befinden? Bitte, es gibt dazu beinahe unerschöpfliche gedruckte und digitale Informationen.

Beim unserem Stadtspaziergang laufen wir auch durch Rabot, ein Viertel, das direkt hinter der Burg beginnt und das wir über die „Gewad“-Straße betreten. Hier wird es schnell ruhiger, wir sind fast alleine! Eine wirklich schöne Wohngegend mit hübschen Häusern, durchzogen von der Lieve. Der Kanal verbindet Innenstadt und die historische Schleusenanlage „Rabot“. Nur wenige hundert Meter weiter gelangt man dann gefühlt nach „Little-Istanbul“, wenn man das so sagen darf. Türkische Friseure, Metzger und zahllose Kebab-Läden wechseln sich ab. Die Türen der zweistöckigen Wohnhäuser dazwischen stehen an diesem lauen April-Sonntag meist offen. Man kann hineinsehen, erspäht den „Baba“ beim Fußballschauen auf der Couch, von wo er uns beim Vorbeigehen lächelnd zuwinkt, während gleichzeitig Balkan-Pop auf die Straße wabert, wo die Kinder spielen.

Zwischen Lieve und Leie befindet das Quartier „Patershol“, welches nach Sünden hin wie ein V von den beiden Wasserstraßen umschlossen wird. Dazwischen entspinnt sich ein riesiges Geflecht aus engen Sträßchen und Gassen. Als (Wahl-)Bamberger fühlt man sich da sofort heimisch. Deshalb beschließen wir, uns dort auch ein Restaurant zu suchen, wo wir zu Abend essen wollen. Zwischen uns und der Nahrungsaufnahme steht allerdings nur noch ein „Conference Call“ mit OKC, den Brendan unbedingt noch an der Ecke Haringsteeg – Ballenstraat führen muss. Also erst einmal warten. Danach lassen wir uns direkt im „Malcontenta“ nieder, eine Tapasbar, die an diesem Abend proppenvoll ist und wo wir gerade mal so noch zwei Plätze an der Bar ergattern können. Glück gehabt. Die Tapas schmecken, der Wein mundet, wir plaudern über Basketball im Allgemeinen und Carmelo Antony im Besonderen, aber auch über dies und das.

Es hat ja niemand behauptet, dass Reisebegegnungen nicht auch mal mit blankem Entsetzen beginnen können.

Nach dem Abendessen spazieren wir kreuz und quer durch Patershol und landen irgendwann im Café „Rococo“ in der Corduwaniersstraat. Das ist deshalb unbedingt erwähnenswert, weil das Café an diesem Abend von einer wirklich netten, älteren Dame geleitet wird, die sich über unsere Anwesenheit freut wie ein Kleinkind über ein neues Spielzeug. Sie empfiehlt uns den Rotwein, der heute direkt vom „Ballon“ gezapft wird. Er sei „tres bien, very good, sehr gut“, versichert sie uns dreisprachig. Die nette Dame weißt uns einen Tisch zu, an dem bereits zwei Herren eine Suppe schlürfen. Als wir Platz nehmen, schauen die uns an, als ob wir gerade vom Planet der Affen gelandet wäre. Es hat ja niemand behauptet, dass Reisebegegnungen nicht auch mal mit blankem Entsetzen beginnen können. So bleibt gewissermaßen noch reichlich Luft nach oben. Und das ist gut so, „wowereit“ ist mir da durch den Kopf. Das Café Rococo ist aber auf jeden Fall empfehlenswert. Kann man für einen Absacker durchaus mal hingehen – unterhaltsame Attraktionen, wie die suppeschlürfenden Männer, die wohl irgendwie zum Inventar gehören wie das antike Mobiliar, inbegriffen.

Ansonsten? Tja, nicht viel.

Ansonsten? Tja, nicht viel. So schön Gent ist, so unpersönlich ist es auch. Seine entrückte Schönheit verwandelt die Altstadt aber auch in eine Art unpersönliches Museum, wo sich eine Architektur-Sensation an die nächste reiht. Dem Besucher bleibt daher aus meiner Sicht oft nicht mehr als die Rolle des Beobachters. Richtig angekommen sind wir in Gent jedenfalls nicht. In unserer „Vorzeige-Destination“ Tallinn hat sich das schon sehr anders angefühlt. Es gibt eben solche und solche. Unschön wars trotzdem nicht, halt mehr so wie ein stilles Wasser …

 

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